Journalismus

Der Fall Ken Jebsen

Wie Journalismus im Netz seine Unabhängigkeit zurückgewinnen kann

Ken Jebsen wird im Jahre 2012 nach zehnjähriger Tätigkeit als Moderator beim Rundfunk Berlin Brandenburg wegen angeblicher Verstöße gegen journalistische Standards entlassen. Vorausgegangen war eine regelrechte Kampagne, in der Jebsen Antisemitismus und Holocaust-Leugnung vorgeworfen wurden. Dass es sich dabei um eine Verleumdung handelte, war bald geklärt. In einer Meldung der Pressestelle des rbb hieß es: „Die Vorwürfe gegen den Moderator, er verbreite antisemitisches Gedankengut und verleugne den Holocaust, hält der Rundfunk Berlin-Brandenburg für unbegründet.“ Aber wer mit Dreck beworfen wird, hat Mühe, sich reinzuwaschen. Noch dazu wenn er als Journalist investigativ arbeitet und Gegenpositionen zum Mainstream einnimmt.

Jebsen, dem seinerzeit klar wurde, dass allein der Vorwurf des Antisemitismus in seinem Umfeld zu völliger Hysterie führte, sagt zu seinem Abschied vom rbb: „Ich habe mir gesagt, okay, ich fliege jetzt hier raus. Ich akzeptiere das und habe auch keine Lust mehr auf diesen organisierten Irrsinn. Es wird mir etwas unterstellt, was so viele Lichtjahre von dem entfernt ist, was ich jemals gesagt habe, und das in völligem Widerspruch zu dem steht, was ich seit rund zehn Jahren bei KenFM leiste … Und meine Kollegen und Freunde, die mich verteidigen müssten, sind zu feige.“ 2007 hatte er noch für eine Reportage den Europäischen Civis Hörfunkpreis erhalten, ab 2012 war er dann für die Medienszene Persona non grata.

Die Konsequenz war, dass er seine Hörfunksendung KenFM als Blog im Internet unter eigener Regie weiterführte. Er bringt Artikel, Interviews, Gruppendiskussionen, Monologe und Kommentare mit zumeist brisanten Inhalten. Und er ist damit außerordentlich erfolgreich. Da es nicht ohne Geld geht, ist sein „Geschäftsmodell“ Crowdfunding (zu Deutsch: Schwarmfinanzierung). Dieses Internetportal hat inzwischen so viele Aufrufe wie Spiegel Online und mehr „Follower“ bei Facebook als die ARD. Es hat sich dank des enormen Engagements seines Herausgebers zu einem der wichtigsten alternativen Medienorgane in Deutschland entwickelt. Das ist eine ernstzunehmende Konkurrenz für die sogenannten Qualitätsmedien, und das ist natürlich nicht ohne Folgen geblieben.

Was ist ihm nicht alles angelastet worden: Antisemitismus, Holocaust-Leugnung, Verstöße gegen journalistische Standards, Rechtsextremismus, Antiamerikanismus, Moskaunähe, Veröffentlichung von Verschwörungstheorien und so weiter. Nichts davon stimmt. Insofern war es lange überfällig, mit den Unterstellungen, Diffamierungen und Verleumdungen aufzuräumen.

Ende vergangenen Jahres ist im Verlag fifty-fifty in Zusammenarbeit mit dem Westend Verlag ein Buch zum „Fall Ken Jebsen“ erschienen. Es bietet auf 256 Seiten einen lesenswerten Überblick über den hochinteressanten Lebensweg dieses ungewöhnlichen Journalisten und „Machers“ sowie über seine Anschauungen, insbesondere die politischen, und über seine Arbeit. Dass seine Veröffentlichungen, sein friedenspolitisches Engagement und die intensive Arbeit für das von ihm gegründete Internetportal nicht nur Aufsehen, sondern immer wieder auch Anstoß erregt, ist kein Wunder, wenn man seine geschliffenen und oft sehr pointierten Stellungnahmen liest oder hört.

Zum Beispiel vertritt Jebsen zur sogenannten „Full-Spectrum-Dominance“ der USA die Meinung: „Diese Politik setzt nicht auf friedliche Koexistenz, sondern will A durch B ersetzen. Das ist die Politik, die verharmlosend dann von Märkten und Sachzwängen spricht, aber Ausbeutung, Ausrottung und Bombenteppich meint und nicht ohne Regime-Change auskommt. Vor allem die USA setzen auch in Friedenszeiten auf Putsche und verdeckte Kriegsführung. Also auch auf staatlich finanzierten Terror …“

Zur permanenten Kriegspropaganda sagt er: „Diese Verharmloser von Krieg, diese Schwerverbrecher, sitzen in unseren Parlamenten, sie sitzen in den NGO’s, in den Gewerkschaften, die nichts tun, um Kriege zu verhindern, und sie sitzen in unserer Branche, bei der Presse. Die ist in weiten Teilen zur NATO-Druckmaschine verkommen. Sie hat sich zum Vervielfältiger von Flugblattinhalten machen lassen, die direkt oder indirekt zur Politik mit kriegerischen Mitteln auffordert.“

