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Was auch noch gesagt werden muss!

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Intellektuelle melden sich in Hintergrund zu Wort. Kommentare zur Grass-Debatte von Moshe Zuckermann, Noam Chomsky, Domenico Losurdo, Rolf Verleger, Ekkehart Krippendorff, Norman Paech, Adam Keller, Michel Warschawski, Tariq Ali, Yonatan Shapira, Yakov M. Rabkin, Moshé Machover, Brian Klug, Enzo Traverso, Gilbert Achcar und Jean Ziegler

Von REDAKTION, 6. April 2012 -


GrasdebatteAm Mittwoch, den 4. April, veröffentlichte Günter Grass sein Gedicht „Was gesagt werden muss“. Noch am gleichen Tag setzte ein medialer Amoklauf gegen den Literaturnobelpreisträger ein. Vergessen schien Grass' Regierungstreue, die noch vor über zehn Jahren in seiner Unterstützung der rot-grünen Koalition bei deren Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien gipfelte, vergessen seine Nähe zu dem großen Wegbereiter des Neoliberalismus, Gerhard Schröder. Grass, einst des Kanzlers Liebling, gehätschelt von der SPD und den etablierten Medien, hatte ein Tabu gebrochen.

Plötzlich waren sich fast alle – egal welcher politischer Couleur – einig: Grass hat mit dem Text nicht nur den Bogen überspannt, er hat vielmehr ein hasserfülltes, antisemitisches Pamphlet verfasst. Kritik an Israels Politik ist unerwünscht, und wer es wagt, vor der Kriegsgefahr durch Netanjahu und Barak zu warnen, sieht sich in Deutschland einem Frontalangriff ausgesetzt. Beate Klarsfeld, Präsidentschaftskandidatin der Partei Die Linke, verstieg sich sogar zu einem Vergleich Günter Grass’ mit Hitler. Sie zitierte aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen „das internationale Finanzjudentum“ gehalten hat und erklärte, wenn man den Ausdruck „das internationale Finanzjudentum“ durch „Israel“ ersetze, „dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (Anm.: gemeint ist Grass) die gleiche antisemitische Musik hören“. Dass mit diesem Trommelfeuer an den Haaren herbeigezogener NS-Vergleiche letztlich die Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft verhöhnt werden, ficht die moralisierenden Meinungsmacher aus Medien, Politik und Gesellschaft nicht an.

Hintergrund möchte diesem Unisono der Affirmation schwarz-gelber Außenpolitik und des „War on Terror“ die Stimmen ausgewiesener Ideologiekritiker entgegensetzen. „Was halten Sie von dem Grass-Gedicht und seiner Rezeption in Deutschland“, fragten wir namhafte Intellektuelle aus den Bereichen Wissenschaft, Politik, Literatur und Kunst. Die ersten Antworten sind eingegangen, weitere werden folgen.

MOSHE ZUCKERMANNMoshe Zuckermann

Eine gut orchestrierte Hysterie

Zum Wesen des Tabus gehört es, dass es ein Stillschweigen über etwas gebietet, was zwar gewusst oder geahnt, aber unausgesprochen bleiben muss. Das „Muss“ ist dabei einer gesellschaftlichen bzw. kulturellen Konvention geschuldet, einer Übereinkunft, der man anthropologisch oder soziologisch verschiedene Funktionen zuschreiben mag, die aber als historisch entstandene keine Absolutheit beanspruchen darf. Die Tabuübertretung ist, so besehen, der Ausbruch aus einer Konvention, der deshalb geahndet wird, weil die schiere Konvention für unantastbar erklärt worden ist. Das Problem mit dem Einhalten des Tabus beginnt indes dort, wo sich die Konvention als in partikularem Sinne interessengeleitet, mithin als im Wesen ideologisch erweist. Ein solcher Tabubruch wirkt sich als narzisstische Kränkung der Konventionsplatzhalter aus, eine aggressionsfördernde Kränkung, die sich ihrerseits dem Ärger über den – dem ideologischen Eigeninteresse der Platzhalter durch besagten Tabubruch –zugefügten Schaden verschwistert weiß.

Was hat Günter Grass gesagt, das die in Deutschland ausgebrochene Hysterie, wenn schon nicht zu begründen, so zumindest zu erklären vermöchte? Die Erwartungen können sogleich aufs Normalmaß des Diskutierbaren heruntergeschraubt werden: Nichts, was in Israel selbst nicht schon hundertfach gesagt und erörtert worden wäre. Nichts, was man im Hinblick auf Fakten bzw. aufs begründbar Mögliche lapidar infrage stellen könnte. Zwar hat man in Israel den „Erstschlag“ in der Öffentlichkeit nirgends als nuklearen diskutiert, daher auch die „Auslöschung des iranischen Volkes“ weder thematisiert noch im Blickfeld gehabt. Dass aber Szenarien möglich sind, bei denen der Einsatz von Nuklearwaffen mitgedacht werden muss, wird niemand in Abrede stellen wollen, der Mögliches nicht tabuisieren, sondern zum Ausgangspunkt von Verwirklichbarem nehmen möchte. Sollte nämlich Israels Existenz ernsthaft bedroht sein, wird man wohl zum extremsten aller Israel zur Verfügung stehenden Mittel greifen. Die Existenz Israels wird aber nicht durch die (potentielle) iranische Atombombe bedroht – es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der Mullah-Staat sie gegen Israel einsetzen würde, wenn er nicht das Risiko eingehen möchte, innerhalb weniger Tage selbst in Schutt und Asche gelegt zu werden –, sondern durch die nichtnukleare Dynamik des Krieges, der nach einem nichtatomaren Präventivschlag Israels gegen den Iran folgen dürfte. Darüber haben israelische Militär- und Geheimdienstleute in den letzten Wochen mehr als genug gesagt. Gewiss ist nichts, aber ein mehrwöchiger oder -monatiger Krieg, bei dem Israel den Iran verwüstet, zugleich aber auch israelische Städte einem täglichen Beschuss durch Langstreckenraketen (welche die irakischen Scud-Raketen von 1991 wie ein Kinderspiel erscheinen lassen würden) ausgesetzt sind, dürfte für Israel in vielerlei Hinsicht kaum verkraftbar sein. Eine solche Kriegsdynamik, welche in der Tat den Einsatz israelischer Nuklearwaffen zur Folge haben könnte, wäre nicht das Resultat der realen Bedrohung Israels durch die (vorerst noch nicht existierende) iranische Atombombe, sondern das Ergebnis des von Israel initiierten konventionellen Erstschlags.

Auch dass die Atommacht Israel den „ohnehin brüchigen Weltfrieden“ gefährdet, wie Grass behauptet, muss man nicht als das Resultat eines von Israel direkt und bewusst durchdachten Plans verstehen, sondern als Auswirkung einer Politik, die Israel in einem Kontext betreibt, der sich schon oft genug als bedrohlich für den Weltfrieden erwiesen hat. Dass Israel sich dabei (sehr früh schon) Nuklearwaffen zugelegt hat, kann zum einen als Abschreckungssystem gegen seine Existenzbedrohung begriffen werden – der zionistische Staat war nun einmal nicht willkommen in der Region, in der er gegründet wurde und sich erfolgreich etabliert hat –, zum anderen als gravierender Faktor in jenem Kontext, in welchem die Existenzbedrohung des Staates zum integralen Bestandteil seiner eigenen Politik, mithin seines ideologischen Selbstverständnisses heranwuchs. Denn Angelpunkt des gesamten Problems der Existenzbedrohung Israels ist nicht die von den in periodischen Gewaltausbrüchen verwendeten Waffen ausgehende Gefahr, sondern der Nahostkonflikt mit seinem Herzstück, dem historischen Territorialkonflikt von Israelis und Palästinensern. Wer nicht begreifen will, dass die Bedrohung Israels durch die Saddam Husseins und die Ahmadinedschads der Region in erster Linie durch den (noch) ungelösten Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern erst eigentlich möglich wird, muss sich vorhalten lassen, dass sein Gerede über die Existenzbedrohung Israels, gar über eine Israel drohende „zweite Shoah“ manipulativ-ideologischen Charakters ist. Aber genau darin übt sich die israelische Politik schon seit Jahrzehnten: Israel will den Frieden mit den Palästinensern nicht, denn dieser ist ohne Abzug aus den besetzten Gebieten nicht zu haben; es betreibt ganz gezielt und intensiv die Besiedlung palästinensischen Landes, unterjocht dabei die Bewohner und bedient sich perfidester Ideologisierung dieses Grundumstands, indem es seine eigene Nichtbereitschaft zum Frieden auf die von ihm unterdrückten und geschundenen Palästinenser projiziert. Von einer Symmetrie kann dabei nicht die Rede sein: Israel beherrscht ja das, was einzig zum Ausgangspunkt eines Friedensabkommens genommen werden kann; in Israels Hand ist es, ein solches Abkommen real voranzutreiben. Israel will dies aber nicht; den Staatsmann, der es (vielleicht) wollte, hat man mörderisch beseitigt. Die gegenwärtige Regierung Israels übt sich im Lippenbekenntnis zur Zwei-Staaten-Lösung, welche sie aber selbst systematisch unterminiert. Die Rhetorik des „großmäuligen“ Ahmadinedschad kommt einem Netanjahu in diesem Zusammenhang zupass: genau diese kann er gebrauchen, um durch das Hochspielen der Existenzbedrohung Israels mittels einer (nicht existierenden) iranischen Atombombe vom eigentlichen, primär durch Israel perpetuierten Kernproblem gewieft abzulenken. Vor AIPAC kann er entsprechend als Verhinderer einer „zweiten Shoah“ auftreten (und hoch bejubelt werden), aber gerade darin ist das von diesem Premier repräsentierte Israel objektiv eine Bedrohung für den Weltfrieden.

