IS-Hochburg

Offensive auf Mossul schreitet voran

Die Allianz zur Befreiung der irakischen Großstadt aus den Händen des IS ist äußerst brüchig. Zudem steht der Verdacht im Raum, die Terrormiliz solle nach Syrien getrieben werden, um dort gegen die Assad-Regierung zu kämpfen

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Irakische Sicherheitskräfte setzen ihre Offensive auf die IS-Hochburg Mossul den vierten Tag in Folge fort. In einer großangelegten Operation rücken sie aus drei Richtungen auf die Stadt vor. Seit dem Beginn der Militäroperation am Montag seien bereits achtzehn Dörfer befreit worden. Der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi sagte in einer im Fernsehen übertragenen Rede, die irakischen Sicherheitskräfte kämen schneller voran als geplant.

Diese Einschätzung teilt auch US-General Gary Volesky, Befehlshaber der US-Bodentruppen im Einsatz gegen den „Islamischen Staat“. Die Koalition zur Befreiung der Stadt sei „schon deutlich weiter als ich es zu Beginn der Operation erwartet hätte“. Die IS-Kämpfer „geben Gelände auf, um sich in das komplexe Stadtgebiet von Mossul zurückzuziehen“, so der US-General. Dort könnten sie versuchen, im Häuserkampf die technologischen Vorteile ihrer Gegner zu neutralisieren. Es wird vermutet, dass sich vier- bis fünftausend IS-Kämpfer in der Stadt verschanzt haben.

Der Kommandeur der gemeinsamen Militäroperation, Generaloberst Talib Schaghati, rief die Einwohner der Metropole auf, in ihren Häusern zu bleiben, damit sie nicht den Kämpfen ausgesetzt seien. In der Stadt sollen noch rund 1,5 Millionen Menschen leben. Hilfsorganisationen rechnen mit bis zu einer Million Flüchtlingen. Zunächst seien noch keine größeren Fluchtbewegungen der Zivilbevölkerung registriert worden, sagte US-General Volesky. „Vielmehr hat die Zivilbevölkerung der (bisher zurückeroberten) Dörfer die irakischen Truppen bei deren Heranrücken unterstützt.“

Die irakische Armee, kurdische Peschmerga-Kämpfer sowie schiitische und lokale sunnitische Milizen hatten am Montag eine lang erwartete Offensive auf Mossul begonnen. Die Stadt ist die letzte größere Bastion des „Islamischen Staates“ im Irak. Sollten die Extremisten aus Mossul vertrieben werden, wäre die Terrormiliz im Irak militärisch weitestgehend besiegt.

Brüchige Koalition

Doch selbst wenn es gelingt, Mossul dem IS zu entreißen, dürfte der Kampf um die Hoheit über Iraks zweitgrößte Stadt damit nicht vorbei sein. Denn die Offensive wird von einem äußerst brüchigen Zweckbündnis geführt. So will die irakische Armee verhindern, dass die kurdischen Kräfte in die Stadt einmarschieren.

Die USA wiederrum unterstützen zwar militärisch die Offensive, aber nicht alle der an dieser beteiligten Kräfte. So weigert sich Washington, die an dem Vorstoß beteiligten Popular Mobilization Units (PMU)  – ein Bündnis vornehmlich schiitischer Milizen – beispielsweise mit Luftschlägen zu unterstützen. In Mossul leben vor allem Sunniten, viele Einwohner fürchten die Eroberung ihrer Stadt durch schiitische Kräfte.

Für Spannungen sorgt insbesondere die Haltung der Türkei, die darauf insistiert, in die Operation eingebunden zu werden. Jüngst erneuerte Präsident Recep Tayyip Erdoğan den historisch abgeleiteten Anspruch, Mossul gehöre eigentlich zur Türkei. Vertreter der irakischen Armee und der PMU kündigten militärische Gegenmaßnahmen an, sollten türkische Truppen beziehungsweise unter dem Kommando Ankaras agierende Milizen in den Kampf um Mossul eingreifen.

Für besondere Empörung sorgte der Ausspruch Erdoğans, nach der Eroberung der Stadt sollten dort nur Sunniten verbleiben dürfen. Vertreter der irakischen Koalition verurteilten daraufhin die „sektiererische, rassistische und diskriminierende“ Haltung des türkischen Präsidenten aufs Schärfste.

