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Samstag, 04. Februar 2012  

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Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste – Teil 1-3 (Buchauszüge)

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Teil 3:

Von JÜRGEN ELSÄSSER. 

London:

Der mutmaßliche Drahtzieher der Bombenanschläge vom 7. Juli 2005 hat im Auftrag des MI6 in Bosnien und Kosovo gekämpft

Am 7. Juli 2005 morgens, um exakt 8.50 Uhr, zerrissen drei Bomben innerhalb von 50 Sekunden Zugwaggons in oder kurz vor den Londoner U-Bahnhöfen Aldgate, Edgware Road und Russell Square. 57 Minuten später detonierte eine vierte Bombe im Doppeldeckerbus Nummer 30 nahe Tavistock Square. Insgesamt starben 56 Menschen, darunter die vier angeblichen Attentäter, mindestens 700 Menschen wurden verletzt. Am 21. Juli sollten vier weitere Bomben im Londoner Nahverkehrsnetz explodieren. Es kam jedoch nur zu relativ harmlosen Verpuffungen ohne Personenschäden.

(...) Die »Times« schrieb, »dass die für die vier Anschläge verwendeten Sprengsätze sehr wahrscheinlich von ein und demselben Hersteller stammen. Dieser habe Militärsprengstoff für die Bomben benutzt, der aus dem Balkan gekommen sein könnte.«2 Am 13. Juli berichtete das Blatt: »Der Sprengstoff wird vor allem in den USA hergestellt, aber es gibt Beweise, dass militärischer Sprengstoff von Terroristengruppen auch aus Quellen in Kroatien und anderswo auf dem Balkan besorgt worden ist.«3 Auch Christophe Chaboud, Leiter der französischen Koordinationsstelle zur Terrorbekämpfung, vermutete »Schmuggel, zum Beispiel vom Balkan«.4 Für Yossef Bodansky, den Terrorbeauftragten des US-Senats, war der Sprengstoff »wahrscheinlich aus Bosnien-Herzegowina« gekommen.5 Doch innerhalb einer knappen Woche verschwand die Balkan-Connection wieder aus der öffentlichen Diskussion, und die Bomben, so die neue Sprachregelung, sollen nicht aus hochmodernem Plastiksprengstoff hergestellt worden sein, sondern aus handelsüblichen Chemikalien.

Selbstmordbomber oder Marionetten

In dem ganzen Infotainment der Behörden gingen die Balkanspur und viele andere Details, die der offiziellen These widersprachen, schnell unter. Dazu gehörte etwa das seltsame Verhalten der angeblichen Attentäter.

Als solche identifizierte Scotland Yard innerhalb weniger Tage vier Männer: Mohammed Siddique Khan, Hasib Hussain, Shezaad Tanweer und Lindsay Germaine. Alle vier waren britische Staatsbürger. Die ersten drei hatten ihren Wohnsitz in Leeds und waren pakistanischer Herkunft, der letzte kam aus Luton und stammte aus Jamaica.

Etliche Indizien sprechen dafür, dass diese Männer die Anschläge nicht hatten begehen oder sich zumindest nicht hatten opfern wollen. »Warum kauften sie sich Rückfahrkarten, wenn sie sterben wollten?«, fragte etwa der »Independent on Sunday« Mitte Juli 2005.6 Auch Scotland Yard räumte zu diesem Zeitpunkt ein: »Wir haben keine eindeutigen Beweise, dass die Männer Selbstmordattentäter waren.« Das Quartett »sei unter Umständen von Hintermännern in eine Falle gelockt worden«, zitierte der »Sunday Telegraph« aus Geheimdienstkreisen. Und weiter: Die Hintermänner wollten womöglich »nicht riskieren, dass die vier Männer gefasst werden und alles verraten«.7 Diese These erscheint plausibel, weil die Verdächtigen nicht nur Rückfahrkarten gelöst, sondern auch ihre Parkscheine brav bezahlt hatten. Außerdem hatten sie die Bomben nicht um den Körper geschnallt, wie ansonsten bei Selbstmördern üblich. Wenn sie sie aber schon in Rucksäcken herumschleppten – warum stellten sie diese dann nicht rechtzeitig ab und brachten sich in Sicherheit, wie es die Attentäter im Vorjahr in Madrid gemacht hatten? Weiter hin sahen zwei Verdächtige Vaterfreuden entgegen, ihre Frauen waren schwanger – ein weiteres Motiv, um sich ein Weiterleben zu wünschen. (...)

Auch die ersten Erkenntnisse über den Zündmechanismus der Bomben unterfütterten die These, wonach die vier Männer die Bomben nicht selbst ausgelöst hatten. Noch am 7. Juli bestätigten Ermittler, dass die drei Bomben in der U-Bahn »offensichtlich mit Zeitzündern« aktiviert worden waren. 9 Am nächsten Tag meinte Vincent Cannistaro, der frühere Antiterrorismus-Beauftragte der CIA, die Polizei habe »mechanische Zeitzünder« an den Explosionsstätten der Bomben gefunden.10 Ebenfalls am 8. Juli sagten britische Sicherheitsbeauftragte gegenüber ABC News: »Die Polizei hat auch etwas entdeckt, was sie für die Überreste von Zeitzündern bei den Untergrund-Explosionen hält, was sie glauben lässt, dass es sich nicht um Selbstmordbomben handelt, sondern um Sprengkörper in Päckchen oder Taschen, die zurückgelassen wurden.«11 (...)

Vor allem ein Widerspruch der Druckknopf-Theorie bleibt unauflösbar: Wenn Attentäter Nummer vier wirklich aus der Operation aussteigen wollte, warum zündete er dann die Bombe überhaupt noch?14 All dies deutet darauf hin, dass er die Explosion nicht selbst auslöste. (...)

Rucksackbomben und andere Hexereien

Ein weiterer Widerspruch ist evident: Laut ersten Untersuchungen soll es sich bei den harmlosen Nachfolgeanschlägen des 21. Juli »um eine ähnliche Sprengsatz-Konstruktion« wie am 7. Juli gehandelt haben.16 Die »Times« berichtete sogar, »derselbe Bastler« habe für beide Tage die Bomben zusammengebaut.17 Warum war die Wirkung dann aber bei der zweiten Anschlagserie so bescheiden?

Es gab bekanntlich nicht einmal Verletzte. Weil die Trittbrettfahrer des 21. Juli keine Tötungsabsicht hatten, wie der in Rom festgenommene Tatverdächtige Hussain Osman sagte?18 Oder weil in den Rucksäcken auch am 7. Juli keine Höllenmaschinen waren, sondern wie am 21. Juli nur harmlose Knallfrösche? Wurde also die mörderische Wirkung bei den ersten Anschlägen durch Sprengsätze anderer Herkunft verursacht, mit denen die offiziell Tatverdächtigen gar nichts zu tun hatten?

Eine ganze Reihe von Augenzeugenberichten unterstützt die These, dass die Sprengsätze nicht in, sondern unter den Zügen platziert worden waren. So gab der leichtverletzte Tanzlehrer Bruce Lait aus Cambridge noch vom Krankenhaus aus zu Protokoll: »Der Polizist sagte ›Kümmern Sie sich um das Loch, da war die Bombe‹. Das Metall war nach oben gebogen, als ob die Bombe unter dem Zug war. Die denken anscheinend, die Bombe war in einer Tasche abgestellt worden, aber ich erinnere mich an keinen dort, wo die Bombe war, und auch an keine Tasche.«19 (...)

