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Mossad im Iran: Terror unter falscher Flagge?

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Von SEBASTIAN RANGE, 16. Januar 2012 -

Inmitten der sich verschärfenden Rhetorik und der wachsenden Anspannung zwischen dem Iran und den westlichen Staaten (1) erschien am vergangenen Wochenende im US-Magazin Foreign Policy ein Bericht, der die jahrelangen Vorwürfe des Iran untermauert, denen zufolge Terror-Gruppen im Iran ausländische Unterstützung in der Absicht erhielten, das Land zu destabilisieren.

Die für ein unabhängiges Balutschistan – eine sich über den Südosten des Iran, den Westen Pakistans und den Südwesten Afghanistans erstreckende Region – kämpfende islamistische Gruppe Jundallah (Soldaten Gottes) hatte in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Anschlägen auf sich aufmerksam gemacht. Am spektakulärsten war ein Selbstmordattentat im Oktober 2009, bei dem 42 Menschen getötet wurden.

Der Anschlag galt einem von den Revolutionären Garden organisierten Treffen zwischen sunnitischen und schiitischen Stammesführen, auf dem für die Geschlossenheit zwischen beiden Religionsgemeinschaften geworben werden sollte.

„Wir sehen den jüngsten Terroranschlag als Ergebnis amerikanischer Aktivitäten“, sagte Irans Parlamentssprecher Laridschani nach dem Anschlag. Zudem hätten „gut informierte Quellen”  bestätigt, dass auch Großbritannien in das Attentat verstrickt sei. (2) Vorwürfe gingen auch in Richtung Pakistan, wo die Jundallah ihre Stützpunkte unterhält. Iranische Vertreter sprachen von einer „vernichtenden Antwort“ auf das Attentat, der Gegenschlag könne auch auf pakistanischem Gebiet erfolgen. (3)  

Eine Drohung, die offenbar Wirkung zeigte. Im Februar 2010 wurde der Anführer der Jundallah, Abdulmalik Rigi, von iranischen Beamten festgenommen – offenbar mit Hilfe der pakistanischen Behörden. Dessen Bruder, Abdulhamid Rigi, war bereits 2008 in die Fänge der iranischen Behörden geraten. In Haft soll er ein Geständnis abgelegt haben, dem zufolge sich sein Bruder seit 2005 wiederholt mit CIA-Agenten in Pakistan getroffen habe. Auf einem dieser Treffen sei er selbst anwesend gewesen. (4) Abdulhamid wurde im Mai 2010 hingerichtet, die Exekution seines Bruders Abdulmalik erfolgte einen Monat später. Auch dieser soll US-amerikanische Unterstützung für die Jundallah  eingestanden haben: „Sie versprachen uns zu helfen und sagten, dass sie mit uns kooperieren würden (…) und uns militärisches Gerät, Bomben und Maschinengewehre zur Verfügung stellen würden.“ (5)

„Es ist unmöglich zu sagen, ob Abdulmalik Rigi die Aussage aus freien Stücken machte oder dazu genötigt wurde“, kommentierte seinerzeit die BBC. (6)

Der Verdacht der geheimdienstlichen Förderung der Jundallah-Terroristen wurde nicht nur von iranischer Seite geäußert. Der US-Journalist und Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh berichtete im Juli 2008 über die Bewilligung eines 400 Millionen US-Dollar schweren Postens durch den US-Kongress, der für die Unterstützung anti-iranischer Gruppierungen vorgesehen war. (7) Laut Hersh war die Jundallah eine dieser Gruppen, die getreu dem Motto „der Feind meines Feindes ist mein Freund“ in den Genuss finanzieller und logistischer Unterstützung kam. Dahinter habe die Absicht gesteckt, „genug Probleme und Chaos zu provozieren, so dass die iranische Regierung den Fehler macht aggressiv darauf zu antworten“. (8) Und so der Bush-Administration einen Kriegsgrund liefert.

Ein Jahr zuvor berichtete bereits ABCNews darüber, dass die USA die Jundallah „unterstützt und ermutigt“ habe. US-Beamte verneinten gegenüber dem Fernsehsender zwar eine „direkte Finanzierung“ der Terrorgruppe, gestanden  aber ein, dass der Führer der Jundallah in regelmäßigem Kontakt mit US-Beamten steht. (9)

Die US-Regierung leugnete stets, in die der Jundallah zugeschriebenen Attentate verwickelt zu sein.  Als „völlig falsch“ bezeichnete US-Regierungssprecher Ian Kelly nach dem Anschlag im Oktober 2009 Berichte über eine mögliche US-Beteiligung. (10)

