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Gaza unter Feuer

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Ein Report von ANNE PAQ, Gaza, 21. November 2012 -

Während der Gaza-Streifen seit sieben Tagen umfangreichen militärischen Angriffen Israels ausgesetzt ist, machten gestern Gerüchte die Runde, zwischen der Hamas und Israel sei unter der Vermittlung Ägyptens eine Feuerpause vereinbart worden. Diese Hoffnung wurde vorerst zerschlagen. Ein Waffenstillstand würde jedoch von den Palästinensern in Gaza sehr begrüßt werden. Sie müssen derzeit die größte militärische Operation seit „Cast Lead“ (Gegossenes Blei) erdulden. Die Auswirkungen der von Israel als Operation „Defence Pillar“ (Operation Säule der Verteidigung*) bezeichneten Militäraktion sind verheerend und werden in ihren Konsequenzen nachhaltig sein.

In den Krankenhäusern fehlt es an allem. Über einhundert Palästinenser wurden während der vergangenen Tage getötet und mehr als 1 100 verletzt – darunter auch Schwerverletzte, denen Gliedmaßen amputiert werden mussten. Die größte Klinik in Gaza, das Al Shifa-Hospital, hat Mühe, die hohe Anzahl Verletzter zu versorgen . Medhat Abbas, Leiter des Krankenhauses, betonte bereits einige Tage nach Beginn der Angriffe, dass Mangel an elementaren Dingen wie Infusions- und Narkosemittel herrscht. Insgesamt „fehlen uns 40 Prozent der Medikamente, die wir brauchen“.

Eines der dringenden Probleme ist die Treibstoffversorgung. Die Tunnel zwischen Rafah und Ägypten, durch die ein Großteil des Treibstoffs nach Gaza gelangt, sind bombardiert worden. Das Krankenhaus hat noch immer einige Reserven, aber Engpässe sind möglich, sollten die Angriffe weitergehen. „Die wichtigste Ausrüstung, die uns fehlt, ist ein Computertomograph“, sagt Fauzi Nablusiya, Leiter der Intensivstation. „Wegen der israelischen Blockade sind wir seit mehr als vier Jahren nicht in der Lage, eine neue Ausrüstung zu beschaffen. Aufgrund fehlender Ersatzteile können wir die alte nicht instandhalten. Daher müssen wir kritische Fälle nach Ägypten schicken. Die meisten der Patienten von der Intensivstation werden gegenwärtig dorthin gebracht.“

Dieser Notstand wird auch von Khalil Abu Foul, Chef der Katastrophenschutz-Einheit des palästinensischen Roten Halbmond und Direktor des Al-Quds-Krankenhauses, beklagt. Seiner Aussage nach fehlen 265 verschiedene medizinische Artikel wie Notfall-Arzneimittel, Krankenbahren – selbst Leichensäcke. Er berichtet, dass vier Mediziner verletzt wurden: „In vielen Fällen bombardiert Israel einen Ort erst einmal und zehn Minuten später noch einmal, wenn unser Team dort eintrifft. Auch unser Krankenhaus wurde beschädigt.“

In ständiger Angst


Die sich über den gesamten Gaza-Streifen erstreckende Bombardierung erzeugt eine äußerst belastende Situation. Zum permanenten Brummen der am Himmel kreisenden Drohnen kommt der schreckliche Krach des Kanonenbootbeschusses vor der Küste sowie der tieffliegenden F-16 Kampfjets. Von militanten Palästinensern abgeschossene Raketen verstärken den Lärm. Besonders die Kinder leiden darunter. Am schlimmsten ist es nachts, wenn die meisten Angriffe erfolgen. Die Häuser erbeben, wenn in der Umgebung Geschosse einschlagen. Viele Wohngebäude wurden beschädigt.

