Umweltverschmutzung

Vermüllte Weltmeere

Millionen Tonnen Plastikmüll und herrenlose Fischereinetze sind ein wachsendes Risiko für Umwelt und Gesundheit

Ein Leben ohne Plastik scheint heute nicht mehr vorstellbar. Ein beträchtlicher Teil davon landet aber nach seiner Nutzung in den Weltmeeren und bleibt dort als Plastikmüll Jahre und Jahrzehnte. Hier zerfällt es in immer kleinere Teile – und schädigt als Mikroplastik das Leben von Mensch und Tier. Ein besonderes Problem sind herrenlose Fischernetze, in denen sich zahllose Meerestiere verfangen.

Plastikeimer in Pottwalmägen

Ende Januar 2016 strandeten dreizehn männliche Pottwale an der Nordseeküste. Als Wissenschaftler den Inhalt der Mägen untersuchten, waren sie schockiert, als sie bei vier Tieren erhebliche Mengen Plastikmüll fanden, darunter Fischereinetze, Plastikteile aus dem Motorraum eines Autos sowie Reste eines Kunststoffeimers.(1)

Plastikmüll im Bauch von Meerestieren ist ein weitverbreitetes Phänomen. So verwechseln Seevögel herumliegende Plastikteile gerne mit Nahrung. Weil sie es weder verdauen noch ausscheiden können, verhungern sie mit vollem Magen, ersticken oder verletzen sich innerlich. Auf diese Weise gingen bereits Tausende Vögel qualvoll zugrunde.

Laut dem Meeresökologen Jan van Franeker vom niederländischen IMARES-Institut transportieren und verteilen vor allem Zugvögel das von ihnen aufgenommene Plastik weltweit.(2) In einer Studie aus dem Jahr 2015 fanden Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts bei fünf Prozent aller von ihnen untersuchten Speisefische in der Nord- und Ostsee Kunststoff im Verdauungstrakt.(3) Dabei gibt es erhebliche Unterschiede unter den Tierarten: Makrelen verschlucken offenbar häufiger Plastik als andere in Bodennähe lebende Fischarten.(4) Auch die Reaktionen der Tierarten ist sehr unterschiedlich: Während Kleinstlebewesen wie Meerasseln Plastikteilchen unverdaut wieder ausscheiden, führte bei Fütterungsversuchen Mikroplastik in Miesmuscheln zu Entzündungen im Gewebe.(5)

Verpackungsmüll vermeiden

Mit 136 Kilogramm pro Jahr liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Plastik in Westeuropa dreimal über dem weltweiten Durchschnitt, wobei zwei Drittel davon nur auf Deutschland, Italien, Frankreich, Großbritannien und Spanien entfallen.(6) Besondere Sorgen machen die leicht umherfliegenden Plastiktüten. Seit Mai 2015 sieht eine EU-Richtlinie vor, den Verbrauch leichter Kunststofftragetaschen mit einer Wandstärke bis zu 50 Mikrometer bis Ende 2019 auf durchschnittlich 90 Stück und bis Ende 2025 auf 40 Stück pro Einwohner und Jahr zu senken. In Deutschland liegt der Verbrauch zurzeit bei 71 Stück pro Person und Jahr. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks will nun den Verbrauch von Plastiktüten weiter senken. Eine freiwillige Vereinbarung zwischen Handel und Bundesumweltministerium über eine Kostenpflicht für Plastiktüten tritt zum 1. Juli 2016 in Kraft und bezieht auch kräftigere Plastiktüten über 50 Mikrometer Wandstärke ein. Die Ministerin kündigte an, nach zwei Jahren zu überprüfen, wie die Vereinbarung umgesetzt wurde und droht für den Fall eines verfehlten Ziels der Verbrauchssenkung mit einer entsprechenden Verpflichtung.(7)

Sehr dünne, leichte Plastiktüten, die für Käse, Obst und Gemüse verwendet werden, sind davon allerdings ausgenommen. Gerade diese, kritisiert der Umweltverband WWF, flattern schnell auf Mülldeponien und von dort aus in die Flüsse und Meere.

