Veteranen

„Kämpfende Bastarde von Bataan“

Philippinen: Vor genau 70 Jahren, am 4. Juli 1946, entließen die USA ihre einstige und einzige Kolonie in Asien in die Unabhängigkeit. Filipinos, die Seite an Seite mit den GIs gegen den japanischen Militarismus kämpften, bleiben bis heute Bürger zweiter Klasse.

Vor über 70 Jahren galten sie als „Helden“ – später lebten sie völlig verarmt in den USA: Über 11 000 philippinische Veteranen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten emigrierten.
Vor über 70 Jahren galten sie als „Helden“ – später lebten sie völlig verarmt in den USA: Über 11 000 philippinische Veteranen, die nach dem Zweiten Weltkrieg in die Vereinigten Staaten emigrierten.

„Während der dunklen Tage des Zweiten Weltkriegs spendeten die etwa 100 000 Soldaten der Philippinischen Commonwealth-Armee Hoffnung im Pazifik, als sie Seite an Seite mit den Vereinigten Staaten und den alliierten Streitkräften vier Jahre lang die philippinischen Inseln verteidigten und sie schließlich von der japanischen Aggression befreiten. Tausende weitere Filipinos schlossen sich den US-Streitkräften unmittelbar nach dem Krieg an und machten sich um Besatzungsaufgaben im gesamten Pazifik verdient. Für ihre außerordentlichen Opfer in der Verteidigung von Demokratie und Freiheit schulden wir ihnen unendliche Dankbarkeit.”
– US-Präsident Bill Clinton in einer Rede am 17. Oktober 1996, als er den 20. Oktober zum Nationalen Tag zu Ehren der philippinischen Veteranen im MacArthur-Kommando während des Zweiten Weltkriegs erklärte

Vor Beginn der japanischen Aggression gegen die Philippinen (Dezember 1941) bestanden deren Streitkräfte im Kern aus zwei militärischen Komponenten, der Philippinischen Armee und Scout-Einheiten, Vorläufer der späteren (paramilitärisch ausgerüsteten) Nationalpolizei. Beide Verbände fasste US-General Douglas MacArthur Ende Juli 1941 unter dem Befehl der U.S. Armed Forces in the Far East (USAFFE) zusammen. Nachdem der General die Philippinen im März 1942 verlassen und sich mit seinem Stab nach Australien abgesetzt hatte, ergab sich die US-Armee den Japanern. Die letzten Bastionen des Widerstandes auf der Halbinsel Bataan und auf der Manila vorgelagerten Insel Corregidor fielen am 9. April beziehungsweise 6. Mai 1942. Bis zum 9. Juni hatten sich, von wenigen Ausnahmen abgesehen, sämtliche Kämpfverbände den Japanern ergeben. Dennoch organisierten philippinische Soldaten – auch als USAFFE-Guerillatrupps unter US-Kommando – den bewaffneten Widerstand, verwickelten japanische Truppen überall auf den Inseln in Kämpfe und legten Hinterhalte. Über 260 000 Filipinos kämpften in Guerillaeinheiten, weit mehr Menschen engagierten sich im antijapanischen Untergrund.

Amerikanische Soldaten berichteten, dass ihnen während der als „Todesmarsch von Bataan“ in die Geschichte eingegangenen Verschleppung in japanische Gefangenenlager Frauen am Wegesrand Essen und Süßigkeiten zuwarfen und damit selbst riskierten, von den Japanern getötet zu werden. Ebenfalls unter Einsatz ihres Lebens unterstützten ganze Dorfgemeinschaften Angriffe auf japanische Stellungen, unterhielten Guerillatrupps mit Musik, versorgten sie mit Reis und Gemüse oder stellten ihre Wasserbüffel zur Verfügung, um Verwundete in Sicherheit zu bringen. Entsprechend hoch waren die Verluste unter der Zivilbevölkerung. Während der gesamten Kriegsdauer starben 1,1 Millionen Filipinos. Etwa 256 000 Japaner und annähernd 10 500 US-Amerikaner verloren bis zum Sommer 1945 in den Philippinen ihr Leben. (1) Manila war die nach Warschau meistzerstörte Hauptstadt während des Zweiten Weltkriegs.

Trotz dieses gemeinsamen Einsatzes hatte sich bereits sechs Monate nach Kriegsende die von der US-Regierung während des Krieges beschworene unzertrennliche Waffenbrüderschaft zwischen Amerikanern und Filipinos in anderem Lichte gezeigt. Mitte Februar 1946 war im US-Kongress das Public Law 70-301 verabschiedet und von Präsident Harry S. Truman als sogenannter Rescission Act (Aufhebungsvertrag) unterschrieben worden. Demnach kamen die Filipinos, die Schulter an Schulter mit Amerikanern gegen Japan gekämpft hatten, nicht in den Genuss von Entschädigungen, Kriegspensionen und angemessener Gesundheitsvorsorge Doch genau das hatte Washington ihnen hoch und heilig versprochen. Noch im Oktober 1945 war dieser Gleichheitsgrundsatz von US-General Omar Bradley, damals Chef der Veterans Administration, bekräftigt worden. Ein schwerer Affront gegen die philippinischen Kriegsveteranen.

