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Kein Wille zum Frieden

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Wie der Zionismus seinen Untergang betreibt -

Gespräch mit MOSHE ZUCKERMANN, 01. Dezember 2014 -

Der Historiker Moshe Zuckermann hat mit seiner jüngsten Veröffentlichung Israels Schicksal eine tiefgreifende kritische Analyse der Staatsideologie Israels vorgelegt. Er kommt zu dem Ergebnis, „dass der Zionismus selbst nicht an die Zukunft seines eigenen Projekts glaubt“. Hintergrund-Redakteurin Susann Witt-Stahl sprach mit dem Autor über seine These, ihre historischen und politischen Grundlagen, Begründungen und die bitteren Konsequenzen.

Übung der IDFSie sind als kritischer Zionismus-Forscher bekannt. Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass Sie bislang einen erheblichen Teil Ihres wissenschaftlichen und politischen Lebens der Auseinandersetzung mit der den Judenstaat tragenden Ideologie gewidmet haben. Sie haben eine große Zahl von Büchern und Aufsätzen dazu veröffentlicht und sehr viele Vorträge gehalten. Warum jetzt noch ein Buch?

Es stimmt, der Zionismus und – damit zusammenhängend – der Nahostkonflikt haben mich sowohl als politischen Aktivisten als auch als Forscher und Publizisten seit Jahrzehnten beschäftigt. Warum noch ein Buch? Weil ich das, was ich schon seit Jahren in meinen Vorträgen ständig behaupte, nämlich dass sich der Zionismus in eine historische Sackgasse manövriert hat, zu erklären versuche: Es geht um die Wahl zwischen der Zwei-Staaten-Lösung, die mit der Gefahr eines Bürgerkriegs in Israel einhergehen könnte, und der Unterlassung, diese Möglichkeit zu realisieren, die aber unweigerlich in die objektive Entstehung einer binationalen Struktur führen muss, welche ihrerseits das Ende des zionistischen Projekts mit sich bringen würde. Ich versuche nicht zu erklären, wie, sondern warum der Zionismus das getan hat – oder anders formuliert: Warum betreibt Israel seit Jahrzehnten eine Politik, die unweigerlich zum Untergang des Zionismus führen muss?

Die zentrale These Ihres Buches lautet: Der Zionismus wollte den Frieden mit den Palästinensern und den anderen arabischen Nachbarn von Anfang nicht, weil er selbst nie wirklich an das Gelingen seines historischen Projekts – die Errichtung einer sicheren nationalen Heimstätte für alle Juden – geglaubt hat. War der Zionismus sozusagen eine Todgeburt, oder hat er einen suizidalen Wesenskern?

Ich würde nicht von einer Todgeburt reden. Immerhin hat der Zionismus in dem, was er tat, auch außerordentliche Erfolge, Leistungen und Errungenschaften zu verzeichnen. Aber er entstand und bewegte sich unter historischen Prädispositionen, die ihn strukturell in eine Sackgasse führten. Das besagt nicht, dass es nicht anders möglich gewesen wäre; alles Historische hätte prinzipiell auch anderes werden können. Aber man wollte es eben nicht anders. Wenn man den Frieden wirklich gewollt hätte, hätte man ihn längst schon haben können. Und warum man es sich nicht leisten konnte, ihn haben zu wollen, darum geht es in meinem Buch.

„Man wollte es nicht anders“? Das klingt enigmatisch. Sie stellen in den 15 Buchkapiteln die Fehler, Defizite und Versäumnisse des Zionismus in seiner mehr als hundert Jahre währenden Geschichte dar. Aber Ihre Analysen gehen noch tiefer. Sie ergründen auch die historischen, politischen und ideengeschichtlichen DNA-Bestandteile, die die Verwirklichung seines wichtigsten Ziels nicht verunmöglichten, aber erschwerten. Welche sind die gravierenden Geburtsfehler des Zionismus und welche negativen Wirkungen zeitigen sie?

