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Israel will „die Rechnung begleichen“

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Bevor die Suche nach dem Verantwortlichen für den Anschlag von Burgas beginnt – Jerusalem will ihn schon gefunden haben -

Von REDAKTION, 19. Juli 2012 -

Der Ton aus Jerusalem wird immer schärfer. Ohne Beweise vorzulegen, macht Israels Regierung die Führung in Teheran und die libanesische Hisbollah für den Selbstmordanschlag in Burgas verantwortlich. Die Beschuldigten weisen die Vorwürfe energisch zurück und bewerten sie als Stimmungsmache.

Die israelische Regierung nimmt nach dem blutigen Anschlag in Burgas mit fünf Toten und 37 Verletzten unter ihren Landsleuten den Todfeind Iran ins Visier. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu machte sofort Teheran für den Anschlag verantwortlich. „Alle Spuren weisen auf den Iran hin“, meint er. In jüngster Zeit habe es weltweit mehrere versuchte Anschläge auf israelische Staatsbürger in Thailand, Indien, Kenia und Zypern gegeben: „18 Jahre nach dem Bombenanschlag auf das Gebäude der israelischen Gemeinde in Argentinien geht der iranische Terror gegen unschuldige Menschen weiter“, sagte Netanjahu und drohte an, Israel werde darauf hart reagieren.
Den Hintermännern werde er einen „hohen Preis“ abverlangen, kündigte er heute auf einer Pressekonferenz in Jerusalem an. Der Iran sei die „weltweite Nummer eins der Terror exportierenden Staaten“. Netanjahu versäumte auch nicht, den Anschlag zu nutzen, um dem Iran erneut den Bau von Atombomben zu unterstellen – ein Vorwurf, der von Teheran bestritten wird: „Der gefährlichste Staat der Welt muss nicht auch noch die gefährlichste Waffe der Welt bekommen“, erklärte der israelische Regierungschef.

Auch andere Mitglieder seines Kabinetts beteiligten sich an dem Säbelrasseln: Yitzhak Aharonovich, Minister für Öffentliche Sicherheit, erklärte heute, es bestehe „kein Zweifel“ daran, dass der Iran hinter der Tat in Burgas stehe. Man werde „die Rechnung begleichen“, sagte er laut dem israelischen Nachrichten-Blog ynet. Verteidigungsminister Ehud Barak behauptete im Rundfunk, Mitglieder der libanesischen Hisbollah-Miliz seien für die Bluttat verantwortlich. Den Auftrag dafür hätten sie vom Iran erhalten. Der als rechter Hardliner bekannte Außenminister Avigdor Lieberman will „zuverlässige Informationen“ über die Drahtzieher haben. Die „Hisbollah steht hinter dem Anschlag, in enger Zusammenarbeit mit den iranischen Revolutionsgarden“, meint Lieberman. Beweise legte er bislang keine vor.

Der ehemalige Direktor des Amtes für Terrorbekämpfung in Israel, Nitzan Nuriel, ist sich sicher, dass die Hisbollah ein Standbein in Bulgarien hat. Es habe dort schon mehrere Versuche gegeben, Anschläge gegen Israelis auszuführen. Die Hisbollah rekrutiere dafür Männer aus der einheimischen muslimischen Gemeinde oder die Terroristen würden aus der Türkei kommen. „Das ist ziemlich einfach“, findet Nuriel. Der stellvertretende Außenminister Danny Ayalon wittert die Gunst der Stunde und forderte die EU dazu auf, die Hisbollah endlich auf ihre Terrorliste zu setzen.

Trotz des Drucks aus Israel: Die Ermittlungsbehörden in Bulgarien enthalten sich bislang jeglicher Schuldzuweisungen für das Verbrechen an den Mitgliedern der israelischen Reisegruppe und dem einheimischen Busfahrer. Es gibt offenbar nur wenige Indizien: Sicherheitskameras hätten am Tatort einen langhaarigen Mann in Sportkleidung aufgenommen, der sich dort vor der Explosion etwa eine Stunde lang aufgehalten habe, fasst die bulgarische Nachrichtenagentur Novinite den Stand der Ermittlungen zusammen. Die Leiche des Mannes habe schlimmste Verletzungen aufgewiesen. Er habe gefälschte US-Ausweise bei sich gehabt. Die bulgarischen Behörden gingen daher davon aus, dass es sich um den Selbstmordattentäter handelte. Der bulgarische Präsident Rossen Plewneliew kritisiert indirekt ein Versagen des israelischen Geheimdienstes: Behördenvertreter hätten sich erst vor einem Monaten mit Mitgliedern des Mossad getroffen. Dabei sei von israelischer Seite keine Terrorwarnung mitgeteilt worden, berichtet Sofia News Agency.