Das alles ist wohlbekannt, und wenn auch nicht allseits akzeptiert, so doch keine markerschütternde Neuigkeit im Diskurs. Was also hat „die Deutschen“ bzw. die hegemoniale Sphäre der deutschen Öffentlichkeit an Grassens Gedicht so aufgewühlt? Die Antwort darauf liegt nicht im Inhalt des Poems (auch nicht in der Tatsache, dass Grass sich dieses Genre zum Medium seiner Aussage gewählt hat), sondern schier in der Tatsache, dass er einen Tabubruch begangen hat, namentlich ausgesprochen hat, was nach vorherrschender „deutscher“ Norm unausgesprochen bleiben muss. Grass kann sich dabei noch so sehr auf eine von Goethe über Heine bis Brecht laufende Tradition des politischen Gedichts berufen – die hilft ihm nichts: Schon Heine wusste, dass er von seinem Exilland Frankreich nicht nach Deutschland zurückkehren sollte, weil er „Erschießliches“ geschrieben hatte. Das Erschießliche in Deutschland hat sich freilich seit Heines Zeiten gewandelt – und wohl auch die Exekutionskommandos: Eine Konstellation aus enthusiasmierten Israelsolidarisierern „antideutscher“ (letztlich neokonservativer) Provenienz, einer stets abrufbereiten „jüdischen Intelligenz“ (professoraler, publizistischer und offiziell-institutioneller Couleur), einer unter dem geschichtlich konnotierten Tabu keuchenden politischen Klasse, einer in diesem Punkt in der Tat „gleichgeschalteten“ deutschen Medienwelt und einer aktivistisch-durchideologisierten israelischen Botschaft bildet stets eine durch den Eklat gestählte Front, sobald ein Ausscherender etwas, und sei‘s noch so kümmerlich, an ihrer Selbstgewissheit kratzt. Sigmar Gabriel durfte keine 48 Stunden, nachdem er ein israelisches Apartheid-Regime in Hebron gewahrte, wieder kräftig zurückrudern. Dieter Graumann (und die israelische Botschaft) mochte nicht, was er da aus der SPD-Spitze vernahm. Das genügte. Die israelische Botschaft selbst kennt keine Beschränkungen: Es gehöre zur europäischen Tradition, Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmordes anzuklagen. Grass’ Gedicht also vergleichbar mit infam-horrenden, mörderische Gewalt erzeugenden Praktiken im Verlauf der jahrhundertealten jüdischen Leidensgeschichte. Es ist schon bemerkenswert, wie gerade in jüdischem (vor allem jüdisch-israelischem) Munde die historische Leiderfahrung der Juden banalisiert wird und zum Mittel niedrigster Polemik verkommt. Aber was will man schon von Israels – einer Avigdor Lieberman unterstellten – Botschaft, wenn sich „sein“ Ministerpräsident nicht entblödet, Israels Lage im Jahre 2012 mit der von Juden in Auschwitz zu vergleichen bzw. die Unterlassung des US-amerikanischen Militärangriffs auf Iran der Nichtbeschießung des Vernichtungslagers während der Shoah gleichzustellen?

Nun kann man einwenden: quod licet Iovi non licet bovi. Das stimmt aber nur, wenn man das „non licet“ nicht nur den Ochsen, die einem ideologisch nicht genehm sind, auferlegt, sondern auch jenen Ochsen, die sich anmaßen, einmal selbst Jupiter sein zu wollen. Jene in Deutschland, die sich mit einem Israel solidarisieren, das dabei ist, sich selbst zugrunde zu richten, sind nicht befreit von der Last, objektiv zu befördern, wogegen sie sich vorgeblich in ihrer Solidarität richten. Dass sie sich von ihren pro-israelischen Befindlichkeiten aus geschichtlichen Gründen nicht loslösen können, sei ihnen nachgesehen – das neuralgische Verhältnis von „Juden und Deutschen“ nach dem Holocaust wird sich nicht so schnell „kurieren“ lassen (vor allem aber sollte man sich vom Gedanken, etwas „wiedergutmachen“ zu sollen, tunlichst verabschieden). Eine ganz andere Sache ist es aber, sich die Befindlichkeit durch den Antisemitismus-Vorwurf zurecht zu ideologisieren. Man verrät stets die historischen Opfer des Antisemitismus (besonders die des deutschen eliminatorischen), wenn man diesen Begriff allzu unbeschwert in den Mund nimmt, um sich in seinem eigenen identitären Defizit besser zu positionieren. Günter Grass ist kein Antisemit (auch nicht „objektiv“ oder „sekundär“, wie es im armseligen deutschen akademischen Diskurs in den letzten Jahren zu diesem Begriff heißt). Man mag vieles an Grass aussetzen, nicht zuletzt auch eine Selbstgefälligkeit, die nicht davor zurückschreckt, von „letzter Tinte” zu reden. Aber ein Antisemit ist er nicht – es sei denn in den Augen der Broders, Graumanns, Giordanos und Wolffsohns, denen das Wohl Israels so am Herzen liegt, dass sie Israel – aus angemessener Entfernung! – emphatisch „in Schutz“ nehmen, um sich für sein Wohl umso effektiver blind machen zu können. Wer nicht zwischen Antisemitismus und berechtigter Israelkritik zu unterscheiden vermag, sollte zumindest bescheidener auftreten, wenn er selbstgewisse Verdikte ausspricht: das Jahrzehnte alte Okkupationsregime Israels (und andere Erscheinungen im israelischen Alltag, die hier unerörtert bleiben mögen) straft die schablonenhafte Larmoyanz dieser „Israel-Solidarität“ Lügen. Die in Deutschland lebende „jüdische Intelligenz“ ist die letzte, die den Anspruch erheben könnte, sich um Israel realiter Sorgen zu machen: zu sehr reagiert sie komplementär zum befindlichkeitsschwangeren Diskurs der nichtjüdischen „Deutschen“. Grass seine jugendliche SS-Vergangenheit anzulasten, ist eine Sache; eine ganz andere, ihn zum Antisemiten zu machen, um ein menschenrechtsverletzendes Israel zu verteidigen.

Günter Grass beklagt die Belieferung Israels mit einem „weiteren U-Boot“ durch Deutschland. Er erinnert sich vielleicht nicht, dass das U-Boot-Abkommen mit Israel ein Erbteil der Schadensabwicklung im 1991er-Golfkrieg ist, als „wiedergutgemacht“ werden sollte, dass „Deutsche“ Saddam Husseins Waffenindustrie mit „Gas“ beliefert hatten. Er spricht davon, dass „wir – als Deutsche belastet genug – Zulieferer eines Verbrechens werden könnten“. Schon damals durfte man sich wundern: Zu beklagen galt es doch nicht, dass „Deutsche“ Saddam Husseins Waffenarsenale belieferten, sondern die globale Waffenindustrie (an der Israel übrigens selbst massiv beteiligt ist), die im kapitalistischen System auch vor dieser Form der Profitmache keinen Halt macht. Im Jahre 1991 konnte man sich fragen, wie der Tauschwert an in der Shoah vernichtetem jüdischen Leben für ein U-Boot verrechnet wird. Zwanzig Jahre später mag sich die Frage (wie freilich damals schon) anders stellen. Die deutsche Befindlichkeit hat sich seither nicht verändert, dafür die objektive Konstellation ihrer Manifestationen. Um dies zu ergründen, bedarf es allerdings einer Kapitalismuskritik, für die eine gestandene SPD-Gesinnung wohl kaum reicht.

Prof. Moshe Zuckermann lehrt Geschichte und Philosophie an der Universität Tel Aviv. Von 2000 bis 2005 leitete er dort das Institut für Deutsche Geschichte. Seine jüngsten Buchveröffentlichungen sind: Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus, Bonn 2009; „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument, Wien 2010.

