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Montag, 27. Juni 2016  

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Über den 11. September, politische Macht und die Kraft der Poesie

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Ein Gespräch mit Peter Dale Scott – Teil II. 

Der gebürtige Kanadier P.D. Scott hatte bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1994 eine Anglistikprofessur an der Universität Berkeley inne. Darüber hinaus arbeitete er für den kanadischen diplomatischen Dienst, veröffentlichte als Politikwissenschaftler – seiner zweiten Profession -  eine Reihe bemerkenswerter Studien, vor allem zur jüngeren amerikanischen Geschichte seit 1945: Indochina, der Kennedy-Mord, die Watergate- und Iran-Contra-Affäre, US-amerikanische Interventionen in Mittel- und Südamerika u.v.a. Außerdem machte er sich als Lyriker einen Namen. Seine Gedichte stehen meist in Beziehung zu seinen politischen Themen.

HINTERGRUND: Eine der Hauptfragen, die Sie Ihrem jüngsten Buch „The Road to 911“ aufgeworfen haben, beschäftigt sich mit dem möglichen Aufenthaltsort des Vizepräsidenten Dick Cheney am Morgen des 11.9.2001

Peter Dale Scott: Wenn Sie über Dick Cheney reden wollen, gerne! Auch in diesem Fall ist es mir wichtig, mich der Vergangenheit zuzuwenden. Eines der wichtigsten Dinge, die am 11.9.2001 passiert sind, war, dass an einem Zeitpunkt vor 11:00 Uhr das „Continuity of Government“ (Anm. d. Red. ein Programm zur Aufrechterhaltung der Regierung im Falle des Notstandes) aktiviert worden ist. Nun, Sie werden sich sicherlich fragen, was das für ein Programm ist. Auf der einen Seite hat dieses Gesetzeswerk unser Leben seither tief greifend verändert. Auf der anderen Seite wissen wir immer noch sehr wenig über diese Planungen. Was wir heute über „Continuity of Government“ wissen, stammt überwiegend aus den 1980er Jahren, als Cheney und Rumsfeld dabei geholfen haben, dieses Programm für die Fortsetzung der Regierung im Falle des Notstandes zu entwerfen. Bemerkenswert ist, dass zu dem damaligen Zeitpunkt Rumsfeld noch gar nicht in der Regierung tätig war. Und Cheney war damals lediglich ein Kongressabgeordneter niedrigen Ranges aus Wyoming. Nichtsdestotrotz waren alle beide auf allerhöchste Ebene mit den Planungen für das COG (Continuity of Government) betraut. Und bereits zum damaligen Zeitpunkt umfassten diese Planungen die Suspendierung der amerikanischen Verfassung. Wir besitzen einige öffentliche Äußerungen, die bekräftigen, dass sich dies wirklich ereignet hat. Als nämlich der Kongressabgeordnete Jack Brooks versucht hat, bei den Iran-Contra Anhörungen Olivier North zu fragen, wer eigentlich der leitende Verwaltungsbeamte dieser Planung gewesen sei, da fragte er: „Ist es wahr, dass Sie die Suspendierung der amerikanischen Verfassung planen?“ Und die Antwort von Senator Daniel Inouye, der nebenbei bemerkt ein Demokrat war und damals den Vorsitz des Sonderausschusses des Senats zu dem Iran-Contra Fall innehatte, (...) war: „Wir können dies nicht in einer öffentlichen Sitzung diskutieren. Nur in einem ausgewählten Kreis ließe sich darüber sprechen.“ Es war also eine Art von Bestätigung, dass Dinge dieser Tragweite wirklich vor sich gingen.

HINTERGRUND: Im Mai dieses Jahres erschien im US-amerikanischen Radar-Magazin ein Report von Christopher Ketcham unter dem Titel: „The Last Roundup“ (Die letzte Säuberung). Der Artikel beschreibt ausführlich alle Maßnahmen, die bei der vollständigen Aktivierung des „Continuity of Government Programms“ zu erwarten wären und die auch nach Ketchams Recherche auf eine Außerkraftsetzung der Verfassung hinauslaufen würden. Der Autor schreibt davon, dass zurzeit zwei Listen in der „Homeland Security Agency“ (Heimatschutzbehörde) existieren. Auf der ersten Liste sind mehr als 700.000 Amerikaner verzeichnet, von denen vermutet wird, es handle sich bei ihnen um Terroristen. Und dann soll es noch eine zweite Liste geben, auf der 8 Millionen Bürger aufgelistet sind. Diese stehen unter dem Verdacht, möglicherweise den US-amerikanischen Interessen im Wege zu stehen oder die nationale Sicherheit zu gefährden.

