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Anonyme Antisemitismusvorwürfe. Organisationsgruppe gefährdet Linke Buchtage in Berlin

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Ein Bericht von THOMAS WAGNER, 25. Mai 2012 -

Unter der Überschrift „Solidaritätsaufruf gegen die Zensur“ kursiert seit Mittwoch ein von Karl-Heinz Dellwo und Willi Baer (beide LAIKA-Verlag) gezeichneter Text im Internet, der alle betreffenden Verlage dazu aufruft, ihre Teilnahme an den Linken Buchtagen in Berlin abzusagen, die in diesem Jahr vom 13. bis 17. Juni stattfinden sollte.

Begründet wird die Aufforderung damit, dass der Verlag am 9. Mai erfahren habe, aus politischen Gründen von der Teilnahme ausgeschlossen worden zu sein. In dem Aufruf heißt es: „Auf telefonische Nachfrage bei dem uns genannten Sprecher Christian W., erfährt der Verlag in gedrungenen Sätzen, Grund sei ein ‚gewisses blaues Buch’, zu dem ‚Näheres nicht erläutert werden’ müsse. Angaben über das Gremium, das sich diesen Ausschluss anmaßte, wurden nicht gegeben.“

Bei der Publikation handelt es sich um das bereits 2011 im LAIKA-Verlag erschienene Buch „Mitternacht auf der Mavi Marmara“, das Texte von ca. 50 Autoren „zur versuchten Blockadedurchbrechung 2010 durch die Gaza-Hilfsflottille und dem Angriff der israelischen Marine auf sie, sowie grundsätzlich zum Verhältnis Israel-Palästina“ enthält. Bei dem beispiellosen Gewaltakt sind neun Aktivisten der internationalen Solidaritätsaktion von der israelischen Armee erschossen und viele andere verletzt worden. Unter den engagierten Beiträgen des Bandes befinden sich Texte von kritischen Intellektuellen wie Ilan Pappé, Henning Mankell und Noam Chomsky sowie zahlreichen israelischen und palästinensischen Autoren. Moshe Zuckermann steuerte das Vorwort bei.

Gegenüber HINTERGRUND war Christian W. vom Organisationsteam der Buchmesse auf telefonische Nachfrage nicht bereit, sich zu dem Zensurvorwurf zu äußern. Stattdessen erreichte unsere Redaktion am Freitagmittag eine nicht mit Namen gezeichnete Stellungnahme der Gruppe, die den Ausschluss des LAIKA-Verlags mit scharfen Antisemitismusvorwürfen zu rechtfertigen versucht. Die „Gaza-Hilfsflottille“ von 2010, so die anonym bleibenden Autoren, habe „die Grenze dessen, was linke Politik bedeutet, nach rechts hin überschritten“. Publikationen, die sich „unkritisch und affirmativ auf diese in jeder Hinsicht katastrophale Aktion beziehen“, wollten sie auf den Linken Buchtagen nicht unterstützen. Der „vorgebliche Hilfslieferungstransport“ sei „von Beginn an von israelfeindlichen und antisemitischen Parolen begleitet“ gewesen.

Dem vom LAIKA-Verlag publizierten Band halten sie nun vor, antisemitische Ressentiments zu bedienen, einen „einseitigen Blick auf den Nahost-Konflikt“ zu zeigen und ein Bündnis mit radikalen Rechten und Islamisten zu akzeptieren. Die vom LAIKA-Verlag gewählte Form der Auseinandersetzung, so meinen die Buchmesse-Organisatoren, mangele „es weder an Publikum noch an Gelegenheit, sich Gehör zu verschaffen. Kein Verlag wäre dabei auf die Öffentlichkeit der Linken Buchtage angewiesen“. Außerdem betonen sie, „antisemitische Positionen“ nicht solidarisch diskutieren zu wollen. Was sie mit „Antisemitismus“ meinen, erläutern sie freilich nicht.

Zum Schluss nimmt die Argumentation dann eine schon in ihrer Inkonsequenz nicht leicht nachvollziehbare Wendung. Obwohl sie in der „Boykottankündigung einiger Verlage und AutorInnen“ keine Grundlage für ein gemeinsames Projekt mehr sehen, wollen sie sich „nicht länger gegen die Anwesenheit des Laika Verlags“ verwehren, falls – man beachte die Einschränkung – „die Drohungen aufrecht erhalten bleiben“.

Durch wen sie sich konkret bedroht sehen, verraten die anonym bleibenden Autoren nicht. Fraglich ist denn auch, ob sich die angesprochenen Verlage und Autoren durch die gewählte Form der Ansprache zur weiteren Kooperation mit den Organisatoren ermutigt fühlen werden.



Dokumentation


HINTERGRUND dokumentiert unter (1) den Aufruf des LAIKA-Verlags vom 23. Mai 2012 und unter (2) die Stellungnahme der Organisationsgruppe der Linken Buchtage Berlin vom 25. Mai 2012.

