Aleppo

„Dann kamen die Terroristen und zerstörten alles“

Nach der Vertreibung der Islamisten kehrt nach Jahren die Hoffnung nach Aleppo zurück.

Es sind apokalyptische Bilder, die uns dieser Tage aus der syrischen Stadt Aleppo erreichen. Kilometerweit nichts als zertrümmerte Fassaden. Straßen sind gesäumt von Leichen, unter ihnen viele Frauen und Kinder. Vor grünen Bussen warten tausende Menschen, um aus der Stadt und damit vor der Gewalt der syrischen Armee evakuiert zu werden. Die UN berichten von Informationen, wonach dutzende Zivilisten durch syrische Regierungssoldaten ermordet worden sein sollen.  Und noch immer steigen am Himmel die Rauchsäulen der Luftangriffe auf.

Das ist die eine Version, die von der Eroberung Aleppos durch die syrische Armee erzählt wird. Doch es gibt auch diese andere Erzählung, von der man wenig in westlichen Medien hört. In dieser fahren Autokorsos hupend wie nach einem gewonnenen Fußballspiel durch die Straßen der Stadt. In russischen Feldlazeretten werden Verwundete versorgt, Soldaten der syrischen Armee verteilen Nahrung und Medizin. Menschen jubeln öffentlich über das Ende der Kämpfe und die Vertreibung der Islamisten. Und zum ersten Mal seit vier Jahren können Bewohner Ost-Aleppos öffentlich Weihnachten feiern, ohne Gefahr zu laufen, dafür ermordet zu werden.

Wie erleben Syrer vor Ort die Rückeroberung von Aleppo? Wie haben sie den vergangenen Jahre verbracht? Und was denken sie über die westliche Medienberichterstattung? Wir haben mit einigen von ihnen gesprochen.

„Wir lebten in einem großartigen Land“

Moutaz Janat ist 33 Jahre alt und hat an der Universität von Aleppo Wirtschaft studiert. Gemeinsam mit seiner Mutter lebt er nahe der historischen Altstadt im Stadtteil Al-Ismailiah. Seitdem die Kämpfe beendet sind, versucht er zusammen mit einer Gruppe von Studenten Menschen wieder in Arbeit, Kinder in Schulen und Essen in die Küchen zu bringen. Janat ist froh, dass die Stadt wieder unter Kontrolle der syrischen Regierung steht und „dass jetzt die ständigen Mörserangriffe durch die Rebellen vorüber sind“. Er sagt, er hoffe nun, dass sein Leben wieder wird wie vor dem Krieg:

„Wir lebten in einem großartigen Land, wir hatten Arbeit, Geld, Frieden, Spaß…. Jeder Mensch hatte ein Dach über dem Kopf. Niemand interessierte sich für die Religion seiner Freunde, wir begingen auch die Feiertage gemeinsam. … Als der Krieg im Irak und im Libanon wütete, hießen wir die Leute in unseren Häusern willkommen. Mädchen und Jungen gingen gemeinsam zur Universität. In meinem Job hatte ich auch einmal eine Frau als Vorgesetzte. Nach der Arbeit gingen wir in den Einkaufszentren shoppen. Das war völlig normal. Und dann kamen die Terroristen und zerstörten alles.“

„Einer meiner Cousins wurde als menschliches Schutzschild missbraucht“

Wie sich das Leben in Aleppo mit Beginn der Kämpfe änderte, erzählt auch Abuldkarim Aktaa. Der 24-jährige lebt im Stadtteil Aazizeyeh und will seinen echten Namen lieber nicht im Internet lesen.  Aus Angst um seine Sicherheit, wie er sagt. Aktaa erzählt von den „erschütternden Bildern“, die er sah, als er nach dem Ende der Kämpfe die Zerstörung in der Altstadt zum ersten Mal sah, aber auch von der Hoffnung, die sich nun in der Stadt breit mache: „Tausende Menschen kommen von überall, um in ihre zerstörten Wohnungen zurückzukehren. Seit vier Jahren ist zum ersten Mal der Glaube an einen Neuanfang zu spüren.“  Aktaa erinnert sich noch, wie die Kämpfe 2012 begannen:

„Es war im August als wir zum ersten mal eine Explosion bei einem Armeegebäude hörten. Das Geräusch war so laut. Menschen rannten überall in Panik. Meine Mutter fing an zu weinen. … Wir glaubten, dass das Chaos nicht länger als zwei Wochen dauern würde. Aber es wurde von Woche zu Woche immer schlimmer. … Vor fünf Monaten kamen Kämpfer von Ahrar-Al-Sham vor unser Haus und schossen auf uns. Daraufhin mussten wir unser Haus verlassen.“

