Drohnenkrieg

Vom Terror der Todesengel

Seit 15 Jahren setzen die USA Drohnen im Kampf gegen mutmaßliche Terroristen ein – worunter vor allem Zivilisten zu leiden haben

Mit einem „Who the fuck did that?“ begann vor fünfzehn Jahren mit dem westlichen Militäreinsatz in Afghanistan auch die Geschichte des Drohnen-Krieges der USA. An jenem Tag – dem 7. Oktober 2001 – hatten US-Piloten im Combined Air Operations Center (CAOC) in Saudi-Arabien eine Menschenmenge im südafghanischen Kandahar, dem Machtzentrum der damaligen Taliban-Regierung, im Visier. Das Geschehen wurde sowohl im Pentagon als auch in der CIA-Zentrale in Langley mitverfolgt. Ziel der Operation war niemand Geringerer als Mullah Mohammad Omar, der Gründer und damalige Führer der Taliban. Die US-Luftwaffe hatte Omars Versteck ausfindig gemacht.

Plötzlich drückte einer der Beteiligten auf den Knopf und eine Hellfire-Rakete traf ein Fahrzeug in der Nähe des Gebäudes, in dem Omar sich aufgehalten haben soll. Im nächsten Augenblick flogen Körperteile durch die Luft. Menschen wurden zerfetzt. „Who the fuck did that?“, war die erste Reaktion eines hochrangigen Militärs, der seinen Ärger zum Ausdruck brachte, dass durch den Drohnen-Einsatz die Gelegenheit verpasst wurde, Omar zu treffen – der Taliban-Führer konnte in dem Tumult entkommen, den der Angriff ausgelöst hatte. Das darauffolgende Jahrzehnt lebte er im Schatten, bis er 2013 eines natürlichen Todes verstarb. Wie viele Personen beim ersten US-amerikanischen Drohnen-Angriff der Geschichte getötet wurden, ist unklar. Ebenso unbekannt ist, wer dafür verantwortlich war, sprich, wer auf den Knopf gedrückt hat. (1)

Drohnen-Angriffe gehören seitdem zum Alltag in vielen Ländern – vor allem in Afghanistan. Laut dem Bureau of Investigative Journalism (TBIJ), einer in London ansässigen Organisation, ist das Land am Hindukusch das am häufigsten von Drohnen bombardierte Land der Welt. Laut den bekannten Daten, unter anderem zusammengestellt vom TBIJ sowie von der US-Denkfabrik „New America“, fanden im Zeitraum 2001 bis 2013 mindestens 1.670 US-amerikanische Drohnen-Angriffe in Afghanistan statt.

Wie viele Menschen bei diesen Einsätzen getötet wurden, ist unklar. Vor allem in Bezug auf Afghanistan ist die Datenlage sehr beschränkt. Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass insgesamt mindestens sechstausend Menschen Opfer des Drohnen-Krieges wurden. (2) Die Zahl bezieht sich auf Einsätze in Afghanistan, Pakistan, Syrien, Somalia, Jemen, Libyen, Irak und den Philippinen.

TBIJ sowie Reprieve, eine in Großbritannien ansässige Menschenrechtsorganisation, kamen zu dem Schluss, dass rund dreitausend dieser Opfer aus Pakistan, dem Jemen und Somalia stammen. Allerdings wird – auch von der US-Administration – von Land zu Land unterschieden. Während etwa Afghanistan (oder auch Irak und Syrien) als „konventionelle Kriegszonen“ betrachtet werden, ist dies bei anderen Ländern nicht der Fall. In Pakistan findet zum Beispiel offiziell kein Krieg statt, an dem die USA sich beteiligen.