Mark Honigsbaum, ein Reporter des »Guardian«, kam um 9.30 Uhr an der Station Edgeware Road an, wo eine dreiviertel Stunde vorher eine der Bomben explodiert war, und konnte mit Passagieren sprechen, die gerade den Todeszügen entkommen waren. Der Reporter bekam zu hören, dass der Boden der Waggons bei der Explosion »hoch gehoben worden« war. Seine Schlussfolgerung: Der Sprengsatz sei »unter dem Zug« explodiert. 21

Es gibt andere Überlebende, die beschreiben, wie Fensterglas nach außen splitterte, was eher auf Bomben im Innern des Zuges hindeutet, aber einen Sprengsatz unter dem Zug (dessen Explosionsdruck durch den Waggonboden nach oben geht und dann die Decken, Wände und Fenster nach außen drückt) nicht ausschließt. Erneut wirft ein Detail der Busexplosion die verstörendsten Fragen auf. Auf einem Foto der BBC ist festgehalten, wie unmittelbar nach der Explosion – einen Teil der Passagiere sieht man noch panisch fliehen – ein Lieferwagen der Firma »Kingstar« unmittelbar vor dem Doppeldecker steht.22 Das Unternehmen ist nach eigenen Angaben auf »kontrollierte Zerstörung« (controlled demolition) spezialisiert, seine Geschäftsräume sind knapp 20 Kilometer vom Tatort entfernt.23

Eine Parallelübung

Klärungsbedürftig ist insbesondere eine weitere zeitliche Koinzidenz: Ein Beraterunternehmen mit Verbindungen zu Regierungs- und Polizeikreisen hat am 7. Juli 2005 eine Antiterrorübung in London durchgeführt. Peter Power ist Leiter dieser Firma, Vigor Consultants – ein Mann mit Erfahrung und Verbindungen: Er war von Scotland Yard beispielsweise nach dem Raketenangriff der irischen Untergrundarmee IRA auf die MI6-Zentrale im September 2000 und den Bombenanschlägen auf die BBC im März 2001 als Experte angeheuert worden.24

Das Besondere an der Übung von Vigor Colsultants: Sie hat gleichzeitig mit den wirklichen Bombenanschlägen und an denselben U-Bahnhöfen stattgefunden. Diesen Zufall mathematisch zu berechnen, ist eine Herausforderung: London hat 274 U-Bahnhöfe, das Jahr hat 365 Tage, und der Betrieb läuft jeweils über 19 Stunden. Wie wahrscheinlich ist es, dass zwei unterschiedliche Ereignisse im selben Jahr, am selben Tag, zur selben Uhrzeit und auf denselben Bahnhöfen stattfinden? Ein Sechser im Lotto dürfte leichter zu bekommen sein.

Aber es kommt noch dicker: Mehr als ein Jahr vor 7/7, am 16. Mai 2004, sendete das erste Programm der BBC eine Dokumentation über einen fiktiven Terrorangriff auf London. In einer ebenso fiktiven Krisenrunde diskutierten ganz reale Experten der Regierung und der Polizei in dieser Dokumentation das Geschehen und beschlossen geeignete Gegenmaßnahmen. Einer dieser Experten war Peter Power. Atemberaubend ist das Szenario, das der BBC-Produktion zugrunde lag: Terrorangriffe auf drei U-Bahnstationen und mittels eines Straßenfahrzeuges in London. Und genau dasselbe passierte dann wirklich! Und wieder ist Peter Power, der Experte in der BBC-Fiction, mit von der Partie!

Power gab auf BBC Radio 5 am Abend des 7. Juli 2005 ein Interview: »Power: Um halb neun an diesem Morgen führten wir für einen Betrieb mit über tausend Mitarbeitern eine Übung durch. Zugrunde gelegt waren gleichzeitige Bombenanschläge exakt an den Bahnhöfen, wo es an diesem Morgen passierte, deswegen stellen sich mir noch jetzt die Nackenhaare hoch. Moderator: Habe ich das richtig verstanden: Sie führten eine Übung durch, wie man mit so etwas umgehen könnte, und es ist während dieser Übung passiert? Power: Genau, und es war ungefähr halb neun diesen Morgen, wir planten das für ein Unternehmen und aus offensichtlichen Gründen. Ich will seinen (des Unternehmens) Namen nicht aufdecken, aber sie hören zu und sie werden es wissen. Und wir hatten den Raum voller Krisenmanager, die sich zum ersten Mal trafen, und innerhalb von fünf Minuten erkannten wir ganz schnell, dass das jetzt echt ist. Dann nahmen wir uns die richtigen Schritte im Krisenmanagement vor und schalteten vom langsamen zum schnellen Nachdenken um und so weiter.«25

Der Mastermind

Die britischen Behörden behaupten, die vier angeblichen Selbstmordattentäter hätten auf eigene Faust gehandelt. Die Massenmedien übernahmen von Scotland Yard den Begriff »clean skins«: Eine »saubere Haut« hätten die vier gehabt, auf Deutsch würde man sagen: eine »weiße Weste«. Demnach handelte es sich also um unbescholtene oder zumindest nicht polizeibekannte Bürger. Der »Spiegel« bezeichnete sie als »die netten Attentäter von nebenan«.46

Spuren, die darauf hindeuten, dass die vier auf Kommando handelten, konnten dieses Weltbild nur stören. Folgerichtig wurden alle Hinweise auf einen Mastermind, einen Drahtzieher also, aus der offiziellen Version der Ereignisse getilgt. Dabei war schon kurz nach den Anschlägen klar gewesen, dass es eine solche Person gab, mit der die Attentäter bis zuletzt engsten Kontakt hatten. Diese Person »war zwei Wochen vor den Bombenanschlägen eingereist, hatte Khan telefonisch kontaktiert und dann das Land Stunden vor den Anschlägen verlassen«. Die »Washington Post« nannte auch den Namen des Mannes: Haroon Rashid Aswat, ein 30-jähriger Brite mit pakistanischen Eltern aus Dewsbury in Yorkshire.47 Der schmächtige Mann mit Pinocchio-Nase und schriller Stimme hatte sein Ego bereits zehn Jahre zuvor aufgeplustert, als er wichtige Positionen im Team des Finsbury-Predigers Abu Hamza übernahm(...).

Nach der Auswertung der Telefongespräche der Tatverdächtigen galt Aswat für das FBI als deren »Schlüsselkontakt«.48 Gegenüber der »Times« bestätigten Geheimdienstler, dass Aswat »die Wohnungen aller vier Bomber besucht hatte«. Außerdem habe er »mit dem Selbstmordteam ein paar Stunden vor dem Anschlag telefoniert«. In den Tagen vor den Anschlägen habe Aswat mit zweien der Attentäter »bis zu zwanzig Telefonanrufe« getätigt, darunter einen mit Khan »am Morgen des 7. Juli«.49 Ein anderes Mal schrieb das Blatt, »dass er auch die als Ziele angedachten U-Bahnen identifiziert und seine Rekruten im Zünden ihrer Bomben unterrichtet« habe.50

Unmittelbar nach den Anschlägen berichteten britische und US-amerikanische Medien durchaus über die Rolle Aswats und bezeichneten ihn als eine Art Instrukteur der Al Qaida-Spitze für die vier Attentäter. Sie nannten ihn den »Top Al Qaida-Briten« (»Times«). Doch Ende Juli 2005 verschwand Aswat schlagartig aus den Medien. Warum bloß?

Der Grund ist simpel: Aswat als möglicher Al Qaida-Instrukteur wurde aus der offiziellen 7/7-Version getilgt, weil Ende Juli 2005 plötzlich ein ganz anderer Hintergrund des Mannes auftauchte: jener nämlich, wonach er ein Mann des britischen Geheimdienstes ist.