(1)

Solidaritätsaufruf gegen die Zensur

Am 9. Mai 2012 erfährt der LAIKA-Verlag Hamburg, dass der Verlag „aus politischen Gründen“ von der Teilnahme an den Linken Buchtagen 2012 in Berlin „ausgeschlossen“ wurde. Hintergrund war die Anfrage von Berliner FreundInnen des Verlages nach einem Standplatz. Auf telefonische Nachfrage bei dem uns genannten Sprecher Christian W., erfährt der Verlag in gedrungenen Sätzen, Grund sei ein „gewisses blaues Buch“, zu dem „Näheres nicht erläutert werden“ müsse. Angaben über das Gremium, das sich diesen Ausschluss anmaßte, wurden nicht gegeben.

Bei dem „gewissen(n) blaue(n) Buch“ handelt es sich um den 2. Band der Reihe Edition Provo Mitternacht auf der Mavi Marmara, erschienen im LAIKA-Verlag im März 2011, das Berichte und Reflexionen von ca. 50 Autoren enthält zur versuchten Blockadedurchbrechung 2010 durch die Gaza-Hilfsflottille und dem Angriff der israelischen Marine auf sie, sowie grundsätzlich zum Verhältnis Israel-Palästina. Zu den Autoren dieses Bandes gehören u.a. Moshe Zuckermann, Amira Hass, Sara Roy, Ilan Pappé, Henning Mankel, Noam Chomsky, Adam Horowitz und viele andere.

Auf die Forderung des LAIKA-Verlages, eine politische Begründung abzugeben, haben die anonymen Ausschließer bis heute nicht reagiert.

Der LAIKA-Verlag ist ein dezidiert linker Verlag, der seit ca. 2 1⁄2 Jahren mit verschiedenen Reihen zur Geschichte der Linken, zur notwendigen Theoriebildung und zu aktuellen sozialen, politischen oder internationalen Fragen publiziert.

Der Ausschluss dieses Verlages von einer sich selbst als „links“ definierenden Buchmesse ist ein Akt der Zensur, aber auch Ausdruck des dummen Anspruchs von Sackgassenlinken, darüber entscheiden zu dürfen, wer dazu gehört und wer nicht. Der Wunsch der Zensur ist der Herrschaftsanspruch über den Geist der anderen. Ihr Anlass ist nie die Unwahrheit, denn sie ist nicht zu fürchten, sondern in der Regel das eigene illegitime Interesse oder die eigene Idiotie, die sich gegenüber der freien politischen Auseinandersetzung blamiert.

Der LAIKA-Verlag ruft alle an diesen Linken Buchtagen Berlin 2012 beteiligten Verlage auf, diesem ebenso lächerlichen wie dummen Anspruch einer willkürlichen, dogmatischen Hinterzimmergruppe auf Herrschaft über das, was in linken Verlagen veröffentlicht werden darf und was nicht, mit der einzig angemessenen Reaktion zu begegnen: mit einer radikalen Absage.

Eine Beteiligung an einer Buchmesse unter der Akzeptanz der Zensur würde hinter den Anspruch aller linken Verlage, die Selbstbefähigung zur politischen Auseinandersetzung über alle Fragen der Gesellschaft und der Welt zu fördern, denunziativ zurückfallen.

LAIKA-Verlag Hamburg
Karl-Heinz Dellwo
Willi Baer

(2)

Linke Buchtage Berlin 2012

Wir möchten uns an dieser Stelle zu den Vorwürfen bezüglich der Teilnahme des Laika-Verlags an den Linken Buchtagen äußern.

Zunächst kurz zu den Linken Buchtagen und ihrer Geschichte: Die Linken Buchtage sind vorüber zehn Jahren als linke Buchmesse gestartet, im Lauf der Zeit hat sich die Zahl der teilnehmenden Verlage an den Buchtagen aber spürbar verringert. Nicht zuletzt ist dieser Umstand dem Aufwand geschuldet, den es für viele VerlegerInnen bedeutet, einen Ausflug nach Berlin personell, ökonomisch und zeitlich zu stemmen.

Seit über fünf Jahren engagiert sich auch kein Verlag mehr in der Organisationsgruppe. Der Schwerpunkt der Linken Buchtage hat sich nach und nach zu einem Lesungs- und Diskussions-Wochenende entwickelt: Die Anzahl der Lesungen hat sich mehr als verdoppelt.
Wir als Organisationsgruppe stehen in keinem politischen Zusammenhang mit anderen Mehringhof-Projekten und wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass keines dieser Projekte eine direkte Verantwortung für die Buchtage-Organisation und die Entscheidungen der Buchtage-Vorbereitungsgruppe trägt.

