A Good American

„Stasi auf Steroid“

Eine Rezension des Dokumentarfilms „A Good American“

Auch Hans-Christian Ströbele kann beim Thema Geheimdienste noch etwas lernen. „Wenn wir diesen Film vor der Anhörung im Bundestag gehabt hätten, hätten wir bessere Fragen gestellt.“ Der grüne Bundestagsabgeordnete befasst sich seit vielen Jahren mit dem Thema Geheimdienste. Aber diese Dokumentation hat auch ihn überrascht.

A Good American könnte treffender „A Good Agent“ heißen – ein guter Spion. Den gibt es, oder besser: es gab ihn einmal. Jetzt ist er im Ruhestand. Das ist die These des Films.

Während der Dreharbeiten: In der Mitte der Filmemacher Friedrich Moser, rechts William Binney. Dahinter der Regieassistent Daniel Wunderer und der Tonmann Atanas Tchokalov.
Während der Dreharbeiten: In der Mitte der Filmemacher Friedrich Moser, rechts William Binney. Dahinter der Regieassistent Daniel Wunderer und der Tonmann Atanas Tchokalov.

Damit gemeint ist William „Bill“ Binney, ein ehemaliger hochrangiger Mitarbeiter der NSA, der National Security Agency, dem mächtigen Auslandsgeheimdienst der USA. Nach 37 Jahren Tätigkeit verließ Binney die NSA Ende Oktober 2001. Seine Entscheidung, die NSA zu verlassen, fiel infolge der einsetzenden Datensammelwut der Dienste unmittelbar nach dem 11. September 2001, dem Anschlag auf das World Trade Center in New York, der die Welt erschütterte und die Geheimdienste gleich mit. „9/11“ gilt in den USA nach Pearl Harbour 1941 als das zweite große Versagen der Dienste. Wieso gab es keinerlei Warnungen? Hätte es welche geben können? Was in dieser Zeit in der NSA vorging, darüber lässt sich nur spekulieren, etwa mithilfe von Insider-Informationen wie denen dieses Films.

Der Dokumentarfilm A Good American des österreichischen Regisseurs Friedrich Moser erzählt die Geschichte von Bill Binney. Dieser war ein intelligenter und fähiger Analyst, so erfährt man, zu Zeiten, als Geheimdienste noch eine klare Aufgabe hatten: Bekannte Akteure, in der Regel ausländische Regierungen, zu beobachten und möglichst frühzeitig zu bemerken, dass sie etwas im Schilde führten. Angriffe auf dem Schlachtfeld Vietnam etwa, oder der Jom Kippur-Krieg, beispielsweise.

„Als Anfang der 1990er Jahre das Internet aufkam, hatte man in den Geheimdiensten dessen Bedeutung zuerst gar nicht verstanden“, erklärt Binney im Film. Das Internet sei ja für alle sichtbar, darum für Verbrecher und entsprechend auch Geheimdienste uninteressant, so die naive Vermutung. Das sollte sich als eklatanter Irrtum erweisen und Binney war einer der ersten, die das gewaltige Potenzial der webbasierten Datenanalyse für die Geheimdienste verstanden. Früh richtete er sein Augenmerk auf die sogenannten Metadaten, also die „Informationen über Informationen“ – Verbindungsdaten von Telefonen, Handys, GPS-Bewegungsdaten, Kreditkartendaten etc. Aus diesen, das erkannte Binney schon früh,  ließen sich sehr gute Persönlichkeitsprofile erstellen.

Binney und seine Kollegen entwickelten ein Programm, das diese Daten analysierte und offenbar – dafür liefert der Film allerdings keine Beweise  – Möglichkeiten enthielt, Verdachtsmomente für gefährliche Aktionen wie Terroranschläge zu identifizieren. Das Programm mit dem schönen Namen Thin Thread („Dünner Faden“) war in den Worten Binneys und seiner Kollegen nicht nur effizient und effektiv: es kam datensparsam aus und war dennoch – oder gerade deshalb – erfolgversprechend. Es sammelte nicht Unmengen Daten, ohne sie wirklich analysieren zu können, sondern war relativ zielgenau.