Demnächst im Buchhandel:

Jürgen Elsässer
Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste
Residenz-Verlag
A – St.Pölten - Salzburg
September 2008
344 Seiten | 21,90 EURO
ISBN 978-3-7017-3100-8
www.residenzverlag.at


Anmerkungen

2) z. n. N. N., Anti-Terroreinheit durchsucht fünf Wohnungen, Spiegel-Online 12.7.2005.

3) Daniel McGrory/Michael Evans, Hunt for the master of explosives, Times 13.7.2005.

4) z. n. N. N., Anti-Terroreinheit durchsucht fünf Wohnungen, Spiegel-Online 12.7.2005.

5) AP, Londoner Polizei fahndet auf Flugblättern nach Terrorverdächtigen, 14.7.2005.

6) Cole Moreton, The reconstruction: 7/7 – What really happened?, Independent on Sunday 17.7.2005.

7) z. n. Jürgen Elsässer, Ins Jenseits – und retour, jW 19.7.2005.

9) Don Van Natta jr./Elaine Sciolino, Timers used in blasts, NYT

8.7.2005.

10) Hugh Muir/Rosie Cowan, Four bombs in 50 minutes, Guardian

8.7.2005.

11) ABC News, Officials: London bus body could be bomber, 8.7.2005.

14) Daniel McGrory (FN 13).

16) N. N., Stand der Ermittlungen von Scotland Yard, Tagesschau 8.8.2005.

17) z. n. N. N., Bombenfund deutet auf schlagkräftige Terrorzelle hin, Spiegel-Online 28.7.2005.

18) Alan Cowell/Raymond Bonner, New questions asked in London bombings, IHT 16.8.2005.

19) von der BBC gesammelte Zeugenaussagen unter: http://news.bbc. co.uk/1/hi/talking_point/4659237.stm.

21) Mark Honigsbaum, Seeing isnt’t believing, Guardian 27.6.2006.

22) zu sehen auf: news.bbc.co.uk/nol/shared/spl/hi/pop_ups/05/uk_number_

30_bus_bomb_aftermath/img/3.jpg.

23) Firmenwebsite unter http://www.kingstar.co.uk/demoli.htm.

24) Steve Watson, London Bombings – Web of Deceit: Peter Power, The Terror Drill, Giuliani and The CIA, 16.7.2005 (www.prisonplanet. com).

25) Internetadresse der Sendung: www.bbc.co.uk/fivelive/programmes/drive.shtml. Leider nimmt BBC seine Sendungen nach sieben Tagen aus dem Netz. Heute ist das Interview unter der angegebenen Adresse also nicht mehr zu finden.

46) N. N., Die netten Attentäter von nebenan, Spiegel-Online 13.7.2005.

47) Peter Finn/ Glenn Frankel, Al Qaeda link to attacks in London probed, WP 1.8.2005.

48) Dominic Johnson, Der Terrordrahtzieher von der Dog Cry Ranch, Taz 30.7.2005.

49) Zahid Hussain/u. a., Top al-Qaeda Briton called Tube bombers before attack, Times 21.7.2005, z. n. Nafeez Mosaddeq Ahmed (FN 38), S. 35.

50) Daniel McGrory/u. a., Killer in the classroom, Times 14.7.2005.


Teil 1

von JÜRGEN ELSÄSSER.

Oberschledorn:

Die »Wasserstoff­peroxidbomber« taten ihr Möglichstes, um auf sich aufmerksam zu machen –

Sauerland, Gemeinde Medebach, Ortsteil Oberschledorn, 4. September 2007: Zwölf Männer der GSG9 sitzen gedrängt in ihren VW T4-Bullis, die mit brummenden Motoren in der Straße am Oggetal warten. Die Polizei hat mit 15 Wagen alles abgesperrt – freie Bahn für die legendäre Spezialtruppe. Die schwarzen Strumpfmasken werden über die Gesichter gezogen. Blickkontakt zum Einsatzleiter. Uhrenvergleich: 14.26 Uhr. Die Männer nicken sich zu.

Zugriff.

Mit quietschenden Reifenhalten die drei VW-Busse vor dem Ferienhaus am Eichenweg 22. Die schwer Bewaffneten stürmen heraus, brechen die Vordertür auf, werfen zwei Verdächtige auf den Boden. Ein weiterer Mann entkommt durchs Badezimmerfenster, springt über eine Hecke in den Nachbargarten. Nach 300 Metern stellt sich ein Beamter in den Weg, doch der Fliehende stürzt sich wie entfesselt auf ihn, entreißt ihm die Dienstwaffe und schießt. Der Polizist wird leicht an der Hand verletzt. Dann endlich kommen zwei GSG9-Kämpfer zu Hilfe und überwältigen den Tollkühnen. Die drei Festgenommenen – Fritz Gelowicz, Adem Yilmaz und Daniel Schneider, zwei zum Islam konvertierte Deutsche und ein Türke – verschwinden hinter Gittern. Und landen auf den Titelseiten aller Zeitungen.

Schon bald versuchen sich die Medien in einem Täterprofil. »Der nette Junge von nebenan – der, der auch ein idealer Schwiegersohn hätte werden können, der ist nun auch ein vereitelter Terrorist: ein Sohn aus so genanntem gutem Hause, Bürgertum, Gymnasium und so weiter und so weiter. Und dann erfährt man, der Nachbar ist ein Bombenbastler, konvertierte zum Islam und hätte am liebsten Hunderte Landsleute in die Luft gesprengt. Sechs Jahre ist es heute her, dass junge Männer in die Türme des World Trade Centers flogen, sechs Jahre, in denen sich die Welt fundamental verändert hat und der Terror auch in manchen Köpfen hierzulande angekommen ist«, so begann im Zweiten Deutschen Fernsehen eine Reportage über den in Oberschledorn festgenommenen Gelowicz. »Massenmord – wie damals am 11. September und am liebsten zum Jahrestag oder kurz danach, das, so glauben die Fahnder, war sein Plan«, so die Botschaft der TV-Journalisten für Millionen deutscher Haushalte.2

Wurde also ein deutsches 9/11 inletzter Minute abgewendet? Vermeintliche Kassandrarufe hatte es bereits ein Jahr zuvor gegeben, rund um die sogenannten Kofferbomber vom Kölner Hauptbahnhof . Doch seither habe sich die Lage weiter zugespitzt, wie »FAZ«- Leitartikler Berthold Kohler die Situation messerscharf analysierte: »Die Bomben werden größer und ihre Leger offenbar professioneller. Das ist eine Realität, der man sich auch hierzulande stellen muss. Sie ist durch die jüngste Polizeiaktion so augenfällig geworden, dass (Bundesinnenminister) Schäuble darauf verzichten konnte, sein Ceterum censeo zur Online-Durchsuchung anzufügen.«3 Doch bei genauerer Analyse hat der Anschlagsversuch das Gegenteil gezeigt.

Wasserstoff(peroxid)bomben

»Terror-Fritz und seine gefährlichen Freunde«, so die Schlagzeile in der »Welt« am 8. September 2007, stellten sich jedenfalls so tollpatschig an wie nur wenige Nachwuchsterroristen vor ihnen. Obwohl angeblich in einem Ausbildungslager in Nordpakistan militärisch geschult, wollten sie ihre Bomben ausgerechnet aus einer Chemikalie mixen, die dafür höchst ungeeignet ist: Wasserstoffperoxid, ein Ausgangsstoff für die Herstellung jenes bekannten Bleichmittels, das berüchtigten Wasserstoffblondinen zu ihrer Haarpracht verhilft. Die »FAZ« prägte in der Folge den Ausdruck »Wasserstoffperoxidbomben«, was zwar Nonsens ist, aber durch den Anklang an Wasserstoffbomben höchst gefährlich klingt. »Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes« habe das Trio bereits vorbereitet, heißt es in Anspielung auf die Anschläge in der spanischen Hauptstadt vom 11. März 2004 mit knapp 200 Toten.

