Interview

Die Politik führt permanent vor, dass die Bevölkerung sie keinen Pfifferling interessiert

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Professor Klaus-Jürgen Bruder leitet die Neu Gesellschaft für Psychologie. Im Hintergrund-Gespräch erläutert er die Ursachen des Erstarkens rechtspopulistischer Bewegungen.

Anfang März fand in Berlin der Kongress „Migration und Rassismus. Politik der Menschenfeindlichkeit“ statt. Veranstalter war die Neue Gesellschaft für Psychologie. Deren erster Vorsitzender ist Klaus-Jürgen Bruder, Professor an der Freien Universität Berlin und einer der bedeutendsten Vertreter gesellschaftskritischer Psychologie. Der diesjährige Kongress hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Spannungsfeld von „Migration und Rassismus“ zu beleuchten und dabei unter anderem die Umstände zu analysieren, denen sich Flüchtlinge bei der Ankunft in Deutschland ausgesetzt sehen, der Frage nachzugehen, wie traumatisierten Menschen geholfen werden kann, sowie die Ursachen von Diskriminierung und gegenwärtigem Rassismus aufzudecken. Hintergrund sprach aus diesem Anlass mit Klaus-Jürgen Bruder über die Ursachen von Angst, Fremdenfeindlichkeit und Hass. Angst, weil sie gerade von jenen Menschen ins Feld geführt wird, die öffentlich vehement gegen die Aufnahme von Flüchtlingen protestieren und sich rechten oder rechtspopulistischen Bewegungen anschließen. Sie geben vor, sich vor Überfremdung oder der Islamisierung Deutschlands zu fürchten, sie geben vor, Angst um ihre Zukunft oder um ihren Arbeitsplatz zu haben.

Herr Professor Bruder, wie erklären Sie als Psychologe das Phänomen, dass Menschen sich aus vermeintlicher Angst Bewegungen wie Pegida oder der AfD zuwenden?

Vielleicht als Erstes: Diese Menschen sprechen von Angst. Ich würde das bestreiten, das ist keine Angst, sondern etwas anderes, warum sie das machen, und da komme ich auf größere Zusammenhänge. Als Wissenschaftler würde ich sagen, dieses Phänomen, das wir jetzt haben – AfD, Pegida und Fremdenfeindlichkeit –, ist ein Produkt ganz verschiedener einzelner Aspekte, die sich aber ergänzen und die zusammenwirken. Einmal ist es die Frucht der Politik – einer Politik, die seit Langem gegen den Willen der Bevölkerung durchregiert. Dann eine Frucht rechter Agitation – und zwar in erster Linie der Staatsparteien, CSU und so weiter. Und es ist eine Frucht der Niederlage der Linken. Diese drei Dinge.

Ganz anders der Hass. Hass ist, im Unterschied zur Angst, der Versuch der Abwehr von Demütigung, also man hat nicht Angst vor einem anderen oder vor einer Gefahr, sondern es geht um Demütigung, um die Wiederherstellung von Integrität und Würde. Hass entsteht, wenn diese Demütigung besonders traumatisch und besonders unaufhörlich und besonders ausweglos erscheint. Der Hass auf die Politiker und auf das Establishment ergibt sich naheliegend aus der Politik der letzten Jahre: So kümmert sich die Regierung zum Beispiel beim Thema Krieg keinen Pfifferling um den Willen der Bevölkerung. Aber nicht nur da. Bereits Hartz IV, also die Agenda 2010, wurde und wird gegen den Willen der Bevölkerung durchgesetzt. Es wird versprochen, Deutschland stark zu machen, aber die Bevölkerung zahlt diese Politik, ohne etwas dafür zu bekommen. Also der Wohlstand wird sukzessive abgeschmolzen bis zu dem Punkt, dass man jetzt sogar daran denkt, das Bargeld abzuschaffen, womit die letzte Möglichkeit, sich an der Kontrolle des Staates vorbei noch ein paar Ersparnisse zu retten, wegfällt.

Die Politik führt doch permanent vor, dass die Bevölkerung sie keinen Pfifferling interessiert, sie macht die Politik, die sie machen will. Und hinzu kommt noch die Agitation, rechte Staatsparteien-Agitation. Die CSU ist da in erster Linie zu nennen, die versucht, den Unmut und die Wut auf einen sogenannten Sündenbock zu richten. Erst sind es die Muslime, etwas später dann allgemein die Flüchtlinge, es sind die Hartz-IV-Empfänger, die Arbeitslosen, also immer die schwachen Teile der Bevölkerung.

Es ist bemerkenswert, dass die ablehnende Fremdenfeindlichkeit dort am höchsten ist, wo es am wenigsten Kontakte mit Fremden gibt, also in den kleinen Dörfern in Sachsen, in Oberbayern, wo man Fremde kaum zu Gesicht bekommt. Dort kann man diesen Sündenbock am leichtesten aufbauen, indem man Menschen stigmatisiert. In Berlin oder anderen Großstädten hat die Bevölkerung viel mehr Kontakt zu Menschen aus verschiedensten Ländern, da verfängt die Agitation weitaus schlechter.