Der am vergangenen Wochenende veröffentlichte Foreign-Policy-Bericht wirft ein neues Licht auf den Sachverhalt um die mögliche US-Unterstützung. Laut CIA-Berichten, die im letzten Amtsjahr von Präsident George W. Bush erstellt worden sein sollen und deren Inhalt von sechs aktiven beziehungsweise ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeitern verifiziert wurde, habe der Mossad Jundallah-Aktivisten angeworben. Dabei agierte der  israelische Auslandsgeheimdienst unter falscher Flagge: die Mossad-Agenten gaben sich bei ihren Rekrutierungsbemühungen als Mitarbeiter der CIA aus und verwendeten US-amerikanische Pässe. (11)

Dabei sollen sie nicht gerade unauffällig vorgegangen sein. Die Anwerbeversuche fanden zumeist in London statt, praktisch „unter der Nase der US-Geheimdienstoffiziere“. Beachtlich war vor allem die Dreistigkeit, mit der die israelischen Agenten agierten: „Es ist erstaunlich, dass die Israelis dachten, sie könnten damit durchkommen“, zitiert der Bericht einen Geheimdienstmitarbeiter. „Ihre Rekrutierungsversuche fanden beinahe unter freiem Himmel statt. Es kümmerte sie offenbar gar nicht, was wir darüber dachten.“

Das Bekanntwerden des falschen Spiels der Israelis sorgte laut dem Bericht für große Verstimmung im Weißen Haus. „Es ist leicht zu verstehen, warum Bush so wütend war“, so ein ehemaliger Geheimdienstbeamter. „Schließlich ist es schwer mit einer ausländischen Regierung in Kontakt zu treten, wenn diese davon überzeugt ist, dass wir ihre Leute töten.“

Neben der Gefahr von Racheaktionen hätte der Terror der Jundallah das ohnehin schon brüchige Verhältnis der USA zu Pakistan, auf das der Iran immer größeren Druck ausübte, wegen des Vorgehens gegen die paschtunischen Separatisten, zusätzlich gefährdet.

Trotz der Verstimmung im Weißen Haus zog der Fall keine Konsequenzen nach sich. Erst mit der Amtsübernahme von Barack Obama wurde eine andere Gangart eingelegt. Innerhalb der ersten beiden Wochen seiner Amtszeit habe Präsident Obama die von den USA und Israel gemeinsam gegen den Iran gerichteten Geheimdienstoperationen drastisch reduziert, heißt es in dem Foreign-Policy-Bericht. Zudem wurde im November 2010 die Jundallah vom US-Außenministerium auf die Liste terroristischer Organisationen gesetzt. Ob die Zusammenarbeit des Mossad mit der Jundallah bis heute anhalte, sei den im Bericht zitierten Geheimdienstlern unbekannt.

Das jüngst erfolgte Attentat auf den iranischen Atomwissenschaftler Mostafa Ahmadi Roshan, der  am 11. Januar durch eine Autobombe getötet wurde, gab erneut Anlass für Spekulationen darüber, ob der Mossad bei der Mordserie an Atomwissenschaftlern seine Finger im Spiel hatte. Das israelische Online-Portal debka.com – vom Handelsblatt wegen seiner Geheimdienstnähe als „Web-Seite für Spione“ bezeichnet (12) – vermutete im November 2009, dass zumindest einige der Attentate auf Atomwissenschaftler auf das Konto der Jundallah gingen. (13) Stichhaltige Beweise für diese Vermutung oder auch den Verdacht, der Mossad habe die Attentate selbst direkt organisiert, gibt es aber bislang nicht.  

Der US-Journalist Glenn Greenwald  wies im Zusammenhang mit den Attentaten auf iranische Wissenschaftler auf den Doppelstandard hin, der den öffentlichen Diskurs in den USA bestimmt. Die Attentate werden, obwohl bei ihnen auch unbeteiligte Zivilisten ums Leben kamen, selten mit dem Begriff Terrorismus belegt. (14) Das dürfte seinen Grund darin haben, dass ein israelischer Geheimdienst als Hauptverdächtiger gilt und es politisch nicht angebracht erscheint, den Dienst eines mit den USA eng verbundenen Landes des Terrorismus zu bezichtigen.

In der US-Geheimdienstgemeinde scheint es wachsende Zweifel zu geben, ob die israelischen Kollegen überhaupt noch zu den Freunden zu zählen sind. Laut einer im September 2010 durchgeführten internen Befragung, wer sich von den verbündeten Geheimdiensten am ehesten wie ein Freund verhalte, nannten die CIA-Mitarbeiter Israel an letzter Stelle. (15)

Der nun bekannt gewordene Missbrauch von CIA-Identitäten durch Mossad-Agenten dürfte die Beziehung zusätzlich trüben. Der ehemalige Centcom-Chef und General a.D., Joe Hoar, bezeichnete den Vorgang als „den schlimmsten Fall, von dem ich gehört habe“. „Zwar sind Operationen unter falscher Flagge nicht neu, aber sie sind extrem gefährlich. Im Grunde genommen benutzt man die Freundschaft eines Verbündeten für die eigenen Zwecke aus.“ (16)

