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Die Ohnmacht der Konsumenten

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„Fair“- und „Öko“-Siegel haben die Arbeitsbedingungen für Textilbeschäftigte weltweit kaum verbessert. Nur ein strengeres Haftungsrecht kann Abhilfe schaffen -

Von JÖRN BOEWE, 05.06.2014 - 

Die Tragödie von SabharMindestens 1 127 Menschen wurden getötet, 2 438 verletzt, als am 24. April vergangenen Jahres das neungeschossige Rana-Plaza-Hochhaus im Industrievorort Sabhar bei Dhaka einstürzte. Es war der bislang schwerste Industrieunfall in der Geschichte Bangladeschs. In dem Gebäude, das einem führenden Mitglied der Regierungspartei Awami-Liga gehörte, waren Produktionsstätten verschiedener Textilunternehmen untergebracht. Einen Tag vor dem Einsturz waren in dem Bauwerk Risse festgestellt und der Zutritt durch die Polizei untersagt worden. Dennoch hatten die Unternehmen den Betrieb fortgesetzt. Als das Hochhaus einstürzte, befanden sich mehr als 3000 Menschen, vor allem Textilarbeiterinnen, darin. Ein Untersuchungsbericht kam im Mai 2013 zu dem Ergebnis, dass grobe Fahrlässigkeit, etwa durch die Verwendung minderwertiger Baumaterialien, Hauptursache der Katastrophe war. Mehrere Etagen des Gebäudes waren illegal errichtet worden.(1)

Unter den zwölf Textilunternehmen, die ihre Produktion im Rana-Plaza-Gebäude zum Zeitpunkt des Einsturzes bestätigten, waren Benetton, El Corte Inglés, KiK und Mango. In den Trümmern wurden Medienberichten zufolge aber auch Labels und Dokumente gefunden, die darauf hinweisen, dass zahlreiche weitere Firmen dort produzieren ließen, darunter die Adler Modemärkte, C&A, Carrefour, Kids Fashion Group und Walmart. Viele dieser Firmen hatten auch in der nicht weit entfernten Tazreen-Kleiderfabrik produzieren lassen, in der am 24. November 2012 bei einem Großbrand 117 Menschen ums Leben kamen und mehr als 200 verletzt wurden.

Fernsehbilder wie die aus der Tazreen-Fabrik und vom Rana Plaza haben europäische Konsumenten aufgeschreckt. Das seit den 1990er Jahren wachsende Interesse an „fair und ökologisch“ produzierter Kleidung ist noch einmal spürbar nach oben geschnellt.(2) Markenfirmen wie auch Discounter haben – ähnlich wie im Lebensmittelbereich – klar erkannt, dass das Unbehagen wachsender Teile der Bevölkerung über inakzeptable Produktionsmethoden inzwischen ein effektiver Marketingfaktor geworden ist. Der Übergang vom Nischen- zum Massenmarkt hat begonnen: So hat der Versandhandelskonzern Otto angekündigt, sein komplettes Textilsortiment bis 2020 auf nachhaltig erzeugte Baumwolle umzustellen. Der Fokus liege dabei „auf der Armutsbekämpfung und der Bildungsförderung durch die Erhöhung der Erträge der Kleinbauern“.(3) Auch H&M, C&A und Adidas haben erklärt, bis Ende des Jahrzehnts ausschließlich „nachhaltig angebaute“ Baumwolle zu verwenden.(4)

Verloren im Label-Dschungel

Eine kaum überschaubare Zahl von „Öko“- und „Fair“-Siegeln verspricht den Kunden, dass bei der Herstellung der so beworbenen Produkte gewisse Mindeststandards eingehalten wurden: Umweltverträglichkeit, fairer Handel mit auskömmlichen Löhnen für alle an der Wertschöpfungskette Beteiligten und menschenwürdige Arbeitsbedingungen.(5)

In der Praxis ist daran einiges problematisch: etwa, dass sich hinter diesen allgemeinen Zielsetzungen recht unterschiedliche Standards verbergen, dass die Kontrollmechanismen unzureichend sind und die Haftungsregeln bei Verstößen zu vage. All das ist zudem für die Konsumenten schwer zu durchschauen. Die seit Jahren mit dem Thema befasste Christliche Initiative Romero (CIR) listet auf ihrer Internetseite – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – 28 Siegel und Standards für „grüne Mode“ von „armedangels“ über „C&A Bio Cotton“, „H&M Conscious Collection“ bis zu „zündstoff“ auf.(6)

So bietet etwa der deutsch-niederländische Textilmulti C&A Mode GmbH & Co. KG seit 2007 Biobaumwoll-Textilien unter dem Label „Bio Cotton“ für den Massenmarkt an. Die Produkte aus Biobaumwolle werden zum gleichen Preis wie die aus konventionell erzeugter Faser angeboten. Nach eigenen Angaben ist C&A größter Abnehmer von nachhaltig erzeugter Baumwolle weltweit. Laut eigenen Angaben wurden 2010 etwa 26 Millionen Kleidungsstücke aus zertifizierter Biobaumwolle verkauft, was circa 13 Prozent der gesamten Baumwollkollektion ausmachte, 2011 waren es rund 30 Millionen Stück (ca. 15 Prozent). Im Geschäftsjahr 2012 schoss die Zahl auf mehr als 80 Millionen T-Shirts, Hemden, Hosen und Kleider aus zertifizierter Baumwolle hoch, was einer Steigerung von rund 140 Prozent entspricht. Der Anteil an der Gesamtkollektion lag damit bei 30 Prozent. Für 2013 war eine Steigerung auf 100 Millionen verkaufte Kleidungsstücke aus Biobaumwolle geplant – die genauen Zahlen liegen noch nicht vor.(7)

