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Google und US-Dienste rücken näher zusammen

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Von REDAKTION, 13. März 2012 -

Die Verquickung des US-Unternehmens Google mit dem Sicherheitsapparat des Landes hat einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Der weltweit führende Suchmaschinenanbieter hatte bereits in der Vergangenheit enge Kontakte zu den US-Geheimdiensten CIA und NSA unterhalten. Wie ein Sprecher des Unternehmens gestern bekannt gab, wechselte nun „überraschend“ Regina Dugan, Chefin der Pentagon-Forschungsagentur DARPA (Defense Advanced Research Projects Agency), ihren Arbeitgeber und wird zukünftig für ihre Dienste bei dem Internetdienstleister bezahlt.

Angesichts der riesigen personenbezogenen Datenmengen, die Google sammelt und auf intelligente Weise miteinander verknüpft und (für kommerzielle Zwecke) auswertet, stieß das Unternehmen frühzeitig auf das Interesse von Geheimdiensten. Im Rahmen des „Heimatschutzes“ wird die Google-Datenbank gerne von den Behörden und Geheimdiensten des Landes angezapft.

Aber es besteht auch seit knapp einem Jahrzehnt eine direkte Zusammenarbeit mit den US-Diensten, genauer gesagt dem Auslandsgeheimdienst CIA. Mitte 2010 investierten Google und das Unternehmen In-Q-Tel zusammen in die Firma Recorded Future, die mittels Open Source Intelligence (1) zukünftige Trends und Entwicklungen vorhersagen will. (2) Vor allem in den Bereichen, die für die USA von geopolitischem Interesse sind.

In-Q-Tel ist laut Eigenbeschreibung ein „privates, unabhängiges Unternehmen, finanziert von der CIA“. (3) Unternehmerische Unabhängigkeit und finanzielle Abhängigkeit von einem Geheimdienst scheinen sich demnach nicht auszuschließen. Im Oktober 2004 kaufte Google von In-Q-Tel die Anteile an der Firma Keyhole auf, die dann zu Google Earth avancierte. Noch enger wurde die Verbindung zu der CIA-Firma, nachdem deren Technologie-Direktor, Rob Painter, im Sommer 2005 bei Google als Verkaufsmanager einstieg. (4)

In-Q-Tel hält Investitionen an mehr als 160 Unternehmen. (5) Auf ihrer Webseite wirbt die Firma mit einem Zitat des ehemaligen CIA-Chefs George Tenet, demzufolge In-Q-Tel den Geheimdienst technologisch wieder „zurück an die Spitzenposition“ gebracht habe. (6)

Google entwickelte auch die Software Intellpedia für die CIA, mittels derer sich weltweit Agenten der Behörde in einem Wikipedia ähnelndem System mit verschiedenen Zugangsberechtigungsstufen einloggen können. Laut einer Aussage vom Chef der Intellpedia-Entwicklung für die CIA, Sean Dennehy, erstreckte sich die Datenbank bereits vor vier Jahren auf 35.000 Artikel und würde seinerzeit von 37.000 Agenten genutzt. (7)

Auch mit dem auf das Abhören elektronischer Kommunikation spezialisierten US-Geheimdienst NSA arbeitete Google in der Vergangenheit zusammen. Auch dabei stellte der Suchmaschinenanbieter Software zur Verfügung, mit der die Spionagebehörde gesammelte Informationen über Verdächtige besser verarbeiten und austauschen kann. (8)

Ende 2010 kam es auch zu einer Zusammenarbeit mit der NSA, um, wie es hieß, Hackerangriffe aus China auf das Netzwerk des Unternehmens abzuwehren. (9)

Geteilte Betten

Bereits im Jahr 2006 behauptete der ehemalige CIA-Agent  Robert David Steele, es gebe eine Zusammenarbeit zwischen Google und seinem ehemaligen Brötchengeber. Bei dem damals ausgetragenen Streit um die Herausgabe von Daten an die US-Regierung habe es sich nur um eine Inszenierung gehandelt. „Google war ein wenig heuchlerisch, als sie der Aufforderung des Justizministerium nach Aktenübergabe nicht nachkamen – aber gleichzeitig mit der CIA-Abteilung für Forschung und Entwicklung im Bett waren.“ (10)

Nun liegt Google auch durch den Wechsel von Regina Dugan mit der Forschungsabteilung des Militärs „im Bett“. Die 48-Jährige stand seit Sommer 2009 als erste Frau an der DARPA-Spitze. Schon in den 90er-Jahren hatte sie für die Agentur als Projektmanagerin gearbeitet. Welche Position Dugan bei Google einnehmen soll, wurde zunächst nicht bekannt.

Die DARPA war Ende der 1950er-Jahre von der US-Regierung als Reaktion auf den Start des ersten sowjetischen Satelliten gegründet worden. Ihre Aufgabe ist die Entwicklung zukunftsträchtiger Technologien, die dem US-Militär zugute kommen können. Sie war unter anderem eine Wiege für moderne Computernetze: Das ARPANET war in den 70er-Jahren der Vorläufer des Internets. Zu den heutigen Projekten gehören Militärroboter, intelligente Überwachungssysteme und Raketentechnologie. Außerdem führte die DARPA mehrere Wettbewerbe für selbstfahrende Roboter-Autos durch, bei denen das heutige Google-Team um Sebastian Thrun erfolgreich war.

