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Manchmal kommen sie wieder: Wie Guttenberg sich selbst als doofen Zombie enttarnte

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Von THOMAS WAGNER, 24. September 2011 -

„Manchmal kommen sie wieder.“ So laute der Titel eines Zombiefilms nach einer Kurzgeschichte von Stephen King. Als Zombie wird laut Wikipedia die fiktive Figur eines zum Leben erweckten Toten oder eines seiner Seele beraubten, willenlosen Wesens bezeichnet.

Eindeutig um einen Untoten handelt es sich nach diesen Kriterien bei Karl-Theodor zu Guttenberg. War der als Doktorbetrüger gescholtene Baron nicht politisch für tot erklärt worden? War sein Gebaren aufmerksamen Beobachtern nicht schon immer als unecht erschienen? Nun erklärte er im Interview auch noch, im Fall seiner Doktorarbeit gar nicht willentlich getäuscht zu haben: „Wenn ich die Absicht gehabt hätte, zu täuschen, dann hätte ich mich niemals so plump und dumm angestellt, wie es an einigen Stellen dieser Arbeit der Fall ist.“ (1)

Brauchen sie noch mehr Indizien für den Beweis der Zombie-These? Für den Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner steht jedenfalls fest: „Ich mag diesen Typen, der wieder aufsteht.“ (2)

Für mich ist der Fall ebenfalls klar. Wir haben es mit einer Gestalt zu tun, die zwar ihre Zähne zeigen und fest zubeißen kann, in Wirklichkeit aber weder tot noch lebendig ist. Allenfalls als Filmfigur, im Comic, auf bedrucktem Papier oder im Fernsehen mag sie ihr Unwesen treiben, in unserem wirklichen Leben kommt sie gar nicht vor.

Wer die Guttenberg-Gestalt deshalb für harmlos hält, unterschätzt die unheimliche Kraft, die von der Realität der Massenmedien heute ausgeht. Meine Prognose lautet: Wer in den nächsten Wochen den Fernseher einschaltet, im Internet surft, die Zeitung aufschlägt, wird dem in den USA residierenden Adligen aus Franken und seiner mindestens ebenso unheimlichen Braut kaum entgehen können. Alle werden sie berichten von dem demnächst erscheinenden Buch, das Politpromi-Plaudertasche Giovanni di Lorenzo mit ihm gemacht hat.

Burdas Klatschblatt Bunte urteilt schon jetzt: „Guttenberg kann es noch.“ (3) und teilte im Gestus der Hofberichterstattung mit, wann voraussichtlich der erste TV-Auftritt im Zuge der „Operation Comeback“ ins Haus steht: Am 28. Januar soll er bei der Verleihung des Ordens wieder den tierischen Ernst die Laudatio auf den neuen Ordensträger Ottfried Fischer halten. Unterdessen plant seine Gattin Stephanie ab dem 12. Dezember an der Seite Til Schweigers im Horrorsender RTL 2 brutalen Gewaltverbrechen an Kindern nachzugehen. Sie scheint von schlechten Schauspielern und echten Horrorgestalten magisch angezogen zu werden.

Selbst die Kinogänger werden vom Antlitz des Wiedergängers nicht verschont bleiben. Produzent Nico Hoffman hat angekündigt, den Aufstieg und Fall des Betrügerbarons als Komödie zu verfilmen. Ob sich schließlich auch Genre-Altmeister George A. Romero seiner annehmen wird? Die passende Story ist schon vorhanden.

Immerhin hat sich Guttenberg noch in seiner Amtszeit als Verteidigungsminister in bester Zombie-Manier um die Vorbereitung der Apokalypse verdient gemacht. Er war die treibende Kraft bei der Umrüstung der Bundeswehr von der Verteidigungsarmee zur weltweit einsetzbaren Kampftruppe.

Inspirierend scheint dafür die Lektüre von Dietmar Daths Zukunftsroman „Für immer in Honig“ gewesen zu sein. Dort erheben sich ganze Zombie-Armeen aus ihren Gräbern, um zunächst die Berliner Republik und dann die ganze übrige Welt mit dem Speichelgift des wiedererweckten Imperialismus zu infizieren. Für einen Zombie zweifellos eine verlockende Vision. Zumal seine Dummheit ihn davor bewahrt haben wird, die Geschichte richtig zu verstehen. Denn Buffy-Fan Dath lässt keinen Zweifel daran, dass er möchte, dass die Guten im Kampf gegen das Böse gewinnen.

Fragt sich nur, warum die Unmenschen bislang noch unbehelligt unter den Lebenden wandeln können. In John Carpenters Film „Sie leben“ haben sie, diesmal sind es gut getarnte Außerirdische, die Wahrnehmungen der Menschen mit eigens dafür installierten Sendern manipuliert und verhindern auf diese Weise einen Aufstand der arm gehaltenen Arbeiterklasse. Eine simple Brille verhilft den Menschen dazu, ihre Ausbeuter zu erkennen.

Kennt Guttenberg diesen Film? Verzichtet er neuerdings deshalb auf das Tragen seiner eigenen Gläser, weil er auf die Vorbildfunktion setzt und die Menschen davon abhalten will, die Wirklichkeit künftig allzu klar zu sehen. Vorstellbar ist es. Denn wer das schon erwähnte Interview genau liest, dem wird klar, wie schwer es dem ohnehin von den ersten Anzeichen des körperlichen Verfalls gezeichneten und als sehr eitel geltenden Politiker gefallen sein muss, auf seine Sehhilfen zu verzichten: „Die meisten Menschen meinen, dass mir die Brille besser steht. Das sagt meine Frau auch.“ (4)

In „Sie kommen wieder“ hat die ganze Wiederaufersteherei den Zombies letztlich nicht viel genutzt. In letzter Minute werden sie zurück in die Hölle geschickt. Vielleicht lässt sich die Apokalypse ja doch noch aufhalten.

(1) Die Zeit Nr. 48, 24. November 2011, S. 18
(2) Bild, 24. November 2011, S. 2
(3) Bunte Nr. 48, 24.11.2011, S. 41
(4) Die Zeit Nr. 48, 24. November 2011, S. 21