Welche Standards verbergen sich aber hinter der Bezeichnung „C&A Bio Cotton“? Zunächst sind dies ökologische. Alle Produkte der Bio-Cotton-Kollektion bestehen zu 100 Prozent aus Biobaumwolle. Genmanipuliertes Saatgut wird nicht verwendet. Zertifizierungen werden hauptsächlich von der Organisation Textile Exchange (TE), einer 2002 unter dem Namen Organic Exchange in den USA gegründeten NGO, durchgeführt. Soziale Kriterien werden von TE nicht zugrunde gelegt.

Allerdings müssen sich Lieferanten auf den C&A-Verhaltenskodex (Code of Conduct) verpflichten. Hauptziel dieser Selbstverpflichtung soll die „Verbesserung der Arbeitsbedingungen der Menschen in den Herstellungsländern“ sein.(8) Das Handelshaus verpflichtet seine Lieferanten zur Einhaltung gesetzlicher Mindestlöhne nach den jeweiligen nationalen Gegebenheiten. Vielsagend heißt es bei C&A: „Ob diese letztlich ausreichen, um den Lebensbedarf der Arbeitnehmer zu decken, ist politisch heftig umstritten.“ Existenzsichernde Löhne werden ausdrücklich nicht gefordert.

Auffällig ist, dass C&A nicht die Einhaltung aller Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) garantiert. Entwicklungspolitische Gruppen wie die CIR kritisieren unter anderem, dass das Unternehmen von seinen Zulieferern nicht verlangt, dass alle Beschäftigten einen Arbeitsvertrag erhalten. Kinderarbeit soll eingeschränkt werden, ist aber ausdrücklich zulässig: Der Kodex setzt das Mindestalter der Beschäftigten auf 14 Jahre fest.(9) Kontrolliert wird die Einhaltung des Codes durch die Service Organisation for Compliance Audit Management (SOCAM), eine C&A-Gründung. Diese ist nach eigenen Angaben zwar operativ unabhängig vom Mutterkonzern, wird aber von diesem finanziert und berichtet ausschließlich an C&A.

Selbstverpflichtung wenig wirksam

Grundsätzlich sind Verhaltenskodizes, in denen sich Unternehmen freiwillig selbst verpflichten, bestimmte Standards einzuhalten, eine schwache Orientierungshilfe für Verbraucher und anfällig für Manipulation. „Firmen benutzen Produktsiegel oft als reine Marketinginstrumente“, heißt es bei der CIR.(10) Nicht viel besser als die Labels, die sich Großkonzerne selbst aufkleben, sind die von Zusammenschlüssen der Privatwirtschaft vergebenen Siegel. Durch den Zusammenschluss verschiedener privatwirtschaftlicher Unternehmen zu einer gemeinsamen Initiative wird Unabhängigkeit suggeriert. Die bedeutendste dieser Art ist die 2003 gegründete Business Social Compliance Initiative (BSCI). Sie vertritt außenwirtschaftliche Interessen des gesamten europäischen Handels und zählt über 900 Mitgliedsunternehmen, darunter Aldi, Lidl, Otto, Metro und Deichmann. Sie nimmt immerhin Bezug auf die ILO-Kernarbeitsnormen, existenzsichernde Löhne sind aber auch bei der BSCI nicht verpflichtend vorgeschrieben. „NGOs und Gewerkschaften werden nur beratend herangezogen, nicht aber in Entscheidungen eingebunden“, kritisiert Textilexperte Dominic Kloos vom Ökumenischen Netz Rhein-Mosel-Saar. Wie unzureichend die Kontrollmechanismen sind, zeigte sich deutlich daran, dass mehrere der 2013 im eingestürzten Rana-Plaza-Hochhaus untergebrachten Firmen wiederholt und auch kurz zuvor durch die BSCI zertifiziert worden waren. Als Überprüfungsinstanz war unter anderen der TÜV Rheinland tätig. Dieser erklärte nach der Katastrophe, die Kontrollen hätten sich lediglich „auf soziale und ethische Kriterien der Arbeitsgestaltung“, nicht aber „auf die Überprüfung möglicher baulicher Mängel eines Gebäudes“ bezogen.(11)