Noam Chomsky

NOAM CHOMSKY

Das Hauptargument ist richtig. Vielleicht ist es für Deutschland neu, aber andernorts ist es geläufig. Sogar der ehemalige Leiter der STRATCOM – des strategischen US-Kommandos, das für Atomwaffen zuständig ist – warnte vor Jahren schon, dass Israels Nuklearwaffen „äußerst gefährlich“ seien.

Ich habe über das hinaus, was ich in dieser Sache bereits häufig geschrieben habe, nichts hinzuzufügen, und ich bezweifele, dass es in diesem besonderen deutschen Zusammenhang nützlich sein könnte.

Noam Chomsky ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology, er gilt als der bedeutendste amerikanische Linguist der Gegenwart. Seit den 60er-Jahren ist Chomsky darüber hinaus einer der prominentesten politischen Aktivisten seines Landes.


DOMENICO LOSURDODomenico Losurdo

Vor einiger Zeit wurde sogar Obama von den extremistischsten Zionisten als „Antisemit“ abgestempelt, weil er leise Vorbehalte über die ständig neuen Siedlungen Israels auf palästinensischem Gebiet geäußert hatte. Diese Anschuldigung musste natürlich auch Günter Grass treffen: der ideologische Terrorismus muss jede kritische Stimme hinsichtlich des Expansionismus Israels und seiner Kriegspolitik zum Schweigen bringen. Um diese Kriegspolitik zu legitimieren, müssen deren Zielscheiben dämonisiert werden: der iranische Präsident Ahmadinedschad wird als derjenige angeprangert, der den jüdischen Holocaust wiederholen möchte. In Wahrheit hat er sich darauf beschränkt, darauf hinzuweisen, dass das Israel der antipalästinensischen Apartheid schließlich wie das Südafrika der anti-schwarzen Apartheid enden werde. Tatsächlich ist die Apartheid in Südafrika hinweggefegt worden, ohne dass es zu einem Genozid der Weißen gekommen wäre. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Vorkämpfer der Abschaffung der schwarzen Sklaverei in den USA und in den europäischen Kolonien als „Weißenfresser und Mörder“ abgestempelt; ähnlich werden heute diejenigen behandelt, die es wagen, die Kolonialpolitik, die Apartheid- und Kriegspolitik zu kritisieren , die das heutige Israel kennzeichnen.

Domenico Losurdo ist ein italienischer Publizist und Professor für Philosophie an der Universität Urbino. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, die international große Beachtung fanden, darunter die aufsehenerregende Biografie Nietzsche, der aristokratische Rebell (2009), Kampf um die Geschichte (2007), Demokratie oder Bonapartismus (2008), Freiheit als Privileg – Eine Gegengeschichte des Liberalismus (2010).

Rolf VerlegerROLF VERLEGER

Die meisten der veröffentlichen Stellungnahmen auf Günter Grass kritisieren ihn heftig. Bei den jüdischen Stimmen, die das tun, frage ich mich allerdings: Soll das ein jüdischer Standpunkt sein?

„Was dir verhasst ist, tu deinem Nächsten nicht an! Das ist die ganze Torah, der Rest ist Erläuterung“, lehrte Hillel (ca. 30 v. bis 9 n. Chr.), Begründer des einflussreichsten jüdischen Lehrhauses. Wenden wir dies an: Irans Präsident Ahmadinedschad fordert, das zionistische Regime Israel solle von der Landkarte verschwinden. Das ist nicht freundlich. Aber Israel fordert schon seit langem einen „Regimewechsel“ im Iran. Tut es damit dem Iran nicht genau das an, was ihm selbst verhasst ist? Ebenso: Iran möchte vielleicht die Atombombe. Aber Israel hat sie längst schon selbst. Mit welchem Recht kann es sie dem Iran verbieten?

Sowohl die USA als auch Israel vertreten hier kurzsichtig ihre Interessen, und die EU spielt leider mit. Die USA wollen im ölreichen Nahen Osten nur wohlgesinnte Regimes – und sie möchten den Fehler wettmachen, dass sie mit ihrem Irak-Krieg dem Iran mehr Einfluss verschafften. Aber was ist am Iran schlechter als an Pakistan oder Saudi-Arabien? Hat der Iran kein Recht auf ökonomische und politische Entfaltung? Ahmadinedschads Rechtfertigung für seine verbalen Ausfälle ist die schwärende Wunde des Unrechts Israels: 1948 Vertreibung der Palästinenser, ihre Enteignung und gewaltsame Verhinderung ihrer Rückkehr, heute ihre Diskriminierung in Israel, ihre Rechtlosigkeit in der Westbank, ihre Einkesselung in Gaza. Israel möchte von diesem Unrecht nicht reden und setzt sich stattdessen als Opfer einer hypothetischen künftigen iranischen Atombombe in Szene. Ist dieser Themenwechsel nicht sehr willkommen?

"Du sollst nicht morden", wurde uns geboten. Denn Gewalt ist niemals eine Lösung. Wenn man den israelischen Rechtsnationalisten und Grass' Kritikern zuhört, könnte man meinen, die Bösen seien immer die anderen. Ist es aber nicht vielmehr unsere Aufgabe, unseren eigenen Anteil zu erkennen und zu ändern?

Prof. Dr. Rolf Verleger ist Autor des Buches „Israels Irrweg. Eine jüdische Sicht“ (2010) und Mitglied der Jüdischen Stimme für gerechten Frieden in Nahost.


EKKEHART KRIPPENDORFFEkkehart Krippendorf


Was gesagt werden muss, war bereits gesagt worden

Lassen wir es dahingestellt sein, warum Günter Grass die wenige Tage zuvor im Freitag und danach in der Süddeutschen Zeitung veröffentlichte ebenso unzweideutige wie analytisch differenzierte „Erklärung aus der Friedensbewegung und Friedensforschung“ zum Irankonflikt nicht mit unterzeichnet hat: Seine Stimme hätte ihr mehr Gewicht und Resonanz gegeben und ihn davor bewahrt, jetzt Erläuterungen und Interpretationen nachschieben zu müssen. Aber so funktioniert nun einmal die Medienöffentlichkeit. Die Stimmen von fünfzig ausgewiesenen und seit Jahrzehnten friedenspolitisch engagierten kenntnisreichen Intellektuellen zur dramatisch aktuellen und furchterregenden Zuspitzung der atomaren Kriegsgefahr im Mittleren Osten können nur durch eine selbstbezahlte Anzeige im Kleindruck-Fornat verzweifelt-vergeblich versuchen, sich für ihren Tabubruch Gehör zu verschaffen, während eine eher grobgestrickte, wenn auch im Wesentlichen richtige und wichtige Meinungsäußerung von Günter Grass die Meinungswellen mit gespielter Empörung selbstgerechter Kritik der Kritik hochschlagen lässt.

Worin besteht der anscheinende Tabubruch, den Grass mit seiner offensiven Thematisierung der israelischen Atomwaffen begangen hat? Er hätte, wie es die zitierte Erklärung der Friedensforscher konstruktiv tut, die Bundesregierung darauf drängen sollen, „die von der UNO beschlossene Konferenz für eine massenvernichtungswaffenfreie Zone im Mittleren und Nahen Osten, die 2012 beginnen soll und die bisher in der Öffentlichkeit ignoriert wird, aktiv voranzutreiben. Was hat Günter Grass gesagt, das so „alterstöricht“ (Charlotte Knobloch), „unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen“ (Dieter Graumann) ist, ur-antisemitisch wie die mittelalterliche Behauptung vom Ritualmord, und der jüdische Staat wolle „das iranische Volk auslöschen“ (der israelische Gesandte in Berlin, Emmanuel Nahshon)? Grass hat nicht viel mehr gesagt, als was die Friedensforschung in den dunklen Jahren des Kalten Krieges nicht müde wurde der Öffentlichkeit einzuschärfen, dass ein atomarer „Schlagabtausch“ (ob Erstschlag oder nicht) zu einer Totalvernichtung von Städten, Landschaften und Staaten führen könne und sehr wahrscheinlich auch werde: Trotzdem werde, so der zynische Theoretiker und Praktiker der Diplomatie des Kalten Krieges, Henry Kissinger, wenigstens ein kleiner Teil der Zivilisation einen atomaren Krieg überleben.

Die heutigen atomaren Sprengköpfe, über die nicht nur die anerkannten Nuklearmächte verfügen, sondern sehr wahrscheinlich auch der Staat Israel, haben eine vielfache Zerstörungskraft der Hiroshima-Bombe. Niemand weiß, mit welchen Waffen das israelische Militär den offen angekündigten Präventivschlag gegen die iranischen atomaren Anlagen führen will. Alles spricht dafür, dass es sich um atomare Waffen handeln würde. Die israelischen Techniker können sehr wahrscheinlich auch nicht mit Sicherheit die “Kollateral-Vernichtungsschäden“ ihrer Waffen berechnen – einschließlich dessen, was an Strahlungspotential zerstörter Nuklearanlagen freigesetzt würde (Fukushima wäre dazu ein kleines Vorspiel) – weshalb einige führende israelische Militärs und hochrangige Geheimdienstleute einen Präventivangriff, abgesehen von den unvorhersehbaren überregionalen politischen Konsequenzen, für eine Katastrophe halten und dringend davon abraten. Günter Grass hat darum völlig recht mit seiner dramatischen Warnung vor der Möglichkeit, dass ein solcher Angriff „das iranische Volk auslöschen könnte“ – nicht als strategisches Ziel israelischer Politik, wie bösartige oder lesensunfähige Kritiker ihm unterstellen, sondern als dessen mögliche Konsequenz für die Bevölkerung großer Landesteile.