Dies spielt vor allem völkerrechtlich eine Rolle. Für die Menschen vor Ort ist der von den  „Todesengeln“ – so werden Drohnen mittlerweile in einigen Regionen Afghanistans und Pakistans von der paschtunischen Bevölkerung genannt – ausgehende Terror stets derselbe. „Sie sagten mir, dass mein Sohn ein Taliban-Kämpfer gewesen sei“, meint etwa Naqibullah aus der ostafghanischen Provinz Kunar. Sein Sohn Amir wurde im April 2013 gemeinsam mit dreizehn weiteren Menschen von einer US-Drohne getötet. Amir war vier Jahre alt.

Amir und sein Onkel, der 25-jährige Abdul Wahid, waren auf dem Weg in ihr Dorf, nachdem sie in der nahegelegenen Stadt Asadabad ein Krankenhaus aufgesucht hatten. Naqibullah hatte beide vorausgeschickt und wollte später nachkommen. Als er zu Hause anrief, um sich nach deren Ankunft zu erkundigen, erfuhr er, was geschehen ist. „Ich konnte die Nachricht nicht ertragen und war ganz von Sinnen. Plötzlich kamen alle Erinnerungen hoch. Ich sah nur noch meinen Sohn und meinen Bruder vor mir, während ich in Tränen ausbrach“, erzählt Naqibullah.

Nachdem sich Naqibullah an das lokale Militär wendete, wurde ihm erklärt, dass sowohl sein Sohn als auch sein Bruder als getötete Taliban-Kämpfer betrachtet werden.  „Dies gilt, solange Sie nicht das Gegenteil beweisen“, hieß es. „Es ist absurd und verabscheuungswürdig, dass behauptet wird, mein Bruder sowie mein Sohn, ein vierjähriges Kind, seien Taliban-Kämpfer gewesen“, so Naqibullah.

Ähnliches hat auch die Familie des 21-jährigen Sadiq Rahim Jan erlebt. Im Juli 2012 wurde Sadiq in der Provinz Paktia, ebenfalls im Osten Afghanistans, von einer Drohne getötet. „Vom Körper meines Bruders blieb fast nichts übrig. Er wurde in Stücke gerissen“, erinnert sich Islam, der Bruder Sadiqs. Der junge Afghane führte den einzigen Lebensmittelstand in der Ortschaft Gardda Zarrai und war damit der Hauptversorger seiner Familie, die aus seinen Eltern und vier Geschwistern besteht. Warum Sadiq zum Ziel eines Drohnen-Piloten wurde, der womöglich irgendwo in der Wüste Nevadas saß, weiß bis heute keiner von ihnen.

Seit Sadiqs Tod ist die Existenz der Familie bedroht. Im Ausland lebende Verwandete versuchen, die Familie finanziell zu unterstützen. Einige von ihnen leben auch in Deutschland. „Wir versuchen, ihnen finanziell unter die Arme zu greifen, soweit es geht“, sagt Farhad (Name geändert), ein Cousin Sadiqs, der in Stuttgart studiert und dort aufgewachsen ist. „Ausgerechnet Stuttgart“, denkt sich Farhad oft. Erst seit wenigen Jahren ist bekannt, dass sich in der Stadt auch die Zentrale von „Africom“ („United States Africa Command“) befindet. Demnach werden alle US-amerikanischen Militäroperationen auf dem afrikanischen Kontinent – auch Drohnen-Angriffe – von Stuttgart aus koordiniert. (3) Drohnen wie jene, die Sadiq getötet hat, werden von hier aus gesteuert, um Menschen in Somalia zu jagen. (4)

Dies ist allerdings nicht Deutschlands einzige Verbindung zum Drohnen-Krieg der US-Amerikaner. Seit spätestens vergangenem Jahr ist bekannt, dass die Bundesrepublik einen zentralen Steuer- und Angelpunkt des Schattenkrieges darstellt. Umfangreiche Enthüllungen der Investigativ-Plattform The Intercept – die sogenannten Drone Papers – machten deutlich, dass der gesamte Drohnen-Krieg der Vereinigten Staaten über die US-Luftwaffenbasis in Ramstein koordiniert wird. (5) De facto wäre all das Morden mit den „Todesengeln“ ohne Ramstein nicht möglich. „Dass ausgerechnet Deutschland – jener Staat, der uns einst Schutz gewährt hat – auf diese Art und Weise agiert und sich an derartigen Verbrechen beteiligt, betrübt uns sehr“, meint Farhad, dessen Familie einst nach Deutschland floh.