Aussagekräftiger als Branchenzusammenschlüsse wie die BSCI sind sogenannte Multi-Stakeholder-Initiativen (MSI). Hier sind verschiedene Interessengruppen involviert, neben den Unternehmen werden Gewerkschaften und NGOs gleichberechtigt beteiligt. Wichtigste MSI sind derzeit die Fair Wear Foundation (FWF), Ethical Trading Initiative (ETI), Fair Labor Association (FLA), Social Accountability International (SAI) und das Workers Rights Consortium (WRC). Die höchsten Standards wendet dabei momentan die Fair Wear Foundation an, die von der CIR als „Best-Practice“-Beispiel eingestuft wird. Hier stehen soziale Kriterien wie existenzsichernde Löhne im Fokus, es gibt unabhängige lokale Beschwerdestellen für Beschäftigte, eine jährliche Überprüfung der Managementsysteme bei den Mitgliedsunternehmen und umfangreiche externe Kontrollen. „Umfangreich“ bedeutet allerdings auch bei der FWF, dass letztlich nur eine Minderheit der Zulieferer überprüft wird. Alle drei Jahre wird die Umsetzung der Arbeitsbedingungen in zehn Prozent der Betriebe durch unabhängige Teams der FWF kontrolliert. Die Kosten für diese Verifizierung werden aus den Mitgliedsbeiträgen der Organisation finanziert.

Berlin ignoriert UN-Beschlüsse

Auch Initiativen mit vergleichsweise hohen Standards, wie die FWF, haben im Grunde sehr begrenzte Effekte. „Was die Arbeitsbedingungen angeht, gibt es kaum einen Unterschied zwischen Markenfirmen und Discountern“, meint Kloos. Ein staatliches Gütesiegel, vergleichbar dem 2010 eingeführten EU-Bio-Siegel für Lebensmittel, gibt es in der Textilbranche bislang nicht. Käme es dazu, wäre zudem zu befürchten, dass es einen sehr niedrigen Standard festschreiben würde, befürchten Experten wie Kloos.

Offenbar auch aufgrund der zwiespältigen und ernüchternden Erfahrung mit diversen Siegeln und Standards forderten entwicklungspolitische Organisationen in jüngerer Vergangenheit ein stärkeres Engagement des Staates und internationaler Organisationen. Nicht nur aktivere Kontrollen, sondern auch schärfere Haftungsregeln seien nötig. So müsse gesetzlich festgelegt werden, welche Arbeitsrechte deutsche Unternehmen bei ausländischen Tochterfirmen und Zulieferern beachten müssen, fordert die Ende Februar veröffentlichte Studie von misereor und Germanwatch.(12) Bei Verstößen sollten Beschäftigte aus den Produktionsländern vor deutschen Gerichten auf Schadensersatz klagen können.

Eigentlich sollte dies längst der Fall sein. Im Juni 2011 hatte der Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen einstimmig die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte beschlossen. Sie sehen unter anderem vor, dass Opfer von Menschenrechtsverletzungen durch Unternehmen die Möglichkeit zur Beschwerde und zur Wiedergutmachung haben sollen. Deutschland sei dieser Aufforderung bisher nicht nachgekommen, kritisieren die Autoren der Studie.

Währenddessen warten die Hinterbliebenen und Überlebenden der Katastrophe von Rana Plaza immer noch auf Entschädigungen. Wie die internationalen Gewerkschaftsbünde IndustriALL, UNI Global Union und die Clean Clothes Campaign am 6. März erklärten, haben etliche Unternehmen bislang keine oder nur unzureichende Wiedergutmachungen geleistet. Darunter befinden sich den Angaben zufolge die Adler Modemärkte, Benetton, C&A, Carrefour, Cato Fashions, The Children‘s Place, Güldenpfennig, Kids Fashion, KiK, Primark und Walmart.(13)


 

Anmerkungen

# Dieser Text erschien zuerst in der aktuellen Printausgabe von Hintergrund. Abos und Einzelhefte gibt´s hier.

(1)    http://www.tagesschau.de/ausland/bangladesch-fabrikgebaeude104.html
(2)    http://www.fairtrade-deutschland.de/produkte/absatz-fairtrade-produkte/
(3)    http://www.derhandel.de/news/unternehmen/pages/Textilhandel-Nachhaltig,-Bio,-Fair-Modeanbieter-suchen-den-Koenigsweg-9337.html
(4)    http://www.textilzeitung.at/uploads/pics/Textilzeitung_1813.pdf
(5)    http://www.ci-romero.de/gruenemode-siegel/
(6)    http://www.ci-romero.de/gruenemode-labels/
(7)    http://www.finanzen.net/nachricht/rohstoffe/ROUNDUP-C-A-Weltweit-der-groesste-Abnehmer-von-Bio-Baumwolle-2677115
(8)    http://www.c-and-a.com/de/de/corporate/company/unsere-verantwortung/menschen-foerdern/arbeitsbedingungen/
(9)    http://www.c-and-a.com/ro/ro/corporate/fileadmin/mediathek/ro-ro/downloads/CommentCodeofConduct_engl.pdf
(10)    http://www.ci-romero.de/gruenemode-siegel/
(11)    http://www.tuv.com/de/deutschland/ueber_uns/presse/meldungen/newscontentde_160076.html
(12)    http://germanwatch.org/de/8227
(13)    http://www.labourstartcampaigns.net/show_campaign.cgi?c=2200&src=ubmm

 

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