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Lernen mit Leistungsdruck

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Wollen wir eine Schule, die Kinder krank macht?

Von ANDREAS VON WESTPHALEN, 5. Januar 2015 -

Leistungsdruck„Ein großes, globales Rennen hat begonnen: die Weltmärkte werden neu verteilt, ebenso die Chancen auf Wohlstand im 21. Jahrhundert“, diagnostizierte im Jahr 1997 der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog. Seine Hoffnung war: „Wir können wieder eine Spitzenposition einnehmen, in Wissenschaft und Technik, bei der Erschließung neuer Märkte.“ Herzog forderte daher die Deutschen auf, „bereit zum lebenslangen Lernen zu sein, den Willen zu haben, im weltweiten Wettbewerb um Wissen in der ersten Liga mitzuspielen. (…) Ich ermutige zu mehr Wettbewerb und zu mehr Spitzenleistungen. (…) Bildung muss das Mega-Thema unserer Gesellschaft werden.“ Kurz: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.(1) Roman Herzog war nicht der Einzige, der eine Betonung des Leistungsprinzips in der Schule anmahnte. Als aber im Jahr 2000 Deutschlands 15-jährige Schüler erstmals dem PISA-Test unterzogen wurden, landete das Land, das so stolz auf sein Bildungssystem und das Humboldtsche Bildungsideal war, nur im letzten Drittel.(2)

Vertreter aus Industrie und Politik forderten sofortige Konsequenzen. Auch die Eltern teilten deren Ansinnen, das Schulwesen umzugestalten. In einer TNS-Emnid-Umfrage aus dem Jahr 2004 zeigten sich nur noch 31 Prozent der Befragten mit dem deutschen Schulsystem zufrieden.(3) Die Umfrage offenbarte einen Meinungswechsel der Eltern – hin zu mehr Leistung, strengerer Auswahl, höheren Anforderungen: 49 Prozent forderten Elite-Universitäten, 81 Prozent regelmäßige Tests für Lehrer.(4) Sechs Jahre später verlangten 60 Prozent der Eltern strengere Lehrer sowie mehr Disziplin und Leistung im Klassenzimmer.(5) Im letzten Jahr legten mehr als drei Viertel der Befragten Wert darauf, dass deutsche Schüler in internationalen Leistungsvergleichen wie PISA gut abschneiden. Die Umfrage zeigt den Autoren zufolge, „dass den meisten Deutschen eine klare Leistungsorientierung in den Schulen wichtig ist“.(6) Ganz in ihrem Sinne betont Roland Wöller, Kultusminister in Sachsen, jenem Bundesland, das in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften den ersten Platz im PISA-Test belegte: „Ohne Leistungsorientierung und Druck geht es nicht.“(7)

Schulstress und Leistungsdruck

Das Land der Dichter und Denker muss sich keine Sorgen machen, dass im Jahre 2015 in der leistungsorientierten Schule nicht ausreichend Druck gemacht wird. Die von der Bepanthen-Kinderförderung in Auftrag gegebene und von der Universität Bielefeld durchgeführte aktuelle Studie „Burn-Out im Kinderzimmer: Wie gestresst sind Kinder und Jugendliche in Deutschland?“ untermauert anhand einer ausführlichen Untersuchung, dass deutsche Schüler massiv unter Stress stehen. Die Besonderheit dieser Studie ist, dass sie auf detaillierten Interviews mit den Schülern basiert. Das Ergebnis ist alarmierend: „18 Prozent der Kinder und 19 Prozent der Jugendlichen in Deutschland leiden unter deutlich hohem Stress. (…) Wichtig anzumerken ist, dass auch die übrigen 82 Prozent der Kinder unter Stress-Symptomatiken leiden, diese jedoch in einer weniger ausgeprägten Form.“(8)

Hier eine Zusammenfassung der zentralen Erkenntnisse:

° Kinder mit hohem Stress leiden unter Versagensängsten. Knapp die Hälfte der gestressten Kinder hat Angst, ihre Eltern zu enttäuschen, denn sie nehmen deren Erwartungen viel intensiver wahr.

° Kinder leiden unter klassischen Burn-Out-Symptomen: Einschlafschwierigkeiten, Kopf- und Bauchschmerzen sowie Müdigkeit. 65 Prozent der Kinder mit hohem Stress berichten über somatoforme Belastungen, die im Vergleich zu allen Kindern überdurchschnittlich stark sind.