Moshe Zuckermann
"Was mich heute umtreibt, ist die zunehmende Faschisierung des Landes, in dem ich lebe" - Der israelische Historiker Moshe Zuckermann (Foto: Arne List)

Der Zionismus muss zunächst als eine nationale Befreiungsbewegung, mithin als Spätfolge des von der Französischen Revolution ausgehenden Nationalstaatsgedankens verstanden werden. Als solche wies er aber einige „Abnormitäten“ auf: Weder war er im Besitz des Territoriums, das für den künftig zu gründenden Staat vorgesehen war, noch bestand die Bevölkerung, die dieses Territorium hätte bewohnen sollen, als ein soziologisch homogene Gruppe; nicht einmal die Nationalsprache stand schon zur Verfügung. Zudem kam der Zionismus ex negativo als Reaktion auf den in Europa virulent gewordenen modernen Antisemitismus auf die Welt. Er war aber auch späterhin stets auf den Antisemitismus angewiesen, wenn er die Einwanderung der diasporischen Juden nach Eretz Israel (Palästina) und dann nach Israel gewährleistet wissen wollte. Dieser Umstand beförderte seine Entwicklung zur instrumentellen Ideologie. Der Zionismus war auch von Anbeginn expansiv, schottete sich aber zugleich fortwährend gegen sein geopolitisches Umfeld ab. Er orientierte sich an Europa, errichtete aber seinen Staat im Nahen Osten, wobei es eben nicht darum ging, einem Volk ohne Land ein Land ohne Volk zu geben – das von ihm in Anspruch genommene Territorium war eben nicht leer. Vor allem aber scheint der Zionismus nie sicher gewesen zu sein, dass es bei seinem Projekt um mehr als nur um ein historisches Experiment gehe. Er glaubte wohl selbst nicht wirklich daran, die Existenz des von ihm errichteten Staates gewährleisten zu können. Das hing damit zusammen, dass er es nicht geschafft hatte, einen Großteil des jüdischen Volkes nach Israel zu bringen; dass er seinen Bürgern auch nach hundert Jahren noch kein Leben in Frieden und Sicherheit zu garantieren vermochte; vor allem aber, dass er sehr wohl wusste, was er den Palästinensern historisch angetan hatte. Er konnte dies noch so rigoros rationalisieren und wegideologisieren wollen, an der Wirklichkeit seiner spezifisch sogearteten Existenz kam er letztlich nie vorbei.

Das heißt, der Zionismus ist voller Widersprüche, die – zumindest bisher – nicht gelöst werden konnten, sich sogar in Teilen verschärft haben. Sie zitieren Theodor Herzls Aussage „In Basel gründete ich den Jüdischen Staat“ in Ihrem Buch und kommentieren: „Wenn der ,jüdische Staat‘ in Basel gegründet wurde, wurde er in einem basislosen Überbau gegründet.“ Heißt das, er hätte auf einem anderen Territorium größere Erfolgsaussichten gehabt? An Orten, wo der Anteil der Juden an der Bevölkerung erheblich größer war als in Palästina, also eine Basis hatte? Seit dem 20. Jahrhundert galt das beispielsweise für US-amerikanische Großstädte wie New York. Das ist freilich eine absurd anmutende Vorstellung – allein die starke antisemitische Lobby in Europa und den USA, die (damals) im Zionismus eine Chance sah, die Juden „endlich loszuwerden“ und sie sich so weit wie möglich weg wünschte, hätte nie zugelassen, dass vor ihrer Haustüre ein jüdischer Staat entsteht.

Ein jüdischer Staat hätte in der Tat nicht einfach so, mir nichts, dir nichts, anderswo errichtet werden können. Denn man hätte den Zionisten ja ein Territorium zuteilen müssen, das nicht einfach so zu haben war. Bedenkt man aber, dass der Gedanke, den jüdischen Staat alternativ woanders zu gründen, im Zionismus selbst debattiert worden war, dann ist der Gedanke als solcher zumindest theoretisch nicht gar so abwegig. Der Grund, warum das aber für die Zionisten nicht infrage kam, liegt darin, dass man eine meines Erachtens absurde Kontinuität zur biblischen Zeit über die Exilzeit hinweg schaffen wollte. Daher entschied man sich für „das Land der Urväter“ als Territorium und für das Hebräische, die Bibelsprache, als Nationalsprache. Prinzipiell lässt sich aber behaupten, dass überall dort, wo ein jüdischer Staat gegründet worden wäre, ohne in einen Territorialkonflikt mit der autochthonen Bevölkerung zu geraten, die Erfolgsaussichten für einen in Frieden lebenden Staat der Juden ungleich größer gewesen wären. Die Frage erhebt sich gleichwohl angesichts solcher Erwägungen, ob es überhaupt einer territorialen Lösung der „jüdischen Frage“ bedurfte. Nicht alle dachten so in den Anfängen des Zionismus, ehe sich die von Weizmann und Ben-Gurion vertretene Linie durchgesetzt hat.

Was wäre nach Ihrer Einschätzung geschehen oder hätte geschehen können, wenn Ben-Gurion, Vladimir Jabotinsky und die anderen nationalistischen Hardliner sich nicht durchgesetzt hätten?

Sie haben sich so sehr durchgesetzt, dass heute eine andere Entwicklung als die, die der Zionismus durchgemacht hat, nur schwer vorstellbar ist. Aber wenn man sich dennoch dem Hypothetischen hingeben möchte, so wäre beispielsweise die Möglichkeit eines binationalen Staates von Juden und Arabern denkbar gewesen, wie ihn sich etwa die Mitglieder von Brit Shalom vorgestellt haben. Im Grunde wäre jede Lösung, die den Juden eine Sicherheit in Frieden geboten hätte, eine bessere Alternative – wenn etwa die nationale Erneuerung eine kulturelle und keine nationalstaatlich-territoriale gewesen wäre, wie sie beispielsweise Achad Haam anvisiert hat. Auch der übernationale Sozialismus in Palästina hätte eine Lösung darstellen können, aber der zionistische Sozialismus wurde eben sehr bald ideologisch nationalisiert, wie der Politikwissenschaftler Zeev Sternhell überzeugend dargelegt hat. Aber wie gesagt, heute erscheinen die damaligen historischen Alternativen wie Hirngespinste, so sehr hat sich das durchgesetzt, was den Zionismus letztlich in die Sackgasse getrieben hat.

Das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale hielt die Auswanderung nach Palästina für die Realisierung des zionistischen Projektes vor dem Hintergrund des Vormarsches der vom Antisemitismus beseelten Reaktion und aufkommenden Faschismus für einen kapitalen Fehler und eine große Gefahr für die Juden, weil sie die damals noch sehr starke revolutionäre Arbeiterbewegung schwächte. 1922 schrieb es: „Das Palästina-Thema, der Versuch, die jüdischen arbeitenden Massen durch Propaganda zugunsten einer umfassenden jüdischen Ansiedlung in Palästina vom Klassenkampf abzuhalten, ist nicht nur nationalistisch und kleinbürgerlich, sondern in seiner Wirkung konterrevolutionär, wenn die breiten Arbeitermassen von dieser Vorstellung getragen und damit vom wirksamen Kampf gegen ihre jüdischen und nichtjüdischen Ausbeuter abgehalten werden.“ Wäre die zionistische Bewegung nicht erfolgreich gewesen und die Emigration einer nennenswerten Zahl europäischer Juden unterblieben: Hätte der Aufruf an die jüdischen und nichtjüdischen Sozialisten, Kommunisten und andere Linke gemeinsam im Klassenkampf ein Leben in Frieden und Sicherheit für alle Juden in Europa zu ermöglichen, eine Chance auf Realisierung gehabt?

Die Frage ist, was man sich unter „einer Chance“ vorzustellen hat. Die in Ihrer Frage angelegte theoretische Erwägung ist klar, aber hatte sie mehr Aussicht auf Verwirklichung als die Aussicht auf die mögliche Verwirklichung der internationalen (statt nationalen) Solidarisierung des Proletariats am Vorabend des Ersten Weltkriegs? Es reichte ja nicht aus, eine abstrakt-normative Vorgabe anzubieten, die es mit der realen nationalistischen Ideologisierung der Arbeiter offenbar nicht aufnehmen konnte. Das falsche Bewusstsein siegte. Im Fall der Juden hatte man es überhaupt mit einem anderen Problem zu tun: Für die Antisemiten waren sie alle gleich, aber unter sich waren sie so heterogen wie andere Kollektive auch. Nicht alle Juden waren Sozialisten; viele waren Kapitalisten. Nicht alle Juden waren säkular; viele existierten noch in religiösen Lebenswelten. Nicht alle Juden waren nationalistisch; aber viele waren es in ihren jeweiligen Residenzgesellschaften. So besehen, waren auch sehr viele Juden ganz und gar nicht für den Klassenkampf zu haben, schon aus Gründen ihrer Klassenzugehörigkeit nicht. Und was noch hinzukommt: Selbst ein Mann wie Moses Hess, ein gestandener Sozialist im 19. Jahrhundert, war der Auffassung, dass das „jüdische Problem“ sich einzig national lösen lasse. Das war ja, was der Zionismus den Juden versprach: ein Leben in Frieden und Sicherheit. Und das ist eben genau das Versprechen, das er nicht eingelöst hat – bis zum heutigen Tag nicht.
        
In Ihrem Plädoyer für eine Zwei-Staaten-Lösung des Nahostkonfliktes der Gegenwart schreiben Sie, „man kann geschichtliche Phasen nicht einfach überspringen, mithin muss man in Kauf nehmen, dass sowohl Israelis als auch Palästinenser die Prozesse ihrer je eigenen nationalen Bildungen erst durchlaufen müssen, ehe sie sich föderativ, konföderativ, bi- oder vielleicht auch übernational zusammenschließen können“. Stimmen Sie nachträglich mit Moses Hess überein, oder beziehen Sie diese Position, weil der Zionismus sich nun einmal – wenn auch schlecht – realisiert hat, nicht revidierbar ist und man da jetzt wohl oder übel durch muss, damit das jüdische und palästinensische Kollektiv irgendwann das Licht am Ende des Tunnels zu sehen bekommt?

Mit Moses Hess hat meine Einstellung zur Zwei-Staaten-Lösung nur indirekt etwas zu tun. Ich glaube eher, dass das mit dem Nun-mal-so-Verlaufenen zu tun hat. Der Zionismus hat sich in der Tat realisiert – schlecht realisiert, wie ich meine. Er hat dabei auch die nationale Identitätsbildung der Palästinenser geschärft, und das sind nun die objektiven Gegebenheiten. Ich bin nicht der Meinung, dass man den Nationalismus wollen muss, aber wenn er sich erst einmal gebildet hat, ist er nicht einfach ablegbar. Denn er bringt ja nicht nur eine Ideologie mit sich, sondern prägt Lebenswelten, Lebensentwürfe und Hoffnungen. Für die meisten Menschen erscheint er wie „zweite Natur“, sie können sich ein Leben ohne Staat und Staatsangehörigkeit gar nicht vorstellen. Dass die ideologisiert wird und zum Fetisch gerinnen mag, ist das eine, das andere ist aber, dass die meisten Menschen diesen Schein für ihr wahres Sein nehmen. In diesem Sinne meine ich, die historische Phasen müssen durchlaufen und ausgelebt werden, ehe man sich gegen das Falsche, das ihnen zugrunde liegt, stemmen kann.  

Mit dem Zionismus ist auch ein neuer Jude auf die Welt gekommen: Der „Muskeljude“ – wie der Mitgründer der Zionistischen Weltorganisation Max Nordau ihn nannte –, die Antithese zum alten intellektuellen „Nervenjuden“ und „Talmudjuden“. „Der Pionier, der mit einem Arm den Pflug führt und auf der Schulter des anderen das Gewehr trägt, gerann zum ikonischen Bild des ,Neuen Juden‘, der – über die reale Notwenigkeit zu arbeiten, den Boden zu bearbeiten und sich vor Feinden in seiner neuen Lebensrealität in Palästina zu wehren, hinaus – vor allem die Abwendung von der diasporischen Wirklichkeit, deren Negation und Liquidierung die Zionisten glorifizierte, symbolisierte“, beschreiben Sie diesen starken Juden. In einem ihrer früheren Bücher, Zweierlei Holocaust, haben Sie auf eine bemerkenswerte Aussage des Philosophen Max Horkheimer hingewiesen, in der er dem diasporischen Judentum eine „unendliche Zartheit“ bescheinigte und als seine herausragende historische Kontinuität, die „Weigerung, Gewalt als Argument der Wahrheit anzuerkennen“ nannte. Nun verkörpert nicht nur der „Muskeljude“, sondern auch die Politik des von ihm und für ihn geschaffenen Staates mit seinem Besatzungsregime das Gegenteil. Erst forcierte der Zionismus den Abschied von der Idee, eine Welt zu erkämpfen, in der Juden überall leben können, ohne dass sie Angst haben müssen, verschieden zu sein, dann veranlasste er den Exodus der Juden nach Vorderasien, diskreditierte den „zarten“ Juden, der mit dem gesprochenen und geschriebenen Wort, mit der Waffe der Kritik kämpft und sich lieber mit leisen Tönen ausdrückt als mit Kanonendonner. Damit lässt der Zionismus nicht nur das Objekt antisemitischer Hetze Nummer eins verschwinden, sondern auch ein Stück Hoffnung fahren, dass Juden eines Tages ohne die Anpassung durch Assimilation und ohne Rückzug aus den Residenzgesellschaften in einem Zustand des So-Seins-wie-sie-sind einfach in Sicherheit Juden sein können. Auch wenn in einer missratenen Zivilisation die Waffe der Kritik die Kritik der Waffen nicht ersetzten kann und die Geburt des „Muskeljuden“ wohl überlebensnotwendig wurde: Enthält der Zionismus nicht auch ein Moment der Regression und Resignation? Er hat doch die Weigerung, Gewalt als Argument anzuerkennen, faktisch revidiert. Mittlerweile benutzt er Gewalt sogar als Hauptargument.

Ja, genau das ist eingetreten, was freilich nicht zu verwundern ist. Horkheimer konnte noch den gewaltfreien diasporischen Juden als ein Positivum preisen; der zionistische Jude, insofern er überhaupt etwas von Horkheimer wusste, konnte nur Hohn für ihn empfinden. Galt doch dem Zionismus alles Diasporische als ein zu überwindendes Negatives. Besonders nach der Shoah sah sich der Zionismus zudem in dieser seiner Grundauffassung bestärkt, und das ist es auch, was er seinen Zöglingen in Israel mit allen ihm zur Verfügung stehenden Institutionen eintrichterte. Das Gefühl der Stärke und der Überlegenheit erfüllte, so besehen, eine historisch-kompensatorische Funktion. Das heißt, bei der von Ihnen beschriebenen Metamorphose des Juden-Ideals kamen Geschichte, Ideologie und Sozialpsychologie zusammen – und zwar so miteinander verbandelt, dass das von Horkheimer gepriesene Ideal des diasporischen Juden selbst als diasporisches Residuum verlacht wurde. Der Durchschnittsisraeli heute – bereits geprägt durch periodisch wiederkehrende Gewaltausbrüche und brutalste Gewaltanwendung seiner Armee und bewaffneter Siedler – weiß gar nichts mehr mit diesem Ideal des diasporischen Juden anzufangen. Da hat der Zionismus als Ideologie und die Praxis des zionistischen Staates in der Tat gründliche Arbeit verrichtet.
   
Horkheimers Juden-Ideal war freilich marxistisch geprägt. „Sein“ Jude war mit dem befreiten Menschen identisch, der den Kapitalismus überwunden hat, selbstbewusst in die Geschichte eintritt und sie ohne Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung gestaltet. Der „Muskeljude“ hingegen ist ein Bürger in Uniform. Auch wenn es einst bedeutende sozialistische Strömungen in der zionistischen Bewegung gab – der Zionismus ist nicht zuletzt eine Form bürgerlicher Herrschaft. Israel heute gehört zu den im westlichen Machtblock integrierten Staaten, deren Wirtschaft und politische Kultur bis in den hintersten Winkel vom Neoliberalismus durchdrungen sind. Benjamin Netanjahu und seine Koalitionspartner sind Jünger Milton Friedmans und dessen sozialdarwinistischer Weltanschauung. Eine Fetischisierung der Waffengewalt kennzeichnet zunehmend die israelische Gesellschaft.  Mausert sich Ihr Land zu einem Role Model für die internationale Rechte und autoritären Staat?

Das kann ich nicht beurteilen. Ich glaube nicht, dass Israel von irgendeiner Bewegung auf der Welt zum realen politischen Role Model erhoben wird. Warum sollte man sich gerade an einem Land, das sich dermaßen vergaloppiert hat, orientieren wollen? Umgekehrt würde ich aber sagen, dass Israel mit all seinen autoritären Tendenzen und Institutionen sich derzeit nahtlos in die internationale Rechte einfügt – und damit einmal mehr die Ursprungsvisionen des Zionismus verrät.

Sie sprechen von einer vorwiegend von zionistischen Israelis praktizierten „Abwehr“ einer  zweifachen Schuld: Des ideologischen „,Vatermords‘ an der halachisch-diasporischen Judenheit“ sowie der Staatsgründung auf einem Land, für die weit über eine halbe Million Menschen gewaltsam vertrieben wurden, die zulasten anderer Kollektive: der Palästinenser und der orthodoxen Juden. Welche Elemente der zionistischen Ideologie verleiten die Mehrheit der jüdischen Israelis immer wieder dazu, um sich zu schlagen, statt sich rational mit ihrer historischen Schuld auseinander- und mit den Nachbarn, die bereit sind, für den Preis der Gründung eines lebensfähigen palästinensischen Staates einen dauerhaften Frieden zu machen, zusammenzusetzen?   
 
Man könnte gleich mehrere Elemente in diesem Zusammenhang aufzählen. Da der Zionismus sich, wie bereits vorhin erläutert, von Anbeginn als expansiv in seinem Wesen auszeichnete, war der Territorialkonflikt gleichsam auch von Anbeginn in seine Genese mit eingeschrieben. Er war daher auch zwangsläufig kolonialistisch, zumal er sich als ein europäisches Projekt im Nahen Osten etablierte, was nicht zuletzt damit zusammenhing, dass man Tradition (und Kontinuität seit biblischen Zeiten) als Kohäsionsfaktor zur Zusammenschweißung des Kollektivs einsetzte. Weil sich der Zionismus als Reaktion auf Negatives heranbildete (Antisemitismus, feindliches Umfeld, Sicherheitsprobleme), entwickelte er auch eine paranoide Mentalität der Selbstviktimisierung, die ihn blind machte für alles Leid, das er selbst erzeugte. Es ist bemerkenswert, wie er sich stets zur Gewalt gezwungen wähnte, ohne mit zu bedenken, wie er selbst die Voraussetzungen für das schuf, was er als den auf ihn ausgeübten Zwang ansah. Je stärker Israel militärisch war, desto stärker meinte es, „Opfer“ werden zu sollen. Je deutlicher es sich (als ein „europäisches“ Land) von seinem geopolitischen Umfeld absetzte, desto larmoyanter beklagte es, von diesem Umfeld angefeindet zu sein. Die Schuldabwehr führte Israel immer wieder zu Taten, die es zu verleugnen bzw. ideologisch zu rationalisieren galt. So kam es, dass man immer wieder sich rühmte, den Frieden anzustreben, ohne diesen je wirklich gewollt zu haben. Und ein weiteres kommt hinzu: Der Zionismus, der sich von der Religion als Matrix seiner raison d‘etre loslösen wollte, entfaltete subkutan seine gesamte Geschichte hindurch jenes Muster, das nunmehr zutage getreten ist – die Religion als Träger seines Selbstverständnisses, die damit einhergehende Regression ins Vormoderne, welche sich zunehmend mit Gewalt und Expansionsbestrebungen koppelt.

Die Rückbindung des Zionismus ausgerechnet an das, was er historisch zu überwinden propagiert hatte, hat ein Phänomen hervorgebracht, das sich, wie Sie sagen, an der „Quadratur des Kreises“, einer Synthese aus der jüdischen Orthodoxie und säkularen Nationalstaatsideologie, versucht: Die Nationalreligiösen – größtenteils gewaltbereite Fanatiker, die sich zunehmend als kongeniale Hass-Partner der Islamisten auf der verfeindeten arabischen Seite erweisen. Unter welchen historischen Umständen ist diese Bewegung entstanden, und welchen Einfluss hat sie auf die Politik und Kultur Israels?

Entstanden ist diese Bewegung eben aus dem Versuch, die Orthodoxie mit dem Zionismus versöhnend zu koppeln. Dabei spielten reale wie ideologische Faktoren eine Rolle. Denn zum einen brauchte der Zionismus eine gemeinsame Grundlage für alle in der Welt verstreuten Juden; wenn diese nicht aus dem Negativen der Judenfeindlichkeit geschöpft werden sollte,  bot sich hierfür einzig die Religion, die der im Wesen säkulare Zionismus daher durch die Hintertür wieder in seine Ideologie einschleuste. Man sollte nicht außer Acht lassen, dass es religiöse Strömungen gab, die ihre Zionssehnsucht erfüllt sehen wollten, wofür sich dann der Anschluss an den politischen Zionismus wie von selbst anbot. Das war aber ganz und gar nicht einfach, denn die Orthodoxie sah den Zionismus als ein dermaßen arges Vergehen gegen das traditionelle Religionsjudentum, dass sie (in einigen ihrer Strömungen) sogar bereit war, die Heraufkunft des Zionismus als eine der Sünden anzusehen, für die Gott das jüdische Volk mit dem Holocaust bestraft hat. Aber die nationalreligiöse Bewegung war ursprünglich eine moderate Bewegung, die sich an der Seite der historischen Arbeitspartei stets als koalitionsbeflissen erwies. Erst mit der Eroberung des Westjordanlandes im 1967er-Krieg radikalisierte sich die Partei bzw. ihre außerparlamentarische Jugendbewegung, die sich messianisch fanatisierte. Sie sah das eroberte Land als das Land der Urväter an und begann ab Mitte der 1970er-Jahre mit dem Siedlungswerk, welches dann unter Sharons Ägide die monströsen Ausmaße annahm, die es heute hat. Die Siedler bilden in Israel mittlerweile eine Art Staat im Staat; sie sind immens mächtig und üben – nicht zuletzt mit Naftali Bennetts Partei Jüdisches Heim  – einen verhängnisvoll gewichtigen Einfluss auf Israels Politik, zumal sich die rechten Parteien Israels dem Grundgedanken des expansiven Siedlertums ideologisch verschwistert wissen.