Erwiesen ist lediglich, dass die Gruppe Wasserstoffperoxid gekauft und in einem Haus bei Freudenstadt im Schwarzwald zwischengelagert hat. Dieser Stoff an sich ist jedoch ungefährlich. Das ändert sich erst, wenn die Chemikalie mit Aceton und weiteren Säuren reagiert; dann entsteht Triaceton-Triperoxyd (TATP) oder Apex. Die Mischung ist jedoch zum Bombenbauen höchst unpraktikabel, da sie zu leicht explodiert. Wie hätten die Täter die Mega-Böller aus ihrer Ferienhaus-Garage herausbringen, geschweige denn zu ihrem angeblichen Bestimmungsort in irgendeiner US-Einrichtung transportieren wollen, ohne dass sie ihnen um die Ohren fliegen?

Mit dem Bombenanschlag in Madrid hat TATP/Apex übrigens nichts zu tun. Dort wurde bekanntlich Dynamit aus asturischen Bergwerken verwendet, und auch bei den Londoner Attacken vom 7. Juli 2005 ist die Verwendung dieses Stoffes alles andere als erwiesen. Mehr noch: Bis dato wurde offensichtlich kein einziger der Anschläge in Europa oder Nordamerika mit Hilfe dieser Substanzen begangen. Trotz der kontraproduktiven und – bei der falschen Beimischung – selbstmörderischen Wirkung von Wasserstoffperoxid besorgten sich »Terror-Fritz« und seine Kumpane sukzessive mehr als 700 Kilo dieser Chemikalie bei einem Hannoveraner Großhändler und karrten die zwölf Fässer in mehreren Fuhren quer durch die Republik zu ihrem Unterschlupf in Südbaden. Von dort wurde eines der Fässer, fast wieder über dieselbe Distanz, ins sauerländische Oberschledorn transportiert – gerade so, als wollten die Tatverdächtigen für die Ermittler eine Fährte legen.

Fritz macht, was er will

Auch ansonsten unterließ insbesondere Gelowicz, der mutmaßliche Anführer des Trios, nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich und sein Vorhaben zu lenken. Obwohl gegen ihn bereits im Jahre 2005 wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Volksverhetzung ermittelt und er kurzfristig festgenommen worden war,4 tauchte er nicht etwa in den Untergrund ab, er änderte auch nicht sein Erscheinungsbild oder besorgte sich eine neue Identität. Vielmehr fuhr er am Sylvestertag 2006 mit Freunden »mehrfach auffällig« vor einer US-Kaserne in Hanau hin und her – so auffällig, dass das Observationskommando des Verfassungsschutzes das Auto anhalten und die Personalien der Insassen aufnehmen ließ.5 Spätestens am 6. Januar 2007 hätte er merken müssen, dass der Staatsschutz es wieder auf ihn abgesehen hat: Seine Ulmer Wohnung wurde durchsucht. »Dass Fritz G. und seine mutmaßlichen Komplizen sich von der Hausdurchsuchung nicht abschrecken ließen, dass sie im Gegenteil erst danach begannen, kanisterweise Explosivstoffe zu beschaffen, Häuser und Garagen zu mieten, militärische Zünder zu besorgen und in ihren (abgefangenen) E-Mails angeblich sogar die Fahnder zu verhöhnen, wirft ernste Fragen auf«, wunderte sich die »FAZ«.6

Anfang Mai 2007 erschien ein alarmierender Bericht in der Zeitschrift »Focus«. Das Magazin berichtete damals schon, dass »der Gruppe zwei deutsche Konvertiten sowie drei Türken mit deutschen Pässen angehören«. Es schrieb über die militärische Ausbildung in Pakistan und erwähnte sogar die angebliche Zugehörigkeit zur bis dahin völlig unbekannten Organisation Internationale Dschihad Union (IJU). »Für die Sicherheitsbehörden war dieser ›Focus‹-Bericht eine kleine Katastrophe. Sie erwarteten das unmittelbare Abtauchen der Gruppe …«.7 Doch wieder geschah das Gegenteil: Fritz und Co. machten seelenruhig mit ihren »Anschlagsvorbereitungen« weiter.

Schließlich wählte das Trio zum Bombenbauen ausgerechnet das idyllische Oberschledorn aus. »Man kennt sich und die Feriengäste in dem Dorf, in dem rund 900 Menschen leben«, schreibt die »FAZ« über den Flecken. In dieser Umgebung, inmitten der Sommerfrischler und Wanderfreunde, mussten die langhaarigen, bärtigen beziehungsweise glatzköpfigen Finsterlinge auffallen wie die Panzerknacker bei einem Donald Duck-Kindergeburtstag. Warum mieteten sie sich nicht, wie weiland die RAF-Leute, in einem anonymen Hochhaus mit Tiefgarage und Autobahnanschluss ein? Aufschlussreich ist auch die unmittelbare Vorgeschichte des polizeilichen Zugriffs am 4. September 2007: Am 3. September fuhren die drei tagsüber mit aufgeblendetem Licht auf eine Polizeikontrolle zu und wurden prompt angehalten. Obwohl einer der Streifenpolizisten bei der Kontrolle unvorsichtig laut zu einem Kollegen sagte, dass die PKW-Insassen »auf einer BKA-Liste« stünden, konnten sie weiterfahren.8

Das Trio war sich die ganze Zeit bewusst, dass es genauestens observiert wurde. Sie hatten sich Spottnamen für ihre Bewacher ausgedacht. »Pepsi« nannten sie die Deutschen, »Coca Cola« die US-Amerikaner.9 Das deutlichste Beispiel für das Verhältnis von vermeintlichen Jägern und vermeintlichen Gejagten gab schließlich »Spiegel-Online« zum Besten, leider ohne Hinweis auf den genauen Zeitpunkt des Geschehens. Eines Tages jedenfalls hätten sich die drei über ihre Observanten geärgert. Daraufhin »stieg einer der Islamisten … an einer roten Ampel aus und schlitzte die Reifen eines Verfolger-Wagens des Verfassungsschutzes auf«.10 Ein anderes Mal randalierte Adem Yilmaz so wild vor einer Disco voller US-Soldaten – einem potentiellen Anschlagsziel –, dass eine Polizeistreife eingriff. 11

»Operation Alberich«

Obwohl »Terror-Fritz« und seine Gehilfen kaum Anstalten machten, sich ihren Beschattern zu entziehen, lief über fast ein ganzes Jahr eine Mega-Fahndung, angeblich zur Verhinderung des Anschlages. Die monatelange Inszenierung unter dem Codenamen »Operation Alberich« – benannt nach dem Zwerg unter der Tarnkappe aus der Siegfried- Sage – war laut »Spiegel« der »größte Polizeieinsatz seit dem Deutschen Herbst 1977« und beschäftigte ständig 500 Beamte aus verschiedenen Landeskriminalämtern.14 Zu Spitzenzeiten standen mehr als vierzig Gebäude in verschiedenen Bundesländern unter Observation, allein auf den angeblichen Rädelsführer Gelowicz waren rund 120 Beamte des LKA Baden-Württemberg angesetzt.15

