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von JÜRGEN ELSÄSSER, 29. September 2007:
Fritz G., der angebliche Rädelsführer und mutmaßliche Superbomber von Oberschledorn, wurde von einem langjährigen Mitarbeiter des Verfassungsschutzes instruiert.
„Fast immer, wenn in Deutschland ein gefährlicher Islamist festgenommen wird, führen die Spuren in die baden-württembergische Stadt Ulm an der Donau“, konnte man der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) entnehmen, nachdem am 4. September ein GSG-Sonderkommando der Bundespolizei ein angebliches Bomber-Trio im sauerländischen Oberschledorn überwältigt hatte. (1) Daran ist immerhin so viel wahr, daß Fritz G., der nicht nur in der FAZ als „Rädelsführer der mutmaßlichen Terroristen“ bezeichnet wurde, in Ulm wohnhaft gewesen ist, wo sich auch viele weitere sogenannte Gefährder tummelten.
Daß es bei diesen Kontakten nicht nur platonisch zugegangen sein könnte, weiß der Focus. „Das Wissen zum Bombenbau soll die ausgehobene deutsche Terrorzelle ... in der Radikalen-Szene in Ulm erworben haben.“ (2) Dies berichtet das Nachrichtenmagazin „unter Berufung auf Ermittlungen gegen den inzwischen nach Ägypten ausgereisten Haßprediger Yehia Yousif und dessen Sohn Omar.“ Während einer Razzia am 21. Mai 2003 haben demnach Staatsschützer bei Omar Yousif zum Teil verschlüsselte Aufzeichnungen über das Bauen von Sprengladungen entdeckt, „etwa für die Herstellung des Flüssigsprengstoffes TATP.“ Für den Focus ist klar, daß „Fritz G. die Verfahren der Sprengstoff-Produktion kannte, denn er stand den Yousifs nahe.“ Er und seine Komplizen sollen in Oberschledorn an der Herstellung von TATP gewerkelt haben, bevor der Zugriff erfolgte.
Es gebe auch noch ein weiteres Indiz für die Existenz von Beziehungen zwischen den Dreien, die der Wissensvermittlung zum Thema Bombenbau gedient haben sollen: „Bei einer zweiten Durchsuchung im Januar 2005 entdeckten Polizeibeamte bei Yehia Yousif auf einer CD-Rom einen 'Kurs zur Herstellung von Sprengstoff' auf Arabisch. Darin wurde die Fertigung von Bomben mit detaillierten Mengenangaben beschrieben. Dazwischen waren Koranzitate notiert.“ Ein bayerischer Staatsschützer wird vom Focus in indirekter Rede zitiert: „Da es sich um ein Papier für einen Lehrgang handele, habe Yousif vermutlich seine Koranlektionen mit 'Unterricht zum Bombenbau' angereichert. Seine Seminare besuchten Fritz G. und der mit ihm verhaftete Atilla S.“ (3) Johannes Schmalzl, Direktor des Verfassungsschutzes Baden-Württemberg, wurde nach den Oberschledorner zum Einfluß von Yousif auf die Ulmer Szene um Fritz G. befragt. "Yousif zieht nach wie vor die Fäden, auch im Hintergrund," urteilte er. (4)
Yehia Yousif war demnach die Spinne im Netz der Fundamentalisten, das sich im schwäbischen Ulm und dem benachbarten bayerischen Neu-Ulm in den letzten zehn Jahren formiert hatte. Die bereits erwähnte Razzia im Mai 2003 und eine weitere im September 2005 führte Ende Dezember desselben Jahres zum Verbot des Multi-Kultur-Hauses (MKH) in der bayerischen Donaustadt. „Die Durchsuchungsaktionen in Ulm und Neu-Ulm galt nach Angaben der Staatsanwaltschaft vor allem der grauen Eminenz des Multi-Kultur-Hauses, dem Ägypter Yehia Yousif“, hieß es im Juni 2006 in der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ). (5) Das Sündenregister, das die NZZ für den im MKH als ‚Scheich Abu Omar’ firmierenden Prediger Yehia Yousif zusammengestellt hat, ist eindrucksvoll: Der 1958 geborene Ägypter saß nach der Ermordung von Präsident Anwar el Sadat 1981 wegen Unterstützung der Attentäter einige Monate im Knast. Später habe er sich der Gruppe Jamaa Islamiya angeschlossen, der unter anderem die Anschläge auf Touristen in der Tempelstadt Luxor im Jahr 1996 zur Last gelegt werden. Mit Abgesandten der Organisation habe er sich auch konspirativ in Ulm getroffen. „Yousif gründete einen Verein, der Geld für die Mudjahedin in Bosnien sammelte. Dem Verein gehörte auch der Ägypter Reda Seyam an ...“ (6) Seyam wurde später von seiner geschiedenen Ehefrau beschuldigt, nicht nur Werbefilme für die bosnischen Gotteskrieger produziert zu haben – was er zugibt – , sondern auch dabeigewesen zu sein, als seine Mitkämpfer mit abgeschnittenen Serbenköpfen Fußball spielten. (7) Beide - Yousif und Seyam – „traten gemeinsam bei öffentlichen Veranstaltungen des IIZ (Islamisches Informationszentrum Ulm, die Red.) auf“. (8) Daneben sollen in Yousifs Ulmer Jahren auch schwäbische Moslems für Tschetschenien angeworben worden sein - ein gewisser Thomas ‚Hamza’ Fischer ist dort jedenfalls von Russen getötet worden. Außerdem hätten in jener Zeit auch der angebliche Finanzchef von Al Kaida, Mahmoud Salim, dem MKH in Neu-Ulm einen Besuch abgestattet, (9) und, wenn man dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein glauben darf, war auch der leibhaftige Mohammed Atta, der angebliche 9/11-Attentäter auf der Besucherliste. (10) Last but not least gehörte wohl auch Khaled Al Masri zum Bekanntenkreis von Yousif und Seyam, was dem Libanesen offensichtlich schlecht bekommen ist: Er wurde auf einer Urlaubsreise zu Jahresbeginn 2004 gekidnappt und von US-Geheimdiensten in einen Folterkeller nach Afghanistan verschleppt.
