Griechenland

Polizei räumt Flüchtlingslager in Idomeni

Die katastrophalen Zustände in dem Grenzort waren zum Sinnbild für die Flüchtlingskrise und das Versagen europäischer Politik geworden

Die griechische Polizei hat am Dienstag damit begonnen, das berüchtigte Flüchtlingslager Idomeni zu räumen. Ein großes Aufgebot an Polizei-Spezialkräften begleitete die bereits vorher angekündigte Aktion. Nach Angaben von Beobachtern verlief sie bislang reibungslos und friedlich. Die Flüchtlinge packten ihre wenigen Sachen und bestiegen dafür bereitstehende Busse. Diese brachten sie zu neuen offiziellen Flüchtlingslagern, die die griechische Regierung in den vergangenen Wochen vor allem auf dem Gelände nicht mehr benötigter Armeekasernen und Industrieflächen errichtet hatte. Insgesamt stehen dafür in der nördlichen griechischen Provinz neun Lager zur Verfügung.

In dem informellen, von den Flüchtlingen selbst geschaffenen Lager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze wohnten seit Monaten Tausende gestrandeter Flüchtlinge unter vollkommen inakzeptablen Bedingungen. Immer wieder verwandelten heftige Regengüsse das Lager in eine Schlammwüste. Zuletzt waren es immerhin noch etwas über achttausend, darunter auch viele Familien mit kleinen Kindern. Sie waren dort gestrandet, weil die mazedonische Grenzpolizei sie nicht die Grenze überqueren ließ.

Seit Sommer 2015 war Idomeni ein Hauptdurchgangsort der so genannten Balkanroute der Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und anderen Ländern des Nahen Ostens geworden. Hunderttausende waren, oft zu Fuß, durch den Ort gezogen. Am 9. März 2016 hatte Mazedonien jedoch die Grenze endgültig für Flüchtlinge geschlossen, nachdem Österreich eine Obergrenze von Flüchtlingen eingeführt hatte. Über Nacht schwoll das Lager auf damals dreizehntausend Flüchtlinge an.

Immer wieder hatte die griechische Regierung in den vergangenen Tagen versucht, die Flüchtlinge dazu zu bewegen, das Lager zu räumen und in andere Lager zu ziehen. Bislang waren diese Versuche allerdings immer gescheitert. Stattdessen versuchten Flüchtlinge mehrfach, doch auf eigene Faust über die Grenze zu kommen. Beim Versuch, über einen reißenden Fluss nach Mazedonien zu gelangen, kamen einmal drei Afghanen ums Leben. Sogar den Bahnübergang besetzten die verzweifelten Menschen.

Doch die Situation hat sich in den vergangenen Tagen stark verändert. Die Flüchtlinge haben nun offensichtlich die Hoffnung aufgegeben, sich direkt in Richtung Mitteleuropa durchschlagen zu können. Griechenland hat sich inzwischen tatsächlich zu einem schwer überwindbaren Grenzland der EU entwickelt. Rund 54 000 Flüchtlinge und Migranten sind mittlerweile in Griechenland gestrandet. Die Zahl der Neuankömmlinge aus der Türkei ist nach dem EU-Türkei-Abkommen stark zurückgegangen. Derzeit setzen täglich nur ein paar Dutzend Menschen über, im Frühjahr waren es noch bis zu dreitausend Flüchtlinge am Tag.

Am Dienstag herrscht Aufbruchsstimmung in Idomeni. 1400 Polizisten sperren das Lager ab. Auch Reporter haben keinen Zutritt. An den Wegen des Lagers türmen sich Berge von Gepäck – Rucksäcke, aber auch Einkaufstaschen und Mülltüten, in denen die Flüchtlinge ihr weniges Hab und Gut verstauen und zur Abreise bereitstellen. Private Camping-Zelte werden abgebaut, Busse bestiegen. Manche der unfreiwilligen Passagiere winken bei der Abfahrt.

In den vergangenen Monaten war der dreihundert Einwohner umfassende Grenzort zum Sinnbild für die Flüchtlingskrise und das Versagen europäischer Politik geworden. Viele kamen, sich das Elend anzuschauen und auch zu helfen. Der ehemalige Arbeitsminister Norbert Blüm verbrachte im März sogar medienwirksam eine Nacht in einem Flüchtlingszelt.

In Griechenland fragt man sich angesichts der reibungslos gestarteten Räumung von Idomeni vor allem eines: Warum nicht schon viel früher? Die Regierung wollte mit Blick auf die vielen Familien mit Kindern im Lager auf Gewalt verzichten.

Was erwartet die Flüchtlinge nun? Die griechischen Auffanglager stehen nicht gerade im Ruf, die besten Unterkünfte zu sein. Immer wieder treten dort Flüchtlinge in den Hungerstreik, um gegen die Zustände zu demonstrieren; in der Nähe der Stadt Larissa sammelten sie sogar Skorpione und Schlangen in Einmachgläsern, um auf die Zustände im Lager aufmerksam zu machen. Besser als in Idomeni dürfte es allerdings in den offiziellen Lagern immer noch sein.

Eigentlich ist vereinbart, dass die Flüchtlinge Asylanträge stellen können und in andere Länder der Europäischen Union verteilt werden. Diese Umverteilung hat aber bislang nicht einmal ansatzweise funktioniert.

(mit dpa)

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