Warum war der riesige Aufwand notwendig gewesen? Hätten nicht zwei Observationsteams genügt, um dem tollpatschigen Trio auf den Fersen zu bleiben? Die Frage soll an dieser Stelle offen bleiben – wir werden (...) darauf zurückkommen. Schauen wir uns zunächst die Regie der »Operation Alberich« an. Sie wurde, so der »Spiegel«, »nicht nur in Berlin, sondern auch in Washington« geführt. Und weiter: »In Berlin arbeitete gar eine gemeinsame Arbeitsgruppe deutscher Behörden und der CIA an dem Fall. Die Kooperation sei so ›eng wie nie‹ gewesen, so US-Heimatschutzminister Michael Chertoff … Beständig wurde der Druck erhöht, mal sprach CIA-Chef Michael V. Hayden in der Sache in Berlin vor, mal der amerikanische Botschafter William R. Timken.« 16

Chronologie einer verdeckten Operation

Die »Operation Alberich« begann im Oktober 2006, nachdem der amerikanische Abhördienst NSA im Internet verdächtige E-Mails zwischen Deutschland und Pakistan abgefangen hatte.17 Mit diesen zusammengebastelten Erkenntnissen wurden die deutschen Behörden gefüttert und zum gemeinsamen Vorgehen gedrängt. Zum Jahreswechsel 2006/2007 sagte Generalbundesanwältin Monika Harms, »die Möglichkeit von Anschlägen auch in Deutschland « sei nicht von der Hand zu weisen. Diese (wie spätere) Kassandrarufe wurden »vor dem Hintergrund der Operation ›Alberich‹« gemacht,18 waren also Teil der Inszenierung. Bereits am 5. Januar 2007 zog das »Gemeinsame Terrorismusabwehrzentrum« (GTAZ) von Polizei und Geheimdiensten in Berlin-Treptow die Ermittlungen gegen die angeblichen Anschlagsvorbereitungen an sich.19 Offensichtlich war dort die Kommandobrücke der »Operation Alberich«. Bei den Chefrunden im Bundeskanzleramt wurde die Operation über Monate hinweg »fast jeden Dienstag« besprochen, federführend dafür war Thomas de Maizière, Amtschef von Bundeskanzlerin Angela Merkel. 20

Im April 2007 gab die Berliner US-Botschaft eine erhöhte Terrorwarnung für Deutschland heraus. Anfang Mai berichtete der »Focus« bereits relativ detailliert über die Gefährlichkeit der später Festgenommenen, inklusive ihrer Kontakte nach Zentralasien. Die entsprechenden Informationen stammten – wie zu Beginn der Kampagne – von der Internetüberwachung durch CIA und NSA, konnten also unabhängig davon gar nicht überprüft werden: »Es sind Kopien der Botschaften der deutschen Islamisten und ihrer Verbindungsleute in Pakistan.«21 Schäuble im Rückblick: »Kein Land hat eine so gute weltweite Aufklärung wie die Amerikaner, wir profitieren täglich davon.«22

In die heiße Phase ging »Alberich« ab Anfang Juni 2007. Auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm sprachen George W. Bush und Merkel unter vier Augen über den Fall. Der US-Präsident machte Druck: »Bush kannte die Namen der Verdächtigen, er war glänzend vorbereitet. Und gegenüber der Kanzlerin machte er deutlich, wie ernst er die Sache nahm.« Sein Wink mit dem Zaunpfahl: »Amerika fühlte sich bedroht, und die Bedrohung, so hatten es US-Geheimdienstler ihrem Präsidenten aufgeschrieben, komme aus Deutschland – wieder einmal, wie beim 11. September 2001.«23

Die Kanzlerin parierte. Sofort rief sie die »sogenannte Sicherheitslage zusammen, in dieser Besetzung erstmals seit dem 11. September 2001«.24 Mit den zuständigen Ministerien und den Spitzen der Geheimdienste stimmte sie das weitere Vorgehen ab. Der ebenfalls anwesende Bundesinnenminister übernahm die operative Federführung, nachdem ihn sein US-amerikanischer Amtskollege noch einmal ins Gebet genommen hatte: »Chertoff persönlich reiste Anfang Juni nach Gengenbach, in Wolfgang Schäubles Heimatort. Beim Abendessen bat Bushs Minister für Sicherheitsfragen noch einmal, alles zu unternehmen, um einen möglichen Anschlag zu unterbinden.« Schäubles Antwort: »We care. Wir kümmern uns.«25

Anstatt nun das verdächtige Trio endlich festzunehmen, posaunten Schäuble und Co. halbgare Informationen in die breite Öffentlichkeit, die – wären Gelowicz und seine Kumpane wirklich Profis gewesen – nur zu deren Abtauchen hätten führen können. Am Donnerstag, den 21. Juni, »entschloss man sich im Innenministerium, einen kleineren Kreis von Fachjournalisten von der ziemlich drastisch veränderten Lagebewertung zu unterrichten. Am Freitag erging dann bundesweit der Hinweis auf eine neue Gefahrenanalyse, in deren Mittelpunkt der Verdacht steht, es könnten Selbstmordattentate in oder gegen Deutschland vorbereitet werden.«26 Innenstaatssekretär August Hanning warnte vor Gefahren »so dramatisch wie vor den Anschlägen des 11. September 2001«, und er sagte: »Wir sind voll ins Zielspektrum des islamistischen Terrors gerückt.« Und weiter: »Wir erleben eine neue Qualität der Gefahr: Deutschland wird mit Selbstmordattentätern gedroht.«27 Hanning bezog sich dabei auf ein Video aus dem pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet, das angeblich die Einschwörung von Selbstmordattentätern für ihre Mission unter anderem in Deutschland zeigt. Die Aufnahmen waren, so hieß es, am 9. Juni entstanden, also kurz nach den diversen Top-Gesprächsrunden in Deutschland, und dann dem amerikanischen Fernsehsender ABC News »zugespielt « worden.28 Selbst die Tageszeitung »Die Welt« fragte: »Wer weiß schon, ob solche Szenen echt oder gestellt sind?«29

Doch die konzentrierte Propagandaoffensive von Bundessicherheitsorganen und »einem kleineren Kreis von Fachjournalisten« (siehe oben ) sollte weitergehen. In der »Spiegel«-Ausgabe vom 8. Juli 2007 erschien ein Interview mit Schäuble unter der Überschrift »Es kann uns jederzeit treffen«. Schäuble weiter: »Wenn wir sagen, dass die Wahrscheinlichkeit eines Anschlags so hoch wie nie zuvor ist, schwingt da keine Panikmache mit.«

Mit den Festnahmen von Anfang September sollte sich dieser Alarmismus – scheinbar – als berechtigt erweisen. Schäuble hatte in der Folge leichtes Spiel, seine weit reichenden Vorschläge zur Beschneidung der Verfassung durchzusetzen. Damit ist auch die Antwort auf die Frage (...) gefunden, warum eine derart riesige Polizeiaktion gegen offenkundig so dilettantische Täter notwendig gewesen war: Schäuble und Co. ging es nicht darum, der Gesellschaft durch entschlossenes polizeiliches Handeln die Terrorangst zu nehmen – sondern diese überhaupt erst zu erzeugen. Mit dieser »Strategie der Spannung« schufen sie das geeignete Klima zur Durchsetzung ihrer Repressions- und Überwachungspolitik.

