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Mehr tote Flüchtlinge in der Sahara als im Mittelmeer

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(09.02.2016/hg/dpa)

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit spielt sich in der Sahara und der Sahelzone mutmaßlich eine humanitäre Katastrophe ab. Die Flüchtlingskrise hat nach Einschätzung des Entwicklungsministeriums und namhafter Experten zu einem Boom der organisierten Kriminalität in Nordafrika und der Türkei geführt, der mutmaßlich weit mehr Flüchtlinge und Migranten das Leben gekostet hat als bisher bekannt.

„Nach vorsichtigen Schätzungen sind über eine Million Menschen in der Sahara ums Leben gekommen“, sagt Entwicklungsstaatssekretär Thomas Silberhorn (CSU), fügt aber hinzu, dass es sehr schwierig sei, solche Zahlen zu verifizieren. „Wir können aber sicher davon ausgehen, dass sehr viel mehr Menschen auf dem Weg durch die Sahara gestorben sind als im Mittelmeer.“

„Angesichts der entlegenen Region glauben wir, dass viele Todesfälle in der Sahara nicht entdeckt werden“, sagt dazu Daniel Szabo, Sprecher der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Genf. Die Zahl von einer Million hält die IOM allerdings für stark überhöht.

Zur Lage in der Sahara und der Sahelzone gibt es kaum verlässliche Erkenntnisse, auch westliche Medien sind dort quasi nicht präsent. Nach Berichten afrikanischer Flüchtlinge in Europa werden offenbar viele Migranten von Menschenhändlern in der Wüste ausgesetzt und verdursten, andere sterben womöglich bei Kämpfen rivalisierender Banden und Milizen.

Ein alarmierendes Bild der Lage zeichnet eine im Dezember erschienene Studie des südafrikanischen Institute for Security Studies (ISS) im südafrikanischen Pretoria und der in Genf ansässigen Global Initiative against Transnational Organized Crime, einem internationalen Netzwerk von Fachleuten gegen das organisierte Verbrechen.

Die Autoren Tuesday Reitano und Peter Tinti gehen nach Gesprächen mit Regierungsvertretern, Beamten, Militärs, Geheimdienstlern und Flüchtlingen rund ums Mittelmeer davon aus, dass die Krise zu einem Boom des organisierten Verbrechens geführt hat. Die kriminelle Hochkonjunktur wiederum trägt zu einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen bei.

„Um die künstlich erhöhte Nachfrage aufrecht erhalten zu können, rekrutieren die Schmugglergruppen aktiv Migranten entlang der Hauptfluchtrouten und in den Herkunftsländern südlich der Sahara“, heißt es in dem Papier.

Reitano und Tinti machen eine Beispielrechnung für den Menschenhandel in Ägypten auf: Demnach bedeutet jeder Transport von fünfzig Flüchtlingen für die Bosse der Schmuggelnetzwerke am Nil einen Profit von geschätzt 62 000 Dollar.

Mutmaßlich wissen viele Migranten vorher um die Gefahren und nehmen die Reise dennoch auf sich – ein Indiz der Hoffnungslosigkeit in den Heimatländern. „Der Migrationsdruck aus Afrika auf Europa ist sehr viel größer als wir bisher wahrnehmen“, sagt Staatssekretär Silberhorn.

Der CSU-Politiker plädiert dafür, den kriminellen Netzwerken ihr Geschäftsmodell zu nehmen, indem legale Einwanderungsmöglichkeiten geschaffen werden. „Das soll nicht bedeuten, dass wir die Zuwanderung weiter erhöhen, im Gegenteil“, sagt Silberhorn. „Aber wenn man diese Schlepperstrukturen austrocknen will, muss man die Arbeitsmigration schon in den Herkunftsländern managen und nicht erst bei uns. Es darf nicht der Schlepper und Schleuser der einzige Anbieter auf dem Markt sein.“

Das setze freilich voraus, dass man die EU-Außengrenzen vollständig kontrollieren könne. Silberhorn verweist darauf, dass neunzig Prozent der Flüchtlinge in den Entwicklungsländern aufgenommen werden, nicht in den Industriestaaten. „Wir können nicht alle bei uns aufnehmen. Es ist daher Teil unserer ethischen Verantwortung, dort zu helfen, wo die Not am größten ist.“

Doch auf absehbare Zeit bleibt für die deutsche Politik insgesamt wie für die CSU mit ihrem Ruf nach einer nationalen Obergrenze ein sehr beunruhigender Trend: Menschenhändler haben die Flüchtlingskrise zwar angeheizt – aber nicht verursacht. Die meisten Fachleute sind sich einig, dass die weltweite Migration noch zunehmen wird.