Soweit ist die Ulm- bzw. Neu-Ulm-Berichterstattung der Mainstream-Medien, inklusive der kolportierten Verbindung zwischen Fritz G. und Yehia Yousif, nur der x-te Aufguß der These von den international vernetzten Haßpredigern, die brave Moslem-Kids oder Konvertiten für den Dschihad rekrutieren. Einen ganz anderen Dreh erhält das Zusammenspiel zwischen dem Koran-Lehrer und den Koran-Schülern aber durch den Hinweis, den man nicht in FAZ und Focus, wohl aber wenigstens ein Mal im Spiegel nachlesen konnte: „Zeitweilig war er (Yousif, die Red.) V-Mann des Verfassungsschutzes. Unter Yousif entwickelte sich Neu-Ulm ... zu einem bundesweiten Magneten für Islamisten ...“ (11) Auch die NZZ räumt in einem Halbsatz ein, daß „Yousif zeitweise als Informant für den Verfassungsschutz“ gearbeitet habe. (12)
„Informant“, „zeitweilig“ – das klingt nach einer relativ kleinen Nummer in der Geheimdiensthierarchie. Doch "Hintergrund" liegt die Kopie eines Schreibens des Baden-Württembergischen Verfassungsschutzes vor, aus dem hervorgeht, daß Yousif über viele Jahre eine wichtige Rolle spielte. Unter anderem ist dort zu lesen (Orthographie etc. im Original): "Herr Dr. Yousif wurde erstmal im Jahr 1995 kontaktiert, eine Verpflichtung fand im Juli 1996 statt. Zur Beendigung des Kontaktes durch das LfV kam es im März 2002." Die Bedeutung des Mannes war dem Verfassungsschutz sehr wohl bekannt: "Herr Dr. Yousif hat persönlich und über seinen Verein Kontakte zu Personen islamistischen Organisationen und deren Propagandamedien gehalten, und zwar schon im zeitlichen Vorfeld der Kontakte mit unserem Haus. Wegen dieser unbestreitbaren Verbindungen wurde er auch von unserer Behörde angegangen (...)." Und weiter: "Er hat durchaus bei islamistischen Konferenzen im Inland für unser Haus gesammelt." (13)
Zu Zeiten seiner Beschäftigung für das LfV hat Yousif demnach auch interessante Kontakte ins Ausland gepflegt. In dem Schreiben der Behörde werden genannt:
- Kontakte zu "einem namensverwandten Verein in Österreich" (offenbar gibt es auch dort ein Multiulturhaus, Näheres geht aus dem Dokument nicht hervor);
- Kontakte "zu einem mutmaßlichen Militanten, den die ägyptische Regierung via Internet zur Fahndung ausschrieb".
- Im Jahr 1999 sei er nach Bosnien gereist, allerdings ohne Wissen der Stuttgarter Behörde. In dem jugoslawischen Nachfolgestaat halten sich seit dem Bürgerkrieg zu Beginn der neunziger Jahre einige Tausend ausländische Mudschahedin auf.
Das LfV betont, daß Yousif bei der Zusammenarbeit betrügerisch seine eigenen Ziele verfolgt habe: Er habe versucht, "Möglichkeiten und Kenntnisse des Verfassungsschutzes zu erkunden und unter dem vermeintlichen Schutz einer jetzt ostentativ behaupteten Zusammenarbeit tatsächlich im Sinne der Mudjahedin-Bewegung zu agieren". Damit versucht die Behörde, sich als Opfer darzustellen, das von Yousif sage und schreibe sieben Jahre lang zum Nutzen der Gegenseite benutzt worden ist.