Man muss mit dem pathologischen Potential der politischen Protagonisten – sei es die iranische, sei es die israelische Seite – rechnen, wofür die Geschichte genügend Beispiele bietet. Insbesondere gilt die historische Regel, dass es so gut wie keinen Angriffskrieg gibt, der sich so entwickelt und abgespielt hat, wie das jeweilige staatliche und militärische Führungspersonal ihn berechnet hatte: Es kam immer anders und schlimmer. Dazu können wir in die Geschichte zurückgehen – zum Beispiel zu den Kriegen des derzeit zu Unrecht gefeierten Friedich II., dem sogenannten Großen – oder uns in der Gegenwart umschauen: Vietnam, Somalia, Afghanistan, Irak, lauter militärische Fehlberechnungen.

Hinzu kommt aber noch eine Dimension jenes Konfliktpotentials, das Grass nur sehr vorsichtig andeutet und eigentlich hätte aussprechen müssen. Seit Jahren gehört es zur außenpolitischen Rhetorik von Bundesregierung und Parlament wenn von Israel die Rede ist, diesen Staat als ‚Teil der deutschen Staatsräson’ zu bezeichnen. Was diese altmodische außenpolitische Vokabel aus dem 16. und 17. Jahrhundert heute konkret und für die Bundesrepublik bedeutet, wird nie ausbuchstabiert. Wenn sie aber etwas bedeuten soll, dann wohl dieses, dass die deutsche Politik sich mitverantwortlich fühlt für die staatliche Existenz Israels. Dafür gibt es genügend gute und legitime Gründe historischer und moralischer Natur. Nur darf das für die Staatsräson keine Einbahnstraße sein: Als „Schutzmacht“ übernimmt der bundesrepublikanische Staat eine gewisse Teilverantwortung für die Politik ihres Schützlings. Dazu gehört aber dann auch zwingend eine (wie auch immer zu bemessende) Mitsprache bei der Art und Weise wie der beschützte Staat seine Sicherheit gestaltet. Wenn die „Schutzmacht“ die praktische und taktische Politik ihres Schützlings stillschweigend oder explizit nicht zuletzt materiell unterstützt – und hier wäre pars pro toto aktuell das von Grass zitierte deutsche U-Boot zu nennen – dann wird sie auch mitverantwortlich für diese Politik, also im gegebenen Fall für einen israelischen Angriff auf die Atomanlagen des Iran. Die Bundesrepublik Deutschland würde damit zur Kriegspartei. Und da wissen wir nicht, ob es nur „Maulheldentum“ des iranischen Präsidenten oder ernst gemeint ist, wenn dieser androht, die Verteidigung seiner iranischen „Staatsräson“ auch auf die Bündnispartner Israels auszudehnen. Dann kann Deutschland Ziel iranischer atomarer Vergeltung werden (in einem solchen Extremszenario der machtpolitischen Pathologien wird auf einmal alles möglich) und wir als Europäer oder Deutsche „sind als Überlebende allenfalls Fußnoten.“ Da wir von partiell Verrückten regiert werden, von denen es in Israel genauso viele gibt wie in Iran (nur dass sie in Israel – noch – nicht staatliche Positionen innehaben), sind solche alptraumhaften Spekulationen nicht von der Hand zu weisen. Das muss gesagt werden.

Und es wird auch gesagt werden müssen – und die selbsternannten Sprecher israelischer Politik in Deutschland, die sich mit ihrer blinden Reaktion auf Grass’ Mahnruf wieder einmal unrühmlich hervorgetan haben, haben offensichtlich nicht den Mut diese Wahrheit auszusprechen: Dass nämlich der Schlüssel zur Entschärfung der explosiven Lage im Mittleren Osten in konkreten Schritten zur mühsamen Lösung der Palästina-Problematik liegt, an der die gegenwärtige Regierung kein ernsthaftes Interesse hat, indem sie mit ihrer systematischen Siedler- und Vertreibungspolitik jeden Tag neue Barrieren gegen das Volk errichtet, mit dem sie angeblich in Frieden leben will. Müsste es nicht den bedingungs- und kritiklosen Verteidigern israelischer Staatsräson zu denken geben, dass Israel inzwischen der einzige Staat in der Region ist, der die demokratisch-revolutionäre Entmachtung der arabischen Diktaturen nicht begrüßte? Daniel Barenboim, einer der leidenschaftlich engagiertesten Aktivisten einer israelisch-palästinensischen und, darüber hinaus, -arabischen Versöhnung bemerkte einmal mit bitterem Realismus: Der israelischen Politik sei es gelungen, das weit verbreitete Vorurteil zu widerlegen, dass Juden mit besonderer Intelligenz begabt seien.

Prof. Ekkehart Krippendorff ist Politikwissenschaftler, er lehrte an verschiedenen Universitäten.  Zuletzt und bis zu seiner Emeritierung war Krippendorff Professor für Politikwissenschaft und Politik Nordamerikas am John F. Kennedy-Institut der Freien Universität Berlin. Krippendorff gilt als einer der Pioniere der Friedensforschung.

Norman PaechNORMAN PAECH

Danke Günter Grass!

Endlich gibt es eine Stimme, die das zur Provokation und zum Skandal erheben kann, was seit Jahren bekannt ist aber weitgehend verschwiegen wird. Ich meine nicht nur das Schweigen der Medien, in  denen der Tatbestand zwar mitunter erwähnt, aber letztlich akzeptiert wurde. Es geht um die Politik, die allein die Gefährdung des „brüchigen Weltfriedens“ (G. Grass) abwenden könnte. Sie unternimmt dagegen nichts, sie treibt die Gefahr sogar voran mit der Lieferung von U-Booten, deren „Spezialität darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe dorthin lenken zu können, wo die Existenz einer einzigen Atombombe unbewiesen ist“ (G. Grass).    

Das ist unmissverständlich und klar, emphatisch in der Form eines Gedichtes, das sich zwar nicht reimt, aber den Aufschrei eines Schriftstellers, der sein langes Schweigen gegen die Heuchelei zunehmend als Lüge nicht mehr ertragen kann, umso glaubhafter macht. Eine Atommacht, die fast täglich Kriegsdrohungen gegen einen Nachbarstaat ausstößt, sodass nicht mehr darüber diskutiert wird, ob, sondern nur noch darüber, wann der Angriff erfolgt, ist eine Gefahr für den Weltfrieden. Auch die Leugnung des Holocaust, die Zweifel an der Beteuerung, Atomkraft nur für zivile Zwecke einsetzen zu wollen, und die Angst vor einer feindlich gesinnten Regierung geben keine Rechtfertigung für die Drohung mit einem Angriff. Denn Teheran hat nie mit einem Krieg gegen Israel gedroht. Wer aber in dieser Situation noch Trägersysteme für den Abschuss der Atomsprengköpfe liefert, kann seine  „Mitschuld durch keine der üblichen Ausreden tilgen“, wenn es zu ihrem Einsatz kommt. Was ist empörender, der Tatbestand oder seine klare Benennung, die Warnung?

Für die Meute des  Feuilletons und die aufgebrachten Chargen der Politik ist es die Warnung des Autors und nicht die Kriegsdrohung des Staates. Wäre es nicht Israel, wäre alle Welt alarmiert. Sie greifen zum Schraubenzieher (G. Schirrmacher, FAZ), um Gedicht und Autor soweit auseinanderzunehmen und zu zerlegen, bis die Botschaft verschwimmt und nur noch ein „Machwerk des Ressentiments, literarisch ohne Wert“ und ein „alter egozentrischer und pathetischer Mann“ übrig bleiben. Getroffene Hunde bellen. Die ganzen Kübel von Unflat, Dreck, Hass und Ressentiments, die dieses Heer „mietbarer Zwerge“ (B. Brecht) über Günter Grass ausschüttet, lassen bei mir nur eine Reihe unangenehmer Eindrücke zurück: Neid über die Resonanz, die dieser Autor wieder einmal mobilisieren konnte. Hass gegenüber einem Autor, den man noch nie leiden konnte, literarisch wie politisch. Ablenkung von einem Tatbestand, weil man gegen ihn kaum argumentieren kann. Empörung über den Angriff auf ein Tabu, das man immer umschlichen und vermieden hat. Und hoffentlich auch Betroffenheit über das eigene lange Schweigen, dessen Berechtigung jetzt so eindeutig widerlegt worden ist.