 

Kurzmeldungen im Überblick

BND gab Wissen um US-Spionage in Deutschland nicht weiter

(27.09.2016/mdr) Nach Recherchen des ARD-Magazins FAKT (produziert vom MDR) hat ein US-Sicherheitstechnikhersteller geheime Zugänge für US-Geheimdienste in seine Kameraüberwachungssysteme eingebaut. Dies belegt ein als geheim klassifizierter Bericht des Bundesnachrichtendienstes (BND) aus dem Jahre 2005. Nach FAKT-Recherchen handelt es sich dabei um die Firma NetBotz. Eine Quelle hatte den BND bereits 2004 auf diesen Vorgang hingewiesen.  Eine technische Überprüfung eines der Geräte durch den Bundesnachrichtendienst ergab, dass das System verdeckt eine Verbindung mit einem amerikanisc [ ... ]


Hollande erstmals in Calais – Räumung des Flüchtlingslagers angekündigt

(26.09.2016/hg/dpa) Zum ersten Mal in seiner Amtszeit hat Frankreichs Präsident François Hollande am Montag Calais besucht – die Stadt am Ärmelkanal, die wie keine andere in Frankreich die Folgen der Flüchtlingskrise spürt. Vor in Reih und Glied angetretenen Polizisten beteuert der Staatschef, dass die Tage des berüchtigten „Dschungels von Calais“, des Flüchtlingscamps am Ärmelkanal, gezählt seien: „Wir müssen das Lager vollständig und endgültig schließen.“ Sieben Monate vor der Präsidentenwahl ist das Thema hochbrisant. Die Stimmung brodelt in der nordfranzösischen  [ ... ]


Ex-Agent Werner Mauss schweigt vor Gericht

(26.09.2016/hg/dpa) Jahrzehntelang war er als Geheimagent in heiklen Missionen im Einsatz – seit Montag steht Werner Mauss als Angeklagter vor Gericht. Der 76-Jährige muss sich vor dem Landgericht Bochum wegen Steuerhinterziehung verantworten. Es geht um rund fünfzehn Millionen Euro. Zu den Vorwürfen äußerte er sich am ersten Verhandlungstag nicht. Nach Ansicht seiner Verteidiger unterliegt Mauss einer Geheimhaltungspflicht und müsste eine Aussagegenehmigung der obersten Bundesbehörden erhalten. „Wir haben um eine Klärung gebeten“, sagte Verteidiger Ingo Hamm. „Dies ist jedoc [ ... ]


Linke kritisiert SPD-Votum für CETA

(20.09.2016/hg/dpa) Die Zustimmung der SPD zum geplanten Freihandelsabkommen der EU mit Kanada ist bei den Linken auf scharfe Kritik gestoßen. „Der BDI gratuliert – Gabriel pariert“, sagte Parteichef Bernd Riexinger der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Am Montag waren zwei Drittel der Delegierten auf dem SPD-Konvent in Wolfsburg dem Kurs von SPD-Chef Sigmar Gabriel gefolgt und stellten sich grundsätzlich hinter das geplante Freihandelsabkommen. Gabriel sprach von einem „richtig guten Tag für die SPD“. Wirtschaftsverbände, darunter der Bundesverband der Deutschen Industrie (B [ ... ]


Neuer NSU-Ausschuss im Stuttgarter Landtag nimmt Arbeit auf

(19.09.2016/hg/dpa) Mit der Befragung eines Politikwissenschaftlers zum Ku-Klux-Klan hat der zweite NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag von Baden-Württemberg seine öffentliche Arbeit aufgenommen. Das Gremium ging am Montag der Frage nach, ob der rassistische Verbund in Schwäbisch Hall Verbindungen zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) hatte. Bisher ist bereits bekannt, dass der deutschen Sektion des Klu-Klux-Klans rund zwanzig Personen angehört haben. In einem Klan im Raum Schwäbisch Hall waren zwei Polizisten aus Baden-Württemberg Mitglieder. Einer der Beamten war spät [ ... ]


Nach Anschlag in New York: Paketbomben in New Jersey entdeckt

(19.09.2016/hg/dpa) Am Bahnhof des Ortes Elizabeth im US-Bundesstaat New Jersey ist nach Angaben der Bundespolizei FBI ein verdächtiges Paket mit mehreren Bomben entdeckt worden. Örtliche Medien sprachen von fünf Sprengsätzen. Einer der improvisierten Sprengsätze sei beim Versuch, ihn zu entschärfen, explodiert, teilte das FBI in der Nacht zum Montag (Ortszeit) per Twitter mit. Es sei aber niemand verletzt worden. Das FBI gab nicht an, wie viele Bomben in dem Paket platziert waren. Der Bürgermeister von Elizabeth, Chris Bollwage, bestätigte Berichte, wonach die Bomben in einem Rucksa [ ... ]