Titelthema Nahost

Auf dem Weg zum „wohlmeinenden Diktator“?

Donald Trump und die religiöse Rechte

Selten hatten die Evangelikalen so viel Einfluss wie unter Donald Trump.“ 1. Diese Einschätzung des Journalisten Andreas Mink, veröffentlicht in der Zeit, beschreibt die Verhältnisse des politischen Systems der USA. Dabei war Trump vor seiner Präsidentschaftskandidatur nicht durch religiöse Statements aufgefallen. „Der Machtpolitiker Trump aber hat diese Haltung im Wahlkampf 2016 schnell revidiert, um sich die Stimmen der weißen, evangelikalen Wähler zu sichern“, so Minks Analyse. Inzwischen setzt Trump auf einen regelrechten religiösen Kulturkampf, dessen Themen vor allem Kreationismus, Abtreibung und Klimapolitik sind. Damit stößt der Präsident insbesondere im Süden und im Mittleren Westen der USA auf rege Zustimmung: Der sogenannte Bible Belt gilt als rechtskonservativevangelikales Reservoir der Republikanischen Partei.

Trotz eines formal laizistischen Staatswesens hat in den USA „der christliche Glaube seit der Staatsgründung eine zentrale gesellschaftliche Bedeutung“, betont der Journalist Carl Kinsky im Magazin der rechte rand. 2.Im Mittelpunkt steht hierbei aus historischen Gründen der Protestantismus: Die USA waren lange Zeit Zufluchtsort für Protestanten aus Europa. Der Einfluss protestantischer Erweckungsbewegungen, die Zunahme religiös-nationalistischer Vorstellungen von den USA als „Gods own country“ und die Vermischung von Religion und Politik haben vor allem innerhalb des Protestantismus eine neue religiöse Spielart entstehen lassen: die Evangelikalen. Sie legen auch noch im 21. Jahrhundert die Bibel wörtlich aus, betrachten diese als historische Wahrheit sowie wichtigste Autorität und können aus guten Gründen als fundamentalistisch bezeichnet werden. Eine derartige Verquickung von Religion und Politik ist ansonsten vor allem aus islamischen „Gottesstaaten“ bekannt. Evangelikale nehmen heute in den USA „eine zentrale Stellung als Teil der christlichen Rechten ein“, so Kinsky. Seit dem republikanischen Präsidenten Ronald Reagan (1981–1989) habe sich ihr politischer Einfluss etabliert. Kinsky macht zudem darauf aufmerksam, dass der Kreationismus – zunehmend auch als Gegenpol zum Umweltschutz – zentral für den Glauben der Evangelikalen ist. Der Kreationismus geht davon aus, dass die biologische Vielfalt nicht durch natürliche Ursachen, sondern durch Einwirkung übernatürlicher Kräfte entstanden ist. 3.Im engeren Sinne ist hiermit der Gott der Bibel gemeint.

„Gott wolle es so, das ist ein Argument, mit dem man in den USA Politik begründen kann“, schreibt der Journalist Paul Simon in der Zeit. 4.Die US-Regierung unter Donald Trump verkörpere „die christliche Gegenrevolution“. Dabei ist Trump als „Businessman“ in religiösen Fragen vor allem opportunistisch und setzt auf seinen Instinkt. Gründe für seinen Kurs lassen sich schnell ausfindig machen: 40 Prozent der Erwachsenen in den USA glauben, dass Gott den Menschen in seiner jetzigen Form geschaffen hat. Nachlesbar ist das in einer Zeitreihe, die das Gallup-Institut im vergangenen Jahr veröffentlicht hat. Dort werden Umfrageergebnisse zu Anschauungen über die Entstehung und Entwicklung des Menschen aus den Jahren 1982 bis 2019 präsentiert.

Konkret stimmten 40 Prozent der Erwachsenen in den USA der Aussage zu: „Gott hat Menschen ziemlich genau in ihrer jetzigen Form innerhalb der letzten 10 000 Jahre oder so geschaffen (‚Kreationismus‘).“ 5

