Innenpolitik

Berlin: Tausende demonstrieren gegen christliche Fundamentalisten

Von WILLI EFFENBERGER, 21. September 2015 –

Marsch fürs Leben

Am vergangenen Samstag versammelten sich nahezu 5000 „Lebensbefürworter“ vor dem Berliner Reichstg. Einmal im Jahr kommen die christlichen Fundamentalisten zusammen, um „für ein Europa ohne Abtreibung und Euthanasie“ zu demonstrieren. Auf den Schildern, die sie mitführen, wird Kindesmissbrauch mit Abtreibung gleichgesetzt. Letztere gilt bei den Demonstranten generell als verantwortungslos und unmenschlich.(1) Die Liste der Unterstützer ist überraschend kurz, es sind vor allem christliche Vereine, aber auch politische Verbände wie der Bundesverband der Jungen Union.(2) Sie bemühen sich um ein offenes Erscheinungsbild. Jeder und jede sollen willkommen sein, so das Bild, das man vermitteln möchte. Doch schon bei der Auftaktkundgebung wird deutlich: Hier gibt es klare Feindbiler. Ein Redner spricht von „rotlakierten Braunen und braunlakierten Roten“, gerichtet an die zumeist linken Gegner dieser Veranstaltung.

Er erntet gehörigen Beifall, unter anderem auch von der Charlottenburger Fraktion der rechtspopulistischen „Alternative für Deutschland“. Diese waren mit einem eigenen Transparent gekommen, auf dem sie „Willkommenskultur für unsere Kinder; Rettungspakete für unsere Familien“ forderten. Einige ihrer Mitglieder trugen Symbole der offen rassistischen und islamfeindlichen „German Defence League“, die „Lebensschützer“ schienen sich daran nicht zu stören.

Die Fassade der „weltoffenen Lebensbefürworter“ fiel spätestens in dem Moment, als die Demonstration das erste Mal auf ihre Kontrahenten traf. Von „Lesbenpack“ war dann die Rede und von „ekelhaften Tunten“. Die Gegendemonstranten reagierten mit Konfetti, Kondomen und Parolen: „My body my choice, raise your voice“. In dieser Parole findet sich auch der Kern der Kritik an der fundamentalistischen Zusammenkunft.

GegnerInnen des Marsches
Gegen Homophobie und die Entmündigung von Frauen: Gegner des „Marsches für das Leben“ riefen zu Blockaden auf

Zu den Gegenprotesten aufgerufen hatte ein linkes Bündnis unter dem Motto „Antifeminismus sabotieren! Für körperliche Selbstbestimmung demonstrieren!“ Besonders umstritten auf beiden Seiten ist dabei der Paragraph 218 des Strafgesetzbuches, nach dem Abtreibung ein Straftatbestand und nur unter bestimmten Bedingungen zulässig ist. So sieht der Gesetzgeber eine Zwangsberatung durch eine staatliche Stelle vor, nach der noch drei Tage gewartet werden muss. Erst dann darf abgetrieben werden. Die „Lebensschützer“ sehen darin einen legalisierten Massenmord. Die Organisatoren der Gegenproteste dagegen sehen darin eine „staatlich institutionalisierte Entmündigung von FLTI*(Frauen Lesben Trans- und Intersexmenschen), die nicht selbst über ihren Körper und ihre Lebensplanung entscheiden dürfen.“ (3)

Von ihnen kamen zu einer Demonstration am Vormittag bereits über tausend Teilnehmer, die versuchten zur angemeldeten Demonstrationsroute des Fundamentalistenaufzuges durchzubrechen, was anfänglich nicht gelang.

Später allerdings blockierten mehrere hundert Aktivisten den Aufmarsch und weigerten sich auch nach diversen Aufforderungen der Berliner Polizei die Sitzblockaden

aufzulösen. Diese begann unter Einsatz von Zwangsmitteln und sichtbar überzogener Gewalt die Räumung. Das Katz-und-Maus-Spiel zog sich über mehrere Stunden, letztendlich erzwangen die Gegenproteste eine Verkürzung der ursprünglich angemeldeten Route um fast die Hälfte.


 

Anmerkungen
(1) http://www.marsch-fuer-das-leben.de/hintergrund.php
(2)http://www.marsch-fuer-das-leben.de/unterstuetzer.php
(3)http://whatthefuck.noblogs.org/aufruf2015/

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