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Zum Tod von Eduardo Galeano

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Zufälligkeiten -

Von WOLF GAUER, São Paulo, 13. Mai 2015 -

Am 13. April verstarben die Schriftsteller Günter Grass und Eduardo Galeano, Grass in Lübeck, Galeano in Montevideo. In Deutschland starteten ein nationaler Medien-Hype und plumpe Nekrologe für Grass (Kulturstaatsministerin Monika Grütters: „gleich neben Goethe“), in ganz Lateinamerika hingegen gab es Tränen und aufrichtige Trauer um Galeano. Nobelpreisträger Grass schrieb fürs bürgerliche Publikum, Galeano war diesem ein Ärgernis. Grass-Lesern wird Galeano schwerlich fehlen, und Galeanos lateinamerikanische Leserschaft braucht keinen Günter Grass. Sie braucht Galeano; wir werden sehen warum.

Eduardo Germán Hughes Galeano (*1940) kam aus „guter Familie“, zog es aber vor, eigenen Impulsen zu folgen, unter anderem als Arbeiter, Schildermaler, Laufjunge, Drucker und Karikaturist. Seine sozialen Tauchversuche führten zur sozialistisch-pazifistischen Leitlinie eines Gesamtwerks von mehr als vierzig Titeln. Frei vom Opportunismus des Literaturbetriebs, frei von sozialdemokratischem Flirt mit der Macht. Die Laudatio anläßlich der Verleihung (2010) des Stig-Dagerman-Preises (ja, es gibt in Schweden auch ernstzunehmende Literaturpreise) ehrte Galeano als „ständig und unerschütterlich an der Seite der Verdammten“, als einen, der „sie anhört und ihr Zeugnis mittels Poesie, Journalismus, Prosa und Aktivität vermittelt“ (El Universal, 12.9.10, Übs. hier und alle ff. W.G.). Doch erst die Universität von Havanna benannte Galeanos ureigenste Bedeutung als „Wiederhersteller des wirklichen kollektiven Gedächtnisses Südamerikas und Chronist seiner Zeit“ (Carta Maior, 25.4.15) und machte ihn zum Ehrendoktor (2001). Zahlreiche ähnliche Ehrungen sollten folgen.

Galeanos Analyse der ökonomischen und kulturellen Abhängigkeiten Lateinamerikas anhand der tatsächlichen historischen Verläufe hat das vom Imperialismus eingeimpfte Geschichtsbild seiner Menschen korrigiert und damit die Grundlage für legitime lateinamerikanische Bewusstseinsbildung geschaffen. Knapp und lakonisch vorgetragen in seinem weltweit anerkannten Hauptwerk Die offenen Adern Lateinamerikas (1971). Schon der erste Satz gibt den Duktus der konsequent materialistischen Geschichtsentwirrung vor: „Die internationale Arbeitsteilung besteht darin, dass die einen Länder sich aufs Gewinnen spezialisieren, die anderen aufs Verlieren. Unser Stück Welt, das wir heute Lateinamerika nennen, war frühreif: Es spezialisierte sich schon aufs Verlieren seit jenen alten Zeiten, da die Europäer der Renaissance über die Meere schaukelten und ihm die Zähne in den Hals gruben“ (Las Venas Abiertas de América Latina, Coyoacán 2004).

„Unserem Stück Welt“ lieferte der (alsbald verbotene) Text Fakten und Daten für das revolutionäre Umdenken der Generation Galeanos bis hinein in die pastoralen Basisgemeinden. Und zwar derart schlüssig, dass die Rechte um jede soziologische und moralische Apologie verlegen war. José Alberto Mujica Cordano, damals Mitglied der Tupamaro-Befreiungsfront (15 Jahre im Gefängnis) und Alt-Präsident Uruguays: „Galeano hat uns unsere Würde in Lateinamerika zurückgegeben“ (República, 25.4.15). Silvino Heck, Vertreter der Befreiungstheologie, heute Berater der Präsidentin Brasiliens: „Wir hatten nun eine zweite Bibel unterm Arm. Neben dem Alten und dem Neuen Testament die ‚Offenen Adern’“ (Adital, 17.04.15). Und der Kommentar eines Lesers, der für Millionen steht: „Die ‚Offenen Adern Lateinamerikas‘ zeigten mir, wie ich wieder Gefallen an uns selbst finden kann“ (Carta Maior, 13.4.15). Die heutigen Institutionen lateinamerikanischer Integration und Solidarität (Mercosur, ALBA, Unasur, CELAC u.a.) sind ohne Galeanos fundamentale Vorarbeit undenkbar, sie wurden von seiner Generation, von seinen Lesern, geschaffen.

Seine weiteren Arbeiten vertieften den Prozess der lateinamerikanischen Selbstfindung. Hervorgehoben sei die im Exil entstandene Trilogie Erinnerungen an das Feuer (1982–86) in der für das spätere Werk typischen Mischtechnik aus Poesie, Dokumentation, Beschreibung und Interpretation. Trotz thematischer Überschneidungen mit den Zeitgenossen Gabriel García Márquez (Kolumbien, 1927–2014) und Carlos Fuentes (Mexiko, 1928–2012) ist die heutige Konstitution lateinamerikanischer Identität und Solidarität ihrem Mitstreiter aus Uruguay zu verdanken.

Galeano hat Lateinamerika in einer kritischen Phase verlassen. Das US-Imperium kämpft um verlorenes Terrain. In Venezuela, Brasilien und Argentinien wird die Maidanisierung geprobt, Kubas weiterer Weg ist infrage gestellt. „Wir sind alle lateinamerikanische Brüder“, sagte mir ein indigener Bergmann in den Anden; ähnlich drückten sich auch ein Taxifahrer in Buenos Aires und ein peruanischer Fischer in Amazonien aus. Eduardo Galeano bleibt uns erhalten.


 

Erschienen in Ossietzky, Zweiwochenschrift für Politik, Kultur und Wirtschaft
Heft 10/2015

 

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