Wie kommen nun die Verlage nach Berlin? In der Regel laden wir sie ein, ihr Verlagsprogramm auf Büchertischen vorzustellen. Den Laika Verlag haben wir nicht eingeladen. Wir verstehen, dass die Verleger deshalb enttäuscht und verärgert sind. Wir verstehen aber nicht, dass sie
überrascht sind. Als Linke dürften sie mit der schwierigen Geschichte der linken Antisemitismuskritik, die auch als Selbstkritik und Selbstaufklärung betrieben wurde und wird, vertraut sein. Sie hätten damit rechnen können, mit einem Teil ihrer Publikationen nicht immer undüberall willkommen zu sein.
Das alles ist gegenwärtig und historisch Teil der Linken und findet auch auf den Buchtagen Raum in den Leseveranstaltungen.
Nun sind wir in der Vorbereitungsgruppe aber der Meinung, dass die »Gaza-Hilfsflottille« von 2010 die Grenze dessen, was linke Politik bedeutet, nach rechts hin überschritten hat. Wir möchten Publikationen, die sich unkritisch und affirmativ auf diese in jeder Hinsicht katastrophale Aktion beziehen, nicht auf den Linken Buchtagen unterstützen.

Als OrganisatorInnen der Buchtage geht es uns um die Bereitstellung einer Plattform für einen Austausch über linke Positionen und Debatten, und zwar explizit in einem möglichst weiten Spektrum. Wir organisieren gerne einen infrastrukturellen Rahmen für linke Verlage und sehen unsere Arbeit in der Tradition, den linken und unabhängigen Verlagsbetrieb zu unterstützen. Dabei sind wir aber engagiert in einem politischen Projekt, das wir auch inhaltlich beeinflussen. So unternehmen wir jedes Jahr den Versuch, mit Hilfe der Verlage und ihrer Neuerscheinungen linke Debatten abzubilden und Raum für deren Fortführung zu schaffen. Das bedeutet für uns auch, bestimmte Grenzen zu ziehen und Positionen nicht zu berücksichtigen, die sich außerhalb dessen bewegen, was linke Selbstverständlichkeiten sein sollten.
Uns ist bewusst, dass vieles sich eben nicht von selbst versteht. In der Geschichte der Linken gab es immer wieder chauvinistische und autoritäre Strömungen, fatale Zweckbündnisse mit reaktionären Bewegungen. Der Umgang damit ist schwierig. Auch auf individueller Ebene werden Ambivalenzen und Spannungen bei Themen wie Antisemitismus, Sexismus und Rassismus immer wieder virulent.

Zur Erinnerung: Im Mai 2010 machte sich eine breite Allianz aus MenschenrechtsaktivistInnen, türkischen Rechten und IslamistInnen auf den Weg, die Seeblockade des Gazastreifens durch Israel zu durchbrechen. War der vorgebliche Hilfslieferungstransport von Beginn an von israelfeindlichen und antisemitischen Parolen begleitet, erhob sich nach der Aufbringung der Marvi Marmara durch die israelische Armee, bei der neun Flottenteilnehmer erschossen wurden, eine weltweite Verurteilung Israels, so etwa einstimmig durch den deutschen Bundestag.
Der Band bedient antisemitische Ressentiments, die hierzulande quer durch alle politischen Lager vertreten werden. Mühelos wird hier ein Bündnis mit radikalen Rechten und islamistischen FundamentalistInnen akzeptiert, indem es nicht diskutiert wird. Der Laika Verlag ist sich auch nicht zu Schade, den Band mit Zitaten des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan zu bewerben. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund von einstimmigen Bundestagsbeschlüssen und Grass'scher Empörungslyrik halten wir einen derart einseitigen Blick auf den Nahost-Konflikt für fatal. Dieser Art der Auseinandersetzung mangelt es weder an Publikum noch an Gelegenheit, sich Gehör zu verschaffen. Kein Verlag wäre dabei auf die Öffentlichkeit der Linken Buchtage angewiesen.

Der Laika Verlag ruft nun zur Solidarität durch Boykott der Linken Buchtage auf und wirft uns Zensur vor. Wir würden, so der Verlag, entscheiden wollen »was in linken Verlagen veröffentlicht werden darf und was nicht«. Das ist albern.

Wir begrüßen den Streit der vielfältigen Ideen und Ansätze, wie Kapitalismus und Patriarchat, Ausbeutung von Mensch und Natur, Rassismus, Krieg und alles, was sonst noch dazu gehört, zu überwinden seien.
Antisemitische Positionen tragen allerdings nicht zu diesem Projekt bei. Wir wollen sie nicht »solidarisch« diskutieren.

Durch die bereitwillige Boykottankündigung einiger Verlage und AutorInnen sehen wir jedoch das Zustandekommen der Buchtage gefährdet. Auch wenn wir in einer solchen Reaktion keine Grundlage für ein gemeinsames Projekt sehen, möchten wir diesen Konflikt nicht auf dem Rücken aller anderen Beteiligten austragen und verwehren uns hiermit – sollten die Drohungen aufrecht erhalten bleiben – nicht länger gegen die Anwesenheit des Laika Verlags.

Die Organisationsgruppe der Linken Buchtage Berlin