Günter Grass ist seinem Protest gegen Atomwaffen, den er 1983 vor Mutlangen öffentlich gemacht hat, treu geblieben und hat ihn mit diesem Gedicht noch einmal verstärkt. Spät aber hoffentlich nicht zu spät – und dafür müssen wir ihm danken.  

Prof. Norman Paech war bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 Hochschullehrer für Öffentliches Recht an der Hochschule für Wirtschaft und Politik Hamburg. Er ist Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von Attac und als Politiker in der Partei Die Linke aktiv.

Adam Keller - Gush ShalomADAM KELLER


Günter Grass kann seiner Wahrheit nicht ausweichen, auch wenn sie Kontroversen auslöst. Das Traurige daran ist, dass das Aufzeigen der gefährlichen und selbstmörderischen Seiten israelischer Regierungspolitik – wie wir es ebenfalls sehen – etwas berührt, „was nicht gesagt werden kann“.


Adam Keller ist Sprecher der israelischen Friedensinitiative Gush Shalom




Michel WarschawskiMICHEL WARSCHAWSKI

„Es ist reiner Antisemitismus, zumeist zum Pessach-Fest wirft der klassische europäische Geist den Juden Ritualmorde vor“, reagierte der israelische Gesandte in Berlin auf das jüngste Gedicht von Günter Grass. Man kann leicht erraten, dass das Wissen des Botschaftssprechers über mittelalterliche jüdische Geschichte nicht besser ist als seine Kenntnis über Günter Grass' großartiges Werk. Ein Liliputaner hat einen Riesen angegriffen und man fordert die Rückgabe des Nobelpreises vom Autor der Blechtrommel und des Butt! Wie pathetisch …

Wenn man den Inhalt nicht angreifen kann, wird derjenige persönlich – ad hominem – angegangen: Grass’ Nazi-Vergangenheit als Teenager und seine gegenwärtige Stellung als Deutscher. Ein Deutscher ist seinem Wesen nach ein Antisemit, ausgenommen er beteuert seine bedingungslose Unterstützung des Staates Israel und dessen Regierung. In seinem letzten Text hat Günter Grass beschlossen, diese unakzeptable Erpressung zu ignorieren und die Gefahr, die von einem eventuellen israelischen Angriff auf den Iran ausgeht, anzuprangern. Damit gehört er auf die Schwarze Liste.

Für ehrbare Menschen macht die mutige Stellungnahme von Günter Grass ihn zu einem Anwärter für einen zweiten Nobelpreis – den Friedensnobelpreis.

Michel Warschawski ist ein israelischer Friedensaktivist und Publizist. Er war viele Jahre lang Vorsitzender der israelisch-palästinensischen Organisation Alternative Information Centre.

TARIQ ALITariq Ali

Günter Grass hatte bereits die Antwort auf sein Gedicht in der Süddeutschen Zeitung vorausgesehen. Es gibt keinen Grund überrascht zu sein, aber es gibt allen Grund angewidert zu sein. Innerhalb Deutschlands scheinen sowohl die Elite als auch eine Schicht der Bevölkerung in ihren Worten und Taten die infamen Thesen Goldhagens akzeptiert zu haben, nach denen alle Deutschen für die Verbrechen des Dritten Reiches schuldig waren. Dieses Denken basiert auf dem zionistischen und zionophilen Argument, die Verbrechen gegen die europäischen Juden seien einzigartig in den Annalen der Geschichte. Das war richtig, soweit es die Methode der Vernichtung betrifft, aber nicht in anderer Hinsicht. Die Belgier massakrierten weit mehr Kongolesen, dem Historiker Adam Hochschild zufolge über zehn Millionen. Die Ermordung der Armenier während des Ersten Weltkrieges war systematisch, und wir könnten fortfahren und die nukleare Bombardierung Hiroshimas und Nagasakis erörtern, aber ein Massaker oder einen Genozid mit einem anderen zu vergleichen, ist ein aussichtsloses Unterfangen. Raul Hilberg, der maßgebliche Historiker des jüdischen Holocaust, war erzürnt über die Instrumentalisierung, die diese Verbrechen heutzutage erfahren.

Einige Mitglieder der extrem-rechten Staatsmacht, die Israel heute regiert, und im Besonderen Avigdor Lieberman, haben die ursprünglich faschistische Sprache gegen die palästinensischen Araber verwendet. Ist es uns nicht erlaubt, darauf hinzuweisen? Dass die israelische Regierung die Bush-Administration drängte, Krieg gegen den Irak zu führen, ist kaum ein Geheimnis, genauso wenig wie die Aussage des israelischen Botschafters in den USA am Tag nach dem Fall Bagdads: „ Hört nicht auf. Zieht weiter nach Damaskus und Teheran.“ Ist es uns nicht erlaubt, ihn dafür zurechtzuweisen? Das „targeting and killing“ junger Palästinenser in Gaza und andernorts ist schön, nicht wahr?

Günter Grass war sehr gnädig in seiner Kritik. Er konzentrierte sich auf Israels Kriegstreiberei in Bezug auf den Iran. Er hätte noch viel mehr sagen können. Die Tatsache, dass es politischen Muts bedarf, in Deutschland oder Frankreich wenigstens das zu sagen, ist eine schmerzliche Widerspiegelung der politischen Kultur dieser beider Länder. Die Angriffe auf Grass bezüglich seiner Betätigung zu Kriegszeiten sind unter aller Kritik. Die Israelis waren froh, als der ehemalige italienische Außenminister Gianfranco Fini, dessen Partei in direkter Linie auf Mussolini zurückgeht, nach Israel kam und die Absperrmauer lobte. Ihm wurde die Vergangenheit seiner Partei vergeben. Die Vergangenheit ist nur von Bedeutung, wenn eine Person Israel kritisiert. Frühere Nazis in diversen Positionen des Nachkriegsdeutschland, die die Reparationen durchsetzten und Israel unterstützten, wurden ebenfalls niemals kritisiert.  

Deutsche Bürger sollten das Folgende bedenken: Es waren nicht die Palästinenser, die verantwortlich für die Ermordung von Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs waren. Doch sie, die Palästinenser, sind die indirekten Opfer des Genozids an den Juden geworden. Jene, denen Böses getan wurde, tun im Gegenzug Böses gegen andere. Warum also keine Sympathie für die Palästinenser?

Tariq Ali ist ein britischer Schriftsteller, Filmemacher und Historiker. 1966 wurde er Mitglied der Bertrand-Russell-Friedensstiftung, für die er in Kriegsgebiete und Krisenregionen reiste. 2009 war er Unterstützer des Russell-Tribunals zu Palästina.

YONATAN SHAPIRA YONATAN SHAPIRA

Als israelischer Aktivist und ehemaliger Hauptmann und Pilot der israelischen Luftwaffe (ein
Teil der „moralischsten Armee der Welt“) denke ich, die Hysterie sollte sich gegen die anhaltende Politik der Apartheid, des Mordens und der ethnischen Säuberungen durch die israelische Regierung und nicht gegen Grass’ Gedicht richten.

Persönlich, als israelischer Staatsbürger, bin ich über jene Atombomben mehr besorgt, die Israel bereits hat (laut ausländischen Quellen und den Enthüllungen des Nukleartechnikers Mordechai Vanunu*), als über jene Atombomben, die der Iran nicht hat.

Die Menschen in der Welt und insbesondere in Deutschland sollten sich fragen, warum die deutsche Regierung praktisch mit den Verbrechen der Besatzung  kollaboriert und die aggressive Politik meiner Regierung unterstützt.

Wann wird Deutschland aufwachen und verstehen, dass es diesmal bedeutet, „auf der Seite der Juden zu stehen“, jene zu unterstützen, die gegen Israels Regierung kämpfen.

Der ehemalige Black-Hawk-Flieger Yonatan Shapira ist Mitbegründer der israelisch-palästinensischen Organisation „Combatants for Peace“. Er war Initiator des offenen „Briefes der 27 Bomberpiloten“, die 2003 den militärischen Einsatz über den besetzten Palästinensergebieten verweigerten. Heute ist er in der Gruppe „Boycott!“ organisiert, die in Israel den Aufruf  für „Boycott Divestment and Sanctions“ verbreitet.

* Mordechai Vanunu ist ein israelischer Nukleartechniker, der 1986 die Existenz des bis dahin geheim gehaltenen israelischen Nuklearforschungsprogramms und damit die atomare Bewaffnung des Landes aufdeckte. Vanunu wurde daraufhin vom Mossad aus Rom entführt und in Israel zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. (Anm. Redaktion)

YAKOV M. RABKINYAKOV M. RABKIN

Danke, Herr Grass!