Sie sprechen von Enttäuschung, Demütigung und Hass. Warum sind diese Gefühle so leicht politisch nach rechts zu lenken?

Das scheint auf den ersten Blick widersprüchlich. Wenn man auf die Regierenden, auf den Staatsapparat wütend ist, warum lässt man sich dann wieder von ihm lenken? Das ist einfach zu erklären: Der Staatsapparat, das Beispiel CSU, macht das deutlich, lenkt geschickt Wut und Enttäuschung von sich weg auf die „Sündenböcke“, die man nicht persönlich kennt. Das führt dazu, dass sich die Leute sagen: „Wenn ich schon wütend werden darf – das erlaubt die CSU ja –, dann ist mir das aufgezeigte Objekt recht, ich kann meine Wut abreagieren.“

Erst vor wenigen Jahren hat die Bevölkerung eine wichtige Erfahrung gemacht, ich meine damit Stuttgart 21. Das war ein Protest der sogenannten Wutbürger, also dasselbe Potenzial: Hass und Wut. Und wie hat der Staatsapparat sich gegen jenen Protest durchgesetzt, wie wurde diese Wut behandelt? Sie wurde verraten! Die Parteien, die diese Wut hätten artikulieren können, die in der Bevölkerung als „linke Parteien“ verstanden werden, nämlich die Grünen, haben mitgewirkt, dass diese Wut in staatstragende Projekte – also integrationistisch – befördert wurde. Sie haben, sobald der Protest vorbei war, sobald ihre Position gesichert war, den Bahnhof durchgezogen. Wir sehen also dieselbe Haltung bei einer „linken“ Partei – die Bevölkerung rechnet die Grünen zu den Linken – wie beim Staatsapparat. Wenn die „Linken“ einen selbst verraten, was bleibt einem dann eigentlich noch übrig, um seine Wut zu artikulieren?

Lösungen werden dann umso mehr von rechts erwartet?

Die Politik schielt ja nach rechts, die Politik richtet die Bedingungen dafür ein, dass Rechte stärker werden und dass die linken Positionen diskreditiert werden, nicht erst seit Stuttgart 21, sondern viel früher. Wenn Sie bedenken, welcher Umgang mit der Ex-DDR gepflegt wurde: Sie wurde ja nicht als ein Modell dargestellt, das – natürlich mit menschlichen Schwächen behaftet – noch nicht ideal war. Nein, sie wurde als ein Verbrecherstaat dargestellt, ganz einfach. Diese Dimension, dieser Verfall von Humanität wurde von Anfang an mit der Wende durchgeboxt.

Der Staatsapparat zeigt, dass er vor rechten Protesten Respekt hat. Das ist auch eine Erfahrung, die man mit Pegida gemacht hat, da wird von staatlicher Seite nichts unternommen, genauso wie bei NPD-Demonstrationen. Proteste gegen den Aufmarsch von NPD und Pegida wurden von der Polizei in rüdester Weise behandelt, während die andere Seite durchgelassen wurde, die Straße von der Polizei regelrecht für sie freigekämpft wurde. Das alles sind Punkte, die es als relativ sicher erscheinen lassen, dass man sich in die rechte Ecke bewegt.

Sie sagten zu Beginn, die Menschen, die sich jetzt öffentlich im rechtspopulistischen Spektrum artikulieren, seien nicht von Angst geleitet. Dass es Angst grundsätzlich gibt, bezweifeln Sie aber nicht?

Nein, nein! Nein! Das bezweifle ich nicht, grundsätzlich gibt es Angst. Gleichzeitig kommt aber hinzu, dass unsere Kultur die Äußerung von Angst natürlich nicht so leicht macht wie die von Gewalt und Hass. Nehmen Sie das Beispiel ganz normaler Alltagsgespräche, beim Psychologen taucht das viel öfter auf: Ein Mann weint nicht, ein Mann hat keine Angst, ein Mann packt die Sache an. Oder der Begriff „Weichei“ für solche Männer, die ein bisschen sensibler sind. Also Angst darf man nicht haben. Das ist ganz eindeutig so, während Hass und Wut ja als Befreiungsschläge akzeptiert sind.

Würden Sie als Psychologe dann auch der Position zustimmen, dass Angst als Mittel politischer Disziplinierung und Herrschaftssicherung eingesetzt wird?