Das Programm Thin Thread erscheint aber noch aus einem zweiten Grund relativ sympathisch. Es war konform mit der Verfassung und bot eine Garantie, dass das Bürgerrecht auf Datenschutz gewahrt blieb. Die Daten wurden verschlüsselt und der Schlüssel zur Entzifferung  lag außerhalb der Reichweite des Analysten.

Friedrich Moser wird an dieser Stelle noch deutlicher. Bei einem Preview am 20. Juni 2016 in Berlin plädierte er vehement für eine „neue Gewaltenteilung“. Der Schlüssel zur Entzifferung von Massendaten sollte in die Hände der Gerichte, der Judikative. Moser ist ein Aktivist, ihm geht um die Sache, die die Protagonisten des Films vertreten, er unterstützt ihr Anliegen. Und er hält es für eine Lösung.

Der Film ist technisch gut gemacht. Wie stellt man die endlich-unendliche Zahl der Möglichkeiten aller Datenverbindungen von Milliarden Menschen dar, aus denen es diejenigen herauszufiltern gilt, die brisant sind? Es geht um eine gigantische Reduktionsleistung, für die gute Algorithmen nötig sind. Moser verdeutlicht das mit Aufnahmen des Weltalls mit den Myriaden von Sonnen und einem Modell, das diese symbolisiert.

Der Film ist insofern einseitig, als er behauptet, es habe in der riesigen berüchtigten Behörde NSA auch gute Leute und gute Ansätze gegeben. Diese guten Ansätze – in Form des Programms Thin Thread – seien, so Binney, im August 2001 gestoppt worden, wenige Wochen vor den Anschlägen. Diese These ist nicht neu, sie wurde bereits in einem Zeitungsartikel der Baltimore Sun im Mai 2006 aufgeworfen. Die Frage legt nahe, was gewesen wäre, wenn der damalige NSA-Direktor Michael Hayden anders entschieden hätte. Der Film suggeriert: Ja, vielleicht hätte man entscheidende Warnungen identifizieren können. Das lässt sich heute nicht nachweisen, aber auch nicht widerlegen.

Aber Hayden, der sich nach dem Versagen seines Dienstes, vor 9/11 zu warnen, unter Erfolgsdruck wähnte, setzte sein Vorhaben durch, ein anderes Analyseprogramm mit dem Namen Trailblazer zu etablieren, ein gigantisches, unspezifisches Datensammelprogramm. Was die NSA seither betrieben habe, sei eine Art „Stasi auf Steroid“, so Binney.

Binney und sein Kollege Kirk Wiebe, die am 20. Juni per Skype-Video in Berlin zugeschaltet waren, sind Whistleblower und machen einen aufgeräumten Eindruck. Sie haben einiges riskiert, nachdem ihre Karriere bei der NSA zu Ende war. 2007 wurden ihre Wohnungen von der US-Bundespolizei durchsucht und ihre Computer beschlagnahmt.

Im Jahr 2015 – zwei Jahre nach Edward Snowden – erhielt Binney den Sam Adams Award for Integrity in Intelligence, einen Preis, der von einer Gruppe ehemaliger CIA-Mitarbeiter jährlich vergeben wird. Seit 2011 warnt Binney öffentlich vor den Aktivitäten der NSA. Im Juli 2014 trat er im NSA-Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages auf. Dort wurde er aber, darauf lässt die Bemerkung von Hans-Christian Ströbele nach der Filmpräsentation schließen, nicht so recht verstanden.

Binney und seine Kollegen haben jahrzehntelang für die NSA  gearbeitet in dem typisch amerikanisch-patriotischen Bewusstsein, etwas Gutes für ihr Land zu tun. Heute sind sie entsetzt darüber, was aus ihrer einstigen beruflichen Heimat seit dem 11. September 2001 geworden ist: Eine Institution, die wahllos nutzlosen „Datenmüll“ in gigantischen Ausmaßen anhäuft, ohne zu wissen, was sie damit machen kann, und darüber hinaus entgegen den Verfassungsrechten der Bürger auf deren Daten zugreift. Die einmal vorhandenen guten Ansätze habe die NSA ignoriert. Es herrsche heute überall „corruption, pervasive corruption“. Es gab sie mal, die guten Agenten.


 

Der Film ist voraussichtlich ab Herbst in den deutschen Kinos zu sehen.

Webseite des Films: http://www.agoodamerican.net/

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