Zwar ist in Deutschland die Entsorgung von Plastikmüll durch Müllverbrennung und Gelbem Sack einigermaßen geregelt. Offene Mülldeponien mit flatternden Tüten sind vor allem aus Entwicklungsländern bekannt. Aber auch hierzulande sind Straßenränder, Friedhöfe oder Parkanlagen häufig zugemüllt. Außerdem reisen deutsche Touristen zuhauf an die Strände dieser Welt oder sind auf Ozeandampfern unterwegs, wo sie ihren Müll an Ort und Stelle hinterlassen. Konsumenten könnten von sich aus Müll vermeiden, indem sie beim Einkauf auf Produkte ohne Plastikverpackung achten und ihren Müll auch im Urlaub ordentlich entsorgen.

Einer Studie des World Economic Forums vom Januar 2016 zufolge gelangen jährlich rund acht Millionen Tonnen Plastik in die Ozeane.(8) Bereits heute schwimmen rund 150 Millionen Tonnen Plastik in den Meeren – ein Fünftel des Gewichts aller Fische. Bei anhaltendem Trend wird der Plastikmüll im Meer laut den Schätzungen der Forscher bis zum Jahr 2050 mehr wiegen als die Menge aller Fische zusammen.(9)

Die Folgekosten werden in einer Studie des United Nations Environment Programme (UNEP) auf jährlich 13 Milliarden US-Dollar beziffert. Darin enthalten sind die finanziellen Verluste für die Fischerei, den Tourismus und die Kosten für das Reinigen der Strände. Die dauerhaften Schäden an Ökosystemen und menschlicher Gesundheit sind nicht mit eingerechnet.(10) Auch auf den Meeresböden häufen sich die Müllberge – wie zum Beispiel in der Arktis, wo sich der Müll innerhalb der letzten zehn Jahre verdoppelt hat. Weltweit soll es fünf riesige Plastikstrudel geben: im Nord- und Südpazifik sowie im Nordatlantik. So erstreckt sich der Great Pacific Garbage Patch entlang der Nordpazifischen Küste von China bis nach Kanada auf bis zu 15 Millionen Quadratkilometer – größer als die Fläche des europäischen Kontinents. Dabei handelt es sich um wolkenartige Ansammlungen von Schwemmgut, das unter der Meeresoberfläche treibt und von Strömungswirbeln je nach Wetterlage in Tiefen bis zu 30 Meter gespült wird.(11)

Zerfallendes Plastik setzt Gifte frei

An den Urlaubsstränden laufen Touristen nicht nur über Sandkörner, sondern auch über unzählige feine Plastikteilchen. Während ihrer Reise durch die Flüsse und Weltmeere zerfallen die Plastikteile durch Wellenschlag, Sonne und UV-Strahlung in immer kleinere Partikel. So können 400 Jahre ins Land gehen, bis die Teile vollständig zersetzt sind.

Wird an der Wasseroberfläche schwimmendes Mikroplastik von Kleinstlebewesen verschluckt, landen diese im Bauch von Meeressäugern, Seevögeln und Menschen. So finden sich dem Umweltverband WWF zufolge an manchen Stellen im Meer sechsmal mehr Plastik als Plankton. Während es zerfällt, werden diejenigen Chemikalien, die bei der Herstellung hinzugefügt wurden, wieder freigesetzt. Fettlösliche und schwer abbaubare Weichmacher und Polyamide reichern sich auf diese Weise im Fettgewebe von Meerestieren wie Fischen, Garnelen und Krebsen an. Diese Umweltgifte können wie Hormone wirken, Krebs erregen oder die Fruchtbarkeit schädigen. Aber auch im Plankton selbst reichert sich Mikroplastik an. So ist die Konzentration von Schadstoffen in Mikroplastik Hunderte Male höher als im Meerwasser.(12)

Plastik enthält nicht nur selbst Giftstoffe, sondern wirkt beim Schwimmen durchs Meer wie ein Magnet für Umweltgifte, von denen sich immer mehr auf der glatten Oberfläche anlagern. Mikropartikel von bis zu einem Millimeter Größe werden leicht von Meerestieren wie Muscheln verzehrt, weil diese es häufig mit Plankton verwechseln. Am Ende der Nahrungskette landet das Gift auf unseren Tellern.

Todesfalle Geisternetz

Das Umweltbundesamt geht davon aus, dass von den rund 300 Millionen Tonnen produzierten Kunststoffen im Jahr sechs bis zehn Prozent im Meer landen.(13) Jedes Jahr würden bis zu 30 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle in die Ozeane gespült, allein in Europa bis zu 5,7 Millionen. Neben alten Plastikflaschen und Tüten lassen Touristen an den Stränden Verpackungen, Besteck und weiteren Abfall zurück. Dazu kommt der Müll, der von den Ozeanriesen über Bord geworfen wird.