° Fast 34 Prozent der Kinder mit hohem Stress haben ein hohes Aggressionspotenzial.

° Gut 60 Prozent der gestressten Kinder geben an, nur manchmal oder nie nach ihrer Meinung gefragt zu werden, und rund 85 Prozent der Kinder mit hohem Stress werden nicht in die eigene Freizeitplanung eingebunden.

Das aktuelle LBS-Kinderbarometer, eine regelmäßig durchgeführte Befragung von Kindern im Alter zwischen neun und 14 Jahren, zeichnet ein ähnliches Bild. Vor der Schule haben Jugendliche mehr Angst als davor, keine Freunde zu haben.(9) Deutsche Jugendärzte warnen immer wieder vor dem Stress, der Jugendliche krank machen könne.(10) Fast jeder dritte Schüler klagt laut einer Umfrage der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2013 über Kopfschmerzen, Schlafprobleme, Gereiztheit oder Niedergeschlagenheit. 40 Prozent der Schülerinnen bekennen, mehrfach in der Woche unter psychosomatischen Beschwerden zu leiden.(11) UNICEF beobachtet bei deutschen Kindern eine „Veränderung des Krankheitsspektrums“ von körperlichen zu seelischen Beschwerden und von akuten zu chronischen Leiden.(12) Der Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler Klaus Hurrelmann resümiert: „Viele der gesundheitlichen Störungen von Schülern, vor allem solche psychischer oder psychosomatischer Art, hängen eng mit dem System Schule zusammen.“(13)

Angst vor der Schule
Angst vor der Schule: Immer mehr Kinder fürchten, den Anforderungen nicht gerecht zu werden

Im Rahmen der Studie „Burn-Out im Kinderzimmer“ wurden auch ausführliche Interviews mit den Eltern geführt. Es überrascht wenig, dass 50 Prozent der Befragten erklärten, alles für die Förderung ihres Kindes zu tun. Allerdings scheint vielen Eltern eine sensible Wahrnehmung dafür zu fehlen, wie viel Druck sie ihrem Kind zumuten können. So machen sich über 40 Prozent der Eltern gestresster Kinder eher Sorgen, ihre Kinder nicht genügend zu fördern.(14)

Aber das Verhalten der Eltern kommt selbstverständlich nicht von ungefähr, vielmehr agieren sie in einem klaren gesellschaftlichen und politischen Kontext. Auf die Frage, was sich in den vergangenen dreißig Jahren verändert habe, antworteten etwa 60 Prozent der Eltern, die Erwartungen seien heute höher. Ein Drittel der Befragten beklagt hierbei den „Druck durch die hohen Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft“, und in einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa gestand die Mehrheit der Eltern, sich bei der Erziehung ihrer Kinder enorm unter Druck zu setzen.(15) Dieser Druck hat auch Konsequenzen für das familiäre Budget: Drei Milliarden Euro investieren Eltern jedes Jahr in Nachhilfe, 20 Prozent von ihnen mehr als 200 Euro pro Monat.(16) In Deutschland braucht jeder fünfte Schüler Nachhilfeunterricht. Zum Vergleich: In Finnland ist es nur jeder fünfzigste.(17)

Auch Lehrkräfte leiden unter dem gestiegenen Druck. Eine Untersuchung der Universität Potsdam im Jahr 2006 zeigte, dass fast zwei Drittel der Lehrer und Lehrerinnen in Deutschland aus beruflichen Gründen als gesundheitsgefährdet, erschöpft, ausgebrannt und krank gelten.(18) Nach einer Befragung wollen gerade einmal 41 Prozent bis zur Pension arbeiten.(19) Die beunruhigende Wahrheit der leistungsorientierten Schule scheint zu sein, dass alle Beteiligten, Schüler, Lehrer und Eltern, immer mehr unter Druck stehen und gestresst sind. Die Kinder und Jugendlichen werden mit Burnout und ständigem Konkurrenzkampf auf die Leistungsgesellschaft vorbereitet.