Das ist wenig glaubhaft, auch wenn man den Kontext des Schreibens des LfV bedenkt. Es ist an das Bundeskriminalamt (BKA) in Meckenheim gerichtet und hat offensichtlich den Zweck, dessen Kritik an der Zusammenarbeit der Schwaben mit Yousif zu entkräften. Zu verschiedenen Punkten, die die Stuttgarter dementieren, muß die Bundesbehörde demnach in einem früheren Brief (der "Hintergrund" nicht vorliegt) Vorhaltungen gemacht haben. Rückschlüsse auf den Inhalt dieses BKA-Dokuments lassen sich aus dem ziehen, was das LfV Baden-Württemberg abstreitet. Demnach muß es in der Meckenheimer Zentrale unter anderem folgende Befürchtungen gegeben haben:
- Yousif "habe 15 Jahre für den Verfassungsschutz gearbeitet".
- Yousif habe "einen Auftrag im Ausland durchgeführt".
- Yousif habe "für das Bundesamt für Verfassungsschutz gearbeitet" und sei "regulärer Mitarbeiter des Verfassungsschutzes in Baden-Württemberg" gewesen.
- Yousif sei eine "Einbürgerzusicherung" gemacht worden. (14)
Schwere Vorwürfe an die baden-württembergischen Verfassungsschützer kommen auch von Christoph Käss. Der Rechtsanwalt vertrat das Multi-Kultur-Haus gegen die Verbotsverfügung der bayrischen Behörden. "Jeder zweite Satz in dem Verbotsantrag bezog sich auf verdächtige oder kriminelle Aktivitäten von Dr. Yousif. Ohne diesen Mann hätten sie gar nichts in der Hand gehabt. Dabei wurde vor Gericht zugegeben, daß Yousif damals für den Verfassungsschutz gearbeitet hat. Der V-Mann Yousif plazierte Beweise, die dann vom Staatsanwalt gegen das MKH verwendet wurden. Das Ganze erinnert mich an das NPD-Verbotsverfahren. Das mußte platzen, weil viele Beweise überhaupt erst von V-Leuten produziert worden waren." (15)
Um zu rekapitulieren: Yehia Yousif wird von den deutschen Fahndern als Mentor und Ausbilder von „Terror-Fritz“ und den anderen vermeintlichen Super-Bombenlegern von Oberschledorn verdächtigt. Dabei war er mindestens von 1995/96 bis Frühjahr 2002 Mitarbeiter des Verfassungsschutzes, obwohl (oder weil?) dieser von seinen extremistischen Kontakten wußte.
Angesichts dieser möglicherweise brisanten Zusammenhänge ist es ziemlich unangemessen, was einige Mainstream-Medien Ende September über eine andere Geheimdienst-Spur bei Fritz und Co. berichteten. „Verfassungsschutz hatte Kontakt zu Terrorverdächtigem“, meldete etwa die FAZ. (16) Demnach stand Daniel Martin S., das saarländische Mitglied im Oberschledorn-Trio, seit drei Jahren unter Beobachtung. Im Februar 2007 hätten seine Eltern sogar die Staatsschützer aus Sorge um ihren Sohn alarmiert, die dann bei der Familie aufgekreuzt seien und mit dem Konvertiten gesprochen hätten. Manch einem Leser könnte es auf diese Weise Angst und Bange werden: Ist es nicht gefährlich, wenn die Strafverfolger solche Leute zu lange lediglich observieren? Können die Terroristen da nicht leicht durch die Maschen unserer inneren Sicherheit schlüpfen? Müßte ein Zugriff nicht schon viel früher erfolgen?
Die entscheidende Frage wird dabei eben nicht gestellt: Könnte es sein, daß Mitglieder bestimmter Geheimdienstfraktionen gar nicht an der Verhinderung von Terrorattacken, sondern an deren Vorbereitung mitwirken? Hier lohnt es sich für Journalisten weiter zu recherchieren!
(1) Rüdiger Soldt, Dschihadisten aus der Provinz, FAZ 06.09.2007
(2) Focus Online, FOCUS: Terror-Zelle lernte Bombenbau vermutlich in Ulm, 15.09.2007
(3) ebenda
(4) Daniela Bach u.a., Angriffsziel Terrorismus – Bedrohung durch Terrorismus, ZDF-Magazin Frontal, 11.09.2007
(5) eg., Islamisten aus der schwäbischen Provinz, NZZ 21.06.2006
(6) ebenda
(7) vgl. Dominik Cziesche u.a., "Ihr müßt lernen, mit uns zu leben", Spiegel 13/2004
(8) eg., a. a. O.
(9) eg., a. a. O.
(10) Fritz nannte sich auf einmal Abdullah, Bild, 07.09.2007
(11)Simone Kaiser u.a., "Operation Alberich", Spiegel 10.09.2007
(12) eg., a. a. O.
(13) Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg, Brief an Bundeskriminalamt 53340 Meckenheim, 22.12.2004
(14) s. (13)
(15) Gespräch am 27.09.2007
(16), holl., Verfassungsschutz hatte Kontakt zu Terrorverdächtigem, FAZ 21.09.2007; ähnlich in Matthias Bartsch u. a., Die verschwundenen Söhne, Spiegel 17.09.2007
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