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Die israelischen Soldaten hatten die Absicht zu morden

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Henning Mankell berichtet in Berlin von seinen Eindrücken des Überfalls auf die Ship-to-Gaza Flotte –

Von SEBASTIAN RANGE, 3. Juni 2010 -


Der schwedische Bestsellerautor Henning Mankell hat an der Gaza-Friedensflotte teilgenommen, die in der Nacht zu Montag (31. Mai)  von israelischen Eliteeinheiten auf offener See gestürmt wurde. Neun Friedensaktivisten kamen bei dem brutalen Überfall zu Tode, Dutzende wurden verletzt.

Mankell, der für diese Woche eine Lesereise durch Deutschland geplant hatte, konnte die ersten Termine nicht wahrnehmen, er war in Henning Mankellisraelischer Haft. Erst am Dienstag wurde er freigelassen und nach Schweden ausgeflogen. Am heutigen Donnerstag startete er seine Lesereise in Berlin, nicht jedoch ohne zuvor Fragen der Presse zu seinen Erfahrungen bei der Erstürmung der Schiffe und der anschließenden Behandlung durch israelisches Militär zu beantworten.

Zuerst wies Henning Mankell darauf hin, dass er nicht zu der Pressekonferenz gedrängt wurde, sondern sich als Zeuge zur Verfügung stellen will. Denn in der Berichterstattung der Medien würden viele Lügen verbreitet. „Ich war da, Sie nicht“ sagte er zu den anwesenden Pressevertretern.

Da er sich nicht auf dem großen Passagierschiff Mavi Marmara befand, auf dem das Massaker stattfand, könne er zu der Aufklärung dieser Vorkommnisse nicht viel beitragen. Mankell befand sich auf dem kleinen Frachtschiff Sofia. Neben 25 Passagieren und Besatzungsmitgliedern hatte der Frachter Zement und vorgefertigte Häuser geladen. Er habe sich auf diesem Schiff befunden, weil es hauptsächlich aus Schweden finanziert wurde und sich noch andere Schweden an Bord befanden, darunter ein Abgeordneter der schwedischen Grünen.

Um 4 Uhr früh, sie befanden sich noch in internationalen Gewässern,  wurden sie durch den Lärm von Hubschraubern und Schüssen geweckt – der Überfall auf die Mavi Mamara hatte begonnen. Um ca. 5.30 Uhr enterten maskierte israelische Soldaten mit Maschinengewehren bewaffnet dann die Sofia. Sie trafen dabei auf keinerlei Widerstand. Die Soldaten seien sehr aggressiv gewesen und hätten zwei Personen – eine mit Gummigeschossen, eine andere mit Elektroschocks – außer Gefecht gesetzt, weil diese den Anweisungen der Soldaten nicht schnell genug nachkamen.

Sie wurden in einen Schiffsraum gesperrt und die Soldaten begannen mit der Durchsuchung des Schiffes. „Wir haben Waffen gefunden“, mit diesen Worten kamen die Soldaten nach der Durchsuchung auf sie zu. Unter den „Waffen“ waren Mankells Rasierer und ein Teppichmesser aus der Küche. Nach 11 Stunden ohne Essen wurden sie dann in ein provisorisches Gefängnis gebracht. Dabei wurden sie durch ein Spalier bewaffneter Soldaten geführt, während andere Soldaten sie abfilmten. Mankell wies darauf hin, dass das Abfilmen von Gefangenen ein Verstoß gegen die Genfer Konvention ist. Auch hätten die Soldaten sich niemals identifiziert, die Identitäten der Passagiere sei den Soldaten aber offenkundig von Anfang an bewusst gewesen. Offenbar habe der israelische Geheimdienst ganze Arbeit geleistet.

Mankell scheute sich nicht, die Realität in klaren Worten auszusprechen: Der Überfall sei ein Akt der Piraterie gewesen, ihre Verbringung nach Israel eine Entführung. Außerdem wurde ihnen alles von den Israelis gestohlen. Geld, Kleidung, Kreditkarten, Telephone, Computer etc.

Als er einem Richter vorgeführt wurde, der zu entscheiden hatte, ob Mankell abgeschoben oder inhaftiert werden soll,  fragte Mankell diesen, was denn die Grundlage für seine Festnahme sei. „Was habe ich verbrochen?“. Die Antwort des Richters: „Sie haben Israel illegal betreten.“

Nachdem Mankell seine Eindrücke und Erlebnisse geschildert hatte, durften Fragen gestellt werden. Hierbei zeigte sich deutlich, dass die Mehrheit der anwesenden Journalisten Mankell und die Free-Gaza-Flotte mit ihren Fragen delegitimieren wollten. Dabei wurde fleißig die israelische Propaganda übernommen, Gerüchte bemüht, selbst implizite Beleidigungen durften nicht fehlen. Der Zweck vieler Fragen war offensichtlich, Israels Massaker an Zivilisten auf internationalem Gewässer sollte gerechtfertigt und die Täter zu Opfern erklärt werden.