Besonders beunruhigend ist, dass bereits Grundschüler in Deutschland unter Stress leiden, insbesondere Viertklässler, die mit zehn Jahren am Scheideweg zwischen Gymnasium, Real- und Hauptschule stehen. In einigen Bundesländern wie Bayern sind es die Grundschullehrer, die die Kinder aufgrund ihres Notendurchschnitts für eine weiterführende Schule empfehlen. Eine aktuelle Studie der Universität Würzburg, die 1#600 Eltern befragte, zeigt, dass fast jeder zweite bayerische Dritt- und Viertklässler erhöhte Stresswerte aufweist, die zum Teil „alarmierend“ sind. Bei 16 Prozent der Schüler ist die Belastung so hoch, „dass im Grunde eine Gefährdung des Kinderwohls nicht mehr weit entfernt ist“.(20)  Und auch an den Eltern geht der Selektionsdruck nicht spurlos vorüber. Fast 55 Prozent empfinden das Verfahren als belastend.(21)  Klaus Wenzel, Präsident des Bayerischen Lehrerverbandes, warnt: „Kinder und Lehrer gehen kaputt.“(22)

In einigen Bundesländern wie Hessen dürfen die Eltern hingegen entscheiden, auf welche weiterführende Schule ihr Kind gehen wird. Hier ist „nur“ gut ein Viertel der Zehnjährigen sehr belastet, und knapp ein Drittel der Eltern leidet unter der Situation.(23)

Die Entscheidung über die Zukunft des zehnjährigen Kindes sowohl durch den Lehrer als auch durch die Eltern birgt massive Probleme. Die Empfehlungen der Lehrer waren erstaunlicherweise in fast der Hälfte der Fälle falsch, wie eine Auswertung aus dem Jahr 2004 zeigt. Der Grund hierfür ist, dass die Lehrer oft weniger die Leistung als die soziale Herkunft der Schüler berücksichtigen.(24) Entscheiden die Eltern, neigen auch sie dazu, ihrem eigenen sozialen Status angemessen und nicht den Fähigkeiten des Kindes entsprechend zu wählen, wie das Max-Planck-Institut für Bildungsforschung gezeigt hat. (25)

Ein Bericht von UNICEF über das deutsche Selektionsverfahren offenbart, dass eine gerechte Auswahl nach Leistungskriterien nicht funktioniert. So schnitten 10 Prozent der Hauptschüler und ein Drittel der Realschüler bei vergleichenden Tests besser ab als das schlechteste Viertel der Gymnasiasten.(26) Dies wird auch durch die Intelligenzforschung bestätigt. So gibt es zahlreiche Kinder auf Haupt- und Realschule, deren gemessener IQ höher ist als der vieler Gymnasiasten. (27)

Schule
Vermessen und an die Standards angepasst: Das moderne Bildungssystem zielt auf das Heranzüchten beruflicher Allzweckwaffen.

Trotz der zahlreichen gravierenden Mängel ist das System der dreiteiligen Schule in Deutschland eine gewisse Selbstverständlichkeit, wird doch allerorts vom Scheitern der Gesamtschule gesprochen. Das System der frühzeitigen Aufteilung der Schüler auf Gymnasien, Real- und Hauptschulen gibt es aber nur in Österreich und Deutschland. In anderen europäischen Ländern werden Schüler und Eltern deutlich später vor diese lebensprägende Entscheidung gestellt: In den Benelux-Ländern mit 13 Jahren, in den meisten Ländern Europas sind sie sogar 16 Jahre alt.

Ilka Hoffmann, Schulexpertin bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), sagt über das Notensystem in Deutschland: „Der Glaube an die Objektivität von Noten und dass sie für eine echte Rückmeldung an das Kind stehen, hält sich hartnäckig. Die meisten Eltern können sich keine Alternativen vorstellen.“(28) Klaus Wenzel, der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, bekennt aber: „Es gibt keine objektive Bewertung, obwohl sich alle Lehrer große Mühe geben.“(29) Studien untermauern seine Aussage. So werden Schüler aus sozial benachteiligten Familien bei gleicher Leistung in der Schule schlechter benotet als Kinder aus sozial begünstigten Elternhäusern.(30) Jungen werden tendenziell schlechter benotet als Mädchen(31), und die Körperfülle der Schüler hat offenbar ebenfalls Einfluss auf die Notengebung.(32) Klaus Wenzel fordert daher statt Noten eine gehaltvolle Rückmeldung über den Entwicklungsprozess des Schülers. (33)
 
Seit Jahren wird heftig über Sinn und Unsinn der Notengebung diskutiert und hinterfragt, ab welchem Alter Schulnoten vergeben werden sollten. Finnland, das regelmäßig sehr erfolgreich bei den PISA-Tests abschneidet, erlaubt erst ab dem fünften Schuljahr Schulnoten. Ab der siebten Klasse sind sie dann vorgeschrieben. In Nordrhein-Westfalen, Hamburg und Berlin gibt es in Ziffern ausgedrückte Noten erst ab der vierten Klasse. Im Jahr 2014 beschloss Schleswig-Holstein, Schulnoten für Grundschüler komplett abzuschaffen. Eine Abfrage in den Schulen zeigte jedoch, dass der Großteil in der vierten, teilweise sogar in der dritten Klasse bereits Noten vergab.(34) Offenbar hält sich die Überzeugung von der Notwendigkeit und der Objektivität der Noten hartnäckig.