Ja, da würde ich zustimmen. Es geht ja nicht um die geäußerte Angst, sondern im Wesentlichen um die Angst, die die Menschen tatsächlich haben – solange sie sich nicht äußern müssen, nicht sagen müssen: „Ich habe Angst vor meinem Nachbarn oder ich habe Angst davor, dass ich ökonomisch versage und untergehe.“ Fühlen dürfen sie es ja. Das sehen wir nochmal im Zusammenhang von Ökonomie und Politik, gerade die Hartz-IV-Agenda hat dieses Angstreservoir, diesen Angstbehälter ungeheuer aufgefüllt. Der Spruch „Die Rente ist sicher“ war eines der großen Volksbetrugsmanöver, aber dafür sollte nicht unbedingt nur Norbert Blüm herhalten. Die Rente ist sicher – und was ist jetzt los mit der Rente? Wo ist sie denn sicher? Sie wird abgeschmolzen und sie wird zerstört, sie wird zerschlagen. Das sind die Erfahrungen, die Teile der Bevölkerung gerade machen.

Kritiker werfen der Politik vor, Angst zu schüren, um eine Wende in der Flüchtlingspolitik durchsetzen zu können.

Ich sehe das insofern weniger so, weil ich die große Wende von Anfang an nicht sehe. Ich habe vielmehr beobachtet, dass die Willkommenskultur – also die Äußerung von Frau Merkel und damit die der Regierung – von Anfang an und immer eine Arbeitsteilung war. Wenn Sie daran denken, was de Maizière parallel alles verlautbart hat und was er faktisch macht und in welch kurzem Abstand dann diese Öffnungspolitik gestoppt wurde – das waren keine zehn Tage, an denen die Grenzen tatsächlich offen waren, und die Agitation der rechten Fraktion innerhalb der Regierung, also der CSU, hat nicht aufgehört. Was geredet wird und was die Sprüche der Regierung oder was die Sprüche der Kritiker innerhalb und außerhalb der Regierung sind, ist also vollkommen losgelöst von der faktischen Politik. Von daher sehe ich keinen Versuch, die Politik zu ändern, ich sehe nur einen Versuch, diese rechte Mobilisierung auf keinen Fall zurückzuweisen. Es werden ja auf keiner dieser Demonstrationen, oder wenn Häuser angezündet werden oder wenn Menschen andere Gewaltaktionen verüben, diese Leute zur Rechenschaft gezogen.

Ich möchte Sie noch darum bitten, die wesentlichen Ergebnisse des gerade zu Ende gegangenen Kongresses kurz zusammenzufassen. Welche Lehren lassen sich – auch für Nichtpsychologen – daraus ziehen?

Es wurde klar – die meisten Referate und Beiträge liefen in diese Richtung –, dass nicht die Flüchtlinge, nicht die Menschen, die kommen, das eigentliche Problem sind, sondern die mangelnden, die fehlenden Hilfen und Initiativen vonseiten der Behörden, also derer, die zuständig sind, alles zu tun, damit die Flüchtlinge ein menschenwürdiges Leben führen können. Man weiß als Psychologe natürlich besonders – aber das weiß eigentlich jeder –, wenn man Menschen unter Bedingungen zusammenpfercht, in denen sie nicht gewohnt sind zu leben, die aber auch den menschlichen Verhältnissen widersprechen, also Männer und Frauen in einem Schlafraum oder Hunderte oder gar Tausende von Leuten unter einem Dach, mit kaum Bewegungsfreiheit, keiner Rückzugsmöglichkeit unterbringt, dass die Spannungen unerträglich werden und dass kaum mehr jemand in der Lage ist, das zu regulieren. Dass also die Traumatisierungen, die die Menschen auf der Flucht erlitten haben, sich wiederholen, sogar verstärkt werden. Damit wird das Problem geschaffen, dass diese Menschen alle zuerst einmal medizinisch-psychologisch behandelt werden müssten, bevor sie wieder in den Zustand versetzt werden können, den sie vor Beginn der Flucht hatten. Das wurde sehr deutlich.

Nicht die Flüchtlinge, sondern die Institutionen, nicht die Bevölkerung, sondern die staatlichen Apparate sind das Problem. Und vor allen Dingen die Tatsache, dass die Regierung, der staatliche Apparat, überhaupt keine Anstalten macht oder ganz unbrauchbare Anstalten macht, die Ursachen dieser ganzen Flüchtlingsbewegung irgendwie, soweit sie in seiner Verantwortung liegen, anzugehen. Es ist ja keine Ursachenbekämpfung, wenn ich an den Grenzen Europas Lager einrichte, wo ich die Menschen kaserniere und einsperre, statt alle Anstrengungen zu unternehmen, die Kriege zu beenden oder die ökonomische Auszehrung anderer Staaten zu beenden.


Ankündigung: Der nächste Kongress der Neuen Gesellschaft für Psychologie (NGfP) im März 2017 wird sich voraussichtlich dem Thema „Sozialpsychologie der Rechtsentwicklung(en)“ widmen. Webseite: ngfp.de


Der Artikel erschien zuerst im aktuellen Hintergrund-Magazin 2, 2016.

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