Viele Drohnen-Opfer sind sich mittlerweile der Täterschaft Deutschlands bewusst. Im vergangenen Jahr klagte Faisal bin Ali Jaber gegen die Bundesrepublik. Sowohl bin Ali Jabers Schwager als auch sein Neffe wurden im August 2012 durch einen Drohnen-Angriff im Jemen getötet. Der Jemenite macht Deutschland für den Tod seiner Verwandten mitverantwortlich. Obwohl seine Klage letztendlich abgewiesen wurde, war sie symbolisch von großer Bedeutung. Die Auswirkungen des Drohnen-Krieges im Jemen werden medial kaum wahrgenommen. Im Jahr 2014 wurden laut UN-Angaben mehr Menschen in demm arabischen Land durch US-Drohnen getötet als durch Bomben von al-Qaida. (6)

Dabei sind es vor allem militante Gruppierungen vor Ort, die von den Angriffen profitieren. Diese Ansicht teilen mittlerweile selbst hochrangige US-Militärs. „Der Drohnen-Krieg hat mehr Terroristen produziert als getötet“, meinte etwa Michael T. Flynn, ein ehemaliger General der US-Armee und vormaliger Direktor des militärischen Geheimdienstes DIA. (7) Wegen seiner kritischen Haltung zur US-Außenpolitik wurde Flynn, der unter anderem im Irak und in Afghanistan stationiert war, 2014 von seinem Posten gedrängt. Bereits 2012 wurde bekannt, dass das Weiße Haus jede männliche Person im wehrfähigen Alter im Umfeld des Einschlaggebietes als „feindlichen Kämpfer“ („enemy combatant“) einstuft. (8) Diese fatale Klassifizierung wird von vielen Medien oftmals ohne jegliches Hinterfragen übernommen. (9)

Noor Behram, ein Journalist aus der pakistanischen Region Waziristan, fragte sich, warum viele Medien – sowohl lokale als auch internationale – nach Drohnen-Angriffen stets von getöteten „Terrorverdächtigen“ oder „militanten Kämpfern“ berichteten, obwohl sie hierfür keinerlei Beweise anführen konnten und sich lediglich auf Regierungsquellen beriefen. Schon bald wurde Behram bekannt dafür, Drohnen-Tatorte in Waziristan mit dem Motorrad abzufahren, um die Fakten persönlich zu überprüfen. (10) Nachdem er zum Schluss kam, dass sich oft Zivilisten unter den Opfern befanden, konfrontierte er Journalisten in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad mit seinen Recherchen. Diese entgegneten allerdings, dass für sie oftmals ein Vollbart, längere Haare und ein Turban ausreichen, um die Opfer als „Terroristen“ zu klassifizieren, wie Behram gegenüber dem Autor erklärte. Eine derartige Erscheinung hat allerdings fast jeder  männliche Paschtune in Pakistan und Afghanistan.

Von derartigen Dingen will das Weiße Haus allerdings nicht wissen. Im Grunde genommen gesteht die US-Administration im Falle des Drohnen-Krieges so gut wie keine Fehler ein. Vor wenigen Monaten veröffentlichte Washington erstmals Zahlen zu den zivilen Opfern der „Todesengel“. Laut dem dreiseitigen Papier fanden im Zeitraum 2009 bis 2015 473 Drohnen-Angriffe in Pakistan, Libyen, Somalia und dem Jemen statt. Dabei wurden angeblich zwischen 2.372 und 2.581 „terroristische Kämpfer“ sowie 64 bis 116 Zivilisten getötet. (11) Staaten wie Afghanistan oder der Irak werden in keiner Weise erwähnt.