DARPA gründete Anfang 2002 auf Geheiß des Präsidenten George W. Bush das Information Awareness Office (IAO), eine Schnüffelbehörde gigantischen Ausmaßes, deren Zielsetzung die "Total Information Awareness" (TIA) war. (11) Innerhalb einer Datenbank sollten alle verfügbaren Merkmale sämtlicher Bürger gesammelt und nach bestimmten Kriterien ausgewertet werden. 2003 wurde die Finanzierung des IAO, auch aufgrund starker Kritik, eingestellt. Der Aufgabenbereich wurde aber an andere Stellen ausgelagert, die vorbehaltlose Sammlung von Daten geschah fortan unter der Obhut der Heimatschutzbehörde und des von ihr betriebenen Programms ADVISE (Analysis, Dissemination, Visualization, Insight, and Semantic Enhancement). (12)

DARPA entwickelt heute schon die Technologien, die wie Zukunftsmusik von morgen klingen. Dazu zählt auch der Forschungszweig Military Bioengineering, bei dem Soldaten mithilfe von Drogen, Mikrochips und Genmanipulation kampffähiger gemacht werden sollen. Unter anderem sollen sie gegen Schmerz unempfindlich werden. Oder auch sieben Tage am Stück wach bleiben können, ohne den Verstand zu verlieren. Mittels „biotechnologischen Mitteln“ soll diese „Continued Assistance Performance“ erreicht werden. (13)

Hinter vielen der laufenden Programme steht das Bemühen, den Unterschied zwischen Mensch und Maschine zu verringern. Kampfroboter sollen dank künstlicher Intelligenz immer eigenständiger werden, während menschliche Soldaten immer stärker wie eine Maschine gelenkt werden sollen. DARPA will daher auch direkt auf die Gehirne der Soldaten zugreifen können. So arbeitet die Agentur an einem Brain Machine Interface, mittels dessen computerverwertbare Informationen direkt aus dem Gehirn abgelesen werden sollen – wozu ein Mikrochip in den Kopf gepflanzt wird. Man erhofft sich, zukünftig Kampfjets oder Panzer mit Gedanken steuern zu können. (14)

Googles Forschungsabteilung dürfte mit dem Zugang von Regina Dugan somit ganz neue Einblicke in die Entwicklungsmöglichkeiten neuer Technologien erlangen, schließlich steht DARPA weltweit an der Spitze der Forschung.

Vor einem Jahr sorgte ein Bericht des Magazin Wired für Aufsehen, der enthüllte, dass einige DARPA-Aufträge an die Spezialfirma RedX Defense vergeben wurden, an der Dugan noch beteiligt ist. Sie rechtfertigte es damit, dass das Know-how des Unternehmens zum Aufspüren von Sprengsätzen einzigartig sei. Das Pentagon leitete eine Prüfung der Auftragsvergabepraxis ein.

Zugleich wurde Dugan für strikte Kostendisziplin bei der oft für extrem teure und gewagte Projekte bekannten DARPA gelobt. Ihr eilt auch der Ruf einer anspruchsvollen Chefin voraus, die die Kreativität ihrer Mitarbeiter entfesseln kann. Zu ihren Schwerpunkten bei der DARPA gehörten Cybersicherheit und die Stärkung der Produktion in den USA. Dugan zeigte sich wiederholt besorgt, dass Amerika alles Mögliche im Ausland produzieren lasse und dadurch wichtige Fähigkeiten für die Zukunft verliere.

Dugans Sprecher sagte gegenüber Wired, sie habe das Angebot eines so „innovativen Unternehmens“ wie Google nicht ausschlagen können. Selbst Google dürfte nicht innovativer als DARPA sein. Vielleicht ist der Wechsel eher dem Anliegen geschuldet, auch zukünftig das Verhältnis zwischen Google und den US-Sicherheitsinteressen auf einer für beide Seiten fruchtbaren Ebene fortzuführen.


Anmerkungen


(1) http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Source_Intelligence

(2) http://www.wired.com/dangerroom/2010/07/exclusive-google-cia/

(3) http://www.iqt.org/news-and-press/press-releases/2003/Endeca_10-07-03.html

(4) http://bit.ly/xKA2fM

(5) http://www.iqt.org/mission/IQT%20Corporate%20Fact%20Sheet.pdf

(6) http://www.iqt.org/about-iqt/history.html

(7) http://web.archive.org/web/20100106164623/http://technology.timesonline.co.uk/tol/news/tech_and_web/article3652494.ece

(8) ebd.

(9) http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,675865,00.html

(10) http://www.spiegel.de/netzwelt/tech/0,1518,445918,00.html

(11) http://en.wikipedia.org/wiki/Information_Awareness_Office

(12) http://en.wikipedia.org/wiki/ADVISE

(13) http://bit.ly/A2obrE
Siehe auch: http://www.darpa.mil/Our_Work/DSO/

(14) http://www.netzeitung.de/wissenschaft/253228.html





http://en.wikipedia.org/wiki/Information_Awareness_Office
 

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