Leo Tolstoi hat einmal gesagt, je näher man an der Wahrheit ist, desto mehr toleriert man die Fehler anderer.  Nach diesem Kriterium gibt der Staat Israel mit dem Einreiseverbot für Günter Grass zu, ziemlich weit von der Wahrheit entfernt zu sein. Der  84-jährige Nobelpreisträger hat in der Tat eine empfindliche Stelle der zionistischen Psyche berührt.

Man sollte nicht verkennen, dass das Einreiseverbot gegen ihn für etwas verkündet wurde, was auch die Meinung durchschnittlicher Israelis ist. Viele von ihnen erwarten von Deutschland, wie vom Rest der westlichen Demokratien, dass Israel – ein bewaffnetes Bollwerk westlicher Dominanz im Mittleren Osten – in Richtung Kompromiss und Integration innerhalb der Region gedrängt wird. Deutschland könnte in diesem Prozess eine bedeutende Rolle spielen. Aber es ist durch seinen eigenen historischen Blick behindert. Folglich hat Bundeskanzlerin Merkel angeführt, dass Deutschland und Israel immer in einer speziellen Weise durch die Erinnerung an den Holocaust verbunden seien und bleiben würden. „Die Shoah erfüllt uns Deutsche mit Scham.“

Die Kanzlerin und viele Deutsche meinen es gut, aber sie verwechseln Juden, die im Holocaust aufgrund ihrer Ethnizität gelitten haben, mit dem Staat Israel, der als Ethnokratie für Juden erdacht wurde. Israels beherrschende Ideologie basiert auf der Unmöglichkeit eines Juden, in irgendeinem Land mit Ausnahme Israels voll anerkannt zu werden. Es ist ganz klar, dass viele Juden diese Überzeugung nicht teilen. Deshalb würden die meisten Juden – einschließlich über einer Million israelischer Bürger –, wenn die Chance gegeben wäre, eine friedliche pluralistische Demokratie dem ständig bedrohten Israel vorziehen. Zum Beispiel wanderten Hunderttausende Juden aus den Ex-Sowjetgebieten im späten 20. Jahrhundert lieber nach Deutschland oder in andere westliche Länder aus.

Israels Verhalten ist eine Verhöhnung der Lektionen, die die meisten Deutschen – darunter viele prominente Juden – aus der Geschichte des Nationalsozialismus gelernt haben, und zwar die Notwendigkeit, eine pluralistische Demokratie, die auf Gleichheit basiert, zu errichten. Die Art des Zionismus, die in Israel gesiegt hat, ist nicht die einbeziehende und spirituelle Lesart, die Martin Buber und Albert Einstein am Herzen lag, sondern die ausschließende und rachsüchtige eines Vladimir Jabotinsky und David Ben-Gurion, eines Zionismus, den diese herausragenden deutsch-jüdischen Intellektuellen verabscheuten und anprangerten.

Deutschlands fortgesetzter Kniefall vor dem Staat Israel basiert auf der irrigen Annahme, Israel repräsentiere die Juden in aller Welt und stelle ihre natürliche Heimat dar. Anstatt Israel als kollektives Opfer des Holocaust zu behandeln, sollte Deutschland es als Land mit seiner eigenen Geschichte, Interessen und Werten begreifen. Deutschland sollte Israel wie jedes andere Land in der Region behandeln: entsprechend seiner Verdienste.

Das ist genau das, was Günter Grass in seinem Gedicht zum Ausdruck brachte. Ihm muss gratuliert werden, und er muss für den Versuch, seine Landsleute aus unterwürfiger Duldung politischer Erpressung Israels befreit zu haben, gelobt werden. In den Tagen des Pessach-Festes feiern Juden die Freiheit von der Sklaverei. Sie sollten ebenso dem deutschen Nobelpreisträger dafür danken, die Wahrheit gesagt zu haben, dass der Staat Israel, nicht der Iran, regelmäßig seine Nachbarn angreift und ein nukleares Arsenal besitzt. Es ist Israel – nicht der Iran –, das nicht nur den Mittleren Osten bedroht sondern die Juden in der ganzen Welt, denen fälschlicherweise für das, was Israel ist und tut, Vorwürfe gemacht werden. Danke, Herr Grass!

Yakov M. Rabkin ist Professor für Geschichte an der Universität von Montreal. Sein aktuelles Buch,
A Threat from within: A Century of Jewish Opposition to Zionism, wurde für den kanadischen Governor General Award nominiert.

MOSHÉ MACHOVERMOSHÉ MACHOVER

Die Hysterie, mit der Günter Grass’ Gedicht aufgenommen wurde, wäre komisch, wenn sie nicht so tragisch wäre.

Es scheint, die Zionisten glauben, die Deutschen müssten für den Völkermord an Juden – begangen von einer vorangegangenen Generation – sühnen, Deutschland müsse jetzt bei der Unterdrückung und ethnischen Säuberung palästinensischer Araber mit dem selbsternannten „jüdischen Staat“ zusammenwirken.

Und es scheint, dass viele Deutsche tatsächlich dieser perversen Logik zustimmen.

Grass’ Gedicht als „antisemitisch“ zu brandmarken, ist nicht nur verkehrt, es ist das absolute Gegenteil der Wahrheit. Das Gedicht kritisiert nicht Juden, sondern den Staat Israel. Dies könnte nur dann als „antijüdisch“ verstanden werden, wenn man den irrigen Anspruch des Staates Israel akzeptiert, dass er alle Juden repräsentiert und in ihrem Namen handelt. Aber das unterstellt, dass alle jüdischen Menschen auf irgendeine Art für die Verbrechen, die Israel begangen hat, verantwortlich sind. Das ist wirklich eine antisemitische Verleumdung!

Grass’ Gedicht ist, wenn überhaupt, zu milde. Er weist nicht darauf hin, dass der Zionismus eine Kolonisierungsprojekt ist und Israel ein Staat kolonialistischer Siedler. Das muss betont werden.

Das Gedicht ist auch etwas ungenau. Grass sagt, Israel hätte „nukleare Fähigkeiten“. In der Tat hat Israel nicht nur nukleare Fähigkeiten (das ist die Fähigkeit, Atomwaffen zu produzieren), sondern ein großes Nuklearwaffenarsenal.

Alle friedliebenden Menschen müssen sich Grass’ Ruf nach einem Nahen Osten ohne Atomwaffen anschließen. Diese Forderung muss sowohl den repressiven iranischen Gottesstaat als auch den israelischen Siedlerstaat einbeziehen.

Moshé Máchover ist Mathematiker, Philosoph und sozialistischer Aktivist. Bekannt wurde er durch seine Veröffentlichungen gegen den Zionismus. Er lehrte als Professor sowohl an israelischen als auch an britischen Universitäten.

BRIAN KLUGBrian Klug

Die Bedeutung von Günter Grass‘ Gedicht „Was gesagt werden muss” liegt nicht in seinen Inhalt, sondern in den Reaktionen gegen das Werk und gegen seinen Autor. Israels Innenminister Eli Yishai erklärte Grass zur „unerwünschten Person“ in seinem Land und nannte das Gedicht einen „Versuch, die Flammen der Feindschaft gegenüber Israel und seinem Volk zu entfachen“. (1) Avigdor Lieberman, Israels Außenminister, schimpfte über den „Egoismus der sogenannten westlichen Intellektuellen, die gewillt sind, das jüdische Volk ein zweites Mal auf dem Altar verrückter Antisemiten zu opfern, nur um einige Bücher mehr zu verkaufen oder Anerkennung zu erhalten“. (2) Ephraim Zuroff, Direktor des Simon Wiesenthal Zentrum, sprach von Grass‘ „tiefsitzenden Vorurteilen gegenüber dem jüdischen Volk“. (3) Die israelische Botschaft in Berlin bemühte den mittelalterlichen antisemitischen Ritualmord-Vorwurf: „Was gesagt werden muss, ist, dass es eine europäische Tradition ist, Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmordes zu bezichtigen.“ (4) Und so weiter.

Gemessen an diesen Reaktionen ist das Gedicht eher harmlos. Man erwartet einen anti-israelischen Wortschwall, aus dem der Hass gegen Juden hervortrieft. Stattdessen sagt uns Grass, Israel sei ein Land, dem er verbunden ist und bleiben will.