Das IJU-Phantom

Die Bundesanwaltschaft erhob sehr schnell Anklage gegen die in Oberschledorn Überwältigten. Vorgeworfen wurde dem Trio die »Bildung einer terroristischen Vereinigung« sowie die »Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung«, nämlich der Internationalen Dschihad Union (englisch: IJU). O-Ton der Bundesanwaltschaft: »Geprägt von der Ideologie der IJU und unter Verwendung der in terroristischen Ausbildungslagern erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse haben sich die Beschuldigten zumindest seit Ende 2006 in Deutschland zu einer nach außen abgeschotteten, konspirativ arbeitenden Organisationseinheit zusammengeschlossen …«30 (...)

Der Name IJU war erstmals 2004 aufgetaucht. Damals rühmte sich die vordem völlig unbekannte Gruppe mehrerer Selbstmordanschläge und Schießereien in den usbekischen Städten Taschkent und Buchara sowie, etwas später, Angriffe auf die Botschaften der USA und Israels. In diesem Zusammenhang berichteten die US-Geheimdienste, dass sich die IJU im Jahr 2002 als Abspaltung der größeren Islamischen Bewegung Usbekistans (englisch: IMU) gebildet habe.32

Craig Murray, von 2002 bis 2004 britischer Botschafter in Taschkent, schildert in seinem Buch Murder in Samarkand seine Beobachtungen nach den gerade erwähnten Terrorakten vom Frühjahr 2004. Unter anderem beschreibt er, dass er an Stellen, wo angeblich kurz zuvor schwere Sprengstoffanschläge stattgefunden hatten, keine entsprechenden Bombenschäden zusammenfand. In einem Fall seien alle Fensterscheiben in der nächsten Umgebung der angeblichen Explosion intakt gewesen.33 »Diese Angriffe waren tatsächlich zum großen Teil vorgetäuscht und fast sicher das Werk usbekischer Sicherheitskräfte, so meine Untersuchungen vor Ort zu jener Zeit.« 34 Sein Urteil ist kategorisch: »Ich traf keinen in Usbekistan, auch keinen von islamischen Gruppen, der von der IJU gehört hatte. Ich erkundigte mich intensiv. Die IMU, von der sich die Gruppe angeblich abgespalten hat, hat sie niemals irgendwo erwähnt. Keiner in Islamistenkreisen in Großbritannien oder in usbekischen Exilkreisen auf der ganzen Welt hat je von der IJU gehört. Keiner kann ein Mitglied, geschweige denn eine Führungsfigur beim Namen nennen.« Und weiter: »Die Sicherheitsdienste haben eine erstaunliche Menge an elektronischer Kommunikation zwischen Extremisten und verdächtigen Terroristen abgefangen. Die IJU wurde in diesem Zusammenhang nie erwähnt.«35

Die Frage, ob diese IJU wirklich existiert, wurde nach den Oberschledorner Festnahmen auch von einem Vertreter des deutschen Inlandgeheimdienstes negativ beantwortet. »Die Islamische Dschihad Union, so wie sie sich uns darstellt, ist erst mal eine Erfindung im Internet und hat nur eine Präsenz im Internet«, sagte Benno Köpfer, Islamexperte des baden-württembergischen Verfassungsschutzes, Anfang Oktober 2007 gegenüber dem ARD-Magazin »Monitor«. Köpfer machte stutzig, dass in dem Bekennerschreiben konkrete Anschlagsziele wie die US-Basis Ramstein genannt wurden. Seines Wissens seien aber die Verhafteten bis zuletzt unsicher gewesen, welches Objekt sie überhaupt angreifen sollten. Nach seiner Einschätzung wurde in der nachträglichen Kommandoerklärung nur die Medienberichterstattung aufgenommen. »Das lässt mich an der Authentizität zweifeln.«36

Der falsche Mastermind

Nach diesem Einspruch aus berufenem Munde gab es erstmals Zweifel in Teilen der Öffentlichkeit an der offiziellen Version des Oberschledorn-Plots. Doch diese wurden durch eine Medienkampagne rund um den ZDF-Fernsehfilm »Angriffsziel Deutschland« vom 23. Oktober 2007 zerstreut.37 Darin wurde erstmals einer der mutmaßlichen Auftraggeber des festgenommenen Trios identifiziert, und zwar ein Usbeke namens Gofir Salimov. Der steuere von der iranischen Grenzstadt Zaidan/Zahedan Trainingslager der IJU im nahe gelegenen Grenzgebiet zu Pakistan. Die Behauptungen, die im Film mit Verweis auf Ermittler vorgetragen wurden, waren zuvor niemals von irgendwelchen Polizei-, Justiz- oder Geheimdienstkreisen gemacht worden, noch nicht einmal von dem ansonsten sehr erfindungsreichen Bundesinnenminister Schäuble. Ausbildungslager der IJU waren vordem im Grenzgebiet Afghanistan/ Pakistan lokalisiert worden, etwa 2000 Kilometer von dem im Film genannten Zaidan/Zahedan entfernt. Auch Gofir Salimov war niemals erwähnt worden. Der Investigativjournalist Knut Mellenthin, der die Widersprüche und die Wirkung des ZDF-Beitrages untersucht hat, schreibt: »Am 26. Oktober (2007) abends, drei Tage nach der ZDF-Sendung, ergab die Google-Suche nach ›Gofir Salimov‹ 855 Treffer. Alle, wirklich ausnahmslos alle, bezogen sich auf die DPA-Meldung (Vorab-Meldung zum Film) vom 23. Oktober und deren Klone in den Mainstream-Medien.«38 (...)

Die Spur der Dienste

Verdächtig wenig wurde darüber gesprochen, von welcher real existierenden Person Rädelsführer Gelowicz tatsächlich angeleitet worden ist – nämlich von Yehia Yousif, dem langjährigen Agenten des baden-württembergischen Verfassungsschutzes), sowie von dessen Sohn Omar. Für den »Focus« ist klar, dass »Fritz G. die Verfahren der Sprengstoff-Produktion kannte, denn er stand den Yousifs nahe.« Für diese These gibt es zwei Indizien. Indiz Nummer eins: »Bei einer … Durchsuchung im Januar 2005 entdeckten Polizeibeamte bei Yehia Yousif auf einer CD-Rom einen ›Kurs zur Herstellung von Sprengstoff‹ auf Arabisch. Darin wurde die Fertigung von Bomben mit detaillierten Mengenangaben beschrieben. Dazwischen waren Koranzitate notiert.«40 Indiz Nummer zwei fand sich bei einer Razzia, die am 21. Mai 2003 bei Omar Yousif, dem Sohn Yehias, durchgeführt wurde. Es handelt sich um zum Teil verschlüsselte Aufzeichnungen über das Bauen von Sprengladungen, »etwa für die Herstellung des Flüssigsprengstoffes TATP«41. An der Herstellung von TATP sollen Gelowicz und seine Kumpane – siehe oben – in Oberschledorn gewerkelt haben. (...)

