Innenpolitik

EHECmeck oder: Schmierentheater von Politik, Ämtern und Medien

Von VOLKER BRÄUTIGAM, 27. Juni 2011 –

Der Darmbakterie EHEC, Typ O104:H4, sind bisher 43 Patienten erlegen (Quelle: Robert-Koch-Institut, Bundesgesundheitsamt. Datenstand: 23.06.). Das RKI registrierte landesweit 3.587 Erkrankungen, 814 mit Komplikationen. Den Oligopolmedien reichte das jedoch für ein Horrorszenario, als stünden alle 82 Millionen Deutsche am Grabesrand: Der „Killer-Keim“ (Bild) „wütete“ (dpa) in unserem Volk und machte nicht mal an dessen Grenzen halt: „Deutschland infiziert Europa“ (Focus), mit bösen Folgen natürlich: „Europa rechnet mit deutschem Krisenmanagement ab“ (Spiegel).

Politiker, Experten und Journaille, alle bliesen die Backen auf. Tomaten, Gurken und Salat seien tabu, am besten alles Frischgemüse zu meiden. Die Mutti der Nation tat kund, dass „ … es jetzt vorrangig darum geht, die Infektionsquelle des Ehec-Erregers zu identifizieren, um weitere Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergreifen zu können.“ Genial.

Während ich am Schreibtisch vespere – auf der Semmel pflanzliches Griebenschmalz, Tomatenscheiben, Gurke und Rukola, köstlich – lese ich in der Wikipedia: „ämorrhagische Escherichia coli (EHEC) sind bestimmte krankheitsauslösende Stämme des Darmbakteriums coli … Das Hauptreservoir des Erregers bilden Wiederkäuer, vor allem Rinder …“

Im April war der aggressive Typ O104:H4 dem Kuhschiet entstiegen. Unsere ruinöse Intensivlandwirtschaft mit ihrer Massentierhaltung und ihren Monokulturen hat schon früher – harmlosere – EHEC-Epidemien verursacht. Der neue, aggressive EHEC-Mutant brachte bis Anfang Juni pro Tag durchschnittlich ca. 0,8 Deutsche um. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr sterben täglich zehn Menschen (voriges Jahr 3.657), ohne dass ein Ende in Sicht wäre. Kein Politiker rät zum völligen Verzicht aufs Auto.

Buchstabensalat als Angstmacher

Seit Anfang Juni glaubt man den EHEC-Überträger zu kennen: Sprossen aus Bienenbüttel. Da hatten unsere Politiker aber schon längst ihre Originalität bewiesen: „Auf Hygiene achten!“ Na so was. Vor dem Essen, nach dem Essen, Händchen waschen nicht vergessen? (Und abtrocknen am Handtuch, logo, wo die lieben Keimlein hausen.) War man dank so hilfreicher Politiker nicht auch knapp der Gefahr entronnen, sich per BSE-Rindfleisch Alzheimer zu holen? Und wäre ohne sie beinahe am SARS gestorben? Bei der H5N1-Vogelgrippe war doch auch ein Buchstaben-Bazillus unterwegs? Und voriges Jahr erst, diese furchtbare H1N1-Schweinegrippen-„Pandemie“! 199 Tote weltweit!

Kein kapitalistisches System ohne Verlierer. Bitte? Die Bauern? Die beschwerten sich zwar lauthals übers -Gegacker und über polit-mediale Panikmache mit ihren Konsumverzichtsfolgen, die Gemüseernte sei deshalb heuer großenteils perdu. Aber die Bauernlobby, so stark und laut wie die EU-Agrarpolitik schändlich und teuer, erzwang blitzschnell Hilfe. Beim 150-Millionen-Euro-Angebot aus Brüssel schrie sie „Nicht genug!“, und prompt legte die EU-Kommission nach: 210 Millionen für Europas Gemüsepflanzer. Selbstredend kommen nationale Sonderbeihilfen noch obendrauf.

Den Bauern ist’s alles immer noch zuwenig. Dass deren Funktionäre jemals den Hals voll gekriegt hätten, ist nicht erinnerlich.

Weder ARD noch ZDF – von den Kommerziellen gar nicht erst zu reden – merkten an, dass vor den mittelbar mitschuldigen Bauern die Angehörigen der Toten und die Kranken zu entschädigen wären. Die Krawallbranche der Epidemie-Verbreiter wurde gehätschelt, die wenigen wahrhaftig Geschlagenen gehen leer aus -systemkonform.

Ablenkung vom Staatsterrorismus

Die Krankenhäuser arbeiten laut ZDF-heute-journal wegen EHEC „am Limit“. Solche Töne belegen, dass rationale Maßstäbe und Realitätsbezogenheit längst flöten sind. In den zumeist privatisierten, profitorientierten und deshalb personell ausgedünnten Kliniken schuften Pflegedienst und Ärzte seit Jahren – auch ohne EHEC! – „am Limit“. Noch viel schlimmer: Sie können trotzdem nicht verhindern, dass sich hunderttausende Kranke wegen Hygienemängeln – Kosten senken! – mit Krankenhauskeimen infizieren. Jährlich sterben daran 40.000 Patienten (Quelle: Gesellschaft für Krankenhaushygiene). Pro Tag durchschnittlich 109 Sepsis-Tote (EHEC: 0,8); Regierungen und Parlamente haben’s so gefügt. Kein Staatsanwalt erhebt Klage wegen grob fahrlässiger Tötung gegen die gnadenlosen Privatisierer …

Welche Wirklichkeitsferne: Während den 39 EHEC-Toten wochenlang größte deutsch-mediale Aufmerksamkeit galt, wüten deutsche Soldaten seit Jahren in Afghanistan: Sie gehen dort einer Profession nach, die schon Tucholsky in der Weltbühne „Mord“ nannte. Gemeinsam mit ihren westlichen Kumpanen erzielen sie – ich bin auf vorsichtige Schätzungen angewiesen – eine zehnfach höhere Todesquote als das EHEC. Genaues erfährt man nicht, die Alliierten lassen ihre Verbrechen stets kaschieren oder insgeheim von Killertypen nach Art des „Kommando Spezialkräfte“ durchziehen.