Um die Aussage des Gedichts zu verstehen, ist es hilfreich zusammenzufassen, was es sagt. Grass nimmt eindeutig Bezug auf die Nazi-Vergangenheit Deutschlands und den Holocaust gegen die Juden und schreibt von „ureigenen Verbrechen” seines Landes, die „ohne Vergleich“ sind. Wegen seiner Herkunft, „die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist”, habe er bis jetzt über die (wie er es sieht) Gefahr des israelischen Nukleararsenals geschwiegen. Aber es sei Zeit, die Stimme zu erheben, einerseits weil es morgen schon zu spät sein könnte, andererseits wegen  Deutschlands „Mitschuld“ an der Aufrüstung Israels mit einem weiteren atomwaffenfähigen U-Boot. Was ihn besorgt, ist Israels angebliches „Recht auf einen Erstschlag” gegen den Iran, der das iranische Volk „auslöschen” könnte. Der „Heuchelei des Westens” überdrüssig bricht er sein Schweigen und hofft darauf, dass andere auch ihre Stimme erheben, Israel zum „Verzicht auf Gewalt” auffordern und die israelische und iranische Regierung dazu verpflichten, ihre nuklearen Potentiale von einer „internationalen Instanz” kontrollieren zu lassen. Das, schlussfolgert er, sei der einzige Weg, um sowohl Israelis und Palästinensern zu helfen, als auch allen Menschen, die in dieser Region „verfeindet“ leben –„letztlich auch uns zu helfen.” (5)

Was auch immer die Mängel in seinen Gedankengängen sein mögen (und ich sehe einige gravierende Fehler) – es fällt schwer zu verstehen, womit das Gedicht und sein Autor es verdient haben, mit Beschimpfungen belegt zu werden. Manche Kritiker werfen Grass Einseitigkeit vor, oder er würde „die Situation auf den Kopf stellen“, indem er die von Präsident Ahmadinedschad ausgesprochenen Drohungen, Israel zu zerstören, unerwähnt lässt. (6) Ich sympathisiere mit dieser Kritik: Ich denke, Grass‘ Darstellung der Fakten ist verdreht. Aber weder diese noch andere der beanstandeten Stellen des Textes machen aus ihm einen Antisemiten. Kritiker werten seinen Kriegsdienst in der Waffen-SS als Beweis seiner Niedertracht. Seine Vergangenheit kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Aber als 17-Jähriger gegen Kriegsende in eine SS-Panzerdivision eingezogen zu werden, die an der Seite der regulären Armee kämpfte, macht ihn nicht zu einem Anhänger Hitlers. (7) Dieses Beweisstück sollte, wie jedes andere, ausgewogen beurteilt und bewertet werden. Avi Primor, ehemaliger israelischer Botschafter Deutschlands, hat betont, dass weder Grass‘ Reden noch seine Publikationen Antisemitismus beinhalten. Primors Fazit lautet, dass Grass‘ Kriegsdienst keine Auswirkungen auf sein Gedicht hat. Er glaubt, in Deutschland gebe es eine unterdrückte Wut aufgrund des Klimas der Debatte um Israel. „Es ist wichtig, seine Aufmerksamkeit der Botschaft des Gedichts zu widmen.“ (8)

Eindeutig ist der Autor der Blechtrommel kein Nazi, und das Gedicht rechtfertigt nicht im Geringsten die Art und Weise, wie es verunglimpft wurde. Wenn überhaupt, ist es genau anders herum: Die Verunglimpfungen scheinen eine Zeile im Gedicht zu bewahrheiten, und zwar diejenige, die davor warnt, dass man das „Verdikt Antisemitismus“ riskiert, wenn man das „allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes“ bricht. Es geht nicht darum, das Klischee wiederzubeleben, alle Kritik an Israel sei verboten. Das ist nicht wahr. Aber es gibt ein unsichtbare Linie, die, wird sie überschritten – wenn man die Kritik zu weit getrieben hat –, eine Antisemitismus-Anklage auslöst (oder die des „Selbsthasses“, falls man ein Jude ist). So ein Schicksal ereilte Richter Goldstone und seinen UN-Bericht über den Gaza-Konflikt 2009. (9) Es geht um ein Verhaltensmuster, das in der Öffentlichkeit und in Privatgesprächen immer wieder reproduziert wird.

Was bedeuten also diese hitzigen Reaktionen auf Grass und sein Gedicht? Auf der einen Ebene sind sie ein Propagandamanöver. Aber auf der am tiefsten liegenden Ebene kommen diese Reaktionen aus dem Inneren und sind authentisch. Sie indizieren, dass wir in einer Zeitschleife gefangen sind: der Nazi-Holocaust wird auf gegenwärtige Ereignisse projiziert, und die Kategorien „deutsch“ und „jüdisch“ bleiben im Wesentlichen unterschieden, wie es schon in den Tagen des „Dritten Reiches“ der Fall war. In diesem Schema sind das heutige Israel und Deutschland in einer eigenartigen Umarmung miteinander verschlungen, als Opferstaat und als Täterstaat. Diese frostige Umarmung verzerrt systematisch die Debatte über die deutsche Außenpolitik im Nahen Osten. Sie wirft auch einen Schatten über die Palästinenser und ihre Ansprüche. Darüber hinaus hält sie überall jüdische Menschen von einer Art Normalität ab. Im Wesentlichen steht sie einer besseren Zukunft für Israelis und Palästinenser (und das ist die Grundaussage von Grass‘ Gedicht) im Weg, einer besseren Zukunft für alle, die „verfeindet“ in der Region leben und letztlich einer besseren Zukunft „für uns alle“.

Um es zu wiederholen: Die Bedeutung von Grass‘ Gedicht liegt in der Intensität der Gegenreaktion. Als würde Hitlers langer Arm aus dem Grab ragen und uns alle in seinem Griff halten. Es ist nicht nur Zeit, die Stimme zu erheben, Kriegslust und Kompromisslosigkeit auf allen Seiten zu verurteilen – es ist Zeit, sich vorwärts zu bewegen.

Dr. Brian Klug ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Philosophie an der St. Benet‘s Hall Oxford und ein Mitglied der philosophischen Fakultät der Universität Oxford. Er ist Mitbegründer der Independent Jewish Voices in Großbritannien und Autor des 2011 erschienenen Buches „Being Jewish and Doing Justice. Bringing Argument to Life“.

Anmerkungen:
(1) „Günter Grass barred from Israel over poem”, Guardian, 8. April 2012
(2) Ebenda
(3) Ebenda
(4) „Günter Grass’s Israel poem provokes outrage”, Guardian, 5. April 2012
(5) Ich habe die Übersetzung von der Guardian-Webseite verwendet
(6) „Günter Grass launches poetry attack on Israel”, Guardian, 4. April 2012
(7) Eintrag „Günter Grass“ in Wikipedia
(8) „Israel no longer taboo in Germany?”, Ynet, 9. April 2012
(9) „UN Report a 21st Century Blood Libel, Scholar Says in Geneva”, Jerusalem Post, 30. September 2009; „Israel, U.S. working to limit damage of Goldstone report”, Haaretz, 27. September 2009


Enso TraversoENZO TRAVERSO

Seit mehreren Jahrzehnten verfügt Israel über Atomwaffen und verstößt mit der Besatzung der Palästinensergebiete eklatant gegen das Völkerrecht. Jetzt droht Bemjamin Netanyahu damit, den Iran zu bombardieren, abermals unter völliger Missachtung des Rechts. Damit sabotiert er die laufenden Verhandlungen zwischen der Internationalen Atomenergiebehörde und der Teheraner Regierung. Eine solche Militäraktion hätte außerordentlich schwere Folgen. Einerseits droht sie, den Nahen Osten in ein Flammenmeer zu verwandeln: Sie würde in der arabischen Welt eine neue Welle der Feindschaft gegen Israel auslösen. Andererseits würde sie die iranischen Entscheidungsträger, nicht nur Mahmud Ahmadinedschad, endgültig dazu veranlassen, sich mit Nuklearwaffen auszustatten. Eine solche Militäraktion würde die iranische Führung davon überzeugen, dass angesichts der westlichen Invasion des Irak, der Besetzung Afghanistans und der israelischen Militärschläge die Atombombe die einzige Art ist, das Land vor äußerer Bedrohung zu schützen.

Wir sehen uns einer paradoxen Situation gegenüber: Für einen Großteil der westlichen Medien ist der Skandal nicht die israelische Politik, sondern die Haltung derer, die – wie der Schriftsteller Günter Grass –, sie anzuprangern wagen. Man darf aber nicht schweigen angesichts der Heuchelei, die jede Kritik an der Politik der israelischen Regierung für antisemitisch erklärt. Die israelische Regierung selbst wird durch ihre kriegerische Xenophobie zu einer Quelle des Antisemitismus in der Welt. Die Verhinderung der Einreise von Günter Grass (sowie von Pazifisten und Menschenrechtlern) nach Israel ist Beleg für die Arroganz, die Verachtung der Kultur, des Pluralismus und der Freiheiten durch einen Staat, der vorgab, eine Musterdemokratie zu sein. Diese Intoleranz ist ein Zeichen der Schwäche. Eine solche Politik anzuprangern, ist geradezu die Bedingung für das Offenhalten der Möglichkeit eines künftigen Friedens im Nahen Osten.

Enzo Traverso ist Historiker und Journalist. Als Professor für Politikwissenschaften unterrichtet er an der Universität der Picardie. Zu seinen bedeutendsten Veröffentlichungen gehören die Bücher „Moderne und Gewalt. Eine europäische Genealogie des Nazi-Terrors“ (2003) und „Im Bann der Gewalt. Der europäische Bürgerkrieg 1914-1945“ (2008).