So übernahm eine Kollegin vom Spiegel bereitwillig die Argumentation des israelischen Militärs, welches ein Video zusammengeschnitten hatte, auf dem zu sehen ist, wie sich Passagiere gegen die eindringenden Angreifer zu Wehr setzen. Sie fragte Mankell, ob er denn die in dem Video gezeigte Gewaltanwendung, gegen die sich die Soldaten verteidigt hätten, gutheißen würde. Mankell konterte souverän: „Ich habe nirgends gesehen, wie Leute versucht haben, an den Seilen hochzuklettern, um die Soldaten in den Hubschraubern anzugreifen.“ Stattdessen haben sich mit Maschinengewehren bewaffnete Soldaten auf das Schiff abgeseilt. Sich gegen einen solchen Angriff zu Wehr zu setzen, sei legitim. „Ich hätte vielleicht auch so gehandelt.“

Mankell wies auch darauf hin, dass die Passagiere über keine Schusswaffen verfügten, sondern sich mit dem, was greifbar war, zur Wehr setzen. Außerdem schilderte er, dass mehrere der Toten präzise Kopfschüsse aufwiesen. So etwas könne nicht in einem Akt der Selbstverteidigung geschehen sein.

Ein weiterer Journalist wollte die israelische Aggression rechtfertigen, indem er das Gerücht aufgriff, die Aktivisten hätten Parolen wie „Tod den Juden“ skandiert. Mankell sagte, dass er so etwas nicht mitbekommen habe. Auf seinem Schiff habe es so etwas garantiert nicht gegeben. Wäre das aber tatsächlich auf einem anderen Schiff geschehen, dann wäre das schrecklich und würde ihn sehr verärgern. Es widerspräche allen Grundsätzen, unter denen man sich zusammengefunden habe, um die Blockade auf dem Seeweg zu durchbrechen.

Ein weiterer Journalist - in diesem Fall wohl eher ein professioneller Schmierfink von Israels Gnaden – bezeichnete Mankell als „nützlichen Idioten“ der Hamas. Außerdem habe er genau gewusst, dass an der Flotte auch eine islamistische Organisation beteiligt gewesen sei – gemeint ist die türkische Hilfsorganisation IHH – die terroristische Aktionen finanzieren würde. Auch diese Behauptungen entstammen dem Arsenal der zionistischen Propaganda. Womit nicht ausgeschlossen werden soll, dass die IHH möglicherweise tatsächlich Verbindungen zu terroristischen Gruppen unterhält, aber sicherlich hat der fragende Journalist diese Behauptung niemals selbst überprüft. Sie passte einfach nur zu gut in seine Absicht, Mankell in die Nähe des Terrorismus zu rücken. Und gegen Terroristen ist ja bekanntlich seit dem 11.September 2001 jedes Mittel recht. Weil es aber schwer ist, Menschen wie Mankell zum Terroristen zu erklären, hat die zionistische Propaganda auch einen neuen Begriff kreiert: den des „Semi-Terroristen“.

Nachdem Mankell auf den aggressiven Charakter der Fragestellung hinwies,  erklärte er, dass er sehr kritisch gegenüber der Hamas sei und sicherlich nicht deren nützlicher Idiot. Das ganze Projekt sei auf den Prinzipien der Humanismus begründet worden. Sollte sich tatsächlich herausstellen, dass teilnehmende Organisationen der Flotte Terror-Aktionen unterstützen, so würde ihn das zutiefst verärgern.

Auf die Frage, was er denn erwartet habe, erwiderte er, er habe Gewalt seitens Israels gegen die Schiffe erwartet, aber nicht gegen Personen. Auch dass Israel schon in internationalen Gewässern gegen die Schiffe vorgegangen ist, hätte er nicht gedacht. Er verstehe nicht, warum Israel solch eine Dummheit begangen habe, denn dadurch sei der Druck zur Aufhebung der Blockade so groß wie noch nie zuvor. Er hätte damit gerechnet, dass Israel die Flotte an der Seegrenze zum israelischen-palästinensischen Territorium abfängt und diese dann fahruntüchtig macht, etwa durch Zerstörung der Schiffsschrauben, und die Schiffe dann abschleppt.

Mankell sagte, der Konflikt sei nur durch Dialog zu lösen und er wiederholte mehrfach seine Ansicht, dass Krieg und Gewalt die Probleme nicht lösen werden. Ob eine Zwei-Staaten-Lösung oder eine Lösung nach südafrikanischem Vorbild der beste Weg sei, wisse er nicht. Aber Südafrika habe gezeigt, dass der Untergang eines Apartheidregimes nicht zwangsläufig in einen Bürgerkrieg münden muss. Juden und Palästinenser müssten einen Weg finden, miteinander zu leben.

Mankell sagte außerdem mit dem Hinweis darauf, dass das einigen der Anwesenden sicherlich nicht gefallen wird, dass seiner Ansicht nach die israelischen Soldaten die Schiffe in der Absicht betreten hätten, zu morden. Er bedauerte zudem, dass er in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr nach Israel reisen kann, da man ihm das Betreten des Landes verwehren wird.

Mankell erklärte allerdings, dass er bei der nächsten Flotte, die im September oder Oktober starten soll, „selbstverständlich“ wieder dabei sein werde. „Ich habe keine Angst“.

Auffällig an der Pressekonferenz war vor allem, wie kritisch und zum Teil aggressiv die Fragen gestellt wurden. Eine solche kritische Aggressivität seitens der Angestellten der Mainstream-Medien gegenüber Regierungsvertretern vermisst man hingegen schon lange. Offenbar scheinen Israels Interessen vielen deutschen bzw. europäischen Journalisten schwer am Herzen zu liegen. Zumindest mehr als das Interesse an Wahrheit oder einem Einsatz für Menschenrechte. Wohltuend hob sich ein Kollege der jungen Welt ab, der vor seiner Frage Mankell ausdrücklich für seinen Mut bei der Durchbrechung der Blockade dankte.


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