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Syrien: Vergewaltigungen als (Propaganda-)Waffe

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Von REDAKTION, 15. Januar 2013 -

Laut einem aktuellen Bericht der US-Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) sind Vergewaltigungen ein ausschlaggebender Faktor für die Flucht von Frauen und  Mädchen aus Syrien.

In allen Kriegs- und Katastrophengebieten seien Frauen und Mädchen Opfer von physischer und sexueller Gewalt, Syrien sei da keine Ausnahme.

„Viele Frauen und Mädchen berichteten davon, wie sie in der Öffentlichkeit oder zu Hause von bewaffneten Männern überfallen wurden. Diese Vergewaltigungen, an denen manchmal mehrere Täter beteiligt sind, werden oftmals vor den Augen der Familienmitglieder begangen“, heißt es in dem Bericht Syrien: Eine regionale Krise. (1) Frauen und Mädchen würden auch „verschleppt, vergewaltigt, gefoltert und getötet“. Befragungen unter Flüchtlingen in Jordanien und dem Libanon hätten ergeben, dass Vergewaltigungen einer der Hauptgründe seinen, warum Familien aus dem Land geflohen sind. Auch in den Flüchtlingslagern seien Frauen und Mädchen nicht vor sexuellen Übergriffen geschützt. Zudem würden viele Opfer aufgrund sozialer Konventionen und der Furcht vor Stigmatisierung darüber schweigen, was ihnen angetan wurde.

Mit Schuldzuweisungen hält sich die US-Menschenrechtsorganisation zurück. Welche Konfliktpartei hauptsächlich Vergewaltigungen verübt, oder ob diese Verbrechen gleichermaßen von beiden Seiten begangen werden, wird nicht benannt.

Aufschlussreich ist eher, was nicht gesagt wird. Es ist nicht die Rede von der syrischen Armee oder uniformierten Kräften, lediglich von „bewaffneten Männern“. Damit können Pro-Assad-Milizen gemeint sein, aber auch die Aufständischen. Die Berichte von Vergewaltigungen, die zwecks Abschreckung in der Öffentlichkeit begangen werden, lassen eher auf „Rebellen“ als Täter schließen. Es ist bekannt, dass diese in den von ihnen „befreiten“ Gebieten oftmals öffentliche Hinrichtungen durchführen, um die dortige Bevölkerung einzuschüchtern oder zur Flucht zu bewegen. Die an Oppositionellen begangenen Verbrechen wie Folter und Vergewaltigungen finden dagegen in der Regel hinter verschlossenen Türen statt.   

Keine Schuldzuweisungen

Die Frage nach den Tätern wird in dem IRC-Bericht aber ganz bewusst ausgeklammert. „Wir fragen absichtlich nicht nach den Tätern“, äußerte sich IRC-Koordinatorin Alina Potts gegenüber der Los Angeles Times. „Wir schauen, welche Hilfe benötigt wird.“ (2)

Es ist dem Anliegen einer Menschenrechtsorganisation durchaus angemessen, die Schicksale der betroffenen Opfer in den Vordergrund zu stellen und dadurch die Öffentlichkeit für deren Notlage zu sensibilisieren. Es ist daher verständlich, wenn eine neutrale Position bewahrt wird und man sich nicht an Schuldzuweisungen beteiligen will. Schließlich gilt es, allen Betroffenen Hilfe zu gewähren, ganz gleich, wo sie sich selbst in dem Konflikt positionieren.  

Der IRC-Bericht ist folglich für einseitige Stimmungsmache ungeeignet. Dennoch gab die Nachrichtenagentur AFP eine Meldung heraus, die dem Leser einen anderen Eindruck suggeriert. Schon die Überschrift der Meldung, die von vielen deutschen Medien unbesehen übernommen wurde, enthält einen Fehler. Dort ist die Rede von der UNO und nicht dem IRC. Die Meldung selbst gibt zwar den IRC-Bericht korrekt wieder und spricht nicht von der syrischen Armee, sondern von „bewaffneten Männern“. Allerdings werden die Ereignisse in Syrien auf eine Weise miteinander verflochten, die diese Aussage relativiert. So heißt es: „Im Syrien-Konflikt sind Vergewaltigungen ein ausschlaggebender Faktor für die Flucht von Frauen und jungen Mädchen in die Nachbarländer. Darauf wies die US-Hilfsorganisation International Rescue Committee (IRC) in einem Bericht hin. Nach Angaben von Aktivisten wurden unterdessen bei Angriffen der syrischen Armee acht Kinder und fünf Frauen getötet.“ (3) Oder auch: „In Syrien greift die Armee weiter Zivilisten und Rebellen an. Frauen fliehen vor allem aber vor Vergewaltigungen.“ (4) Die verschiedenen Aussagen werden nicht voneinander abgegrenzt, fließen ineinander über und erzeugen so den Eindruck, die syrische Armee sei auch für die Vergewaltigungen verantwortlich.  

Zerrbilder des Krieges

Ein Zerrbild, das sich einfügt in eine parteiische Berichterstattung, wie sie auch schon während des Krieges gegen Libyen vorherrschend war. „Sie vergewaltigen Frauen und Kinder: Gaddafi-Soldaten mit Viagra vollgepumpt“ (5), oder „Gaddafi putschte seine Schergen mit Viagra auf“ (6), lauteten die Schlagzeilen im April 2011, als die Intervention der Anti-Gaddafi-Koalition im vollen Gange war.