Was dieser Minister verdient

Wir sind darauf dressiert, die Welt durch die verzerrende und verschmierte Brille kommerzialisierter Massenmedien zu sehen. Wir finden uns sogar mit regierenden Terroristen ab: Der Kriegsminister darf unbesorgt, in christlicher Selbstergriffenheit, vor den Angehörigen toter Soldaten auf die Tränendrüse drücken und kurz darauf trocken erwähnen, die Bundeswehr werde „vielleicht“ bald auch im Jemen und in Libyen gebraucht. Zwecks Wiederaufbau und so. Niemand bot ihm die verdiente Maulschelle an. Er profitiert vom raschen Vergessen in der EHEC-Hysterie.

Auf Vergesslichkeit und Ablenkung des Volkes baut unsere Plutokratie. Sie zieht alle Register, wenn ihre Erfüllungsgehilfen – unsere Regierenden – wunschgemäß weitere Kriegsabenteuer einfädeln. Dabei war auch das staatliche RKI nützlich. Wochenlang und ohne Belege initiierte es panische Angst vor Gurken. Haben das die Geheimdienste „befreundeter“ Nationen gefingert, dass wir von neuen Kriegsplänen nur zwischendurch erfahren durften, in geringer Dosierung? Wie viele der Zutaten tropften aus den Pipetten der weltweit meuchelnden, weil perspektivlosen USA?
Mal ganz nebenbei: Was ist von den selbst in US-amerikanischen Quellen sich mehrenden Informationen zu halten, dass ein gegen sämtliche Antibiotika-Stämme resistenter EHEC-Typ nur im Labor konstruiert werden kann – mittels engineering? Die weltweit angesehenen Forscher des Genomics Institute, Shenzen, hoben den absonderlichen DNA-Schlüssel des Erregers ebenfalls hervor. Mittlerweile glauben auch viele Deutsche, der Typ O104:H4 sei keine natürliche EHEC-Mutation, sondern eine Bio-Waffe. „Verschwörungstheorien“, lästern die Vulgärmedien (Spiegel u.a.) und werfen sich schützend vor , den verdächtigen US-amerikanischen Gentechnik-Konzern – weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf.

Unfähig, unwillig, untätig

Wer löst das Rätsel, wie und woher das Erreger-Artefakt auf die Sprossen eines einzigen Betriebes gelangte? Die Journaille jedenfalls nicht. Staatsanwälte aber auch nicht. Die prüfen die EHEC-Vorfälle nicht einmal und ignorieren den Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung, respektive den der Körperverletzung mit Todesfolge. So entheben sie sich selbst der Pflicht, Ermittlungsverfahren einzuleiten. Warum? Staatsanwaltschaften sind weisungsgebundene Regierungsbehörden, keine unabhängigen Gerichte. Ob sie auf Veranlassung oder nur mit Billigung der Justizministerien untätig bleiben, ist bei der Gewichtung dieses Skandals zweitrangig.

In das Szenarium von Unfähigkeit, Lug und Trug und tödlicher Niedertracht passt die „Freiheitsmedaille“ vom friedensgenobelten US-Warlord Obama für unsere grässlich kriegswillige Bundeskanzlerin. Sie sei ein „Symbol der Freiheit“, obwohl sie ihre Kindheit im „kommunistischen Ostdeutschland“ verbracht habe. (Obama: „Asked to spy for the secret police, she refused.“ – Übersetzt: „Als sie gebeten wurde, für die Geheimpolizei zu spionieren, lehnte sie das ab.“) Und sie schämt sich dieses Lobes nicht, trotz der ungezählten Deutschen, die sich noch gut der FDJ-Agitprop-Funktionärin Angela Merkel entsinnen. Wie schmeckte die Salatbeilage beim Staatsbankett, Frau Merkel? EHEC „wütete“ doch auch in den USA?

Gute Frage

Stammt er nur von Wilhelm Busch oder doch vom großen Heinrich Heine, dieser treffende, sarkastische Vers, der sich ausnimmt, als habe sein Autor schon vor Zeiten geahnt, wer uns heute regieren werde?

ie über Nacht sich umgestellt,
die sich zu jedem Staat bekennen,
das sind die Praktiker der Welt.
Man könnte sie auch Lumpen nennen.

Ein Schuh aus dem 19. Jahrhundert, der aber Vielen auch heutzutage wie maßangefertigt passt, nicht nur da in Berlin. Dies bedenkend, klicke ich noch einmal die Wikipedia an und finde unter dem Stichwort „Journaille“ das Karl Kraus-Zitat:

„ … ich behaupte … daß nichts notwendiger ist, als solche Leute als Makulatur einzustampfen …“

Das wäre eine Lösung.

Ansatzweise.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Politikzeitschrift Ossietzky. Der ursprüngliche Text wurde für uns erweitert.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Innenpolitik Undurchsichtige Polizeiaffäre: Die Absetzung der hessischen LKA-Präsidentin Sabine Thurau entpuppt sich als ein schwer zu entwirrendes Intrigenspiel
Nächster Artikel Innenpolitik Schraube locker bei der Bundeswehr: Angeblich 84 Privat- und Dienstfahrzeuge manipuliert