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Das FBI vereitelt eigenen Terroranschlag

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Von GLENN GREENWALD, 2. Dezember 2010 -

Das FBI zeigt sich offenbar sehr zufrieden angesichts der Festnahme des 19-jährigen Somali-Amerikaners (1) Mohamed Osman Mohamud, der angeblich – nach Monaten der Ermutigung, Unterstützung und Finanzhilfe durch Undercover-Agenten des FBI – eine Bombe auf einem belebten Weihnachtsfest in Portland, Oregon, zünden wollte. Die Medien geben fast gleichförmig dieses Ereignis so wieder, wie das FBI es beschrieben hat. Anhänger beider Parteien tun das gleiche, wobei Kommentatoren der Demokratischen Partei proklamieren, dass dies beweise, wie effektiv die Demokraten darin sind, böse Terroristen aufzuhalten, während rechte Polemiker darauf hinweisen, dass die Festnahme ein weiterer Beweis dafür sei, dass diese bedrohlichen Muslime sicherlich gewalttätig und gefährlich sind.  

Was in dieser Jubelorgie fehlt, ist ein Hauch von Skeptizismus. Sämtliche Informationen über den Ablauf stammen exklusiv von einer schriftlichen Erklärung [affidivat] des FBI, die im Zusammenhang mit der Strafanzeige gegen Mohamud angefertigt wurde. So schockierend und überraschend es für einige sein  mag, aber Behauptungen des FBI sind oft einseitig, unverlässlich und unwahr, besonders wenn sie – wie in diesem Fall – nicht bestätigt und geprüft wurden.

Das ist der Grund, warum wir etwas durchführen, das sich „Gerichtsverfahren“ nennt, bevor wir Schuld zuweisen oder glauben zu wissen, was passiert ist: weil die Regierung nicht immer die Wahrheit sagt, weil sie oft die Realität verdreht, weil die Dinge oft ein ganz anderes Bild ergeben, nachdem der Beschuldigte seine eigenen Fakten präsentieren konnte und die Anklage der Regierung einer genauen Prüfung unterzogen wurde.

Die FBI-Erklärung – genauso wie das, was die Beamten den Reportern ins Ohr flüstern – enthält nur die Fakten, die das FBI auserwählt hat, aber lässt diejenigen aus, die das FBI nicht darin haben wollte. Und selbst die „Fakten“, die hineingenommen wurden, sind bislang lediglich Behauptungen und daher vielleicht überhaupt keine Fakten.

Es könnte sehr wohl der Fall sein, dass das FBI erfolgreich und innerhalb der gesetzlichen Grenzen einen gefährlichen Kriminellen festgenommen hat, der die Absicht verfolgte, einen schwerwiegenden Terrorakt durchzuführen, der viele unschuldige Menschen getötet hätte. In einem solchen Fall gebührt dem FBI Lob. Vom Gericht bewilligte Überwachung und der Einsatz von verdeckten Ermittlern sind legitime Methoden, um einen Terror-Plot zu infiltrieren, wenn sie in Übereinstimmung mit dem Gesetz erfolgen.

Aber es könnte auch ohne weiteres der Fall sein, dass das FBI – wie schon oft in der Vergangenheit   (2) – einen sehr jungen, beeinflussbaren, unzufriedenen, ziellosen, unglücklichen und unbeholfenen Eigenbrödler gefunden hat; diesen überredete/manipulierte/verführte, an einem selbst geplanten Anschlag teilzunehmen, ihn also im wesentlichen in einen Terroristen verwandelten, um sich dann nach seiner Festnahme selbst auf die Schultern zu klopfen, weil man einen „Terrroranschlag“ verhindert hat, der von Anfang bis Ende eine Erfindung des FBI war. Nachdem der selbst erschaffene vereitelt wurde, verkündet das FBI der Weltöffentlichkeit seinen „Erfolg“ – und unkritische Medien schmücken es noch aus – und beweist damit zum einen, das der einheimische Terrorismus durch Muslime eine ernsthafte Bedrohung darstellt und zum anderen, dass die riesigen – gegenwärtigen und zukünftigen – Überwachungskapazitäten der Regierung notwendig sind.