„Das hat aber nicht wirklich jemand ernst genommen, oder?“, antwortete Amnesty Internationals Krisenbeauftragte Donatella Rovera im Juli 2011 Jahres auf die Frage, ob Gaddafi tatsächlich das Potenzmittel an seine Soldaten ausgegeben hatte, damit diese systematisch vergewaltigen. (7)

Niemand, außer Susan Rice, US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen, die mit diesem Vorwurf auf einer Sitzung des Weltsicherheitsrats Stimmung gegen Gaddafi machte. (8) Und nicht zu vergessen Luis Moreno-Ocampo, Chefankläger des Internationalen Strafgerichts in Den Haag. Der behauptete noch im Juni 2011, der Verdacht, die libyschen Truppen würden „systematisch vergewaltigten“, habe sich „erhärtet“. Das Regime hätte „containerweise“ Viagra eingekauft, „um die Soldaten zur sexuellen Gewalt anzustacheln.“ (9)

Der Libyen-Konflikt lieferte ein Beispiel dafür, wie Vergewaltigungen in Kriegen nicht nur gezielt als Waffe eingesetzt werden, sondern ebenso einer Kriegspartei als Propagandamittel dienen können – und wie Medien bereitwillig solche Lügen verbreiten.  

Auch in Syrien wird das Thema Vergewaltigung von den Konfliktparteien propagandistisch ausgeschlachtet. So werden im syrischen staatlichen Fernsehen gefangengenommene „Rebellen“ präsentiert, die über die von ihnen an Frauen begangenen Verbrechen berichten. (10) Wenn sich jemand in einer solchen Situation öffentlich selbst schwerer Verbrechen bezichtigt, dann sind Zweifel an der Glaubwürdigkeit zwingend angebracht. Umgekehrt präsentieren die „Rebellen“ gefangene Soldaten und Polizisten, die sich vor der Kamera zu begangenen Vergewaltigungen bekennen. (11) Vor dem Hintergrund, dass Folter an inhaftierten Sicherheitskräften die Regel ist und sie nicht selten hingerichtet werden, ist auch in diesen Fällen Skepsis angebracht.

Angesichts dessen ist es nachvollziehbar, wenn der IRC-Bericht die Frage nach den Tätern nicht stellt – und somit keine Steilvorlage für diejenigen liefert, die das Schicksal der Opfer  für ganz andere Zwecke instrumentalisieren wollen, als die Not der Betroffenen zu lindern.

Die Neutralität des IRC in dieser Frage ist sogar erstaunlich. Schließlich sind in einem dem IRC angeschlossenen Gremium der „Overseers“ (Aufpasser, Betreuer), das die Organisation in Fragen der Politik und Finanzierung berät, die ehemaligen US-Außenministerinnen Madeleine Albright und Condoleezza Rice vertreten. Auch der ehemalige Nationale Sicherheitsberater Henry Kissinger ist mit von der Partie. Personen also, die hinter der Linie der US-Regierung stehen, derzufolge Syriens Präsident Assad gestürzt werden muss.

Vielleicht ist der IRC-Bericht nicht trotz des Einflusses dieser prominenten Politiker neutral gehalten, sondern gerade deswegen. Sollte sich nämlich herausstellen, dass die Täter mehrheitlich aus den Reihen der „Rebellen“ kommen, ließe sich die in den westlichen Medien vorherrschende wohlwollende Berichterstattung gegenüber den Anti-Assad-Kämpfern kaum länger aufrechterhalten.


Anmerkungen

(1) http://www.rescue.org/crisis-syria-0

(2) http://www.latimes.com/news/world/worldnow/la-fg-wn-syria-refugees-rape-20130114,0,7106644.story

(3) http://www.welt.de/newsticker/news1/article112761120/UNO-Vergewaltigungen-zwingen-Syrer-in-Massen-zur-Flucht.html

(4) http://www.augsburger-allgemeine.de/politik/Frauen-und-Maedchen-fliehen-vor-Vergewaltigern-id23521876.html

(5) http://www.express.de/politik-wirtschaft/sie-vergewaltigen-frauen-und-kinder-gaddafi-soldaten-mit-viagra-vollgepumpt,2184,8378610.html

(6) http://www.bild.de/politik/ausland/muammar-gaddafi/gaddafi-hat-massen-vergewaltigungen-befohlen-putschte-schergen-mit-viagra-auf-18297458.bild.html

(7) http://derstandard.at/1308680482845/Es-fand-eine-regelrechte-Jagd-auf-Migranten-statt

(8) http://www.spiegel.de/politik/ausland/viagra-fuer-soldaten-usa-werfen-gaddafi-anstiftung-zu-vergewaltigungen-vor-a-759643.html

(9) http://www.stern.de/politik/ausland/vorwurf-der-vergewaltigungen-in-libyen-gaddafi-soll-truppen-mit-viagra-anstacheln-1693894.html

(10) https://womenundersiegesyria.crowdmap.com/reports/view/142

(11) https://womenundersiegesyria.crowdmap.com/reports/view/144
 

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