Präformatiertes Denken

„Divergent Thinking“, das man mit „divergentem Denken“ oder „Denken abseits ausgetretener Pfade“ übersetzen kann, ist kein Synonym für Kreativität, sondern vielmehr eine Fähigkeit, die für Kreativität notwendig ist. Es ist die Fähigkeit, eine Frage auf eine Vielzahl unterschiedlicher Arten zu interpretieren und darauf eine Vielzahl unterschiedlicher Antworten zu geben. Beispielsweise auf die Frage: „Wie viele unterschiedliche Verwendungen für eine Büroklammer fallen Ihnen ein?“

In ihrem Buch Breakpoint and Beyond: Mastering the Future Today präsentierten die Wissenschaftler George Land und Beth Jarman bereits im Jahr 1992 eine Langzeitstudie, in der 1#600 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren auf ihre Fähigkeiten im divergenten Denken in acht verschiedenen Tests geprüft wurden. 98 Prozent erzielten Werte, die dem eines Genies des divergenten Denkens entsprechen. Fünf Jahre später wurden dieselben Kinder, die nun acht bis zehn Jahre alt waren, getestet. Nun erzielten nur noch 32 Prozent die Ergebnisse eines Genies. Fünf weitere Jahre später gelangten nur noch 10 Prozent dieser Kinder zu einem Top-Ergebnis. Ein Vergleichstest mit 200 000 Erwachsenen ergab, dass nur 2 Prozent von ihnen ein Genie des divergenten Denkens waren.(35) Pablo Picasso hatte dies intuitiv erkannt, als er feststellte: „Alle Kinder sind geborene Künstler. Das Problem besteht darin, Künstler zu bleiben, während wir älter werden.“

Wie ist der Verfall dieser angeborenen Fähigkeit zu erklären? Zum einen wird den Kindern in der Schule gelehrt, dass eine Frage nur auf genau eine Art und Weise interpretiert werden kann und dass es auf jede Frage nur eine richtige Antwort gibt. Diese Formatierung des Denkens wird nicht nur durch die Multiple-Choice-Tests, die in angelsächsischen Ländern sehr beliebt sind, untermauert, sondern bildet auch die Grundlage für alle internationalen Vergleichstests wie die PISA-Studie. (Die Anzahl korrekt gesetzter Kreuzchen kann man miteinander vergleichen, eine Analyse der Ursache des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges hingegen nicht). Zum anderen gibt es in der Schule kein „Recht auf Misserfolg“(36) und kein Recht, Fehler zu machen. Gerade angesichts der regelmäßigen internationalen Vergleichstests, die die nationale Bildungspolitik in Atem halten, gewinnt die Fähigkeit des Schülers, die vom Test gewünschte Antwort zu geben, immer mehr an Bedeutung, wohingegen der Raum, der es den Schülern gestattet, Fragen zu stellen und Fehler zu machen, immer enger wird. Das alte pädagogische Postulat, dass man aus Fehlern lernt, hat ausgedient. Wenn aber ein Kind nicht die Möglichkeit hat, Fehler zu begehen, kann nichts Originelles entstehen. Der Kunstprofessor und Bildungsexperte Sir Ken Robinson fordert daher, dass Kreativität in der Erziehung ein ebenso wichtiger Stellenwert beigemessen wird wie der Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben.(37)