Vorwürfe gegen Iran als Ablenkungsmanöver?

Mittlerweile hat sich auch die Hisbollah im Libanon zu Wort gemeldet. Sie wies die Behauptungen der israelischen Regierung zurück. Ihr Chef Hassan Nasrallah sagte, seine Organisation übe keine Vergeltung für israelische Taten durch die Tötung von Touristen. Aus Teheran kam ein scharfes Dementi. Im iranischen Staatsfernsehen hieß es, die Vorwürfe Israels seien lächerlich und nur darauf bedacht, Stimmung gegen das Land zu machen. „Die Islamische Republik, die selbst das größte Opfer des Terrorismus ist, vertritt die Auffassung, dass Terrorismus das Leben Unschuldiger bedroht und inhuman ist. Daher verurteilt sie ihn“, zitiert der arabische Sender Al-Alam den Sprecher des iranischen Außenministeriums Ramin Mehmanparast. „Der Iran verurteilt jeden terroristischen Akt weltweit“, fügte der Politiker hinzu. Auch die iranische Botschaft in Sofia kommentierte die gewagten Behauptungen aus Jerusalem: „Die haltlosen Verlautbarungen verschiedener Angehöriger des zionistischen Regimes in Zusammenhang mit den Anschuldigungen gegen den Iran wegen einer möglichen Beteiligung an dem Vorfall des in die Luft gesprengten Busses mit israelischen Touristen in Burgas ist eine altbekannte Methode des Regimes – mit einem politischen Ziel, und es ist ein Zeichen der Schwäche dessen, der diese Anschuldigungen erhebt“, heißt es in ihrer offiziellen Erklärung. Teheran geht davon aus, dass Israels Führung mit falschen Anlagen und Brachialrhetorik nur von ihren eigenen Untaten ablenken will. Die Islamische Republik wirft Israel und den USA vor, hinter den Mordanschlägen zu stecken, die seit 2010 gegen bislang fünf iranische Atomwissenschaftler verübt wurden.

Der Westen beteiligt sich bis dato noch nicht an der israelischen Kanonade von Anschuldigungen und Drohungen gegen den Iran und die Hisbollah. Bundesaußenminister Guido Westerwelle sagte, er sei „entsetzt und bestürzt“ und verurteilte den tödlichen Anschlag auf die Israelis „auf das Schärfste“. Die Täter müssten schnell gefunden und „für diese schreckliche Tat zur Rechenschaft gezogen werden“, forderte Westerwelle in Berlin.

Auch US-Präsident Barack Obama äußerte keinerlei Verdacht. Er sprach Netanjahu für das „barbarische Terror-Attentat“ sein Beileid aus. „Solche Anschläge auf Unschuldige, unter ihnen Kinder, sind absolut abscheulich“, erklärte Obama. Er bot Israel Hilfe bei der Suche nach den Verantwortlichen an.

Anders die Reaktionen aus dem Lager der Republikaner. John Bolton, Ex-Botschafter der USA bei den Vereinten Nationen, der derzeit von den Republikanern als heißer Anwärter auf die Vize-Präsidentschaft unter ihrem Kandidaten Mitt Romney gehandelt wird, frohlockt bereits, dass Israel „wahrscheinlich“ militärisch antworten wird. Netanjahus Ankündigung, sein Land werde mit aller Härte auf das Verbrechen reagieren, sei „ein deutlicher Hinweis auf einen möglichen direkten israelischen Angriff auf den Iran“, glaubt Bolton zu wissen. Experten halten eine derart unverhältnismäßige direkte Reaktion Israels auf den Anschlag für so gut wie ausgeschlossen.
 

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