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„Nutzt endlich Eure Macht!“

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Der Projekt- und Familienchor „Andere Saiten“ verleiht dem Gorleben-Protest eine ganz besondere Note -

Von THOMAS WAGNER, 5. April 2012 -


„Merkel, es klopft an deiner Tür - Diesmal nicht die Lobby, sondern wir!“ Als die Mitglieder des Projekt- und Familienchors „Andere Saiten“ im September 2010 anlässlich der großen Anti-Atomkraft-Demo in Berlin den Regierenden vor dem Bundeskanzleramt diese Worte entgegen schmetterten, bekamen sie viel Beifall auch von jenen Demonstranten, die mit mehrstimmigem Chorgesang im Allgemeinen und mit Kirchenmusik im Besonderen ansonsten nicht allzu viel im Sinn haben. Denn die Mitglieder des Chors legen Wert darauf, der Musik alter und neuer Meister selbst geschriebene kritische Texte beizugeben.

Andere SaitenDie erste Strophe des Liedes „Mit Wind sind wir umfangen“ (2010) lautet beispielsweise: „Mit Wind sind wir umfangen/der liefert uns den Strom/drum steht unser Verlangen/nach Abschied vom Atom/Auch aus den Sonnenstrahlen/machen wir Energie/Wir sind die Radikalen/Konzernen traun wir nie.“

Offensichtlich vom Spaß an solcher Radikalität beflügelt, kündigt der Chor nun eine nachösterliche öffentliche Chorprobe vor dem Werkstor des „Erkundungsbergwerks“ Gorleben an. Die „Anderen Saiten“ reihen sich mit ihrem Auftritt am kommenden Donnerstag, den 12. April, in eine Vielzahl von phantasievollen gewaltfreien Blockade-Aktionen ein, mit denen Atomkraftgegner unter dem Label „Gorleben 365“ (1) seit August 2011 ein ganzes Jahr lang den Verkehr zum Atommüll-Endlager in Gorleben immer wieder zu behindern versuchen.

Die „Anderen Saiten“ kritisieren, dass die Politik der Bundesregierung auch nach der Fukushima-Katastrophe von „taktischen Winkelzügen“ geprägt sei. Dazu gehöre auch die Ankündigung von Norbert Röttgen, die Erkundung von Gorleben noch in diesem Jahr vorläufig abzuschließen.

Im Flyer des Chors heißt es dazu: „Im vergangenen Herbst hat Bundesumweltminister Norbert Röttgen verkündet, die Suche nach einem Endlager für Atommüll in Deutschland finde nun völlig ergebnisoffen statt. Das Salzbergwerk in Gorleben sei nur einer der möglichen Standorte. Aber die ‚Erkundungsarbeiten’ am Salzstock gehen mit unvermindertem Tempo weiter, allein 2012 sollen mit 73 Millionen Euro hier vollendete Tatsachen geschaffen werden. Jede investierte Million macht es wahrscheinlicher, dass man von der Entscheidung, den Atommüll hier im Wendland zu deponieren, nicht mehr abweichen wird. Dabei ist heute bekannt, dass in den 70er-Jahren die Entscheidung für Gorleben von der niedersächsischen Landesregierung gegen jede geologische Expertise durchgedrückt wurde. Der Grund war nicht die Eignung des Salzstocks, sondern der damalige Verlauf der Grenze zur DDR und die falsche Annahme, die Bauern im Wendland würden keinen Widerstand gegen das „Atomklo“ leisten. Die Wendländer leisten aber Widerstand – inzwischen seit 35 Jahren mit nicht nachlassender Energie.“ (2)

Wer aber sind nun die ,,Anderen Saiten"? Nach eigenen Angaben handelt es sich um drei ursprünglich aus Aachen stammende Familien, die nicht nur gerne miteinander musizieren, sondern darüber hinaus angetreten sind „die Welt zu retten“. Als Gruppe politisch aktiv seien sie das erste Mal bei der Großdemo am AKW Biblis im Frühjahr 2010 geworden. Ihr Schwerpunkt lag bislang in der AKW-Bewegung. Sie haben sich jedoch vorgenommen, künftig unter der Devise „Vertraut nicht auf Parteien, nutzt endlich eure Macht!“ auch in anderen Fragen ihre herrschaftskritischen Töne zu Gehör zu bringen.

Ihr Anliegen, „die Chormusik als politische Aktionsform zu etablieren“, hat gute Erfolgsaussichten. Immerhin haben sich schon heute eine ganze Reihe von Chören mit ähnlicher Intention zusammengeschlossen. Im süddeutschen Raum bilden der DGB-Chor-Zwischentöne Reutlingen, der Ernst-Bloch-Chor Tübingen, der Freie Chor Stuttgart, Kontrapunkt Ulm und der SUSI-Chor Freiburg gemeinsam das gesellschaftskritische „Chornetzwerk“. (3)

In der Region um Bremen und Oldenburg engagieren sich schon seit 2001 mehrere Chöre in der Initiative „zivilChorage“ gegen Gewalt, Rassismus und Ausgrenzung. (4) und unter dem Namen Lebenslaute mischen sich seit 1986 Chor- und Orchestermusiker in unterschiedlicher Zusammensetzung immer wieder an der Seite sozialer Bewegungen in die politischen Kämpfe ein. (5)  

Selbst die als rückwärtsgewandt und verstaubt geltende Kirchenchormusik vergangener Zeiten enthält mehr basisdemokratisches Potenzial als manche glauben mögen. Fügt man ihm einen geeigneten Text hinzu, kann selbst aus dem reaktionärsten Kirchenlied eine politische Waffe werden. Der Historiker und selbst aktive Sänger Rüdiger Haude meint sogar, dass das Chorsingen eine besonders harmonische Form praktizierter Anarchie sein kann. (6)


(1) http://www.gorleben365.de/

(2) http://www.andere-saiten.de/Gorleben365f.pdf

(3) http://www.chornetzwerk.de/

(4) http://www.zivilchorage.de/

(5) http://www.lebenslaute.net

(6) http://www.graswurzel.net/330/chor.shtml