Es gibt zahlreiche Behauptungen, die eine nähere Prüfung verdienen. Als erstes: das FBI überwachte über Monate den E-Mail-Verkehr dieses US-amerikanischen Bürgers auf einer äußerst dünnen Grundlage. Und zwar der, dass er mit jemanden in Nordwest-Pakistan E-Mails austauschte, einer Region, die -“bekannt dafür ist, Terroristen zu beherbergen“. (Absatz 5 der FBI-Erklärung)

Ist das schon genug, um eine richterliche Bewilligung zu bekommen, um jemanden das Telefon abzuhören und die E-Mails mitzulesen? Ich bin froh, dass das FBI nicht ohne richterliche Genehmigung abhörte, falls es so stimmt, aber es sollte sicherlich mehr nötig sein, um eine gerichtliche Erlaubnis zu bekommen, als das. Mit irgendjemanden in Nordwest-Pakistan zu kommunizieren, ist kaum ein berechtigter Verdachtsgrund.

Zum zweiten: um nicht Gefahr zu laufen, dass sich herausstellen könnte, dass man jemanden zu einer Straftat überlistet hat, sollten die Beamten der Strafverfolgungsbehörden in der Lage sein zu beweisen, dass der Beschuldigte „unabhängig und von vornherein das Verbrechen begehen wollte, für das er verhaftet wurde“, so der Wortlaut des Supreme Court im Jahr 1992. Um das zu beweisen,  bekräftigen verdeckte Ermittler oftmals, dass der Beschuldigte mehrere Optionen zur Auswahl hatte, und sie ihn nur zu einem Verbrechen überredeten, dass er aus eigenem Willen heraus begehen wollte.

In diesem Fall wurde das erreicht, indem ein verdeckter FBI-Ermittler Mohamud angeblich darüber unterrichtet habe, dass es mindestens fünf Wege gebe, auf denen er dem Anliegen des Islam dienen könne (einschließlich Beten, Ingenieurs-Studium, Gelder sammeln, die ins Ausland geschickt werden sollen, oder „operativ tätig“ [becoming operational] zu werden). Mohamud antwortete, dass er „operativ tätig“ werden wolle, indem er eine Bombe zur Explosion bringt. (Absatz 35-37).

Doch seltsamerweise, während (laut der FBI-Erklärung) alle anderen vom FBI zusammengefassten Gespräche mit Mohamud von zahlreichen Geräten aufgenommen wurden, wurde dieses Gespräch – das für Mohamuds Verteidigung entscheidendste – nicht aufgezeichnet. Laut dem FBI war der Beamte zwar „ausgerüstet mit Audio-Geräten, um das Treffen aufzuzeichnen. Aufgrund technischer Probleme wurde dieses Treffen jedoch nicht aufgezeichnet“. (Absatz 37)

Somit haben wir nur das Wort des FBI und seine Version darüber, was in diesem entscheidenden Gespräch gesagt wurde. Auch merkwürdig: der ursprüngliche New York Times-Artikel beschreibt das Gespräch ausführlich und berichtete auch die Tatsache, dass „das Treffen aufgrund einer technischen Schwierigkeit nicht aufgezeichnet“ wurde. Aber im finalen Bericht wurde diese Information ausgelassen, stattdessen wurde einfach nur die FBI-Version wiedergegeben, als handele es sich dabei um eine Tatsache: „Verdeckte Ermittler boten Mr. Mohamud verschiedene nicht-tödliche Methoden an, mittels derer er seiner Sache dienen könne, einschließlich lediglich zu beten. Aber er sagte gegenüber den Agenten, dass er „operativ“ tätig sein und möglicherweise eine Auto-Bombe zünden will“.

Drittens gibt es genügend Fakten, die in Frage stellen, ob Mohamuds Aktionen durch seine eigene Neigung, ein Verbrechen zu begehen, bestimmt wurden, oder nicht doch durch die Manipulation und den Druck durch das FBI. Im Juni wollte er nach Alaska fliegen, um dort einer Arbeit als  Fischer nachzugehen, die ihm ein Freund besorgt hatte. Aber er war auf der Flugverbotsliste der Regierung. Aufgrund dessen wurde er am Flughafen vom FBI, welches ihm die Einreise nach Alaska untersagte und ihn somit davon abhielt, durch seine Arbeit ein Einkommen zu erzielen, befragt.(Absatz 25) Nachdem er vom FBI von der Arbeit abgehalten wurde, dürfte das Geld, mit dem das FBI ihn versorgte – inklusive fast 3.000 US-Dollar in bar, um eine eigene Wohnung zu mieten (Absatz 61) – dabei geholfen haben, ihn für die Einflüsse und Vorschläge des FBI empfänglich zu machen.  Und jeder andere Schritt der unternommen wurde, um diesen Anschlag auszuüben – von der Planung des Ortes bis zum Zusammensammeln der Materialien für den Bau der Bombe – wurde auf Geheiß des FBI und mit dessen unverzichtbarer Unterstützung und Anleitung  unternommen.  

