Umwelt

Tanz auf dem Vulkan

Japans Energiepolitik nach Fukushima –

Von SUSANN WITT-STAHL, 5. Juli 2012 –

Trotz skandalöser Sicherheitsmängel, trotz Behörden-Mauscheleien und -Versagen, trotz Erdbeben-Gefahr, trotz Trauma der Menschen und Massenprotesten – Japan produziert wieder Atomstrom und schlittert womöglich in die nächste „vorhersehbare“ Katastrophe.

Nach dem GAU in Fukushima im März 2011 war Japan einige Zeit lang atomfrei. Alle 50 Atommeiler des Landes, durch die rund 30 Prozent seines Strombedarfs gedeckt werden, waren nach der Katastrophe abgeschaltet worden. In dem AKW war es nach einem Tsunami zu einer dreifachen Kernschmelze gekommen. Mehr als 100.000 Menschen können bis heute nicht in ihre Heimat zurück.

Aber diese Realität wird von Japans Regierung und der mächtigen Atomlobby, die mit aller Macht eine Energiewende verhindern wollen, ignoriert: Erstmals seit Fukushima wird nun wieder Atomstrom produziert: Der Reaktor 3 im AKW Oi habe um 7.00 Uhr Ortszeit den Betrieb wieder aufgenommen, gab der Betreiberkonzern Kansai Electric heute bekannt.

Der Wiedereinstieg in das Atom-Business wird von heftigen Protesten begleitet, die in der Geschichte des Landes bislang beispiellos sind: Vergangenen Freitag hatten nach Medien-Angaben mehr als 150.000 Menschen in Tokio vor dem Amtssitz von Regierungschefs Yoshihiko Noda gegen seine Entscheidung protestiert, den Meiler wieder hochzufahren zu lassen. Die Veranstalter zählten sogar 200.000 Teilnehmer – die Polizei hingegen spielte ihre Zahl auf 17.000 herunter.

Bereits eine Woche zuvor hatten sich 40.000 Japaner zu einer Demonstration versammelt – für viele war es die erste ihres Lebens. Die meisten kamen direkt von der Arbeit und schlossen sich dem Marsch spontan an. Anti-Atom-Aktivisten trugen große Banner mit Aufschriften wie „Das Nuklearzeitalter ist vorbei“ durch die Metropole.

Seit März dieses Jahres haben Bürgerinitiativen jede Woche, meist an Freitagen, gegen die Kernenergie protestiert. Auch viele Prominente, beispielsweise der Literatur-Nobelpreisträger Kenzaburo Oe und der Komponist Ryuichi Sakamoto, die sich auch an der Kampagne Sayonara Genpatsu Senmannin Akushon („Tschüs Atomkraft – 10.000.000-Menschen-Aktion“) beteiligen,  unterstützen die Anti-Atomkraft-Bewegung. Die hatte noch am Sonntagabend bis zur letzten Minute versucht, Japans erneuten Tanz auf dem Vulkan zu verhindern:  Etwa 700 Menschen trafen sich mit Trommeln und anderen Lärminstrumenten vor dem AKW Oi zu einer Aktion gegen die Wiederinbetriebnahme:  Sie schlossen den Zufahrtsweg mit einer Sitzblockade, die von der Polizei geräumt wurde.

Auch die umliegenden Gemeinden und Provinzregierungen hatten aus Sorge um die Sicherheit der Meiler ein Wiederanfahren der Reaktoren zunächst abgelehnt. Am Ende aber gaben die Provinzpolitiker ihren wochenlangen Widerstand  auf. Regierung und Atomlobby hatten durch intensive PR-Kampagnen Panik verbreitet, vehement vor angeblichen „Stromausfällen“ in der Industrieregion um Osaka gewarnt, die erhebliche negative Folgen für die Wirtschaft haben würden, wie sie behaupteten. Ohne Kernenergie „kann die japanische Gesellschaft nicht überleben“, dramatisierte Premier Noda die Lage seiner Nation und genehmigte, wie erwartet, sofort, nachdem die Gemeinden nachgegeben hatten, die Wiederaufnahme der Atomstrom-Produktion.