In einem Bericht der israelischen Tageszeitung Ha'aretz widersprach ein nicht genanntes, hochrangiges israelisches Regierungsmitglied der Darstellung. Berichte über Mossad-Agenten, die unter CIA-Tarnkappe agierten, seien „absoluter Unsinn“. (17)

Das Attentat auf den Hamas-Funktionär Mahmud al-Mabhuh in Dubai im Januar 2010 zeigte allerdings, dass sich der Mossad nicht geniert, bei seinen Aktionen gefälschte Pässe von verbündeten Ländern zu benutzen. (18)

Vor diesem Hintergrund mag die israelische Entgegnung unglaubwürdig erscheinen. Dennoch muss das Motiv hinterfragt werden, warum US-Geheimdienstmitarbeiter mit ihren Aussagen den israelischen Verbündeten kompromittieren. Will man den Verdacht der Unterstützung iranischer Terrorgruppen einfach auf Israel abwälzen? Das erscheint unwahrscheinlich, weil unnötig. Schließlich haben die regelmäßig nach Anschlägen erhobenen Vorwürfe von iranischer Seite in Richtung USA diese nie wirklich in Erklärungsnöte gebracht. Vielmehr ist zu vermuten, dass in Zeiten einer wachsenden Kriegsgefahr mit der Veröffentlichung der CIA-Berichte dem Mossad ein Schuss vor den Bug gesetzt und ihm die Möglichkeit genommen werden sollte, an Washington vorbei mithilfe von Terroraktionen unter falscher Flagge im Iran weiter zu zündeln und die Region womöglich in Brand zu setzen.

„Israel spielt mit dem Feuer. Sie verstricken uns in ihren verdeckten Krieg, ob wir es wollen oder nicht“, so Hoar. (19) Anscheinend gibt es wachsenden Widerstand innerhalb des US-Sicherheitsapparates, sich ungewollt verstricken zu lassen. Auch die zu Wochenbeginn seitens der USA erfolgte unerwartete Absage des größten gemeinsamen Militärmanövers („Austere Challenge 12“), die die israelischen Militärs kalt erwischte, ließe sich ähnlich interpretieren: Der Streit mit dem Iran soll nicht in unkalkulierbarer Weise eskalieren, wozu das Manöver womöglich beigetragen hätte.  Die israelische Vorgehensweise gegenüber dem Iran entzieht sich offenbar mehr und mehr dem Kalkül der USA.

Was auch immer das Motiv gewesen sein mag, die Mossad-Aktivitäten unter falscher Flagge auffliegen zu lassen, die iranische Regierung  wird es sicherlich erfreut zur Kenntnis nehmen, wenn sie sich zukünftig bei der Unterstellung einer israelischen Beteiligung an Terrorakten im Iran auf CIA-Berichte berufen kann.


Anmerkungen

(1) http://www.hintergrund.de/201201091867/politik/welt/iran-kriegsrhetorik-verschaerft-sich.html

(2) http://www.welt.de/politik/ausland/article4888977/Ahmadinedschad-entging-nur-knapp-dem-Tod.html

(3) http://derstandard.at/1254311719262/Iran-Anschlag-auf-Garde-Revolutionsgarde-droht-USA-und-Grossbritannien-mit-vernichtender-Antwort

(4) http://edition.presstv.ir/detail/97484.html

(5) http://edition.presstv.ir/detail/126963.html

(6) http://news.bbc.co.uk/2/hi/middle_east/8537567.stm

(7) http://www.newyorker.com/reporting/2008/07/07/080707fa_fact_hersh

(8) http://www.welt.de/politik/ausland/article4888977/Ahmadinedschad-entging-nur-knapp-dem-Tod.html

(9) http://blogs.abcnews.com/theblotter/2007/05/bush_authorizes.html

(10) http://www.focus.de/politik/ausland/iran-revolutionsgarden-kuendigen-reaktion-auf-anschlag-an_aid_445945.html

(11) http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/01/13/false_flag?page=0,0

(12) http://www.handelsblatt.com/archiv/debka-com-eine-web-seite-fuer-spione/2163626.html

(13) http://web.archive.org/web/20101130003025/http://www.debka.com/article/20406/

(14) http://www.salon.com/2012/01/12/iran_and_the_terrorism_game/singleton/

(15) http://voices.washingtonpost.com/spy-talk/2010/09/israeli_spies_pitching_us_musl.html

(16) http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/01/13/false_flag?page=0,0

(17) http://www.haaretz.com/news/diplomacy-defense/israeli-official-report-of-mossad-agents-posing-as-cia-spies-absolute-nonsense-1.407285

(18) http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/dubai/7309190/Dubai-Hamas-assassination-12-suspects-carried-British-passports.html

(19) http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/01/13/false_flag?page=0,0
 

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