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Die neuesten Zombies aus der Giftküche des Anti/Terrorismus.
Von JÜRGEN ELSÄSSER, 26. September 2008:
Kaum schrieb die „Bild“-Zeitung die Terroristen zur Fahndung aus, schon meldete die Polizei einen erfolgreichen Zugriff. „Polizei jagt diesen deutschen Terroristen“, schrie die Balkenüberschrift auf der Titelseite von Springers Boulevard am 26. September 2008 und zeigte ein Bild des 21jährigen Eric Breiniger. Auf den Innenseiten ging es weiter. Überschrift:
„Terror-Alarm – Was plant Islamist Eric in Deutschland?“ Ein BKA-Sprecher sagte: „Wir haben aktuelle Infos, dass sich Breiniger, sein Freund Houssain al Malla und möglicherweise eine dritte Person auf dem Weg nach Deutschland befinden.“ Ihr angebliches Ziel: ein Anschlag auf deutschem Boden.
Eine spektakuläre Festnahme ließ nicht lange auf sich warten. Noch am selben Tag meldete „Welt Online“: „Nur wenige Minuten vor ihrem Abflug in die Niederlande sind am Freitagmorgen zwei Terrorverdächtige auf dem Flughafen Köln/Bonn festgenommen worden. Einsatzkräfte der Polizei holten die mutmaßlichen Islamisten aus einem Flugzeug der Airline KLM heraus, das nach Amsterdam fliegen wollte, wie das Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen mitteilte.“(1) Die beiden Männer wollten sich, wie „Bild“ schon geschrieben hatte, den Ermittlungen zufolge angeblich an möglichen Anschlägen beteiligen und als Selbstmordattentäter im Dschihad sterben. Das LKA berichtete von entsprechenden Abschiedsbriefen, die gefunden worden seien.
Kleiner Schönheitsfehler: Die Festgenommenen und die per „Bild“ Gesuchten sind nicht identisch. In Köln wurden nicht Terror-Eric und sein Spezi Houssain aus dem Verkehr gezogen, sondern der 23-jährige Somalier Abdirazak B. und der 24 Jahre alte, in der somalischen Hauptstadt Mogadischu geborenen Bundesbürger Omar D.
Aber was nicht passt, wird passend gemacht. Tatsächlich fand sich innerhalb weniger Stunden ein Terror-Experte, der die beiden ungleichen Paare zusammenbrachte – und zwar im Rahmen derselben Organisation: der fabelhaften Islamischen Dschihad Union. Ihr sollen laut Bundesanwaltschaft auch die drei jungen Männer angehören, die am 4. September 2007 im sauerländischen Oberschledorn festgenommen wurden. Rolf Tophoven, so heißt der kreative Terror-Experte, sagte der Nachrichtenagentur AP, er schließe eine Verbindung der beiden in Köln Festgenommenen mit der IJU nicht aus. Genauso wenig kann man freilich ausschließen, dass die beiden der RAF, der NPD, dem ADAC oder der Jungen Union angehören. Es gibt weder ein Indiz in die eine, noch in eine der anderen Richtungen. Es gibt nur Rolf Tophoven und die Gerüchteküche.
Nicht viel besser sieht es bei Eric Breiniger und Houssain al Malla und ihrer Verbindung zur IJU aus. Die wird angeblich durch ein Video bewiesen, das Breiniger Ende April in Afghanistan aufgenommen haben soll und in dem der Neunkirchener mit umgehängter Kalaschnikow die „gute Tat“ eines anderen deutschen Islamkonvertiten lobt, eines gewissen Cüney Ciftci aus dem bayerischen Ansbach, bei der viele Ungläubige „in die Hölle geschickt“ wurden – so Breiniger über Ciftci. Ausgestrahlt wurde Breinigers Clip über die Website „Zeit des Märtyrertums“, die auch Ciftci für seine letzte Botschaft genutzt hatte.