Man werde die Produktion im Reaktor 3 erhöhen und voraussichtlich ab kommenden Montag wieder mit voller Kapazität Strom erzeugen, kündigte der Betreiber des AKW Oi an. Reaktor 4 werde dann voraussichtlich am 18. Juli hochgefahren. Das Wiederanfahren des 1,18 Millionen-Kilowatt-Reaktors Nummer 3 wird den im Hochsommer bei Kansai Electric angeblich erwarteten Strommangel in der Region um die Industriestadt Osaka von 14,9 Prozent auf 9,2 Prozent verringern, berichtet die japanische Nachrichtenagentur Kyodo.

Experten warnen jedoch vor der Gefahr erneuter schwerer Erdbeben. Zudem seien die völlig verstrahlten Ruinen des Atomkraftwerks Fukushima Daiichi bis heute nicht unter Kontrolle gebracht. Die Regierung bestreitet das hohe Risiko. Sie sei in der Lage, eine nochmalige Katastrophe wie in Fukushima zu verhindern, versichert Regierungschef Noda.

Ergebnisse der Untersuchungskommission

Seine Kritiker kann er mit derartigen Phrasen nicht beruhigen. Schon gar nicht nachdem nun eine vom nationalen Parlament eingesetzte Untersuchungskommission ermittelt hat, dass Fukushima vermeidbar gewesen wäre. Es sei nicht zuletzt das Ergebnis von verheerenden Sicherheitsmängeln und Behördenfilz, heißt es in dem Kommissionsbericht. Der GAU am 11 März 2011 sei zwar von dem Erdbeben und Tsunami ausgelöst worden, aber der darauf „folgende Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi (…) kann nicht als eine Naturkatastrophe angesehen werden. Es war ein schwerwiegendes Desaster von Menschenhand“.

Nicht nur sei die Behauptung des Betreiberkonzerns Tepco falsch, der Tsunami und nicht das Erdbeben wäre an dem Unfall in Fukushima schuld gewesen, verlautbarte die parlamentarische Untersuchungskommission – der Unfall sei sogar „vorhersehbar“ gewesen. Er sei das Ergebnis von Kungeleien zwischen der Regierung, der Atomaufsicht und Tepco. Obwohl das Risiko bekannt gewesen, man gewusst habe, dass das AKW nicht den Sicherheitsanforderungen entspreche und einem größeren Erdbeben nicht standhalten konnte, sei nichts unternommen worden. Die Verantwortlichen bei Tepco hätten ihre Mitarbeitern weder ausreichend geschult und auf Unfälle vorbereitet noch habe man ihnen während der Katastrophe ausreichend klare Anweisungen und Betreuung vor Ort zukommen lassen.

Noch mehr eskaliert sei die Situation danach, weil das Krisenmanagement der Zentralregierung in Tokio und der betroffenen Behörden paralysiert gewesen und versagt habe, wird in dem Bericht festgestellt. Die jeweiligen Verantwortlichkeiten und Aufgaben seien nicht eindeutig zugewiesen gewesen. Zudem hätten es die Aufsichtsbehörden jahrelang fahrlässig versäumt, geeignete Maßnahmen für solche Fälle zu entwickeln. Diese Schlamperei habe erheblich zu dem Chaos bei der anschließenden Evakuierung der betroffenen Menschen in Fukushima und Umgebung  beigetragen. So seien viele Anwohner erst spät informiert worden. Einige seien in Gebiete evakuiert worden, die noch stärker verstrahlt waren als ihre Heimatorte. „Die Zentralregierung war nicht nur langsam bei der Informierung der örtlichen Regierungen über den Unfall, sondern versäumte es auch, die Schwere des Unfalls zu vermitteln“, urteilte die Untersuchungskommission.

Japans Atomkraftgegner wollen nicht vor der Macht des lebensgefährlich Faktischen kapitulieren. Sie kündigten bereits an, mit einer Dauermahnwache vor dem AKW Oi präsent zu bleiben.  Am 29. Juli  soll das Parlamentsgebäude in Tokio von einer Menschenkette umstellt werden.

(mit dpa)

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