Die Zustimmung zu dieser Einschätzung schwankte zwischen 38 Prozent im Jahr 2017 und 47 Prozent in den Jahren 1993 und 1999. 6 Besonders hoch ist sie bei Protestanten (56 Prozent), Personen, die regelmäßig – das heißt mindestens einmal wöchentlich – in die Kirche gehen (68 Prozent) sowie Menschen ohne Collegeabschluss (48 Prozent). Und Trumps Taktik geht auf: Mehr als 70 Prozent der evangelikalen Christen unterstützen ihn. Sie sind aus ideologischen Gründen auf seiner Seite. Mehr als zwei Drittel der Evangelikalen in den USA lehnen Eingriffe in den „Plan Gottes“ ab und feiern Trumps Anti-Klimaschutz- Politik. Bei der „Northland Bible Baptist Church“ im US-Bundesstaat Minnesota heißt es etwa: „Wer an Gott glaubt, macht sich keine Sorgen um die Erderwärmung. Denn die Zukunft dieses Planeten ist allein in Gottes Hand, nicht in eurer.“ 7.Als Präsident der „alternativen Fakten“ hat sich Trump angepasst. Wissenschaftsfeindlichkeit durchzieht seine Statements. Das zahlt sich für ihn aus: Weiße evangelikale Christen stimmen zu 81 Prozent für Trump, obwohl der als Person den Ansprüchen christlicher Moral gerade nicht genügt. 8

In seiner Regierung hat Trump religiös hochgerüstet. Mit Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Mike Pompeo, Bildungsministerin Betsy DeVos und dem Minister für Stadtentwicklung und Wohnungsbau, Ben Carson, sitzen gleich vier Evangelikale – und damit dezidiert christliche Politiker – in seinem Kabinett. Drei von ihnen haben sich auch ausdrücklich zum Kreationismus bekannt.

Pence dürfte der evangelikale Mastermind in der Trump-Regierung sein. Der im Jahr 1959 geborene US-Vizepräsident war von 2013 bis 2017 Gouverneur von Indiana, von 2001 bis 2013 hatte er den Bundesstaat bereits im US-Repräsentantenhaus als Abgeordneter vertreten. Pence war in der Kindheit Katholik, wollte sogar Priester werden, konvertierte dann aber zur „Grace Evangelical Church“. 9 Nach ersten Erfahrungen mit dem evangelikalen Glauben während seines Collegestudiums war er nach eigenen Angaben zeitweise „evangelikaler Katholik“. 10

Als Gouverneur wollte Pence das sogenannte „Intelligent Design“ – eine moderne, sich wissenschaftlich gebende Spielart des Kreationismus – in den Lehrplänen Indianas festschreiben. 11

DeVos und ihre milliardenschwere Familie haben Gruppen, die das „Intelligent Design“ propagieren, mit Millionensummen großzügig gefördert. Bei ihrer Anhörung vor dem US-Senat sagte DeVos, sie unterstütze einen naturwissenschaftlichen Unterricht, „der es den Schülern erlaubt, kritisch zu denken“. Dieser von DeVos gebrauchte Begriff des „Critical Thinking“ gilt als Code für die Lehre des „Intelligent Design“. 12

Carson ist nicht nur Kreationist, er gehört sogar der „Young-Earth-Bewegung“ an, die heute noch behauptet, die Erde sei als Ganzes vor höchstens 10 000 Jahren von Gott erschaffen worden. 13 In Carsons Augen wurden Entstehung und Ausbreitung der darwinschen Evolutionstheorie gar vom Teufel gefördert („was encouraged by the adversary“). 14 Auch Außenminister Pompeo, den Trump zunächst zum Direktor der CIA gemacht hatte, ist evangelikaler Christ.

Bis zu seinem Rücktritt am 1. Dezember 2019 gehörte ein weiterer Kreationist der Trump-Administration an: Energieminister Rick Perry. Als Gouverneur von Texas hatte er die Bedeutung eines „Gleichgewichts“ zwischen Evolutionstheorie und Kreationismus an texanischen Schulen hervorgehoben. 15 Auch Jeff Sessions, von Februar 2017 bis November 2018 Trumps Justizminister, ist Kreationist. In seiner Zeit im US-Senat hatte er etwa 400 000 Dollar von der Öl- und Erdgasindustrie erhalten. 16

Zu den Kreationisten zählt auch Scott Pruitt, von 2017 bis zu seinem Rücktritt im Juli 2018 (unter anderem aufgrund von Korruptionsvorwürfen) Direktor der staatlichen Umweltschutzbehörde „Environmental Protection Agency“. Evangelikale der Prägung Pruitt behaupten, dass selbst die christliche Bewegung für den Umweltschutz eine „dämonische Weltanschauung“ sei, Umweltschützer strebten „den Wiederaufbau einer heidnischen Weltordnung“ an. 17