Ciftci hatte sich am 3. März im ostafghanischen Khost in die Luft gesprengt und dabei zwei US-Soldaten und zwei Einheimische mit in den Tod gerissen. Der junge Mann hinterließ eine Botschaft auf Video, die im April 2008 von der IJU verbreitet wurde. Doch seltsam: „Einen Teil der Aufnahmen spielte die Propagandaabteilung der Taliban ‚Spiegel Online’ bereits Ende März zu“, berichtet das Internetportal stolz. (2) Taliban? Nicht IJU? Auf dem ersten Band – dem von der Taliban – fehlt jedenfalls der Bezug zur IJU, wie auch „Spiegel Online“ einräumt. Erst auf der Internet-Veröffentlichung der IJU sieht man, wie Ciftci „vor einem schwarzen Banner der Organisation sitzt und dschihadistische Gesänge singt. Diese Passage scheint allerdings hineinmontiert worden zu sein.“ Trotzdem schlussfolgert „Spiegel“ ganz frivol: „Die Tatsache, dass Ciftci auf dem neuen Video vor einem IJU-Banner zu sehen ist, erhärtet die These, dass die IJU eine reale und aktive Organisation ist.“ Dazu passt auch, dass der todessüchtige Bayer angeblich ein Bekannter des in Oberschledorn festgenommenen Adem Yilmaz war, so wie Eric Breiniger ein Freund des in Oberschledorn ebenfalls festgenommenen Daniel Schneider. Die halluzinierte IJU-Mitgliedschaft des einen stützt auf diese Weise die nicht minder fiktive des jeweils anderen.
Die Frage, ob diese IJU wirklich existiert, wurde nach den Oberschledorner Festnahmen Anfang September 2007 auch von einem Vertreter des deutschen Inlandgeheimdienstes negativ beantwortet. „Die Islamische Jihad Union, so wie sie sich uns darstellt, ist erst mal eine Erfindung im Internet und hat nur eine Präsenz im Internet“, sagte Benno Köpfer, Islamexperte des Baden-Württembergischen Verfassungsschutzes, Anfang Oktober 2007 gegenüber dem ARD-Magazin Monitor. Auch Köpfer stellte die Authentizität des damaligen Bekennerschreibens in Frage: „Es werden in diesem Bekennerschreiben konkrete Anschlagsziele genannt: Ramstein“, so Köpfer. Seines Wissens seien aber die Verhafteten bis zuletzt unsicher gewesen, welches Ziel sie überhaupt angreifen und auf welches Objekt sie diesen Anschlag ausüben sollten. Nach seiner Einschätzung werde in dem Bekennerschreiben nur Medienberichterstattung aufgenommen. „Das lässt mich an der Authentizität zweifeln.“(3)
In der deutschen Terror-Legende übernimmt die IJU zunehmend die Rolle, die früher Al-Qaida zugeschrieben wurde. In beiden Fällen wird abgelenkt von der Rolle der Geheimdienste. So wurde das in Oberschledorn festgenommene Trio vom Ulmer Prediger Yehia Yousif gecoacht, der mindestens sechs Jahre lang V-Mann des Verfassungsschutzes war. (4) Falls es stimmt, dass der damals überwältige Daniel Schneider ein Freund des jetzt gesuchten Eric Breiniger ist, hätte vermutlich auch Letzterer die Terrorausbildung dieses Undercoveragenten genossen.
(1) Welt Online, SEK stoppt Männer auf dem Weg in "Heiligen Krieg", 26.09.2008
(2) Matthias Gebauer / Yassin Musharbash, Bayrischer Selbstmordattentäter buhlte um Nachahmer, Spiegel Online 16.04.2005
(3) N.N., Verfassungsschutz zweifelt an Bekennerschreiben, ARD-Tagesschau 04.10.2007
(4) vgl. Jürgen Elsässer, Terrorziel Europa. Das gefährliche Doppelspiel der Geheimdienste, St. Pölten 2008, S. 166 ff.
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