Aktaa hat den Krieg größtenteils im von der Regierung kontrollierten Westteil der Stadt verbracht. Den Alltag im Ostteil kennt er trotzdem. Mehrmals wöchentlich telefoniert er mit Verwandten auf der anderen Seite der Stadt:

„Es gab dort ständig Luftangriffe durch die syrische Armee. Aber meistens haben sie Einrichtungen der Terroristen getroffen. Zu zivilen Opfern kam es, weil die Terroristen sie als Geiseln nahem und als menschliche Schutzschilde nutzten, um die Armee von Angriffen abzuhalten. Einer meiner Cousins wurde als menschliches Schutzschild missbraucht, aber zum Glück hat er überlebt. Er hat erzählt, dass die Terroristen meist in ihren Autos abgehauen sind, wenn die Luftangriffe begangen, während sie die Zivilisten in den angegriffenen Häusern zurück ließen.“

Auch Aktaa zeigt sich als Anhänger der Syrischen Armee, die in jedem eroberten Stadtteil begonnen habe, behelfsmäßige Unterkünfte zu schaffen und Nahrung und Medizin verteilt habe. Den „Rebellen“ macht er hingegen schwere Vorwürfe: „Sie hielten Helfer des Roten Halbmondes davon ab, Hilfslieferungen zu den Zivilisten zu bringen. Stattdessen beschlagnahmten sie die Hilfslieferungen und verkauften sie an die Zivilisten. Ein Kilogramm Reis kostete zum Beispiel vier Dollar. Mehrmals sollen die Terroristen auch auf Freiwillige des Roten Halbmondes geschossen haben.“

„Aleppo ist jetzt wiedervereint“

Ähnliches erzählt auch Ayham Jabr. Der 28-jährige Künstler lebt im Osten von Damaskus. Auch in seinem Viertel schlagen regelmäßig Granaten ein. Am Rande seines Stadtteils liefern sich syrische Armee und Islamisten seit Monaten schwere Gefechte. Auch Jabr erzählt von syrischen Freunden, die in Aleppo auf der Straße tanzten. Von der Berichterstattung in westlichen Medien hält er nichts:

„Aleppo ist jetzt wiedervereint. So wie es vor dem Krieg war und so wie es sein sollte. Schande über fast alle westlichen Medien, ich kann nicht glauben, wie sie die Realität verleugnen! … Ich wünschte, ihr könntet sehen, wie die Menschen in Aleppo nach der Befreiung feierten. Aber was kümmert uns die Meinung des Westens. Unsere geliebte Stadt ist wiedervereint, und das ist alles, was zählt.“

„Die Menschen waren angewidert vom Westen“

Aus Damaskus stammt auch Sam Al-Akhras. Al-Akhras ist Rugby-Spieler beim Damaszener Rugby-Verein Zenobians, hat aber die letzten Tage in Aleppo verbracht, um – wie er sagt – die Toten zu Ehren. Auch er berichtet von dem Leid, das die Menschen in der syrischen Millionenstadt erfasst hat und von der Freude über die Eroberung durch die syrische Armee:

„Die Zivilisten waren so froh, als die syrische Armee sie befreit hat. … Die einzigen, die die Beireifung bedauern, sind die Kämpfer von Ahrar Al-Sham und Nour el Din al-Zinki. Die ‚Rebellen‘ aßen und lebten wie Könige, während die Zivilisten keine Chance hatten, an Nahrung, sauberes Wasser oder medizinische Versorgung zu kommen… Überall verlief die Front durch zivile Gebiete. Wenn du ein wahrer Rebell bist und versuchst, etwas für dein Land zu tun, dann wählst du ein leeres Gebiet und nutzt nicht Zivilisten oder Kinder als menschliches Schutzschild. Und wenn du den Anspruch erhebst, für eine religiöse Sache zu kämpfen, warum zerstörst du dann Moscheen und Kirchen anstatt sie zu schützen? Wenn das wahre Rebellen sind, warum stürmen sie sogar Friedhöfe, sodass Zivilisten ihre Angehörigen in öffentlichen Parks begraben müssen?“

Die Zerstörung der Stadt, erzählt Al-Akhras, sei vor allem den Angriffe der Rebellen durch Mörser oder Autobomben geschuldet: „Bevor sie die Stadt verließen, haben sie alles, was sie konnten, verbrannt.  Und vergiss nicht die Sprengsätze und Minen, die sie überall platziert haben. … Die Menschen im Ostteil der Stadt waren angewidert vom Westen. Sie sagten: ‚Wie wäre es, wenn wir nach Washington kommen und dort im Namen der Demokratie alles zerstören? Wie würdet ihr euch fühlen?’“

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