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Die Bundesrepublik pflegt gute Kontakte zu afghanischen Warlords. Dass es sich bei denen um Kriegsverbrecher handelt, scheint nicht zu stören -  

Von EMRAN FEROZ, 07. August 2013 -

Afghanistans Warlords sind vor allem für ihre zahlreichen Menschenrechtsverbrechen bekannt. Viele von ihnen sind wichtige Akteure in der gegenwärtigen Politik am Hindukusch. Seit Beginn der Operation „Enduring Freedom“ sind die westlichen Soldaten auf sie angewiesen. Zu Deutschland pflegen einige dieser Verbrecher ganz besondere Beziehungen.

Wenn Außenminister Westerwelle oder Kanzlerin Merkel am Flughafen in Mazar-e Scharif aussteigen, werden sie von ihrem afghanischen Kollegen freundlich empfangen. Man lächelt in die Kameras und führt Smalltalk. Das Übliche eben. Der afghanische Kollege heißt in diesem Fall Noor Mohammad Atta, Gouverneur der Provinz Balkh. Zu seinen Mudschaheddin-Zeiten trug Atta einen langen Vollbart und predigte von Islam und Märtyrertum. Gegenwärtig zieht er es vor, sich als weltoffener Politiker zu präsentieren - im teuren Anzug und mit kurz getrimmten Bart.

In den 90er-Jahren kämpfte Atta unter Ahmad Schah Massoud. Schnell machte er sich einen Ruf und befehligte zahlreiche Milizen. In dieser Zeit sind auch die Morde geschehen, für die er bis heute wie zahlreiche andere Warlords verantwortlich gemacht wird. Im vergangenen Jahr stieß man in Balkh immer wieder auf Massengräber aus Zeiten des Afghanischen Bürgerkriegs. Unter den namenlosen Toten befinden sich auch viele Opfer von Attas Milizen. (1)

Doch darüber will man in Berlin nichts wissen. In „Mazar“, wie die Stadt gerne von Afghanen genannt wird, wurde vor Kurzem eine deutsche Botschaft feierlich eröffnet. Guido Westerwelle und Noor Mohammad Atta grinsten wieder einmal zufrieden in die Kameras. Der Außenminister sicherte den Afghanen weiterhin die Unterstützung Deutschlands zu. Als Westerwelle im Jahr 2011 Atta in Mazar-e Scharif offiziell die „Verantwortung“ übergab, waren Medien und Politiker empört. Es war nicht nachvollziehbar, warum der deutsche Außenminister einen Kriegsfürsten hofierte. Aus der Kritik hat er wohl nichts gelernt. (2) (3)

Auch der usbekische Milizenführer Abdul Rashid Dostum hat eine besondere Beziehung zu Deutschland. Dostum, der wie Atta die ISAF-Soldaten im Kampf gegen die Taliban unterstützte, hat sich im Laufe der Jahre als Kriegsverbrecher einen besonderen Namen gemacht. Obwohl zahlreiche Verbrechen des Warlords, der alkoholkrank ist, ausführlich dokumentiert sind, hatte die Bundesrepublik keine Bedenken, ihn hierzulande ärztlich zu behandeln.

Während des afghanischen Bürgerkriegs machten Dostums Milizen gezielt Jagd auf andere ethnische Bevölkerungsgruppen. Diese Säuberungsaktionen betrafen vor allem Paschtunen im Norden Afghanistans. In der Provinz Baghlan richtete Dostum den dortigen Mudschaheddin-Führer, ebenfalls ein Paschtune, höchstpersönlich „symbolisch“ hin. Das wohl bekannteste Massaker Abdul Rashid Dostums wurde vom afghanischen Dokumentarfilmer Najibullah Quraishi aufgegriffen. Der Film namens „Afghan massacre – The Convoy of Death“ rekonstruiert jene Bluttat, die im November 2001 geschah. (4)

Damals hatten Dostums Milizen eine größere Gruppe von Taliban-Kämpfern gefangen genommen. Die Gefangenen, unter denen sich nicht nur Afghanen befanden, sondern auch Tschetschenen, Pakistaner und Usbeken, wurde in mehrere Container eingesperrt. Diese fuhr man mitten in die Wüste und ließ sie einige Tage dort stehen. Die Kämpfer waren nicht nur der Hitze ausgesetzt, Dostums Männer schossen immer wieder Löcher in die Container und vergnügten sich an den Qualen ihrer Gefangenen. Der Milizenführer beteiligte sich gerne an solchen Taten.

Heute gehört der blutrünstige Dostum neben Atta zu den mächtigsten Männern im Norden Afghanistans. Der Mächtigste ist allerdings der gegenwärtige Vizepräsident, Mohammad Qasim Fahim, ein weiterer Massenmörder, der sich gerne in Deutschland blicken lässt. Berichten zufolge ließ sich Fahim vor Kurzem im Bundeswehrspital in Berlin behandeln - auf Staatskosten. Anscheinend war dies nicht sein erster Deutschland-Besuch. Laut taz residierten im Januar 2012 im Berliner Luxushotel Adlon nicht nur Fahim und der erwähnte Dostum, sondern auch weitere afghanische Warlords wie Ahmad Zia Massoud und Mohammad Mohaqqiq. (5)

Seitens der Bundesregierung besteht offenbar keinerlei Handlungsbedarf. Eher das Gegenteil ist der Fall. Da deutsche Truppen vor allem im Norden des Landes stationiert sind, will man es sich mit den dortigen Machthabern nicht vergeigen. Man behandelt sie auf Staatskosten, lässt sich gerne mit ihnen ablichten und empfängt sie in diversen Luxushotels. Was jedoch immer außer Acht gelassen wird, ist die Tatsache, dass diese Herrschaften nicht ins Adlon gehören, sondern auf eine Anklagebank in Den Haag.


Anmerkungen

(1) http://www.wsws.org/de/articles/2012/aug2012/afgh-a02.shtml
(2) http://www.wadsam.com/german-foreign-minister-inaugurates-german-consulate-and-civilian-airport-in-mazar-e-sharif-232/
(3) http://www.welt.de/politik/ausland/article13502570/Warum-hofiert-Westerwelle-einen-Kriegsfuersten.html
(4) http://www.zenithonline.de/deutsch/gesellschaft//artikel/fragwuerdige-kriegshelden-003233/
(5) http://www.taz.de/Ex-Warlord-im-Bundeswehrkrankenhaus/!118086/
 

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