Es verwundert nicht, dass in der Ära eines Präsidenten Trump für dessen enges Umfeld ein wöchentlicher Bibelkreis stattfindet – eine Tradition, die seit einhundert Jahren keine amerikanische Regierung mehr gepflegt hat, wie der eingangs schon zitierte Journalist Paul Simon erläutert. 18 Eine Schlüsselrolle spielt hierbei Ralph Drollinger, der Gründer der Organisation „Capitol Ministries“. Allein zu den offiziellen „White House Cabinet Sponsors“ dieses im Jahr 1996 gegründeten evangelikalen Thinktanks gehören unter anderem Spence, Pompeo, DeVos, Carson, Perry und Sessions, außerdem Gesundheitsminister Alex Azar, Landwirtschaftsminister Sonny Perdue und NASA-Chef Jim Bridenstine. 19 Drollinger selbst führt den Glaubenskurs für die Mitglieder der Trump-Regierung durch, an dem ihm zufolge regelmäßig etwa zwölf Spitzenpolitiker teilnehmen. 20

Der einflussreiche evangelikale Prediger verkündet dort Glaubenssätze wie den, dass Gott natürlich Kapitalist sei („It‘s safe to say that God is a Capitalist, not a Communist“). 21 Hilfe für Arme sei nicht Aufgabe des Staates, so Drollinger, denn nirgendwo in der Bibel finde sich ein Kommentar, der dem Staat eine solche Funktion zuweise. Doch in Drollingers Glaubensschulung für die US-Regierung geht es längst nicht nur um religiöse Überspanntheiten. Im Gegenteil: Drollinger hat Trump aufgefordert, ein „benevolent dictatorship“ zu errichten, also ein „wohlmeinender Diktator“ zu werden. 22 Damit dürfte er bei Trump offene Türen eingerannt haben. Der hat bereits öffentlich darüber spekuliert, dass eine Präsidentschaft auf Lebenszeit („president for life“) großartig („great“) sei. 23

Der reichweitenstarke Baptistenprediger Robert Jeffress, der mit Trump betet und ihn in religiösen Fragen berät, bezeichnet den 45. Präsidenten der USA sogar als „ein Geschenk Gottes, der das Land heilen“ wolle. 24 Wird sich die religiöse Rechte dieses „Gottesgeschenk“ so schnell wieder nehmen lassen?

Anzumerken ist allerdings, dass es bei den Evangelikalen in den USA neben fundamentalistischen Anhängern der religiösen Rechten auch einen progressiven Flügel gibt. Dessen Vertreter sehen in Trumps Weltbild „eine bösartige Mischung aus Wissenschaftsignoranz und verrohtem Unternehmertum“. 25 Und Kritik am Kreationismus kommt nicht nur aus Wissenschaftsorganisationen, sondern auch aus dem traditionell liberalen Hollywood. Als in einer Szene im Hollywood-Blockbuster „Jurassic World 2“ (2018) im Fernsehen ein Beitrag über den richtigen Umgang mit Dinosauriern gesendet wird, läuft dort eine sogenannte „Bauchbinde“ (eine Textbanderole): „US President questions the existence of dinosaurs in the first place“ (zu Deutsch: „Der US-Präsident bezweifelt, dass Dinosaurier überhaupt jemals existiert haben“). 26

Nachtrag: Seit dem 21.03.2020 ist auf der Homepage der „Capitol Ministries“ der von Ralph Drollinger verfasste Text „Richtet Gott heute Amerika?“ zu lesen. 27 Er bezieht sich – obwohl der Name nicht fällt – unmissverständlich auf die Corona-Pandemie (Virus SARS-Cov-2 und die von diesem ausgelöste Krankheit COVID-19). In einem monströsen Rundumschlag gegen den nicht-evangelikalen Teil der USA macht Drollinger bestimmte Menschen für „Gottes konsequenten Zorn auf unsere Nation“ verantwortlich.

Er klagt hierbei ausdrücklich Menschen an, die nicht an den evangelikal-christlichen Gott glauben oder diesen Glauben auch nur „zurückhalten“, Menschen mit „verderbtem Geist“, Umweltschutzaktivisten (Drollinger benutzt den Begriff der „Religion des Umweltschutzes“), Homosexuelle und Menschen, die dem „zustimmen“.

Im dezidiert politischen Teil hebt Drollinger hervor, dass es die überwiegende Mehrheit der Gläubigen in den USA unglücklicherweise zu vielen „Untreuen“ („unfaithful“) erlaubt habe, „hohe Einflusspositionen in unserer Kultur zu erlangen: hohe Positionen in unserer Regierung, unserem Bildungssystem, unseren Medien und unserer Unterhaltungsindustrie“. Drollingers Appell: „Das muss sich ändern – und das können wir mit Gottes Hilfe ändern!“

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