Wirtschaft Inland

Betrug mit Folgen: VW am Abgrund

Von REDAKTION, 22. September 2015 –

Legal, illegal, scheißegal – dass der VW-Konzern die Losung der Spontibewegung der 1970er Jahre offenbar als Handlungsmaxime übernommen hat, kommt dem Autobauer nun teuer zu stehen.

Angesichts der Affäre um Manipulationen bei Abgasmessungen in den Vereinigten Staaten, aufgrund derer das US-Justizministerium gegen den Wolfsburger Konzern ermittelt, sprach Volkswagen am Dienstag eine Gewinnwarnung aus. Als „Vorsichtsmaßnahme“ würden im dritten Quartal rund 6,5 Milliarden Euro „ergebniswirksam zurückgestellt“, teilte der Konzern mit.

Neben einem Imageverlust drohen Europas größtem Autohersteller Strafzahlungen von bis zu achtzehn Milliarden US-Dollar, Rückrufkosten, strafrechtliche Folgen sowie mögliche Regressansprüche von Kunden und Aktionären. Nach der Gewinnwarnung brach der Aktienkurs des Konzerns um fast ein Viertel ein. Bereits am Montag sank das VW-Börsenbarometer um rund zwanzig Prozent und zog den Deutschen Aktien-Index (DAX) mit in den Abgrund. Der Kursverlust der VW-Aktie entspricht in etwa 27 Milliarden Euro.

Um die strengen Schadstoff-Grenzwerte in den USA einhalten zu können, hatte der Konzern in seinen Diesel-Fahrzeugen eine versteckte Software installiert, die erkannte, wann die Abgaswerte geprüft wurden – der Bordcomputer schaltete dann in einen Spritspar-Modus für möglichst niedrige Abgaswerte um. Wenn der Test zu Ende war, schaltete der Motor wieder auf Normalbetrieb um, und die Abgaswerte stiegen – nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA zum Teil bis auf das 40-Fache der erlaubten Grenzwerte.

Der Wolfsburger Konzern hatte den Betrug am Wochenende eingestanden. „Wir waren unehrlich. Wir haben es völlig vermasselt“, erklärte Volkswagens US-Chef Michael Horn.

Knapp eine halbe Million Fahrzeuge in den USA sollen mit der Abschaltautomatik, dem sogenannten „Defeat Device“, ausgestattet sein. Am Dienstag gestand der Konzern ein, dass es bei weltweit rund elf Millionen Diesel-Fahrzeugen „auffällige Abweichungen“ zwischen den Messwerten bei Tests und im regulären Fahrbetrieb gebe.

„Der Imageschaden wird VW nicht nur in den USA, sondern auch global teuer zu stehen kommen“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, am Dienstag gegenüber der Bild-Zeitung. „Damit werden auch Jobs bei VW und vielen Zulieferern in Deutschland gefährdet sein.“

Die möglicherweise gegen VW verhängten Strafzahlungen seien „noch das geringste der Probleme“. Der DIW-Chef  warnte, darüber hinaus könnten „auch andere deutsche Exporteure Schaden nehmen, denn VW war bisher ein Aushängeschild für Produkte ‚Made in Germany‘“. Es müsse nun dringend „um Schadensbegrenzung für VW und für deutsche Exporteure allgemein gehen“, so Fratzscher.

Eiligst wies Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt das Kraftfahrt-Bundesamt an, bei den VW-Dieselmodellen nun umgehend strenge spezifische Nachprüfungen durch unabhängige Gutachter zu veranlassen.

Die Bundesregierung will zudem von den deutschen Autoherstellern „belastbare Informationen“ einholen, um mögliche Manipulationen bei hiesigen Abgastests prüfen zu können.

In Deutschland hängt jeder siebte Arbeitsplatz direkt oder indirekt am Autobau. Entsprechend groß ist die Macht der Fahrzeug-Lobby und entsprechend gering der Wille der ohnehin exportindustrie-freundlichen Bundesregierung, gegen die Interessen der Autobauer zu handeln.