Nicht zu unterschätzen sind herrenlos treibende Fischer- und Schleppnetze sowie Angelleinen im Meer. So werden jedes Jahr rund 10 000 Netzteile in die Ostsee geworfen oder gehen verloren. Die sogenannten Geisternetze schädigen nicht nur Korallenriffe, sondern sie fischen jahrzehntelang weiter: Sie driften – zum Teil noch an Bojen hängend – durchs Wasser und fangen dabei Meerestiere wie Dorsche, Seeskorpione, aber auch Robben oder Seevögel, so Jochen Lamp.

Der Leiter des WWF-Ostseebüros entwickelte im Jahr 2013 gemeinsam mit dem polnischen WWF den Plan, sechs Tonnen Fischernetze aus der deutschen Ostsee zu holen. Mithilfe des Deutschen Meeresmuseums, des Tauchervereins Archaeomare sowie zahlreicher Spenden – unter anderem von der Beatrice-Nolte-Stiftung – gelang es dem Taucherteam noch im Herbst desselben Jahres, 30 Wracks zu sondieren, von denen die meisten unter Fischernetzen verborgen waren. Nach zahlreichen Versuchen fand der Tauchtrupp etliche herrenlose Schleppnetze mit zahllosen verendeten Fischen, darunter lagen Wracks von Schiffen aus der Zeit der Weltkriege, die über und über mit Fischernetzen bedeckt waren. Allein im September 2014 wurden zwei Tonnen Netze geborgen. Geplant ist außerdem, mit sogenannten Netzeggen frei treibende Netze aus der See zu bergen.

Dass im Meer Fischernetze überhaupt herrenlos herumtreiben, ließe sich leicht vermeiden, glaubt Philipp Kanstinger, Forschungstaucher beim WWF. Zum Beispiel durch die Nutzung von Fanggeräten, die ihren Betrieb einstellen, sobald eines verloren geht. Würden die Netze mit Codes versehen, könne man außerdem die Eigentümer besser ausfindig machen. Am besten sei jedoch die Verwendung von Fangnetzen, die biologisch abbaubar sind.(14)


 

Anmerkungen:
(1)    http://www.nationalpark-wattenmeer.de/sh/misc/untersuchung-der-gestrandeten-pottwale-grosse-mengen-plastikmull-den-magen-gefunden
(2)     http://www.plasticgarbageproject.org/de/plastikmuell/probleme/auswirkungen-tierwelt/
(3)     http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0025326X15301922=
(4)     http://www.awi.de/nc/ueber-uns/service/presse/pressemeldung/mikroplastikpartikel-in-speisefischen-und-pflanzenfressern.html
(5)     https://idw-online.de/de/news618790
http://www.awi.de/nc/ueber-uns/service/presse/pressemeldung/mikroplastikpartikel-in-speisefischen-und-pflanzenfressern.html
(6)     http://www.greenpeace.de/presse/presseerklaerungen/greenpeace-schiff-macht-welle-gegen-plastikmuell
(7)    http://www.bmub.bund.de/presse/pressemitteilungen/pm/artikel/hendricks-will-deutlich-weniger-plastiktueten/
(8)     http://www3.weforum.org/docs/WEF_The_New_Plastics_Economy.pdf
(9)     http://www.zeit.de/wissen/umwelt/2016-01/plastik-umweltverschmutzung-meer-studie-weltwirtschaftsforum
(10)     http://www.unep.org/pdf/ValuingPlastic/
(11)     http://www.plasticgarbageproject.org/de/plastikmuell/probleme/plastikmuellstrudel https://reset.org/knowledge/plastic-ocean-plastikinseln-im-meer
(12)     http://www.wwf.de/themen-projekte/meere-kuesten/unsere-ozeane-versinken-im-plastikmuell/
(13)     http://www.umweltbundesamt.de/presse/presseinformationen/mikroplastik-im-meer-wie-viel-woher

( 14)    http://www.wwf.de/themen-projekte/projektregionen/ostsee/schluss-mit-geisternetzen-von-der-idee-bis-zur-bergung/

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Umwelt Ernährungsumstellung könnte Millionen Menschenleben retten
Nächster Artikel Umweltverschmutzung Die wahren Kosten des Öls