Das IJU-Gespenst kehrt zurück

Im Frühjahr 2008 meldete sich das IJU-Phantom in den Medien zurück. Am 3. März sprengte sich »der erste Selbstmordattentäter, der aus Deutschland kam« (»Spiegel «) im ostafghanischen Khost in die Luft. Cüney Ciftci, ein Islamist aus dem bayrischen Ansbach, riss dabei zwei US-Soldaten und zwei Einheimische mit in den Tod. Der junge Mann hinterließ eine Botschaft auf Video, die im April 2008 von der sagenhaften IJU über eine türkischsprachige Website verbreitet wurde. Doch seltsam: »Einen Teil der Aufnahmen spielte die Propagandaabteilung der Taliban ›Spiegel Online‹ bereits Ende März zu«, berichtet das Internetportal stolz.45 Taliban? Nicht IJU? Auf dem ersten Band, dem von der Taliban, fehlt jedenfalls der Bezug zur IJU, wie auch »Spiegel Online« einräumt. Erst auf der Internet-Veröffentlichung der IJU ist zu sehen, wie Ciftci vor einem schwarzen Banner der Organisation sitzt und religiöse Gesänge anstimmt. »Diese Passage scheint allerdings hineinmontiert worden zu sein«, gibt »Spiegel Online « zu. Trotzdem schlussfolgern die Medienmacher ganz frivol: »Die Tatsache, dass Ciftci auf dem neuen Video vor einem IJU-Banner zu sehen ist, erhärtet die These, dass die IJU eine reale und aktive Organisation ist.« Der Bundesanwaltschaft kommt zu pass, dass der todessüchtige Bayer angeblich ein Bekannter des in Oberschledorn festgenommenen Yilmaz war. Die angebliche IJU-Mitgliedschaft des einen stützt auf diese Weise die Plausibilität der Mitgliedschaft des anderen.

Ende April 2008 meldete sich dann ein weiterer deutscher Todeskandidat per Video aus Afghanistan. Eric B. aus dem saarländischen Neunkirchen hatte sich darin eine Kalaschnikow und einen Munitionsgürtel umgehängt und lobte die »gute Tat« von Ciftci, bei der viele Ungläubige »in die Hölle geschickt« worden seien. In der Folge suchte das Bundeskriminalamt mit Fahndungsplakaten in Kabul nach Eric B. und seinem mutmaßlichen Komplizen Houssain al M.46

Auch diese beiden jungen Männer sollen direkte Kontakte zu den in Oberschledorn Festgenommenen gehabt haben. Im Herbst 2007, also im zeitlichen Umfeld des Wasserstoffperoxid-Plots, seien sie aus Deutschland verschwunden. »Zuerst reisten sie nach Ägypten, wo sie die Koranschule eines aus Deutschland ausgewiesenen Hass- Predigers besuchten.«47

Offensichtlich wird also weiter an einem Anschlag gearbeitet, der der mysteriösen IJU und ihren angeblichen Paten in Teheran in die Schuhe geschoben werden kann.

 

Zwei weitere Kapitel des Buches „Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“ von Jürgen Elsässer erscheinen in den nächsten Tagen bei www.hintergrund.de:

- Madrid – Die juristische Aufarbeitung der Anschläge vom 11. März 2004 weist entscheidende Leerstellen auf

- London: Der mutmaßliche Drahtzieher der Bombenanschläge vom 7. Juli 2005 hat im Auftrag des MI6 in Bosnien und im Kosovo gekämpft


Demnächst im Buchhandel:

Jürgen Elsässer
Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste
Residenz-Verlag
A – St.Pölten - Salzburg
September 2008
344 Seiten | 21,90 EURO
ISBN 978-3-7017-3100-8
www.residenzverlag.at



Anmerkungen

(...)

2) Daniela Bach/Elmar Theveßen/Rolf Peter Weißhaar, Angriffsziel

Terrorismus - Bedrohung durch Terrorismus, Frontal 21 (ZDF),

11.9.2007.

3) Bko, Köpfe und Tentakeln, FAZ 6. September 2007.

4) G. P., Legale Zutaten für die Sprengstoffküche, FAZ 6.9. 2007.

5) Simone Kaiser/u. a., "Operation Alberich", Spiegel 10.9.2007.

6) Peter Carstensen, Von Entwarnung kann keine Rede sein, FAZ

7.9.2007.

7) Peter Carstensen, Die zwanzigfache Menge des Madrider Sprengstoffes,

FAZ 6.9.2007.

8) Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff, Spiegel-Online

8.9.2007.

9) vgl. Annette Ramelsberger, Der deutsche Dschihad. Islamistische

Terroristen planen den Anschlag, Berlin 2008, S. 23.

10) phw/dpa/AFP/ddp, Dorfpolizist zwang Terror-Fahnder zum Zugriff

Spiegel-Online, 8.9.2007.

11) Annette Ramelsberger (FN 9), S. 23f.

(...)

14) Simone Kaiser/u. a. (FN 5).

15) Peter Carstensen (FN 7).

16) Simone Kaiser/u. a.(FN 5).

17) Simone Kaiser/u. a. (FN 5).

18) Günther Lachmann, Deutschlands Angstmacher, WamS 23.9.2007.

19)Christiane Braunsdorf, "Treptow, wir haben ein Problem", B.Z.

22.9.2007.

20) Simone Kaiser/u. a. (FN 5).

21) Simone Kaiser/u. a. (FN 5).

22) Interview mit Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, "Es kann

uns jederzeit treffen", Spiegel 8.07.2008

23) Simone Kaiser/u. a. (FN 5).

24) Günther Lachmann (FN 18).

25) Simone Kaiser/u. a. (FN 5).

26) Peter Carstens, Die Mosaiksteinchen passen zusammen, FAZ

23.6.2007

27) z. n. Günther Lachmann (FN 18).

28) Ansgar Graw, Das fliegende Klassenzimmer des Terrorismus, Welt

9.9.2007.

29) Ansgar Graw (FN 28).

30) Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, Festnahme dreier

mutmaßlicher Mitglieder der "Islamischen Jihad Union" (IJU),

Pressemitteilung 5.9.2007.

(...)

32) vgl. Who are the Islamic Jihad Group? Reuters, 5.9.2007 ; U.S. Department

of State, Country Reports on Terrorism, 2006., Washington

April 2007.

33) Craig Murray, Murder in Samarkand, A British Ambassador's Controversial

Defiance of Tyranny in the War on Terror, London 2006, S.

325-339.

270 271

34) Craig Murray, The Mysterious Islamic Jihad Union, craigmurray.com

8.9.2007 (http://www.craigmurray.org.uk/archives/2007/09/

the_mysterious.html).

35) Craig Murray, German Bomb Plot: Islamic Jihad Union, craigmurray.

com 12.9.2007 (http://www.craigmurray.org.uk/archives/2007/09/

islamic_jihad_u.html).

36) N. N., Verfassungsschutz zweifelt an Bekennerschreiben, ARDTagesschau

4.10.2007.

37) Elmar Theveßen/u. a., Terrorziel Deutschland, ZDF 23.10.2007.

38) Knut Mellenthin, "Deutsche Terrorzelle" aus dem Iran gesteuert?,

www.hintergrund.de.

(...)

40) Focus-Online, Terror-Zelle lernte Bombenbau vermutlich in Ulm,

15.9.2007.

(...)

45) Matthias Gebauer/Yassin Musharbash, Bayrischer Selbstmordattentäter

buhlte um Nachahmer, Spiegel-Online 16.4.2005.

46) Matthias Gebauer/Yassin Musharbash, Deutscher Islamist meldet

sich mit Dschihad-Aufruf - Behörden alarmiert, Spiegel-Online

29.4.2008.

47) Matthias Gebauer, Top-Taliban kommandieren deutsche Gotteskrieger, Spiegel-Online 5.4.2008.


Teil 2 

Von JÜRGEN ELSÄSSER. 

Madrid: 

Die juristische Aufarbeitung der Anschläge vom 11. März 2004 weist entscheidende Leerstellen auf. 

Der Tod kam um 7.39 Uhr: Auf dem Bahnhof Atocha explodieren drei Waggons eines Nahverkehrszugs, 500 Meter weiter vier Wagen einer S-Bahn. Wenige Minuten später detonieren Sprengsätze auch in den Stationen Santa Eugenia und El Pozo del Tío Raimundo. Fotos vom Tatort an jenem 11. März 2004 zeigen ein Bild des Schreckens: Auf dem Gleisschotter vor den zerborstenen Abteilen liegen Leichen und Leichenteile, Verblutende und Verstümmelte sterben unter herausgerissenen Sitzen. Verletzte hocken apathisch auf den Bahnsteigen.