Legale Umweltverschmutzung

Ganz legal sind daher die Tricks, mit denen die gesamte Autoindustrie seit Jahren den Treibstoffverbrauch und damit den Kohlendioxid- und Schadstoffausstoß ihrer Fahrzeuge – ob Diesel oder Benziner – künstlich runterrechnen kann. Ob abmontierte Außenspiegel oder abgeklebte Scheiben, um den Luftwiderstand zu reduzieren, oder extrem aufgepumpte Reifen, um den Reibungsverlust zu minimieren, die Hersteller sind äußerst kreativ wenn es darum geht, bei den Messwert-Tests gute Ergebnisse zu erzielen.

„Das sagen wir seit Jahren, dass die Herstellerwerte nicht stimmen“, erklärte ein Sprecher des ADAC am Montag in München. Der Automobilclub überprüft seit 2003 jährlich 150 Autos auf Kohlenstoffdioxid sowie die Schadstoffe, die sie abgeben. „Da wird nicht betrogen aus unserer Sicht. Der legale Rahmen in Deutschland ist einfach zu lasch.“

Der Auto Club Europa (ACE), zweitgrößter Automobilclub in Deutschland, spricht von einer „systematischen Verbrauchertäuschung, die weit verbreitet ist und schon lange praktiziert wird“. ACE-Sprecher Klaus-Michael Schaal appellierte an die Hersteller, die Tricksereien einzustellen. „Für Kunden ist das eine Mogelpackung, schließlich ärgern die sich dann beispielsweise über einen Verbrauch von sechs Litern pro 100 Kilometer anstatt wie vom Hersteller angegeben nur 4,5 Litern.“

Womöglich handelt es sich bei den nun bekannt gewordenen Betrügereien des Volkswagen -Konzerns nur um die Spitze des Eisbergs. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Hersteller auch hierzulande spezielle Software nur für die Abgastests einsetzen, um die Klimabilanz zu beschönigen“, so Schaal.

Auch ohne den Einsatz der verbotenen Abschalteinrichtung gelingt es den Autokonzernen dank der alltagsuntauglichen Testverfahren, die Schadstoffemissionen ihrer Diesel-Fahrzeuge schön zu rechnen, wie eine Studie des International Council on Clean Transportation (ICCT)  – das Forschungsinstitut hatte die Ermittlungen gegen VW in den USA erst ins Rollen gebracht – vom vergangenen Jahr zeigt. (1)

Die Untersuchung fünfzehn moderner Dieselfahrzeuge unterschiedlicher Hersteller hatte ergeben, dass diese im Schnitt siebenmal so viele Stickoxide ausstoßen, wie in der EU gesetzlich zulässig – dabei sind die EU-Grenzwerte ohnehin höher bemessen als in den USA.

Es sei „nur Zufall, dass es Volkswagen als Erstes erwischt hat“, sagte der ehemalige Abteilungsleiter für Umwelt und Verkehr im Umweltbundesamt, Axel Friedrich, gegenüber Spiegel-Online. In Europa gebe es noch eine ganze Reihe anderer Fälle. „Nur bei uns prüft keiner nach.“ Das Problem sei der Politik bekannt, aber die „Verknüpfung zwischen der Autoindustrie und der Politik ist eng“, so Friedrich. (2)

Demnach liegt der Skandal weniger in der Tatsache begründet, dass sich ein Konzern mittels Betrugs Wettbewerbsvorteile verschaffen wollte. Er ist vielmehr darin zu sehen, dass es erst der Ermittlungen der US-Umweltbehörde bedurfte, um das jahrelange bewusst-ignorante Schweigen verantwortlicher Politiker zu durchbrechen, die nun umso empörter aufschreien und sich in Aktionismus üben, weil das vermeintliche Gütesiegel „Made in Germany“  Schaden nehmen könnte.

(mit dpa)


 

Anmerkungen

(1) http://www.theicct.org/sites/default/files/publications/ICCT_PEMS-study_diesel-cars_20141013.pdf
(2) http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/abgasskandal-bei-vw-zufall-dass-es-volkswagen-erwischt-hat-a-1054107.html

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