An einem konkreten Beispiel lassen sich die Auswirkungen eines ausschließlich auf Leistung orientierten Schulsystems aufzeigen: In kaum einem anderen Land gelingt die Umsetzung der eingangs erwähnten Ziele so gut wie in China. Aber bei der Jagd auf den Spitzenplatz im PISA-Ranking ging offenbar etwas verloren. In einem Vergleich von 21 Ländern bildeten chinesische Schüler beim Test ihrer Phantasie das internationale Schlusslicht. In Kreativität kamen sie nur auf den fünftletzten Platz.(38) Selbst der damalige chinesische Premierminister Wen Jiabao gestand öffentlich ein, dass es chinesischen Studenten an praktischen Fähigkeiten und kreativem Geist fehle. Man habe es versäumt, unabhängiges Denken zu trainieren. Die staatliche Zeitung China Daily findet deutliche Worte: Überraschend seien diese schlechten Resultate nicht, seien die Schüler doch zu wahren „Test-Maschinen“ herangezogen worden.(39)

Bildungssystem in China
Negativbeispiel China: Kreativität und Phantasie bleiben auf der Strecke, wenn es nur um Konformität und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt geht.

Die OECD, die hinter den PISA-Studien steht, erklärt die Bedeutung der dort bewerteten „Schlüsselkompetenzen“ damit, dass sie dazu befähigen sollen, „sich an eine durch Wandel, Komplexität und wechselseitige Abhängigkeit gekennzeichnete Welt anzupassen“, und fragt: „Welche anpassungsfähige Eigenschaften werden benötigt, um mit dem technologischen Wandel Schritt zu halten?“(40) Der Kunstpädagoge Professor Jochen Krautz kommentiert: „Bildung wird damit zur Anpassung. Anpassung an ökonomische Erfordernisse bzw. an das, was die OECD dafür hält. Kompetenzen zielen demnach gerade nicht auf selbständiges Denken, sondern fördern die Unterordnung unter die gegebenen Umstände und die Effektivitätskriterien der Wirtschaft, die daran verdient.“(41) Mit anderen Worten: Es geht um eine möglichst zahlreiche Heranzüchtung beruflicher Allzweckwaffen, die in einer sich stetig verändernden Wirtschaft des 21. Jahrhunderts möglichst effizient eingesetzt werden sollen, um „eine Spitzenposition einnehmen zu können“. Von einer Erziehung zur Mündigkeit, die einst als Grundlage der Demokratie und als Ziel der Aufklärung betrachtet wurde, ist weit und breit keine Spur.

Eine letzte Frage bleibt

Was wollen wir? Eine Schule, die Kinder, Eltern und Lehrer krank macht? Kinder, die lebenslang miteinander konkurrieren und deren Denken mehr und mehr formatiert ist, ohne einen Hauch von Phantasie, aber perfekte Test-Maschinen, damit wir auf „unsere“ Platzierung in der PISA-Liga stolz sein können? Eine schöne neue Welt mit vielen Arbeitsplätzen für perfekt arbeitende Technokraten?

Eigentlich war sich dieses Land nach 1945 in der historischen Erfahrung darin einig, wie gefährlich Technokratie und ein nicht ausgebildeter kritischer und selbstständiger Geist ist. Spuren davon finden sich in der Zielbeschreibung für Schulen in den Verfassungen der Bundesländer. Man müsste sie nur befolgen.


 

Anmerkungen

Der Artikel erschien zuerst im Hintergrund-Magazin 4/2015.