So etwas sind deutliche Worte, die zur Folge haben, dass derjenige, der sie äußert, von den Leitmedien verunglimpft und boykottiert wird, soweit man ihn nicht überhaupt verschweigen kann. Ken Jebsen ist nicht der Einzige, dem es so geht. „Wie erklärt man Menschen, dass sie manipuliert werden, wenn der wesentliche Erfolg des Tricks doch darin besteht, dass sie es nicht wahrhaben wollen?“, fragt er. An der Antwort arbeitet er mit ständig wachsender Resonanz bei seinen Lesern und Zuhörern in seinem Blog. Dabei gelingt es ihm, komplexe Inhalte so zu formulieren, dass sie in einem großen Bild erkannt und verstanden werden können. Plötzlich ist Geo-Politik ein Thema, das Menschen jeden Alters und jeder Bildungsschicht durchschauen und verstehen können.

Mathias Bröckers hat den investigativen Aufklärer drei Tage lang interviewt, und herausgekommen ist dabei ein Buch, das weit über ein Porträt hinausgeht. Es wird deutlich, dass Ken Jebsen in den vergangenen Jahren allen Anfeindungen zum Trotz konsequent seinen friedenspolitischen Weg gegangen ist – eine Seltenheit in einer Medienwelt, die von Opportunismus, Verschleierung und Lüge bestimmt wird.

Jebsen spricht Tacheles, auch wenn es um die spannungsgeladene Situation in Europa geht. Er vertritt die Ansicht, dass die USA und Großbritannien alles tun, damit Eurasien nicht zusammenwächst, dass sich vor allem Deutschland und Russland nicht näherkommen. Warum? „Deutsche Technologie und russische Bodenschätze zusammen mit den gigantischen neuen Märkten Asiens wären das Ende der Wirtschaftsweltmacht USA. TTIP, CETA usw. sollen neben Sanktionen und NATO-Expansion dieses Zusammenwachsen verhindern. Mit allen Mitteln, und Krieg, auch heißer Krieg, gehört absolut dazu, um die USA als letzte und einzige Weltmacht am Ruder zu halten.“

Diese These ist bekannt und lässt sich durch Aussagen führender US-Politiker und Politologen belegen. Aber die Medien schweigen dazu. Jebsen: „Dass unsere Presse das nicht bringt und diese Zusammenhänge verschweigt, ist dem schlichten Umstand geschuldet, dass sie in Schlüsselpositionen von Personen geführt wird, die nicht neutral berichten wollen, dürfen oder können. Man hat die Köpfe unserer Presse über Stipendien und Förderung in US-Think-Tanks von kritischen Journalisten zu hörigen Fans der US-Politik gemacht.“

Über die gegenwärtige europäische Politik sagt Jebsen: „Dass die Bürger europaweit extrem misstrauisch gegenüber der politischen Elite und dem ganzen neoliberalen Programm sind, das sie rund um die Uhr über den Tisch zieht, verstehe ich. Das ganze Gefasel von wegen, das Geld würde nicht reichen, daher müsse der Sozialstaat demontiert werden, und mehr ‚Eigenverantwortung‘ wäre die Zukunft. Das ist doch nichts anderes als komplette Verarsche. Geld ist in obszönen Mengen da. Nur ist es vollkommen pervers von unten nach oben verteilt.“

Spannend sind auch die Passagen über den Werdegang dieses widerständigen Humanisten und Aufklärers, dessen ungewöhnlichen Erfahrungen schon in seiner Kindheit und Jugend dazu geführt haben, dass er unerschrocken und mit weitem Blick die gesellschaftliche Situation zu analysieren vermag. Ein Selbstdenker, der – neben den schon genannten – ein immenses Spektrum von Themen angeht, von Sozialabbau über Migration bis hin zu den Sonderrechten von Banken und Großkonzernen oder der Angst der Menschen vor dem Ungewissen, das sie bedroht. „Meine Zielgruppe ist der Mensch“, sagt er zum Abschluss seiner Kommentare und Monologe.

Wer sich über das „Phänomen Ken Jebsen“ und zugleich über die politische Entwicklung der letzten Jahre hin zu Entdemokratisierung der Gesellschaft und zu einer Aggressionspolitik des Westens im Gefolge der USA informieren will, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Es enthält wertvolle Gedanken und Anregungen.

 


Mathias Bröckers, Der Fall Ken Jebsen oder Wie Journalismus im Netz seine Unabhängigkeit zurückgewinnen kann, Verlag fifty-fifty, Frankfurt am Main 2016, 256 S., 18,– Euro.

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