1990 konnten jene Filipinos für die US-Staatsbürgerschaft votieren, die während des Kriegs in der US-Armee gekämpft hatten. Die von diesem Angebot Gebrauch machten und sich in den USA niederließen, mussten bald ernüchtert feststellen, dass sie sich nur in den ärmsten Städten eine Wohnung leisten konnten. Sie genießen kein Anrecht auf Vergünstigungen, die ihre US-amerikanischen Nachbarn und ehemaligen Kriegskameraden eventuell noch beziehen. „Nachdem ich in San Francisco angekommen war, wurde ich krank”, erzählte der Kriegsveteran Floro Bagasala einem philippinischen Team von Dokumentarfilmern, „ich hatte, so teilte mir der diensttuende Arzt mit, Krebs. Da lag ich nun in einem Krankenhausbett und bettelte darum, endlich einen Dolmetscher zu bekommen.” Der alte Mann tröstete sich auf andere Art: „Es war wohl die Macht der Gebete, die mir zur wunderbaren Genesung verhalf.“

Seit 1992 hat es sich der philippinische Fotojournalist Rick Rocamora zur Aufgabe gemacht, Kriegsveteranen zu fotografieren und auf ihr Schicksal aufmerksam zu machen. Herausgekommen ist dabei die Fotoausstellung „Heroes of the Homeland: Crossing Gender and Generations“. Der US-amerikanische Regisseur Donald Young benutzte das dokumentarische Material als Vorlage für den Film Second Class Veterans, der seit Oktober 2003 landesweit in den USA von nicht-kommerziellen Sendern ausgestrahlt wird.

Ein Protagonist in dem 27-minütigen Dokumentarfilm Second Class Veterans ist der mittlerweile verstorbene Magdaleno Dueñas. Dueñas lebte verarmt in einem sozial unruhigen Randbezirk von San Francisco. Während des Krieges hatte er mehreren amerikanischen Soldaten zur Flucht aus japanischer Gefangenschaft verholfen. Angebliche Freunde hatten ihn nach seiner Auswanderung an die amerikanische Westküste um sein Erspartes geprellt. Eine Gleichbehandlung mit US-amerikanischen Kriegsveteranen jedoch blieb Magdaleno Dueñas verwehrt. Und eine ärztliche Behandlung musste er Zeit seines Lebens selbst bezahlen.

Sein Schicksal und das vieler seiner Landsleute kritisierte die Organisation Justice for Filipino Veterans (JFAV). In einer ihrer Erklärungen heißt es: „Wir protestieren gegen den Rescission Act, der Filipinos aus insgesamt 66 anderen Nationen herausfilterte und sie gesondert behandelte. Dieses ungerechte Gesetz betrachtete deren Dienst im Zweiten Weltkrieg als nachrangig, was allein in den USA über 11 000 philippinische Veteranen betraf. Ohne angemessene Entschädigungen und Pensionen sind diese Menschen, um zu überleben, notwendig auf die Hilfe ihrer Nachbarschaft angewiesen. Diese Menschen kämpften für Amerika, doch Amerika behandelt sie unfair und ungerecht.“ Laut Recherchen der JFAV hatte die US-Regierung im Jahre 2002 noch immer nicht jene schätzungsweise 75 000 überlebenden philippinischen Veteranen anerkannt, die den amerikanischen Streitkräften während des Zweiten Weltkriegs gedient hatten. Lediglich 4 000 dieser etwa 75 000 Veteranen bezogen 2002 eine Pension. Von ihnen lebte die Hälfte, also 2 000, in den USA.

In Santa Fe, der Hauptstadt des US-Bundesstaates New Mexico, war der gebürtige Filipino Jeronimo Padilla langjährig Kurator des bereits 1947 mit erheblichen Privatmitteln aufgebauten Bataan Memorial Military Museum and Library, das mittlerweile in New Mexico National Guard Museum umbenannt wurde. Hier wird an den Todesmarsch vor 74 Jahren erinnert. Ausgestellt sind in dem Museum nebst Kriegsmaterial auch Utensilien, Tagebucheintragungen und Notizen von Überlebenden. Einer von ihnen hielt folgende Zeilen fest, aus denen er ein Lied improvisierte: „Wir sind die kämpfenden Bastarde von Bataan – keine Mutti, kein Papi und weit und breit kein Uncle Sam.”

Die „unendliche Dankbarkeit“, von der Ex-Präsident Bill Clinton im Anfangszitat sprach, diente der Selbstberuhigung der amerikanischen Seele und blieb mit Blick auf die einstigen philippinischen Kampfgefährten der GIs eine Floskel. Doch auch die Regierungen in Manila bekleckerten sich nicht mit Ruhm. Sie verfolgten und benachteiligten in den Nachkriegsjahren vor allem die Partisanen der Antijapanischen Volksarmee (Hukbalahap), die die „Drecksarbeit“ des bewaffneten Widerstands geleistet hatten. Hochrangige projapanische Politiker und Kollaborateure indes kamen ungeschoren davon. Mehr noch: Manuel Roxas, der vor sieben Jahrzehnten seine Präsidentschaft nach dem Einholen des Sternenbanners antrat, hatte sich während der japanischen Okkupation der Inseln als einer der Haupteintreiber von Reis zum Unterhalt der Kaiserlich-Japanischen Truppen betätigt. Das hatte aus Washingtons Sicht den Vorteil, dass Roxas und seine Regierung erpressbar waren und so die Machtprärogativen der Kolonialmacht USA auch in der nachkolonialen Ära unangetastet blieben.


 

(1)    Siehe Gordon L. Rottman (2002): World War II Pacific Island Guide – A Geo-Military Study. Westport/London: Greenwood Press, S. 318

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