GILBERT ACHCARgilbert achcar

Nie wieder


Für jemanden mit jüdischer Herkunft gibt es zwei Arten, sich mit den Lehren aus dem Genozid der Nationalsozialisten an den europäischen Juden auseinanderzusetzen: Die eine besteht darin zu sagen „Es darf uns, den Juden, nie wieder passieren“, die andere beschränkt sich auf ein „Nie wieder“.

Die erste Schlussfolgerung lässt sich auf eine engstirnige ethnische Sichtweise zurückführen, die die Perspektive der Nationalsozialisten umkehrt, indem sie die Seite „der Juden“ gegen den Rest der Welt bezieht. In beiden Fällen werden „die Juden“ als eigene Gruppe von Menschen mit besonderen Merkmalen herausgestellt: Während die Nationalsozialisten sie als Verkörperung des Bösen schlechthin sahen, so sehr, dass sie versuchten, sie zu vernichten, glauben jene, die die ethnozentrische jüdische Perspektive einnehmen, dass die Verteidigung „jüdischer“ Interessen – ein, wie alle kollektiven Interessen nationaler, klassenspezifischer oder anderer Art, stark umstrittener Begriff, der nur in Ausnahmefällen zur Einstimmigkeit darüber führt, was damit gemeint sein könnte – einen höheren Stellenwert als alles andere hat. Im Namen dieser Verteidigung verweigern sie letztendlich den Opfern Israels, des angeblichen „Judenstaates“, die Menschlichkeit, so wie es die meisten Unterdrücker während des langen Leidensweges taten,  als der sich die Geschichte für die überwältigende Mehrheit der Menschen tatsächlich darstellte.

Die zweite Schlussfolgerung – die Beschränkung auf ein „Nie wieder“ – ist die einzig wahre Zurückweisung der nationalsozialistischen Weltanschauung: nicht ihre symmetrische Umkehrung, sondern eine radikale Ablehnung all ihrer zugrundeliegenden Annahmen. Sie setzt das Bewusstsein voraus, dass das, was den Juden geschehen ist, in unterschiedlichen Formen und Abstufungen verschiedenen Bevölkerungen im Laufe der Geschichte geschah und immer wieder und wieder geschehen wird, solange Ideologien, die auf rassischer und ethnischer Überlegenheit und Hass beruhen, sich ihren Weg durch überlegene Waffengewalt bahnen. Der Genozid der Nationalsozialisten an den Juden war besonders grausam und doch ist er Teil einer langen Reihe von Völkermorden, die traurigerweise nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fortgeführt wurden. Deshalb müssen die Lehren von Auschwitz in einer radikal antinationalistischen, antirassistischen und antiethnozentrischen Perspektive verstanden werden, als eine tragische Illustration der Notwendigkeit, sich für die Werte Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit im Kampf gegen jegliche Art kollektiver und individueller Unterdrückung entschieden einzusetzen.

Dasselbe gilt für jemanden, der zwischen 1933 und 1945 für eine Zeit Teil des nationalsozialistischen Unterfangens war, oder für jemanden mit nationalsozialistischen Vorfahren oder für Deutsche und Österreicher allgemein – nachdem sich die landläufigen Mehrheiten in den beiden Ländern der nationalsozialistischen Sichtweise bis zu ihrem Untergang angeschlossen hatten: Es gibt zwei Arten, Lehren aus dem Genozid der Nationalsozialisten an den europäischen Juden zu ziehen: Eine führt dazu zu sagen „Es darf ihnen, den Juden, nie wieder passieren“, die andere beschränkt sich auf ein „Nie wieder“.

Die erste Schlussfolgerung lässt sich auf ein Schuldgefühl gegenüber den spezifischen Opfern der Nationalsozialisten zurückführen, ohne klare Zurückweisung der allgemeingültigen Dimension ihrer Verbrechen und Ideologie. Es handelt sich somit um eine Umkehrung der nationalsozialistischen Perspektive, indem die Seite „der Juden“ gegen ihre Feinde eingenommen wird, wer immer und wo immer diese sein mögen. Antisemitismus wird so durch „Philosemitismus“ ersetzt. Wie die Antisemitismusforscherin Eleonore Sterling, deren Eltern im Zweiten Weltkrieg in einem Konzentrationslager umgebracht wurden, sehr treffend zwanzig Jahre nach Kriegsende in Die Zeit schrieb:

„Antisemitismus und neuere Judenidolatrie haben viel Gemeinsames. Beide bedeuten eine Art von Unterkühlung komplexer menschlicher Beziehungen und entspringen dem psychischen Unvermögen, den ‚anderen‘ wirklich zu achten. Der Jude bleibt sowohl dem Antisemiten wie auch dem Philosemiten ein Fremder.“ (1)

Während die Nationalsozialisten „die Juden“ als Verkörperung des Bösen sahen, glauben die deutschen Vertreter der philosemitischen Perspektive, dass die Verteidigung „der Juden“ – die sie im israelischen Staat repräsentiert sehen, und das obwohl diese Repräsentation von zahlreichen Menschen jüdischer Herkunft heftig bestritten wird – eine Aufgabe ist, die über allen anderen Werten steht. Im Namen dieser Verteidigung unterstützen sie letztendlich Maßnahmen der israelischen Regierung zur Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung und begrüßen die Bereitstellung von Massenvernichtungsmitteln für den israelischen Staat. Und das noch dazu zu einem Zeitpunkt, zu dem die israelische Regierung von Kräften dominiert wird, die selbst die Gründer des Staates Israels ohne zu zögern als faschistisch bezeichneten, oder sogar mit den Nationalsozialisten verglichen – wie ungeheuerlich ein derartiger Vergleich auch sein mag. (2)

Bei der zweiten Schlussfolgerung – der Beschränkung auf ein „Nie wieder“ – schließen sich deutsche Menschen jüdischer Herkunft und überhaupt alle Menschen an, die diese Eigenschaft höher werten als jegliche nationale, ethnische oder „rassische“ Gruppe im gemeinsamen Kampf für universelle humanistische Werte. Jene, die solche Werte verteidigen, seien sie Deutsche oder Juden, oder welcher ethnischen Gruppe sie auch angehören (oder zugeordnet werden), glauben, dass ihre höchste moralische Aufgabe darin besteht, gegen die zutiefst ausschließende und nationalistische Art der Sichtweise zu kämpfen, die den Nationalsozialismus charakterisierte, und vor jeglichem Vorhaben zu warnen, das eine kollektive Bestrafung einer Bevölkerung im Namen der Verteidigung einer anderen verhängt – und sei es „die jüdische Bevölkerung“.

Günter Grass hat sich für diesen zweiten Weg entschieden, eher spät, wie er selbst zugestand.  Der große Aufschrei jener, die ihn in Deutschland dafür angriffen, dass er elementare Wahrheiten aussprach über die Verantwortung, die der deutsche Staat im Fall einer durch den israelischen Staat ausgeführten Massenvernichtung hat, und zwar wegen seiner militärischen Unterstützung für dessen Fähigkeit, einen atomaren Schlag durchzuführen, zeigt nur, dass noch ein langer Weg zu gehen ist, bis alle Deutschen die Lehren aus ihrer furchtbaren jüngeren Vergangenheit richtig und vollständig verinnerlicht haben.

Gilbert Achcar ist Professor für Entwicklungsstudien und internationale Beziehungen an der School of Oriental and African Studies in London. Große internationale Beachtung findet derzeit seine Studie The Arabs and the Holocaust. The Arab-Israeli-War of Narratives, die Mitte Mai 2012 unter dem Titel „Die Araber und der Holocaust. Der arabisch-israelische Krieg der Geschichtsschreibungen in deutscher Übersetzung erscheint.

(1) Eleonore Sterling, „Judenfreunde – Judenfeinde. Fragwürdiger Philosemitismus in der Bundesrepublik“, Die Zeit, Nr. 50, 10. Dezember 1965; http://www.zeit.de/1965/50/judenfreunde-judenfeinde
(2) Siehe dazu etwa David Ben-Gurions Meinung über Menachem Begin, dem Gründer des Likud, der derzeit regierenden Partei Israels, wie Tom Segev in seinem ausgezeichneten Buch Die siebte Million. Der Holocaust und Israels Politik der Erinnerung berichtet.


Jean ZieglerJEAN ZIEGLER

Günter Grass schulden wir Dank für seine klare, kluge Analyse. Die UNO will eine atomwaffenfreie Zone im Mittleren Osten organisieren. Das heißt: jeder mittelöstliche Staat – also auch Israel – soll auf Atomwaffen verzichten.

Dies ist ein Gebot elementarer Vernunft.

Dass dieses Gebot nicht durchgesetzt wird – oder sogar nicht öffentlich diskutiert werden kann –, zeugt vom lamentablen Zustand der politischen Diskussion in Europa.

Jean Ziegler ist Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrates.