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Rohstoff Angst – Kapitalismus und Depression

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Von CORNELIA BEUEL, 15. Juli 2013 -

Jede Zeit hat ihre Krankheiten. So gab es Phasen, die durch virale oder bakterielle
Infektionen gekennzeichnet waren. Zumindest in Europa und der westlichen Welt
bestimmen – nicht zuletzt durch verbesserte Lebensbedingungen und
geeignete Medikamente – diese Krankheiten nicht mehr den Alltag. Das
21. Jahrhundert scheint, pathologisch betrachtet, neuronal bestimmt zu sein:
Depression, ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom), Borderline-
Persönlichkeitsstörung, Burnout- Syndrom usw. usw. Nicht Infektionen, keine
biologischen Erkrankungen, sondern seelische Zusammenbrüche, „psychische Infarkte“ 
markieren zusehends die pathologische Landschaft unserer Zeit.

Ganz oben steht die Depression. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation
(WHO) wird sie in nur zehn Jahren die zweithäufigste Volkskrankheit sein. In
Deutschland sind derzeit 5,8 Millionen Menschen betroffen. Das sind sechs Prozent
der Bevölkerung, die stationär behandelt werden müssen. Ihre Zahl hat sich in den
letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt. Als Gründe für die Zunahme werden
wachsende berufliche Leistungs- und Flexibilitätsanforderungen sowie
unterbrochene Beschäftigungsverhältnisse und Arbeitslosigkeit genannt.

Volkskrankheit Depression

Ob Führungskraft oder Geringverdiener, selbst ernannte Leistungselite oder
sogenanntes „Prekariat“, ob Workaholic oder erwerbslos – die Depression
mäandert durch alle Altersgruppen, Bildungsschichten und Gehaltsklassen.
Für die Pharma- und Wellnessindustrie, für Psychotherapeuten, Ratgeberschreiber
oder andere Experten für die Seele ist das gewiss ein lukratives Geschäft. Doch
allmählich wird es zu teuer, wie den Klagen von Unternehmen wegen Arbeitsausfällen
oder den periodisch erscheinenden Krankenkassenberichten zu entnehmen ist. Die
soziale Frage wird dabei weitgehend vermieden. Wer aber die falschen Fragen stellt,
bekommt – wenn nicht gerade falsche – so doch unzulängliche Antworten.

Sind die psychischen Symptome der klinisch Behandlungsbedürftigen das Resultat
ihrer individuellen Lebenssituation? Handelt es sich bei den Betroffenen nur um
bedauerliche Einzelfälle? Oder geben die Erkrankungen Auskunft über den Zustand
der Gesellschaft? Vieles deutet darauf hin, in der Depression, insbesondere der
Erschöpfungsdepression, dem Burnout-Syndrom, eine psychische Manifestation
unserer pervertierten „Kultur“ zu sehen, die den Wert des Subjektes mehr denn je
ausschließlich an seinem „Marktwert“ misst und als Diktum in Köpfe und Seelen
hämmert, bis sie kollabieren. Die totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche zeigt
hier ihre verborgene destruktive Kehrseite: Das „flexible Selbst“ (Richard Sennett)
mutiert zum immer „erschöpfteren Selbst“.

„Ich will Arbeit – Geld – Familie – Zukunft“. Worte, auf eine Wand gesprüht, im
Rahmen einer IG-Metall-Aktion gegen Leiharbeit im März 2012. Eine halbe Million
Heranwachsender ist trotz Erwerbsarbeit auf Hartz IV angewiesen, weil ihr „Einkommen“
für das Auskommen nicht reicht. Millionen Älteren in allen Beschäftigungszweigen geht
es nicht anders. Längst sind US-amerikanische Verhältnisse auch in der bundesdeutschen
Realität angekommen. Die „working poor“ gehören seit 2003, mit Einführung der Agenda
2010, zum Geschäfts- und Erfolgsmodell. Dank der damaligen SPD/Grünen-
Bundesregierung, die damit die Steilvorlage zur weiteren Verschärfung sozialer Demontage
für die aktuelle CDU/FDP-Regierung geliefert hat.

Nach Berechnungen der Nationalen Armutskonferenz bestand 2012 für 15,8 Prozent der
Bevölkerung eine akute Armutsgefährdung. 13 Millionen Menschen verfügen über weniger
als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Zurzeit sind das 952 Euro für Alleinstehende.
Deutschland ist zu einem Eldorado für Lohndumping geworden.

Diese bedrückenden Tatsachen werden von der Bundesregierung bewusst verschwiegen.
Warum? Weil die systematische Verarmung seit Langem geplant und politisch gewollt ist. Es
geht darum, eine stille Reservearmee von Erwerbslosen und arbeitenden Armen zu schaffen.

Die Angst vor Arbeitsplatzverlust war seit jeher ein probates Mittel des Kapitals, um
lohnabhängig Beschäftigte zu schwächen und zu disziplinieren. Davon zeugen auf zynische
Weise die inzwischen legendären Worte von Bundeskanzler Gerhard Schröder – dem
Arbeitersohn – im Januar 2005 vor dem Weltwirtschaftsforum in Davos: „Wir haben einen
der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.“ Damit waren die Weichen
gestellt und das Schicksal eines Lebens im Minus für Millionen Menschen besiegelt.
„Marktkonforme Demokratie“ sagt dazu die heutige Kanzlerin. Gerechtigkeit und Sozialstaat
sehen anders aus.

2012 schönt die Bundesregierung ihren eigenen Armuts- und Reichtumsbericht und ignoriert
die erdrückenden Befunde des „Schattenberichtes“ zur Armut und sozialen Ausgrenzung in
Deutschland, vorgelegt von Wohlfahrtsverbänden, Kirchen und Gewerkschaften, die, kaum
zu widerlegen, die akute Armutsgefahr durch die obszöne Ausweitung des
Niedriglohnsektors belegen. Fazit: Sozialstaat war gestern, heute gibt es Armenküchen –
euphemistisch „Tafeln“ genannt – und Hartz I bis IV.

Während die Diskrepanz zwischen Managergehältern und Beschäftigteneinkommen nach
dem „Verteilungsbericht 2012“, einer Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Institutes der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung immer weiter wächst, schuften
Abertausende in miesen Jobs für Hungerlöhne, von denen keiner leben kann. So verdient
etwa ein DAX-Vorstand ca. 54-mal so viel wie der durchschnittliche Angestellte in
demselben Unternehmen. Alles scheint möglich. Alles ist zumutbar – dank des Hartz-
IV-Kartells. Der Verwertungsmaschinerie für das jederzeit austauschbare „Humankapital“ –
allein dieser Begriff spricht Bände – sind kaum noch Grenzen gesetzt.

Ständige Verfügbarkeit

In den Praxen der Psychotherapeuten kumulieren die negativen Auswüchse
gesellschaftlicher Zustände. Psychologen und Mediziner betreuen immer mehr Patienten, die
krank werden von der Angst, die Jagd zu verlieren, von Stress, Selbstbestimmungsverlust,
Sinn- und Hoffnungslosigkeit. So gehört Stress zu den Hauptursachen für die vorzeitige
Verrentung. Laut einem Bericht der Welt am Sonntag, der sich auf eine Studie der
Rentenversicherung bezieht, sind vier von zehn Beschäftigten, die vorzeitig aus dem
Erwerbsleben ausscheiden, psychisch krank, leiden unter Angstzuständen und Depressionen.

Zeiten für Erholung und Distanz zur Arbeit gehören der Vergangenheit an. „Optimiertes Time
Management“, mehr Effizienz, höhere Flexibilität, ständige Verfügbarkeit sind die heutigen
Gebote der schönen neuen Arbeitswelt. Mehr Leistung und mehr Konsum führen dabei
unweigerlich zur Vernichtung von Human- und Naturressourcen.

Und was vermeintlich mehr Freiheit und Selbstbestimmung schaffen sollte – gemeint sind
die neuen Kommunikationstechnologien – bewirkt das Gegenteil: die Erosion des Privaten.
Das Büro kommt mit ins Wohn- und Schlafzimmer, mit in den Urlaub. Längst hat sich der
Laptop neben der Badehose eingerichtet, geht mit spazieren oder mit ins Restaurant. Die
Arbeit ist omnipräsent und nie zu befriedigen. Man lebt nicht von, sondern mit ihr. Körper
und Seele sind in ständiger Standby-Position. Immerzu flackert, flimmert oder piepst es
irgendwo. Der elektronisch vernetzte Mensch wird, dank nimmermüder Technologien wie
Tablets, Smartphones & Co, die ihn aus jeder Ecke angrinsen und zu immerwährender
Dienstfertigkeit antreiben, zum Opfer des totalitären Verfügbarkeitsanspruchs. Dabei
werden die To-do-Listen immer mehr und immer länger. Massiver Druck und das Gefühl, „es
reicht nie“, besetzen sukzessive das komplette Dasein, das Denken, Handeln, jede
Lebensäußerung, ob beim Abendessen, wenn man die Kinder ins Bett bringt oder mit dem
Hund spazieren geht.

Bedingung und Voraussetzung dieser entgrenzten Schufterei ist die selbstvergessene
Anpassung, eine totale Identifikation mit Unternehmer- oder Betriebsinteressen, Sedierung,
Ausblendung des eigenen Ich. Geschmiert und angetrieben wird diese Endlos-Rotation vom
„Rohstoff“ Angst. Angst, den Anschluss zu verlieren, abgehängt und ausgespuckt zu werden,
von einem Konstrukt, einem System, das als „alternativlos“ gilt. Und selbst das, was als
körperliche Entspannung bezeichnet wird, ist noch leistungsorientiert. In jedem
Fitnessstudio läuft dauernd eine Uhr mit, tickt ein Schrittzähler, leuchtet eine Gewichtsskala.

Unbedingte Anpassungsbereitschaft

Mit dem Begriff vom „entgrenzten Können“ hat der Philosoph Byung-Chul Han den subtilen
und verhängnisvollen Zwangscharakter unserer Leistungsgesellschaft in aller Schärfe auf den
Punkt gebracht und die suggestive Kraft, die stetige „Gehirnwäsche“ des „flexiblen“
Kapitalismus unserer Tage verdeutlicht. Die zunehmende Fragmentierung, die Atomisierung
des Sozialen sind ihm immanent. Die damit einhergehende „Bindungsarmut“ macht den
Menschen leer und mürbe, verstärkt seine Ängste, verloren zu gehen, ausgeliefert zu sein.
Hinzu kommt die strukturelle, die „systemische Gewalt“, die zu „psychischen Infarkten“
führt, schreibt er in seinem Essay Müdigkeitsgesellschaft.

„Entgrenztes Können“ heißt der neue Imperativ des Neoliberalismus. Sein Prototyp ist nicht
der autonome Souverän, sondern der reduzierte Mensch, der allzeit bereit, rund um die Uhr
„freiwillig“ schuftet. Ihm fehlt jegliche Souveränität und Freiheit. Die Symbiose zwischen
Fremd- und Selbstausbeutung ist vollzogen, „freiwillig“ und scheinbar ganz ohne Zwang,
verinnerlicht durch die unbedingteAnpassungsbereitschaft an die Verhältnisse.

Krank macht diese tiefe Verinnerlichung angeblich „alternativloser“ Leistungsansprüche der
modernen Arbeitsgesellschaft in dem Moment, in dem der einzelne Mensch nicht mehr
funktionieren, nicht mehr „können kann“ – und die Erschöpfung, die Depression, die Angst
ausbricht. „Nichts ist mehr möglich“, schreibt Byung-Chul Han, „wird nur in einer
Gesellschaft wirklich, die suggeriert: „Nichts ist unmöglich.“

Die Not des Einfach-nicht-mehr-Könnens mündet für das Individuum in Selbstvorwürfe,
Versagensängste und in eine destruktive Auseinandersetzung mit sich selbst. Der Depressive
wird zum seelischen Krüppel, zum „Invaliden“ dieser verinnerlichten Kriegführung. Dabei ist
die Aufforderung zum „entgrenzten Können“, zur Allzeit-Schufterei stets und zwangsläufig
mit dem Scheitern verbunden, denn sie ist auf Dauer für das Individuum nicht realisierbar,
nicht durchzuhalten. Auch nicht mit dem „intelligentesten“ Hightech-Phone oder der
allerneuesten App.

Freiheit zur Selbstausbeutung


In diesem Sinne ist die Depression Ausdruck und Spiegel der Pathologie einer Gesellschaft,
die sich selbst zerstört, indem sie ihre humanen – neben allen anderen – Ressourcen
verschwendet, verbraucht und wegwirft.

Freiheit und Zwang sind zu Synonymen geworden. Nennt man es nun „freiwillige“
Zwangsverpflichtung oder aufgezwungenes und nie eingelöstes „Freiheits“-Versprechen. Das
Ergebnis ist dasselbe: Ausbeutung. Und effizienter als jede Fremdausbeutung ist es für den
neoliberalen Kapitalismus allemal, wenn seine modernen Arbeitssklaven selbst für die
Ausbeutung sorgen, wenn auch flankiert und versüßt von der Illusion der Freiheit und
Individualität, der Magie vom „guten“ Leben.

„Es hat nie in der Geschichte eine so enge, dürftige, offizielle Definition des Menschen
gegeben wie hier: abgemagert, um seine Potenziale, seine Fähigkeiten gebracht“, schreibt der
Sozialphilosoph Oskar Negt. „Er soll sich nicht ausruhen (...), Muße und Mußefähigkeit
entwickeln, sondern (...) flexibel sein, vergessen, was er gestern gedacht hat. Gegen diesen
Aberwitz eines manipulierbaren, jedes Eigensinns beraubten und allseits verfügbaren
Menschen entschieden Einspruch zu erheben, das wäre einer breiten Kulturoffensive wert.“


Die wird wohl noch etwas auf sich warten lassen in Deutschland. Bis dahin jedoch wird die
Zahl der neuronalen Erkrankungen weiter ansteigen; der Gesundheitsmarkt boomen und die
Verkaufszahlen der Ratgeberliteratur weiter steigen; und Ministerien oder andere Behörden
werden vielleicht noch „sorgfältiger“ ihre Studien in Auftrag geben, Statistiken frisieren und
Verhältnisse schönreden. Oder anders: Wer sich mit dieser Welt im Einklang wähnt, sich in
ihr aufgehoben, zufrieden, gar frei fühlt, muss geisteskrank sein.

Der Artikel erschien zuerst in Hintergrund, Heft 2, 2013.