Die Bevölkerung muss sich ständig fragen, wann der nächste Bombenangriff kommt, und es ist fast unmöglich zu schlafen. Die Anspannung ist angewachsen durch die andauernden Gerüchte, die Israelis könnten eine Bodenoffensive beginnen, was die Situation dramatisch verschlechtern würde. Die Palästinenser sind auch besorgt um Freunde und Familienangehörige. Der 22-jährige Blogger Ebaa Rezeq beschreibt die Lage so: „Du bist nicht nur um dein eigenes Wohlergehen und das deiner Familie besorgt, sondern auch um das deiner Freunde und derer, die du liebst, die über den gesamten Gaza-Streifen verteilt wohnen. Das Schlimmste ist, dass sie nicht evakuiert werden oder sich an einen anderen Ort begeben können. Denn es gibt einfach keinen Ort, zu dem man gehen kann. Der gesamte Gaza-Streifen ist zum Ziel geworden.“

Starker Sinn für Solidarität


Trotz dieses Klimas des Terrors leben die Palästinenser ihren Alltag und organisieren sich so gut sie können. Sie gehen weiterhin auf die Straße und erledigen ihre Einkäufe. Sogar Fischerboote fuhren heraus auf See, trotz der vielen Kriegsschiffe und der vielen Detonationen um sie herum. Für den Taxifahrer Nabil Youssef Al Katib gehört das zum Alltag: „Das ist für uns normal, wir haben keine Angst vor den Bombardements. Wir sind daran gewöhnt.“ Das ist ein Beleg dafür, wie schlecht die Dinge in Gaza allgemein stehen, seitdem die Angriffe zur Regel wurden und nicht länger eine Ausnahme sind. Seit dem Beginn der israelischen Aggression sind die Straßen während der Nacht völlig leer und dunkel, was im deutlichen Kontrast zu dem üblicherweise belebten Straßenbild in Gaza steht.

Die Menschen haben einen starken Sinn für Solidarität, und kümmern sich umeinander. Einige Palästinenser, die in Gegenden leben, die regelmäßig angegriffen werden, werden von ihren Angehörigen aufgenommen, die an Orten leben, die als sicherer gelten.

Nasser Elsayyed, ein palästinensischer Französischlehrer, berichtet vom Alltag unter solchen Umständen: „Meine zwei Brüder und deren Angehörige kamen in mein Haus. Wir sind ungefähr zwanzig Leute. Nun leben drei Familien in meinem kleinen Appartement. Wir bewältigen den Alltag gemeinsam und teilen uns die Aufgaben auf. Wir füllen große Töpfe mit Essen für jeden. Die ganze Zeit achten wir auf die Nachrichten, versuchen, auf die Kinder aufzupassen und sie von dem Geschehen draußen abzulenken.“ Er zeige ihnen Zeichentrickfilme auf seinem Laptop und erzähle ihnen Geschichten oder spiele manchmal Schach, sagt Nasser. „Es ist eine angespannte Situation, da die Kinder die ganze Zeit raus wollen. Aber das wäre gefährlich. Sie verstehen einfach nicht, warum sie drin bleiben müssen.“ Letzte Nacht bombardierten die Israelis das Stadion, das nur 200 Meter entfernt liegt. „Unser Haus wurde schrecklich erschüttert, und mein jüngster Sohn fiel aus seinem Bett. Es fühlte sich wie ein Erdbeben an. Die Kinder haben in der Nacht große Angst. Warum haben sie das Stadion bombardiert? Von dort wurden keine Raketen abgeschossen.”

Überall Tote, Verletzte, Zerstörung

Krankenhäuser wurden bei den Attacken beschädigt, auch Moscheen, Fabriken, Schulen, öffentliche Gebäude und Gazas Hafen. Wohnhäuser mitsamt der in ihnen lebenden Familien wurden bombardiert. Am schlimmsten traf es die Familie von Suleiman Abdul Hamid Salah in Jabaliya und die al-Dalu-Familie in Gaza-Stadt.

