hintergrund_old_english
Mittwoch, 31. August 2016  

POLITIK

Inland
EU
Welt

WIRTSCHAFT

Inland
Welt
Finanzwelt

HINTERGRUND

Umwelt
Kriege
Terrorismus
Twitter oder Facebook?
Aus Gründen des Datenschutzes und der Sicherheit verzichtet Hintergrund ganz bewusst auf das Angebot sozialer Netzwerke.Von Facebook wissen wir, dass es seine Nutzer aktiv ausspäht.

Hinter der bürgerlichen Fassade

Drucken E-Mail
Wolfgang Bittner erzählt eine exemplarische Geschichte aus der Provinz -

Von THOMAS WAGNER, 28. August 2012 -


Zu den literarischen Entdeckungen, die in diesem Jahr außerhalb der üblichen Buchpreis- und Bestenlisten gemacht werden können, gehört ein kleiner, auf ganz unspektakuläre Weise fesselnder Roman mit dem Titel „Hellers allmähliche Heimkehr“.

Bittner Cover
Wolfgang Bittner, "Hellers allmähliche Heimkehr", VAT Verlag André Thiele, Mainz 2012, 241 Seiten, gebunden, 19,90 Euro.
Worum geht es? Ein Journalist in den sogenannten besten Jahren kehrt nach beruflichen und privaten Einschnitten als designierter Chefredakteur einer Lokalzeitung in jenen Ort zurück, in dem er aufgewachsen ist. Dort hat er eine Affäre, verliebt sich, findet alte Freunde und eine neue Heimat. Stopp! Ganz so glatt läuft es dann doch nicht. Denn was dieser Martin Heller in der norddeutschen Kleinstadt Salfelden im Westen der Republik vorfindet, hat wenig mit ländlicher Idylle, dafür viel mit der deutschen Misere zu tun. Eine unappetitliche, für Migranten, aktive Friedensfreunde und Gewerkschafter gefährliche Melange aus geschäftlichem Filz und Neonazi-Spuk stachelt den demokratischen Ehrgeiz des Journalisten an, der zunächst geglaubt hatte, sich auf professioneller Basis mit dem nationalkonservativ eingestellten Herausgeber und Eigentümer der Zeitung arrangieren zu können. Anfangs scheint das tatsächlich zu klappen, denn auch sein einflussreiches Gegenüber ist daran interessiert, dass die redaktionelle Freiheit nach außen als gewahrt erscheint. Doch je näher Heller den tatsächlichen Verstrickungen von verfilzter Geschäftswelt und rechter Szene kommt, desto schwieriger wird es, diese Fassade aufrecht zu erhalten.

Der Roman spielt in einer Provinz, in der die Verhältnisse überschaubar, aber durchaus vielfältig sind, wie Bittner seine Hauptfigur sagen lässt. Was dort geschieht, hat exemplarischen Charakter. Polizei und Verfassungsschutz verharmlosen die Aktivitäten der lokalen Neonazi-Szene, die vonTeilen des bürgerlichen Establishments gefördert wird.  „Unser Polizeichef Hertenstein ist mit dem Bauunernehmer Berkemeier und dem Oberstudienrat Ritter befreundet, die den Soldaten-Sportverein ideell und finanziell unterstützen“, weiß einer der auf der demokratischen Seite engagierten Protagonisten. Vereinigungen wie die „Standarte Salfelden“ oder die Jugendgruppe „Zugvogel“ sind nicht am Rande der Gesellschaft verortet, sondern haben direkten Anschluss an die bessere Gesellschaft des Ortes. Auch der Verfassungsschutz scheint darin verwickelt zu sein.

Vor dem Hintergrund des  NSU-Skandals  klingt das  fast wie ein Klischee. Doch der Erzähler schildert das kleinstädtische Milieu so genau, dass er  weder in gut gemeinte politische Agitation abgleitet noch der Verlockung nachgibt, seine Geschichte mit den heute gängigen Thrillerzutaten Blut und Sperma aufzupeppen. Die Figuren sind keine zu bloßen Typen stilisierte Handlungsträger,  sondern lebensecht gezeichnete Menschen. Und obwohl es sich nicht um ein Stück Genre-Literatur handelt, das  nach Fortsetzung heischt, wünscht man sich am Ende doch zu erfahren, wie die Geschichte Martin Hellers nach seiner schwierigen Heimkehr weitergehen mag. Nicht zuletzt das spricht für die Erzählkunst seines Schöpfers.



Zum Autor: Wolfgang Bittner, geboren 1941 in Gleiwitz, aufgewachsen in Ostfriesland, ist promovierter Jurist. Seit  Mitte der siebziger Jahre konzentrierte er sich mehr und mehr auf das Schreiben. Bittner verfasst Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder und war als freier Mitarbeiter für zahlreiche Zeitungen (u.a. Die Zeit, Frankfurter Rundschau, Neue Zürcher Zeitung), den Hörfunk und das Fernsehen tätig. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt und er erhielt mehrere Literaturpreise. Von 1996 bis 1998 wurde Bittner in den Rundfunkrat des WDR berufen. Er ist Mitglied des PEN und im Verband deutscher Schriftsteller, dessen Bundesvorstand er von 1997 bis 2001 angehörte.
 

weitere Artikel...

POLITIK
WIRTSCHAFT
FEUILLETON
GLOBALES
SOZIALES
HINTERGRUND
KURZMELDUNGEN