Soll der IS nach Syrien getrieben werden?

Konfliktstoff birgt auch der im Raum stehende Verdacht in sich, mit dem Ansturm auf Mossul solle der „Islamische Staat“ nach Syrien getrieben werden. Bereits vor Beginn der Offensive wurden Gerüchte laut, die USA und Saudi-Arabien hätten sich geeinigt, die IS-Kämpfer nach Syrien abziehen zu lassen.

Die Befürchtung, die Dschihadisten könnten sich nach Syrien absetzen, wird dadurch genährt, dass die Offensive auf die irakische Großstadt nicht auch von westlicher Himmelsrichtung aus erfolgt. „Zumindest birgt der verbleibende Korridor das Risiko, dass sich IS-Kämpfer aus Mossul nach Syrien zurückziehen“, erklärte Russlands Außenminister Sergeij Lawrow am Dienstag. Man werde die Situation im Auge behalten und „politische und militärische“ Entscheidungen treffen, sollten weitere Kontingente des IS in Syrien auftauchen, so Lawrow.

Man beobachte den Verlauf der Operation, die IS-Kämpfer in der Stadt zu blockieren, „rund um die Uhr“, äußerte sich dazu auch der Generalstabschef der russischen Armee, Valery Gerasimow. Man dürfe die Terroristen nicht von einem Land ins andere scheuchen, sondern müsse diese „an Ort und Stelle vernichten“. Unbestätigten Berichten zufolge soll Russland jüngst einen Flugplatz im Osten Syriens ausgebaut haben, um von dort aus Luftschläge gegen IS-Kämpfer führen zu können, die nach Syrien fliehen wollen.

Wenn Mossul fällt, könnte die gesamte Armee des IS „gegen die Assad-Regierung und ihre Verbündete in Stellung gebracht werden – ein Szenario, das für einige Genugtuung in Washington sorgen könnte“, so Nahost-Kenner Robert Fisk in einem zu Beginn der Offensive erschienenen Artikel im britischen Independent.

Für ein solches Szenario gibt es bereits einen Präzedenzfall: Hunderte IS-Kämpfer konnten sich nach Syrien absetzen, als die irakische Armee die Stadt Falludschah stürmte. Fisk weist in diesem Zusammenhang auf die Empfehlung des dem Pentagon nahestehenden Online-Magazins Military Times hin, die Terrormiliz „nach Syrien zu treiben“.

In einem am Montag veröffentlichten Interview mit n-tv kritisierte Nahost-Experte Michael Lüders den ambivalenten Umgang des Westens mit den Islamisten. In Mossul würden „dieselben Dschihadisten bekämpft werden, die im Osten Aleppos wiederrum als Freiheitskämpfer gelten, weil sie dort gegen das Regime von Baschar al-Assad kämpfen.“ Lüders spricht von einer „offenkundigen Widersprüchlichkeit“: „Gute Terroristen dort, wo es nützlich ist, aber böse Terroristen dort, wo es nicht ins eigene machtpolitische Kalkül passt.“

Zwar sollen sich in den vergangenen Wochen viele IS-Kämpfer mitsamt Familienangehörigen aus Mossul nach Syrien abgesetzt haben, es gibt aber keine Belege dafür, dass das auch nach Beginn der Militäroperation zur Rückeroberung der Stadt der Fall war. Zudem sollen sich inzwischen Kräfte der PMU westlich der Metropole positioniert haben, um ein Abzug der Dschihadisten nach Syrien zu unterbinden.

Im Einklang mit der russischen Position erklärte Frankreichs Präsident François Hollande, Terroristen dürften nicht an andere Orte gelangen und von dort aus ihre Aktionen weiterführen. Die Flucht von Dschihadisten aus Mossul in die syrische IS-Hochburg Rakka müsse verhindert werden, so Hollande am Donnerstag in Paris zur Eröffnung einer eintägigen Ministerkonferenz zur Zukunft Mossuls, die von den Außenministern Frankreichs und des Iraks geleitet wird.

(mit dpa)

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