Das Haus von Suleiman Abdul Hamid Salah wurde vergangenen Freitag durch drei Raketen komplett zerstört, 31 Zivilisten – allein aus dieser Familie – dabei verletzt. Die meisten von ihnen konnten aus den Trümmern gerettet werden. Angesichts der kläglichen Überreste des Hauses ist es wirklich erstaunlich, dass niemand von ihnen getötet wurde. Dutzende Häuser in der Umgebung wurden beschädigt, einige schwer.

Trauer Gaza
18. November: Die Töchter und die Mutter des 53-jährigen Nawal Faraj Abdul Aal betrauern ihren getöteten Verwandten, der bei einem Bombenangriff unter den Trümmern seines Hauses starb.
Foto © Anne Paq

Fayza Abu Saleh, die während dieses Angriffs verletzt wurde, meint: „Es ist ein Wunder, dass wir immer noch am Leben sind. Das Haus stürzte über unseren Köpfen in sich zusammen. Wir haben keine Ahnung, warum sie es als Ziel ausgewählt haben.” Ihr Ehemann Suleiman wurde wegen seines kritischen Gesundheitszustandes zusammen mit sechs anderen Personen nach Ägypten überführt.

Sena Ad-dadah, Mutter von fünf Kindern und Lehrerin an einer staatlichen Schule, lebte im Nachbarhaus der Familie Salah. Sena schildert, wie sie mit ihren Kindern in einem Bett in einem Hinterzimmer schlief, das von sämtlichen Räumen am weitesten von der Explosion entfernt lag. „Ich habe sie alle umarmt, und Gott sei Dank wurde niemand aus diesem Haus verletzt.“ Das Haus wurde teilweise zerstört, eine Wand hat nun ein großes Loch, und die gesamten Möbel wurden beschädigt.

Eine andere Familie hatte nicht so großes Glück. Am Sonntag wurde das dreistöckige Haus der Familie al-Dalu im Bezirk Al Nasser in Gaza-Stadt durch einen israelischen Luftangriff völlig zerstört.
Unter den acht getöteten Familienmitgliedern sind vier Kinder, die buchstäblich unter den Trümmern lebendig begraben wurden. Zwei Angehörige werden noch vermisst. Zwei Nachbarn, darunter eine alte Frau, kamen ebenfalls ums Leben , neun wurden verletzt, darunter zwei Kinder und drei Frauen. In den Stunden nach dem Luftangriff und noch am nächsten Tag wurde mit zwei Bulldozern verzweifelt nach Überlebenden und Leichen gesucht. Eine große Menschenmenge hatte sich dort versammelt und musste von der Hamas-Polizei und den anwesenden Medizinern zurückgehalten werden.

Plötzlich rannte ein Mann mit seinem Baby im Arm aus einem Haus , das sich ganz in der Nähe des zerstörten Gebäudes der al-Dalus befindet. Das löste eine Panik aus und veranlasste einige Leute, aus der Gegend zu flüchten. Später stellte sich heraus, dass der Mann einen Telefonanruf von den Israelis erhalten hatte, die ihm sagten, das Gebäude würde innerhalb der nächsten fünf Minuten bombardiert werden. Das geschah aber nicht. Sie hatten nur eine Form der psychologischen Kriegsführung angewendet. In anderen Fällen warnte die israelische Armee Einwohner vor der Ankunft von F-16-Kampfjets nicht mit Telefonanrufen, sondern mit Granatbeschuss.

Das geschah zum Beispiel mit der al-Haddad-Familie in Shajjaiyya. Am Sonntag um 4.30 Uhr schoss eine israelische Drohne drei Raketen von der Sorte ab, die nicht viel Schaden anrichten, aber dafür eine laute Explosion erzeugen. Diese Praxis des „An-die-Tür-Klopfens“ ist in Gaza wohlbekannt. Daher wusste die Familie, dass sie nur noch fünf Minuten zur Evakuierung hatte, bis die F-16-Kampfjets eintreffen würden. Drei Gebäude, die der Familie gehören, wurden bei dem Luftangriff zerstört. Mindestens zwanzig Menschen sind dadurch jetzt obdachlos. Eine Person wurde verletzt. Die al-Haddads haben keine Ahnung, warum ausgerechnet ihr Haus angegriffen wurde. „In unserer Familie gibt es keine Kämpfer, wir können es uns einfach nicht erklären“, sagen sie.
Die Beerdigung der getöteten Mitglieder der al-Dalu-Familie war sehr emotional. Tausende Menschen begleiteten die Verstorbenen auf ihrem letzten Weg. Wut und Schmerz waren in jedem Gesicht zu lesen. Wer in die blau angeschwollenen Gesichter der Kinder der Familie schaut, fragt sich, warum gerade ihr Wohnhaus ausgewählt wurde und warum diese Kinder sterben mussten. Hier gibt es keine „Terroristen“, nur Familien. Der Gaza-Streifen ist sehr dicht besiedelt, und Kinder machen die Hälfte der Bevölkerung aus. Auf Zivilisten zu schießen, ist nach dem Völkerrecht strikt verboten. Die Besatzungsmacht ist eigentlich für die Gewährleistung des Wohlergehens der Bevölkerung verantwortlich, und der Gaza-Streifen ist nach dem Humanitären Völkerrecht ein besetztes Gebiet.

Die Mainstream-Medien lügen, manipulieren und verschweigen


Wirklich verstörend ist es, wie die Ereignisse der letzten Tage in den Mainstream-Medien als „Konflikt“ dargestellt werden, in dem beide Seiten angeblich für die Eskalation verantwortlich sind. Es darf nicht außer Acht gelassen werden, dass den Palästinensern seit 1948 78 Prozent ihres Landes genommen wurde, sie seit 1967 unter israelischer Besatzung leben und der Gaza-Streifen seit 2007 einer strikten Belagerung unterliegt. Seit dem Jahr 2001 werden aus Gaza heraus sporadisch Raketen abgeschossen.

In den Medien wird als Auslöser der gegenwärtigen israelischen Offensive der Angriff auf einen israelischen Militär-Jeep am 10. November genannt, obwohl zwei Tage zuvor der 13-jährige Hamid Younis Abu Daqqa durch einen Granat-Splitter der israelischen Armee getötet wurde. Er spielte vor seinem Elternhaus in Abasan al Kabira, östlich von Khan Yunis, am frühen Morgen Fußball. Seine Spielgefährten konnten knapp entkommen.

Das israelische Militär reagierte auf den Angriff ihres an der Grenze patrouillierenden Jeeps am 10. November mit dem Beschuss eines Gebietes, in dem sich bekanntermaßen der Park des Stadtteils al-Shoja'iya im Osten von Gaza-Stadt befindet. Dort, etwa 1500 Meter von der Grenze entfernt, spielen Jugendliche gewöhnlich Fußball und verbringen ihre Freizeit. Zwei Kinder wurden bei dem Angriff sofort getötet. Menschen strömten zu dem Ort, als die Armee noch drei Granaten abfeuerte. Dabei kamen zwei weitere palästinensische Zivilisten ums Leben. Einer der zu Hilfe geeilten Palästinenser hielt sein Kopftuch (Kufiya) als weiße Fahne hoch. Insgesamt wurden mehr als dreißig Menschen verletzt, und in 72 Stunden wurden drei Kinder, einschließlich Hamid, getötet. Am 14. November (1) tötete die israelische Armee mit Ahmed al-Dschabari, Militärchef der Hamas, eine der wichtigsten Führungspersonen der Organisation. Das war nicht nur eine Kriegserklärung gegenüber der Hamas, sondern gegenüber allen militanten palästinensischen Gruppen.

Gershon Baskin ist Gründer des Israel Palestine Center for Research and Information und war bei der Vermittlung zwischen Israel und der Hamas behilflich, als die Freilassung des von der Hamas gefangengenommenen israelischen Soldaten Gilad Shalit ausgehandelt wurde. Er erklärte in einem Interview gegenüber der israelischen Zeitung Haaretz am 15. November, dass er Stunden vor dem Attentat auf Ahmed al-Dschabari einen Entwurf über ein Waffenstillstandsabkommen mit Israel bekommen hatte Dieser Entwurf habe Anleitungen enthalten, wie die Waffenruhe auch dann aufrechterhalten werden kann, wenn es zwischen Israel und Splittergruppen im Gaza-Streifen zu einem Aufflackern der Gewalt kommt.

Baskin weiter: „Ich denke, sie haben einen strategischen Fehler gemacht, der einer Reihe unschuldiger Menschen auf beiden Seiten das Leben kosten wird.“  Die Millitäroffensive steht im Kontext der bevorstehenden Wahlen in Israel. Viele Palästinenser und auch Analysten behaupten, die Angriffe werden von der israelischen Führung zu ihrem eigenen politischen Vorteil benutzt. Talat Bathatho, ein Pädagoge am Teacher Creativity Center, sagt: „Netanyahu vergießt das Blut der Palästinenser, um seinen Führungsanspruch behaupten zu können. Wir sind für die Israelis nur ein Werkzeug, und sie benutzen uns auch, um ihre Waffen zu testen.“

Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Angriffe Israels auf Gaza eine permanente Erscheinung und Teil einer Verfahrensweise sind, die nicht erst im Rahmen der gegenwärtigen Offensive ihre Anwendung findet. Laut der israelischen Menschenrechtsorganisation B'tselem wurden seit der Operation „Cast Lead“, bei der über 1.400 Palästinenser ihr Leben verloren, weitere 271 Einwohner des Gaza-Streifens von der israelischen Armee getötet (die Daten stammen aus dem Zeitraum zwischen dem 19.1.2009 und dem 30.9.2012).

Vor dem Beginn der israelischen Offensive waren keine Israelis durch die aus dem Gaza-Streifen abgeschossenen Raketen umgekommen. In den vergangenen sieben Tagen wurden fünf Israelis getötet. Auf palästinensischer Seite starben mehr als 140 Menschen. Laut Angaben der Menschenrechtsorganisation Al Mezan wurden auf dem Gaza-Streifen mindestens 597 Häuser beschädigt, davon 48 komplett zerstört.
Dennoch stellen die Mainstreammedien die Situation fortwährend so dar, als würden sich zwei ebenbürtige Parteien gegenseitig bekämpfen, die beide dieselbe Verantwortung für den Konflikt tragen.

„Wir sind menschliche Wesen“


Nasser Al Sayyed gesteht, es gebe einige Palästinenser, die Raketen abschießen würden. Aber das sei nichts im Vergleich zu den Bombardierungen und dem Leid, dem sie seit Jahren ausgesetzt seien. „Das ist eine Frage des Widerstandes. Wir mögen keinen Krieg. Wir hatten einen Waffenstillstand, aber der wurde von Israel gebrochen. Wir wollen in Frieden leben. Ich bitte das Ausland, hierherzukommen und mit eigenen Augen zu sehen, was geschieht. Wir wollen, dass diese Aggression unverzüglich eingestellt wird. Wir sind so traurig, weil so viele Palästinenser bereits gestorben sind. Wir sind menschliche Wesen so wie sie. Wir wollen am Leben bleiben, wir haben Hoffnungen und Träume.“