Das Jahr 1967 taucht in vielen Ihrer Reflexionen über die Ursachen des perspektivischen Scheiterns des Zionismus auf. Kann man es als den großen Knick in der Geschichte Israels sehen – einen Wendepunkt, nach dem die emanzipativen und (selbst-)kritischen Strömungen abstarben und sich das ungehindert Bahn brach, was Sie als „vor selbstgewisser Arroganz der Stärke strotzenden Militarismus“ beschreiben?

Ja, ich glaube in der Tat, dass 1967 einen Wendepunkt darstellt – nicht nur, weil es die Voraussetzung für die Unsäglichkeit des bald 50 Jahre währenden Okkupationsregimes geschaffen, sondern weil es den Startschuss für den bald darauf sich manifestierenden messianischen Siedlerfundamentalismus gegeben hat. Es gibt Leute, die das Problem als ein a priori dem Zionismus inhärentes betrachten; andere meinen, dass 1948, also das Jahr des Unabhängigkeitskrieges, der mit der palästinensischen Nakba einherging, den Wende- bzw. den Ausgangspunkt darstellt. Aber ich glaube, 1967 hat in dieser Hinsicht in der Tat eine eigene Qualität der Repressionsfreudigkeit im Zionismus generiert. Das steht nicht im Gegensatz zu den anderen Behauptungen, sondern muss als deren historische Steigerung verstanden werden.

Gilt das auch für das Ideologem, das Sie als „Larmoyanz des bestohlenen Kosaken“ bezeichnen? Ist es ein relevanter Matrix-Bestandteil des Zionismus, oder hat es sich erst durch das Okkupationsregime entwickelt?

Es kommt drauf an, welche Form der Larmoyanz man zum Ausgangspunkt nimmt. Geht man davon aus, dass das ideologische Diktum des Zionismus, demzufolge ein Volk ohne Land in ein Land ohne Volk kam, die Matrix der Kolonisierung des Landes formulierte, dann hatte die zur Ideologie erhobene Selbstvergewisserung, dass man den richtigen Weg beschritten hatte, etwas von Larmoyanz – namentlich dann, wenn man diesen Weg mit dem historischen Verfolgtsein rechtfertigen zu sollen meinte. Aber das nimmt sich noch relativ nachvollziehbar aus gemessen an der Unverfrorenheit, mit der man sich über den palästinensischen Widerstand (als Terror) vor sich selbst und vor der Weltöffentlichkeit beklagt, wo man an den Palästinensern ein historisches Unrecht begangen hat und seit 1967 an ihnen das brutale Okkupationsregime verbricht. Da ist schon eine Dreistigkeit von anderer Qualität am Werk.

Das letzte Kapitel Ihres Buches widmen Sie der Kategorie des Willens und kommen zu dem Schluss: „Israel will den Frieden nicht. Es kann ihn nicht wollen, weil ein realer Frieden Israel den Abschied von einem tief eingefrästen Muster seines Selbstverständnisses, die Auflösung der Matrix seines ideologischen Selbstbildes abfordern würde.“ Dazu fällt mir eine eindringliche Passage aus einer Vorlesung von Adorno ein: „Ich meine“, sagte er, „dass man überhaupt nicht einen richtigen Gedanken denken kann, wenn man nicht das Richtige will; das heißt, wenn nicht hinter diesem Gedanken, als die eigentliche ihn beseelende Kraft, das steht, dass es richtig sein soll, dass es mit dem Menschen in einen Zustand kommen soll, in dem das sinnlose Leid aufhört.“ Vielleicht ist das die Misere des Zionismus? Er war eben nie eine revolutionäre Bewegung; er wollte nur Bürgerrechte für ein ganz bestimmtes Kollektiv – die Befreiung der Menschheit hat ihn nie interessiert.

