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Zynische Aufklärung über Afghanistan

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Wie zwei Bild-Journalisten die Bündnistreue zum Sachzwang stilisieren  und dafür den Beifall des Verteidigungsministers ernten -

Von THOMAS WAGNER, 14. Juli 2010 -

In Sachen Krieg in Afghanistan haben Regierung und Bundeswehr die deutsche Bevölkerung viele Jahre hinters Licht geführt. Da wurde schöngeredet, tabuisiert und gelogen, dass sich die Balken biegen. Vom Brunnen bauen war die Rede, von Mädchenschulen, Demokratie und Wiederaufbau eines geschundenen Landes. Von Krieg könne da keine Rede sein, hieß es einerseits aus dem Verteidigungsministerium, andererseits sei ein Abzug nicht möglich, da Deutschlands Sicherheit  am Hindukusch verteidigt werde. Nachdem im Rahmen der sogenannten Kundus-Affäre Stück für Stück ans Licht kam, in welchem Umfang Bundeswehr und Verteidigungsministerium zu täuschen bereit waren, dürfen Journalisten, die hinter die Fassaden der Macht blicken und über das Gesehene Tacheles reden, mit einiger Aufmerksamkeit ihrer Kolleginnen und Kollegen rechnen. Und da das neue Buch der Bild-Journalisten Julian Reichelt und Jan Meyer schon im Untertitel verspricht darüber aufzuklären, Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschen (1), war es auch nicht überraschend, dass am Mittwochnachmittag Hinz und Kunz bei der Buchvorstellung in der  schlauchartigen Galerie des Café Einstein in Berlin, Unter den Linden erschienen.

Während der ehemalige Nachrichtensprecher Ulrich Wickert im Nachbarraum sichtlich ungerührt speiste, bemühten sich der ehemalige Wehrbeauftragte Reinhold Robbe und der Historker Michael Wolffsohn mehr oder weniger erfolgreich um einen Sitzplatz in dem hoffnungslos  überfüllten Raum. „Ein kritisches, aufklärerisches Buch“ hätten die Journalisten vorgelegt, sagte Jürgen Horbach, der Geschäftsführer des Fackelträger-Verlags, in dem das Buch erschienen ist, in seiner Begrüßungsansprache. Doch wie es mit dem aufklärerischen Anspruch wirklich bestellt war, sollte sich schon bald herausstellen. Denn unmittelbar im Anschluss an die kurze Rede des Verlagsvertreters schickte sich niemand geringeres als Karl-Theodor zu Guttenberg persönlich an, das Buch zu besprechen. Eine Kontroverse blieb jedoch aus. Vielmehr gratulierte der Verteidigungsminister den Bild-Journalisten zu ihrem Buch. Bei ihnen handele es sich um engagierte Autoren, die sich mit Fug und Recht als Experten bezeichnen dürften. Sie leisteten damit ihren Teil zu einer lange Zeit fehlenden, nun aber hart und intensiv geführten Debatte über den Afghanistan-Einsatz, der leider von Beginn an durch die Politik verharmlost worden sei. Nun aber könne endlich über die „Ausrüstungsnotwendigkeiten“, die „Ausbildungsnotwendigkeiten“ und die Rechtssicherheit der Soldaten im Einsatz gesprochen und die entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden. (Im Klartext, den der Guttenberg in dieser Hinsicht aber nicht sprach, heißt das: schwere Artillerie nach Afghanistan, Töten lernen für den schmutzigen Guerilla-Krieg und die weitest mögliche Straffreiheit für dieses Töten.)

Nur in drei Punkten vertrat der Minister eine in Nuancen andere Sicht als die Autoren. Erstens fand er den Ausdruck „Vertuschung“ für etwas überzogen. Es sei höchstens punktuell, jedenfalls aber nicht auf breiter Linie vertuscht worden. Guttenberg sprach stattdessen von einer „gemeinsamen Überforderung“ der beteiligten Personen in Bundeswehr und Ministerium. Zweitens sei es verfrüht, wie die Autoren es tun, über den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan Bilanz ziehen zu wollen. Es werde nie etwas anderes geben können als eine Art „Zwischenbilanz“. Drittens fand der Minister, dass in dem Buch das von der Bundesregierung als neue Strategie verkaufte Konzept der sogenannten „vernetzten Sicherheit“ etwas zu kurz gekommen sei.   

Nach dem Verteidigungsminister sprach Julian Reichelt, der 1980 in Hamburg geborene Journalist ist Chefreporter der Bild-Zeitung. Was er unter einem kritischen, aufklärerischen Ansatz versteht, wird in einer seiner zentralen Aussagen deutlich: „Das Buch ist den Soldaten im Einsatz gewidmet.“ Auch im Buch selbst äußern die Autoren eine sehr merkwürdige Auffassung von Journalismus, die von einer kritischen Distanz zum Militär weit entfernt ist. Sie bemängeln, dass die Medien in der Vergangenheit nicht genügend zwischen der Bundeswehr und der zivilen Bevölkerung hätten vermitteln können: „Die Medien hätten die Brücke zwischen den Deutschen und ihren Soldaten sein können. Aber sie wurden bestmöglich ferngehalten von den Feldern und Hügeln bei Kunduz, in denen die Soldaten kämpfen.“

Die Autoren stellen sich auf die Seite der Soldaten, die im Felde kämpfen. Ihre Kritik richtet sich gegen jene Bürokraten und Politiker, die sie unter falschen Vorwänden in ein Land schickten, aus dem viele nicht mehr lebend oder doch an Leib und Seele verstümmelt wieder hinauskommen. Aufklärerisch wirkt es, wenn sie das „Märchen von der Wiederaufbau-Mission der Bundeswehr“ als Lüge bezeichnen und darlegen, worin heute der einzige Grund für den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu suchen ist: „Es geht vor allem um die Bündnistreue gegenüber den USA.“ Genau an dieser Stelle wird aber auch deutlich, wie rasch Aufklärung in Zynismus umkippen kann. Für den  Verteidigungsminister bzw. die Bundesregierung, suggerieren die Autoren, sei „ein Ausstieg Deutschlands aus der ISAF-Mission, ein schneller Abzug, politisch nicht möglich“. Deutsche Soldatinnen und Soldaten sterben also auf der Grundlage eines vermeintlichen Sachzwanges, aus dem es angeblich kein Entrinnen gibt. Dass es entgegen dieser scheinbaren Fatalität in Wirklichkeit auch anders geht, haben die Niederlande gezeigt. Dort beschloss das Parlament gegen den Willen der Regierung den Abzug aus Afghanistan.

(1) Julian Reichelt/Jan Meyer: Ruhet in Frieden, Soldaten! Wie Politik und Bundeswehr die Wahrheit über Afghanistan vertuschen. Köln, Fackelträger-Verlag 2010
 

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