Die veröffentlichen Zahlen werden von Beobachtern und Kritikern stark bezweifelt. Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass selbst die konservativsten Schätzungen zu zivilen Opfern von Drohnen-Einsätzen die Angaben des Weißen Hauses übertreffen. Laut dem TBIJ wurden im genannten Zeitraum in den besagten Staaten über achthundert Zivilisten durch Drohnen-Angriffe der USA getötet. Würde man den Zeitraum der Bush-Administration einbeziehen, würde die Zahl ziviler Todesopfer in den besagten Ländern bei über eintausend liegen. (12)

„Die veröffentlichten Zahlen sind zu niedrig. Sie ändern nichts und sind auch nichts Neues. Die CIA hat schon zuvor ungenaue Zahlen veröffentlicht. Und warum wird hier überhaupt von 64 bis 116 Opfern gesprochen? Meiner Meinung nach macht das nur deutlich, dass sie selbst nicht wissen, wen sie umbringen“, meint Mirza Shahzad Akbar, ein pakistanischer Anwalt, in diesem Kontext gegenüber Hintergrund. Akbar ist dadurch bekannt geworden, Drohnen-Opfer juristisch zu vertreten.

„Die genannten Zahlen betreffen vier Staaten. Allerdings wurden allein im Jahr 2006 mindestens achtzig Schulkinder durch einen einzigen Drohnen-Angriff in Pakistan getötet“, betont Akbar, der unter anderem mit der britischen Menschenrechtsorganisation Reprieve zusammenarbeitet. Akbar wurde bereits drei Mal die Einreise in die USA verwehrt. Obwohl genaue Gründe nie genannt wurden, ist es offensichtlich, dass die ablehnende Haltung der US-Behörden mit Akbars Arbeit zu tun hat.

Wie viele andere Kritiker ist auch Akbar davon überzeugt, dass die Mehrheit der Drohnen-Opfer Zivilisten sind. Auch das TBIJ kam zu demm Schluss, wonach lediglich vier Prozent der identifizierten Drohnen-Opfer aus Pakistan aus einem al-Qaida-nahen Umfeld stammten. (13) Das Narrativ der präzisen Drohne, die lediglich Terroristen tötet, ist demnach weiterhin ein Mythos, der in den Köpfen westlicher Politiker existiert.


Anmerkungen

(1)    http://www.theatlantic.com/international/archive/2015/05/america-first-drone-strike-afghanistan/394463/
(2)    https://www.theguardian.com/world/2015/jun/17/former-us-military-personnel-letter-us-drone-pilots
(3)    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.drohnenkrieg-der-usa-ferngesteuert-von-stuttgart-aus-page1.8713719c-5231-41f0-9808-1d6c56547b5d.html
(4)    http://www.sueddeutsche.de/politik/angriffe-in-afrika-drohnentod-aus-deutschland-1.1829921-3
(5)    https://theintercept.com/2015/04/17/ramstein/
(6)    https://theintercept.com/2015/04/17/ramstein/) (https://news.vice.com/article/the-un-says-us-drone-strikes-in-yemen-have-killed-more-civilians-than-al-qaeda)
(7)    https://theintercept.com/2015/07/16/retired-general-drones-create-terrorists-kill-iraq-war-helped-create-isis/
(8)    https://theintercept.com/2014/11/18/media-outlets-continue-describe-unknown-drone-victims-militants/
(9)    http://www.salon.com/2012/05/29/militants_media_propaganda/
(10) http://www.newyorker.com/magazine/2014/11/24/unblinking-stare
(11) https://www.theguardian.com/us-news/2016/jul/01/obama-drones-strikes-civilian-deaths
(12) https://www.thebureauinvestigates.com/category/projects/drones/drones-graphs/
(13) https://www.thebureauinvestigates.com/2014/10/16/only-4-of-drone-victims-in-pakistan-named-as-al-qaeda-members/

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