Das könnte man so sehen, wenn man den Begriff des Revolutionären verabsolutiert. Aber eine solche Vorstellung des Revolutionären gab es nur bei den am Marxismus geschulten Sozialisten und Kommunisten; sie waren universalistisch ausgerichtet, sprachen von der Befreiung des Menschen, aller Menschen, also der gesamten Menschheit. Der Zionismus hing nie einer solchen Vorstellung von Emanzipation an – er war immer schon partikular eingestellt (Autoemanzipation des jüdischen Volkes), in seinem Wesen reaktiv (der europäische Antisemitismus prägte ihn) und hätte sich nie einfallen lassen, die Welt revolutionieren zu wollen. Diejenigen unter den Juden, die einem solchen Ziel anhingen – und es gab viele solcher Juden –, wurden eben keine Zionisten, sondern Sozialisten.

Der Versuch, Zionismus mit Sozialismus zu verbinden, ein Versuch, von dem wichtige Strömungen in den Anfängen des Zionismus beseelt waren, artete letztlich zur Dominanz des Zionismus über den Sozialismus bzw. des partikularen Nationalstaatsgedankens über die sozialistische Emanzipation aus. Revolutionär war der Zionismus einzig in den partikularen Belangen des jüdischen Volkes, eben in seinem Bestreben, die Diaspora zu negieren, um einen Judenstaat zu errichten. Das war ohne Zweifel ein Umbruch im Dasein der Juden. Aber was der Zionismus versprach, ein Leben von Juden in Frieden und Sicherheit, hat er nicht eingehalten. Warum er es nicht eingehalten hat, warum er es letztlich nicht einhalten wollte, versuche ich ja in meinem Buch zu ergründen.

Zum Frieden-Machen gehören bekanntlich immer mindestens zwei. Wenn Israel – der Protagonist im Nahost-Konflikt, ohne den nichts geht – nicht will: Wie kann es dann jemals zu einer gerechten Friedenslösung kommen? Kann es überhaupt noch?

Ob es noch kann, bezweifeln immer mehr Leute. Dafür ist durch das Okkupationsregime bereits zu viel verbaut worden. Und doch sage ich, dass nichts unmöglich ist. Denn der nicht vorhandene Wille könnte sich ja noch einstellen, wenn genügend Menschen in Israel sich bewusst machen, dass, wenn kein Frieden erreicht wird, das zionistische Projekt sich historisch überlebt haben wird. Die Leute streben ja nicht das Ende des Zionismus an, sondern befinden sich einfach in einer Struktur, die sie objektiv zu diesem Ende führt. Sollten sie sich dessen bewusst werden, könnte es auch einen Ruck in Richtung Frieden geben, und sei‘s, um den zionistischen Staat zu retten. Ob es dazu kommen wird, muss man abwarten. Momentan sieht‘s in jeglicher Hinsicht düster aus.

Gestatten Sie mir zum Ende unseres Gesprächs bitte eine persönliche Frage: Als junger Mann waren Sie Zionist. Heute sind Sie zwar kein Antizionist, haben sich jedoch schon vor langer Zeit vollständig vom Zionismus abgewendet. Sie setzen sich aber bis heute sehr intensiv mit dem Zionismus ideologiekritisch auseinander. Warum? Spüren Sie manchmal noch so etwas wie einen Phantomschmerz?  

Die Idee des Phantomschmerzes gefällt mir. Nur jemand, der mal Zionist war oder es noch ist, kann das Ende dieses historischen Projekts betrauern. Da mag etwas dran sein. Aber was mich heute umtreibt, ist eigentlich eher die zunehmende Faschisierung des Landes, in dem ich lebe, die Hinnahme seiner Entwicklung zu einem offiziellen Apartheidstaat, sein Alltagsrassismus und die Blindheit eines Großteils der israelischen Bevölkerung. Persönlich habe ich nichts gegen einen binationalen Staat (obgleich ich weiß, dass ihn gegenwärtig keine der Seiten will) bzw. gegen eine israelisch-palästinensische Konföderation oder gar Föderation. Aber meine Präferenzen spielen hier keine Rolle. Man muss realistisch bleiben, und wenn man realistisch den Frieden anpeilt, muss er in der gegenwärtigen historischen Phase durch sie Zwei-Staaten-Lösung gehen.

Herzlichen Dank, Herr Zuckermann