Es ist unmöglich anzunehmen, Mohamud hätte irgend etwas von selbst zu Stande bekommen. Bevor er vom FBI verführt wurde, bestand seine einzig greifbare Aktion darin, für das Online-Magazin Jihad Recollection drei Artikel zum Thema „Fitness und Dschihad“ geschrieben zu haben. (3) Zumindest nach dem was bekannt ist, war er in der  Vergangenheit nie gewalttätig, hatte keine ersichtlichen Vorstrafen und war auch nie in einem Ausbildungslager in Afghanistan, Pakistan oder sonstwo, und hatte – bevor er sich mit dem FBI einließ – nie einen einzigen Schritt unternommen, jemandem Schaden zuzufügen. Hört sich das nach einem bedrohlichen, terroristischen Schläfer an?

Und schlussendlich gibt es wie gewöhnlich keine Debatte in den Medien über ein Motiv. Es gibt verschiedene in der FBI-Erklärung Mohamud zugeschriebene Aussagen, die jede anständige Person nur als abstoßend empfinden kann, einschließlich einer völligen Apathie – ja sogar Entzücken – über die Aussicht, dass diese Bombe unschuldige Menschen, darunter Kinder, töten würde. Was bringt einen 19-jährigen amerikanischen Bürger, der seit seinem dritten Lebensjahr in den USA lebt,  dazu, eine solche soziopathische Gleichgültigkeit an den Tag zu legen? Er erklärte es selbst in einigen der vom FBI zitierten Passagen und in einem Video, das er aufnahm, kurz bevor er – wie er dachte – die Bombe zünden würde. Und diese Art der Argumentation wäre – wenn es nicht einen Medien-Blackout über diese Frage geben würde – den US-Amerikanern  mittlerweile sehr vertraut:

„So lange ihr unsere Sicherheit bedroht, wird eure Bevölkerung nicht sicher sein.(...) Habt ihr gedacht, ihr könntet in ein muslimische Land einmarschieren, und wir würden nicht bei euch einmarschieren?“

Dasselbe hören wir immer und immer wieder von angeklagten Terroristen – dass sie vorhatten, Anschläge auszuführen in Vergeltung für Amerikas vergangene oder gegenwärtige Gewalt an muslimischen Zivilisten und um solche in Zukunft zu verhindern. Hier finden wir eines der größten Mysterien in der US-amerikanischen politischen Kultur: die USA entsendet ihr Militär über die ganze Welt – überfällt, besetzt und bombardiert verschiedene muslimische Länder – foltert und inhaftiert ohne Anklage, erschießt an Check-Points, sendet ferngelenkte Drohnen, um Häuser in die Luft zu sprengen, verhängt Sanktionen, aufgrund derer Hunderttausende von Kindern zu Tode hungern – und Amerika ist dann ganz verblüfft, wenn einige Muslime – eine überraschend kleine Anzahl – voller Zorn und dem Wunsch nach Vergeltung sind und die Gewalt zurückbringen. Und hier finden wir auch den größten Mythos im US-amerikanischen politischen Diskurs: dass die ganzen militärischen Aggressionen irgendwie Sicherheit erzeugen und den Terrorismus bekämpfen – obwohl sie doch mehr als jeder andere einzelne Grund Terrorismus provozieren, aufrecht erhalten und anheizen.  


Der Artikel erschien im Original am 28. November 2010 unter dem Titel The FBI successfully thwarts its own Terrorist plot bei salon.com.

Übersetzung mit geringfügigen Kürzungen: Hintergrund

Anmerkungen

(1) http://911truthnews.com/fbi-set-up-teen-in-fake-car-bomb-plot/

(2) http://www.truth-out.org/article/guy-lawson-the-fear-factory
[Siehe auch: http://www.hintergrund.de/201011021223/globales/terrorismus/selbstgemachte-terroristen-wie-die-usa-islamistischen-nachwuchs-erzeugen-und-rekrutieren.html ]

(3) http://gawker.com/5700200/
 

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