Neuer Trend

Ärmer als die Eltern

Wissenschaftliche Studie zeigt neuen Trend auf

Es einmal besser zu haben als die Eltern – das ist seit Jahrzehnten eines der fundamentalen Versprechen moderner Gesellschaften, das jede neue Generation mit auf den Weg bekommt. Seit dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Versprechen für die Mehrheit in den meisten hochentwickelten Ländern auch eingelöst. Die Kinder sollten es einmal besser haben als man selbst und hatten es in der Regel auch – von historischen Ausnahmefällen einmal abgesehen.

Dieser Optimismus verliert seine Basis. Eine neue Studie, ausgerechnet vom elitären McKinsey-Institute, mit dem Titel „Poorer than their parents?“ zeigt einen ganz neuen Trend auf. Die Aussagen sind so deutlich und umfassend, dass kaum Zweifel bleiben: Es beginnt ein Zeitalter ohne das „Ihr-habt-es-einmal-besser-Versprechen.“

Die Studie kommt zum Ergebnis: Im vergangenen Jahrzehnt hatten in den westlichen Industriegesellschaften rund zwei Drittel der Menschen stagnierende oder sinkende Realeinkommen zur Verfügung. Laut Studie beträgt der Anteil zwischen 65 und 70 Prozent. Zwar gleichen das Steuersystem sowie Sozialleistungen diese Kluft wieder etwas aus. Aber trotzdem, auch wenn man diese Effekte der Sozial- und Steuerpolitik berücksichtigt, haben 20 bis 25 Prozent der Haushalte keine Einkommenszuwächse gesehen.

Für die Studie wurden 25 Länder ausgewählt, darunter die USA, Kanada, Australien und die wichtigsten Staaten Europas. Damit sind Länder mit etwa der Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung berücksichtigt.

Bis etwa zm Jahr 2005 war in diesen Ländern die Fortschrittsthese noch intakt: Für die Mehrheit der Menschen stieg das Realeinkommen, vom Ausreißer der Ölkrise Mitte der 1970er Jahre einmal ausgenommen. Seither ist alles anders. Der Zeitraum von 2005 bis 2014 zeigt nämlich ein völlig anderes Muster.

Dramatisch in Italien

Die Studie ist deshalb so überzeugend, weil sie unterschiedliche Länder im Detail anschaut und das Muster in allen Ländern so ähnlich ist – mit kleinen Differenzen, bedingt durch nationale politische Eigenheiten. So beeinflussen die Regierungen insbesondere die Realeinkommen „nach Steuern“, also auch einschließlich der Sozialleistungen. Das macht durchaus etwas aus. So lagen Großbritannien und Frankreich ähnlich bei den Anteilen derjenigen, deren Brutto-Einkommen nicht gestiegen sind: 70 Prozent für Großbritannien und 63 Prozent für Frankreich. Wenn man die jeweilige Steuer- und Sozialpolitik berücksichtigt, ging es in Großbritannien 60 Prozent nicht besser (zehn Prozentpunkte Differenz). In Frankreich mit erfolgreicherer Sozialpolitik waren es nur noch zehn Prozent (53 Prozentpunkte Differenz). Besonders dramatisch sehen die Zahlen für Italien aus. Dort sahen auch nach Umverteilung durch Steuern 100 Prozent der Haushalte bestenfalls stagnierende Realeinkommen. In zehn Jahren ging es buchstäblich keinem Haushalt besser (oder jedenfalls so wenig, dass der Anteil unter die Rundungsschwelle von ein Prozent fällt).

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die auseinanderlaufende Drift der Einkommen nur durch staatliche Umverteilung noch ausgeglichen werden kann, nicht durch die Kräfte des Marktes selbst. Ohne eine aktive Sozialpolitik, wie etwa in Großbritannien, ist der Anteil der Abgehängten auch nach Steuern dramatisch hoch – wer eine Erklärung für den Ausgang des Brexit-Referendums sucht, könnte hier fündig werden. Für Deutschland liegen keine detaillierten Ergebnisse vor.

Die Forscher des McKinsey-Instituts sind in ihren Schlussfolgerungen eindeutig: Es droht eine „Generation, die ärmer aufwächst als ihre Eltern“. Sie finden mehre Ursachen, darunter die weltweite Rezession nach 2008, sowie Arbeitsmarkt und Demografie. So sinkt in vielen Ländern der Anteil der Menschen im arbeitsfähigen Alter pro Haushalt, ein Trend der allgemein und langfristig ist. Zudem haben die Forscher beobachtet, dass die Lohnquote, also der Anteil der Lohneinkommen am gesamten nationalen Einkommen im Laufe der Zeit sinkt, und zwar in fast allen Ländern. Offensichtlich kommen die Gewinne aus neuen Produkten und Technologien sowie des zunehmenden Welthandels vor allem den Kapitaleignern zugute. Die Masse der Beschäftigten hat nichts mehr davon, jedenfalls kein Lohnplus.

So scheint sich beim technischen Fortschritt etwas Grundlegendes zu ändern. „Waren in den vergangenen Jahrzehnten technische Erfindungen oft so, dass sie mehr neue Jobs geschaffen als zerstört haben, ist das nun möglicherweise nicht mehr so“, vermuten die McKinsey-Ökonomen.

Fortsetzung des Trends

Dieser deprimierende Trend dürfte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Allenfalls bei sehr hohem Wirtschaftswachstum über viele Jahre (was kaum jemand erwartet), dürfte der Anteil der „Abgehängten“ wieder deutlich zurückgehen. Ansonsten dürfte er so hoch bleiben – oder sogar noch steigen. Tritt nämlich die von vielen Ökonomen vertretene Vermutung ein, dass weltweit das Wirtschaftswachstum weiter zurückgehen wird, die sogenannte „secular stagnation“-These, rechnet McKinsey künftig sogar mit 80 Prozent vom Wachstum Abgehängten.

Das hat auch ernste politische Konsequenzen. In einer im Rahmen der Studie erfolgen Umfrage wurden die politischen Einschätzungen dieser Gruppe erfasst, also derjenigen mit sinkenden oder stagnierenden Einkommen. Das Ergebnis: Rund die Hälfte davon äußerte sich kritisch gegenüber Außenhandel und Einwanderern. Es dürfte immer deutlicher werden: Hier braut sich das Potenzial der sogenannten Protestwähler zusammen, das seit Jahren in fast allen Ländern Europas und den Vereinigten Staten zunimmt.

Die Studie deckt auf, was viele bislang nur gefühlt hatten: Sie deutet auf soziale und ökonomische Ursachen der Mentalitätstrends der jüngsten Zeit. Indem sie ein neues statistisches Maß für das komplizierte Thema der Ungleichheit zur Diskussion stellt, kann sie helfen, das Phänomen zu begreifen. Möglicherweise geht es weniger um die Entwicklung des obersten ein Prozent, oder der obersten oder untersten zehn Prozent. Das sind alles Minderheiten. Entscheidend für das politische Schicksal ist wohl eher, ob die Mehrheit der Menschen noch an das Versprechen glaubt (und glauben kann), dass sich ihre Lage, wenn auch langsam, verbesert.

Drucken

Drucken

Teilen

Voriger Artikel Türkei Erdogans wirtschaftspolitisches Scheitern
Nächster Artikel Freihandelsabkommen „Nein zu TTIP und CETA!“