(1)     http://www.stern.de/politik/deutschland/roman-herzog-durch-deutschland-muss-ein-ruck-gehen-521364.html
(2)      Der Artikel „Feindliche Übernahme in der letzten Ausgabe des „Hintergrunds“ zeigt, dass die PISA-Studien zum einen nur einen Bruchteil des Lernstoffs vergleichen und zum anderen einen eigenen sehr wirtschaftsfreundlichen Lehrplan den einzelnen Ländern durch die Hintertür aufoktroyieren.
(3)      http://www.welt.de/print-welt/article345258/Immer-mehr-Deutsche-begruessen-mehr-Leistung-und-Disziplin-in-der-Schule.html
(4)     http://www.welt.de/print-welt/article345258/Immer-mehr-Deutsche-begruessen-mehr-Leistung-und-Disziplin-in-der-Schule.html
(5)     http://www.focus.de/familie/schule/bildungspolitik/disziplin-drill-und-druck-pisa-sieger_id_2010304.html
(6)     http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/ifo-umfrage-schule-noten-und-sitzenbleiben-sind-sinnvoll-a-991368.html
(7)     http://www.focus.de/familie/schule/bildungspolitik/disziplin-drill-und-druck-pisa-sieger_id_2010304.html
(8)     http://kinderförderung.bepanthen.de/static/documents/02_Presseleitmeldung_Stress-Studie%202015.pdf
(9)     http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/stress-bei-schulkindern-ein-drittel-aller-schueler-stresst-die-schule-a-1015449.html
    https://www.lbs.de/presse/p/presseinformationen/details_3042950.jsp
(10)     http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/turbo-abitur-jugendaerzte-klagen-ueber-schulstress-a-961668.html
(11)      http://www.sueddeutsche.de/bildung/jugendmedizin-die-schule-macht-die-schueler-krank-1.1907311
(12)     Henning Sußebach: Liebe Sophie!, S. 38.
(13)     http://www.sueddeutsche.de/bildung/jugendmedizin-die-schule-macht-die-schueler-krank-1.1907311
(14)     http://kinderförderung.bepanthen.de/static/documents/09_Vortrag_Stress-Studie%202015.pdf
    (S. 10, 14)
(15)     http://www.eltern.de/public/mediabrowserplus_root_folder/PDFs/studie2015.pdf
    http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/studie-eltern-2015-zuviel-druck-stress-ansprueche-a-1012567.html
(16)     Henning Sußebach: Liebe Sophie!, S. 40.
(17)     Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott, S. 156.
(18)     Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott, S. 267.
(19)     Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott, S. 158.
(20)     http://www.sueddeutsche.de/bildung/uebertritt-auf-weiterfuehrende-schulen-grundschueler-leiden-unter-hohem-stress-1.2459632
(21)     http://www.sueddeutsche.de/bildung/uebertritt-auf-weiterfuehrende-schulen-grundschueler-leiden-unter-hohem-stress-1.2459632
(22)     http://www.sueddeutsche.de/karriere/entscheidung-ueber-die-richtige-schulform-ohne-noten-aufs-gymnasium-wenn-die-eltern-es-wollen-1.1082602
(23)     http://www.sueddeutsche.de/bildung/uebertritt-auf-weiterfuehrende-schulen-grundschueler-leiden-unter-hohem-stress-1.2459632
(24)     http://www.sueddeutsche.de/karriere/benachteiligte-grundschueler-bessere-noten-fuer-maedchen-bei-gleicher-leistung-1.827961
(25)     http://www.sueddeutsche.de/karriere/entscheidung-ueber-die-richtige-schulform-ohne-noten-aufs-gymnasium-wenn-die-eltern-es-wollen-1.1082602
(26)     http://www.unicef-irc.org/publications/340
(27)    Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott, S. 302.
(28)     http://www.welt.de/print/die_welt/finanzen/article136971000/Am-besten-keine-Noten.html
(29)     http://www.sueddeutsche.de/bildung/zensuren-in-schulzeugnissen-noten-sind-ungerecht-und-subjektiv-1.1286734
(30)     http://www.news4teachers.de/2011/12/arme-schuler-bekommen-schlechtere-noten-%E2%80%93-bei-gleicher-leistung/
(31)     http://www.sueddeutsche.de/karriere/benachteiligte-grundschueler-bessere-noten-fuer-maedchen-bei-gleicher-leistung-1.827961
(32)     http://www.spiegel.de/schulspiegel/dicke-kinder-bekommen-schlechtere-noten-in-der-schule-a-925100.html
(33)     http://www.sueddeutsche.de/bildung/zensuren-in-schulzeugnissen-noten-sind-ungerecht-und-subjektiv-1.1286734
(34)     http://www.welt.de/print/die_welt/finanzen/article136971000/Am-besten-keine-Noten.html
(35)     Zitiert nach einer Rede von Sir Ken Robinson: Changing the Paradigms.
    https://www.youtube.com/watch?v=mCbdS4hSa0s
    https://www.psychologytoday.com/blog/creative-synthesis/201203/be-more-creative-today
(36)     Dieses Recht für die Schüler fordert der Pädagoge Janusz Korczak. Zitiert in Henning Sußebach: Liebe Sophie!, S. 94.
(37)      Vgl. die TED-Talk-Rede „Do Schools Kill Creativity“ von Sir Ken Robinson.
    https://www.youtube.com/watch?v=iG9CE55wbtY
(38)     http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,734775,00.html
(39)     http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,744030,00.html
(40)     http://www.deseco.admin.ch/bfs/deseco/en/index/03/04.parsys.97111.downloadList.89603.DownloadFile.tmp/2005.dskcexecutivesummary.ge.pdf
(41)     Jochen Krautz: Bildung Ware, S. 129f.

 

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