Zu den Raketen befragt, antwortet Talat Bathatho: „Wenn jemand zu dir nach Hause kommt und dich töten will, und dein Bruder nimmt eine Waffe in die Hand, um dich zu beschützen. Wie würdest du dich fühlen? Du wärst froh. Jedes Haus hier wird angegriffen. Israel muss gestoppt werden. Sie müssen verstehen, dass, wenn sie uns töten, sie erwarten müssen, selbst getötet zu werden.“ Alles, worum die Palästinenser bitten würden, sei nicht getötet zu werden und nicht länger mit der Gewalt der F-16-Kampfjets konfrontiert zu werden. „Wir brauchen jemanden, der uns beschützt. Wir leben seit 64 Jahren unter der Besatzung, und die Welt hat nichts unternommen. Wenn wir Palästinenser uns selbst verteidigen, werden wir als Terroristen bezeichnet“, sagt Talat verzweifelt. „Aber wenn Israel täglich Kinder und Frauen tötet und Häuser zerstört, ist das kein Terrorismus? 64 Jahre haben wir auf Freiheit gewartet. Das Leben unter dieser Last ist sinnlos.“ Talat musste mit ansehen, wie sein Haus während der Operation „Cast Lead“ zerstört wurde. Seine Ehefrau und seine Kinder hat er kurz darauf nach Norwegen geschickt, da „hier kein sicherer Platz ist. Ich will nicht, dass meine Angehörigen so enden, wie die al-Dalu-Familie.“

Unglaubliche Widerstandskraft


Büro zerstört
18. November: Ein nach der Bombardierung zerstörtes Büro des al-Quds TV-Senders in Gaza. Es liegt in der 11. Etage des Shawa-Gebäudes, in dem verschiedene Medienagenturen und Sender ihren Sitz haben.  Foto © Anne Paq
Im Kontrast zu den Lügen und Verzerrungen, die von den Mainstreammedien verbreitet werden, stehen die Blogs, Tweets und Facebook-Einträge, die von Anti-Kriegs-Aktivisten und Palästinensern erstellt werden.

Ebaa Rezeq berichtet : „Einer unserer Freunde, ein Aktivist im Bereich sozialer Netzwerke aus London, rief uns an und sagte: Wenn es euch nicht gäbe, wären wir uns der Situation nicht bewusst, die ihr sehr klar und detailliert geschildert habt. Wir wollten euch nur danken, ihr leistet eine großartige Arbeit. Zum ersten Mal habe ich das Gefühl, dass wir etwas wirklich Nützliches tun.“

Nach jeder Explosion werden Informationen über die Orte und die Anzahl der Toten und Verletzten gesammelt und verbreitet. Die Namen der getöteten Palästinenser, die die Menschen hier als „Märtyrer“ bezeichnen , werden verbreitet. Auch Aufrufe zum Blutspenden bringen die sozialen Netzwerke in Umlauf , viele Menschen gehen daraufhin ins Krankenhaus. Viele Palästinenser räumen nach den Bombardements den Schutt weg und äußern ihre Bereitschaft , sofort mit dem Wiederaufbau zu beginnen. Und gleich nach dem Angriff auf den Shawa Tower am 18. November, in dem viele Medienagenturen ihren Sitz haben und bei dem sieben Menschen verletzt wurden, hielten palästinensische Journalisten vor dem Gebäude eine Demonstration ab.

Das sind nur einige Beispiele für die unglaubliche Widerstandskraft der Einwohner Gazas. Eine Bevölkerung, die von allen Seiten belagert und angegriffen wird, die nirgendwohin entkommen kann und die immer noch auf einen Wandel und eine bessere Zukunft hofft, auf das Ende des Blutvergießens und schließlich auf Freiheit.


Die Autorin: Anne Paq ist eine in Palästina ansässige französische Fotografin und Mitglied des Foto-Kollektivs activestills.org. Sie ist Co-Produzentin der Dokumentation Flying Paper (flyingpaper.org) und arbeitet momentan an einem Projekt über die kreative Anpassungsfähigkeit der Kinder an das Leben in Gaza.


Anmerkungen

(1) Im englischsprachigen Originaltext heißt es „The following day Israel targets Ahmad Jabari.“ Jabari wurde am 14. November getötet, im Text war zuvor aber vom 10. November die Rede. Offenbar bezieht sich das „following day“ auf den 10.November plus die 72 Stunden.

* Die englische Übersetzung weicht von dem hebräischen Original „Amud Anan” (Rauchsäule) ab. Zur Bedeutung der Namensgebung der Operation: http://www.tabletmag.com/scroll/116790/heres-what-pillar-of-defense-actually-means
 

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