Eigentlich hatten die Attentäter noch Schlimmeres vorgehabt: Sie wollten die Züge gleichzeitig sprengen, wenn sie in die Halle von Atocha einfahren. Im Glutofen der koordinierten Explosionen wäre der Knotenpunkt des Nahverkehrsnetzes verglüht – dort steigen täglich 200 000 Pendler um. 3/11, so die bald geprägte Chiffre der Medien für den Schreckenstag, hätte Dimensionen von 9/11 erreichen können. Eine glückliche Fügung ließ diesen teuflischen Höhepunkt des Anschlages scheitern: Drei Bomben explodierten nicht, drei S-Bahnen hatten Verspätung und kamen nicht fahrplanmäßig an. (...)

Es dauerte keinen Monat, bis die Polizei die angeblichen Drahtzieher des Zug-Massakers aufspürte. Am 3. April 2004 wurde eine Wohnung im Madrider Stadtteil Leganes umstellt und gestürmt. Um sich der Verhaftung zu entziehen, so die Version der Polizei, sprengten sich sieben der acht Anwesenden in die Luft. (...)

Totale Überwachung – und nichts passiert Viele der Terroristen vom 11. März 2004 waren für den Staatsschutz keine Unbekannten. So hatte man den Bombenleger Jamal Zugam »seit rund zehn Jahren aufmerksam observiert und abgehört«, und das »nicht nur von der spanischen Polizei und dem Geheimdienst, sondern zumindest auch von marokkanischen und französischen Stellen, wahrscheinlich auch von Amerikanern und Israelis«.17

Zugam ist kein Einzelfall. Fast alle der später Angeklagten und Verurteilten standen unter Beobachtung, vor allem nach den Selbstmordattentaten von Casablanca im Mai 2003. Unter dem Aufmacher »Die Berichte von Cartagena beweisen, dass die Polizei die Chefs des 11. März kontrollierte « veröffentlichte etwa die Tageszeitung »El Mundo« Ende Mai 2005 Dokumente des Polizeiinformationsdienstes, unter anderem Spitzelrapporte eines Maulwurfs in moslemischen Zirkeln. Dieser Cartagena, im Zivilleben Imam der Moschee im Madrider Stadtteil Villaverde, hatte zwischen Oktober 2002 und Februar 2004 die späteren Täter des 11. März 2004 ausspioniert und für jeweils 300 Euro monatlich ihre Pläne an die Polizei weitergemeldet. Die gab lediglich die von Cartagena überlieferten Telefonnummern der späteren 3/11-Täter zur Genehmigung des heimlichen Mitlauschens der Gespräche weiter, schritt aber nicht gegen die Anschlagsplanungen ein. (...)

Einige der in den Anschlag Verwickelten wurden aber nicht nur überwacht, sondern waren selbst Mitarbeiter diverser Geheimdienste. Vor allem trifft das auf eine Schlüsselperson zu: den Sprengstofflieferanten Trashorras. Die »FAZ« schrieb: »Trashorras arbeitete … in Asturien auch als Polizeispitzel, genau wie in Madrid Rafa Zouhier, der Mann, der das Verbindungsstück zwischen Trashorras und den Terroristen des 11. März darstellen sollte. Beide handelten völlig skrupellos; sie blieben immer kriminell, wiegten die Polizei aber im Glauben, ihre Informantentätigkeit könne sich für die Behörden lohnen.«19 Was die »FAZ« nicht schrieb: Auch Zouhier war V-Mann, und zwar für die Guardia Civil.20 Unglaublich, aber wahr: Von elf Personen, die in Asturien wegen des Sprengstoffschmuggels an die Terroristen verhaftet wurden, waren fünf Mitarbeiter der Dienste.21

Handelten diese V-Leute auf eigene Faust, wie die »FAZ« im Falle von Trashorras und Zouhier suggeriert? Oder waren sie im Auftrag der Geheimdienste tätig? Letzteres lässt sich nicht beweisen. Erwiesen ist aber, dass die Umtriebe von Trashorras durch einen weiteren Spitzel rechtzeitig an die Guardia Civil weitergemeldet wurden. (...)

Seltsam ist auch das Glück, das der Marokkaner Fouad el Morabit Amghar lange Zeit hatte. Er war nach dem 11. März 2004 verhaftet worden, wurde aber schnell wieder auf freien Fuß gesetzt. Am 31. März 2004 kam er erneut hinter Gitter, »weil seine Fingerabdrücke sogar in dem Haus in der Nähe von Madrid gefunden wurden, in dem die Bomben gebaut wurden. Ein Zeuge will ihn zudem als eine der Personen erkannt haben, welche die Bomben in den Vorortzügen deponierten«. Trotzdem kam er abermals frei. Hatte er Protektion von oben? Gehört auch er »zum Kreis der Spitzel, Geheimagenten oder Zuträger der Sicherheitsdienste …, die in die Anschläge verwickelt sind«?23 Aktenkundig ist immerhin, dass sich ein Mitarbeiter des Geheimdienstes CNI, der auch Funktionär der Sozialistischen Partei ist, mehrfach vor und nach der Tat mit ihm getroffen hat, und zwar ein gewisser Fernando Huarte. Auch der Sozialist Rabin Gaya hatte Kontakt zu einem der Attentäter. Zwei Tage vor dem Anschlag entstand beieiner Wahlkampfveranstaltung der PSOE ein Foto, das den späteren Wahlsieger und Ministerpräsidenten José Luis Rodríguez Zapatero zwischen seinen Parteigenossen Gaya und Huarte zeigt. Gerhard Wisnewski hat die Aufnahme in seinem Buch Verschlußsache Terror veröffentlicht. Seine Frage: »Sind … die spanischen Sozialisten auf die eine oder andere Weise in die Attentate verwickelt?«24 Mit Ausnahme von Trashorras kamen die anderen angeklagten V-Leute gut aus dem Prozess heraus.

Ein weiteres Kapitel des Buches „Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste“ von Jürgen Elsässer erscheint in den nächsten Tagen bei www.hintergrund.de:

-  London: Der mutmaßliche Drahtzieher der Bombenanschläge vom 7. Juli 2005 hat im Auftrag des MI6 in Bosnien und im Kosovo gekämpft

 


Demnächst im Buchhandel:

Jürgen Elsässer
Terrorziel Europa – Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste
Residenz-Verlag
A – St.Pölten - Salzburg
September 2008
344 Seiten | 21,90 EURO
ISBN 978-3-7017-3100-8
www.residenzverlag.at


Anmerkungen

17) Knut Mellenthin, Madrid und das gläserne »Al Qaida-Terrornetzwerk«, in: Ronald Thoden (Hrsg.), Terror und Staat. Der 11. September – Hintergründe und Folgen, Berlin 2004, S. 175 ff.

19) Paul Ingendaay, Goma zwo, bitte kommen, FAZ 14.3.2005.

20) Ralf Streck, Spitzel in Madrider Anschläge verwickelt, www.heise.de/tp 15.5.2004.

21) Ralf Streck, Neue Festnamen, neue Spitzel, telepolis 15.6.2004.

23) Ralf Streck (FN 22).

24) Gerhard Wisnewski, Verschlußsache Terror. Wer die Welt mit Angst regiert, München 2007, S. 42f.