Peter Dale Scott: Die erste Liste, von der Sie sprechen, enthält nicht nur mutmaßliche Terroristen. Sie schließt außerdem Leute mit ein, die beschuldigt werden, den Terrorismus zu unterstützen. Man findet ähnliche Listen im Internet. Ich selbst werde in einer von ihnen als Unterstützer des Terrorismus aufgeführt. Es ist aber keine neue Entwicklung, wie Sie vermutet haben oder wie viele Menschen denken mögen. Es würde mich wirklich wundern, wenn es seit dem Zweiten Weltkrieg irgendeine Zeit gegeben hätte, in der nicht solche Listen erstellt wurden. Die Größe und der Umfang dieser Listen mag zu- und abgenommen haben. Aber Listen hat es immer gegeben. Sie hatten auch solche Listen während des Vietnamkrieges und der CIA wurde illegal damit beauftragt, solche Listen zu erstellen und auch die Militärgeheimdienste haben in großem Umfang solche Listen produziert. Senator Irving hat zu diesem Thema Anhörungen in die Wege geleitet und die Geheimdienste haben zugestimmt, die vorhandenen Listen zu vernichten. Doch was mich in diesem Fall misstrauisch macht, ist, dass die Listen nur auf Computern der Geheimdienste zerstört wurden. Es ist daher nicht auszuschließen, dass sie vorher die Daten auf andere Computer überspielt haben. Das Grundproblem im Zusammenhang mit solchen Listen ist nicht, dass es sie gibt. Das Grundproblem ist, dass die Leute, die sie anfertigen und verwalten, im Halbdunkeln arbeiten. Diese Personen werden einfach nicht  durch die Öffentlichkeit kontrolliert. Das führt dazu, dass sie sich daran gewöhnen, bis zur äußersten Begrenzung ihrer Macht zu handeln. Die Erstellung der Listen ist also keine wirkliche Neuerung. Was jedoch neu ist – und hier spielt der eben schon erwähnte „Continuity of Government Plan“ eine bedeutende Rolle – dass sie jetzt die Vollmacht haben, die Menschen ständig zu überwachen. Sie haben die Vollmacht, sie an einem unbekannten Ort festzusetzen, ohne jeglichen Rechtsschutz. Und diese Entwicklung ist auf die Aktivierung von COG am 11.9.2001 zurückzuführen, da bin ich sicher. Ebenso die Entfernung von Habeus Corpus aus dem Gesetz. Dies sind die eigentlich dramatischen Änderungen.

HINTERGRUND: Der „Habeus Corpus Amendment Act“ aus dem Jahre 1679 ist einer der ältesten und fundamentalsten Rechtsgrundsätze der angloamerikanischen Justiz. Er schränkt die Macht des Souveräns ein, über die Körper seiner Untertanen beliebig zu verfügen. Aber wurde Habeus Corpus nicht nur geschwächt? Kann man wirklich sagen, es wurde vollständig aus dem Gesetz entfernt?

Peter Dale Scott: Sehen Sie, der Minister Gonzalez hat über Habeus Corpus im Kongress erklärt: „Ich bin nicht sicher, ob die Verfassung Habeus Corpus garantiert.“ Das ist wahr, denn wenn er öffentlich über Bedingungen diskutiert, in deren Fall das Recht auf ‚Habeus Corpus’ entzogen werden kann, dann spricht er faktisch davon, dass es nicht ständig existiert. Das Recht auf ‚Habeus Corpus’ kann nicht nur unter bestimmten Bedingungen bestehen. Entweder es existiert ganz oder es ist nicht wirklich in Kraft. Wir sollten Gonzalez Bemerkung allerdings auch nicht überbewerten. Denn er ist ja nicht derjenige, der die Entscheidungen fällt. Er ist nur ein Bevollmächtigter und er folgt den Anweisungen Cheneys. Es ist letztlich die kollektive politische Geisteslage, die all diese Entwicklungen möglich macht. Und diese Mentalität gilt es zu durchbrechen.

HINTERGRUND: Lassen Sie uns zu Ihrer These zurückkehren, dass Cheney und Rumsfeld an der Aktivierung von „Continuity of Government“ am 11. September 2001 beteiligt waren. Welche Indizien haben Sie dafür?

Peter Dale Scott: Es ist ein sehr bemerkenswerter Zufall – und ich bin mir sicher, dass es  mehr als nur ein Zufall ist – dass Cheney und Rumsfeld während der gesamten neunziger Jahre fortfuhren, an diesen Planungen zu arbeiten. Dies ist umso bemerkenswerter, da keiner von ihnen zum damaligen Zeitpunkt in der Regierung war. Erst im Jahre 2001 waren sie dann an der Regierung und just in diesem Jahr widerfuhr uns der 11. September. Doch wenden wir uns dem Tag selbst zu. Am 11.9.2001 haben wir eine Periode von ungefähr 20 Minuten, in denen wir nicht wissen, wo Cheney ist. Der 9/11 Commission Report sagt, er habe den Bunker unter dem Weißen Haus noch nicht erreicht, den wir auch das PEOC (President’s Emergency Operations Center – Operationszentrum des Präsidenten für den Notfall) nennen.  Rumsfeld wird übrigens auch vermisst. Und selbst im Falle Präsident Bushs gibt es während der Ankunft eine zehnminütige Pause, in der wir nicht wissen, was er tut. Und da wir ja wissen, dass an diesem Tag vor 11 Uhr die  „Continuity of Government“ Pläne aktiviert worden sind und da hierfür nur ein sehr kleiner Kreis von Regierungsmitgliedern die Befugnis hatte, vermute ich, dass dies in diesen zehn kritischen Minuten geschehen sein könnte. Dass in diesen zehn Minuten Cheney und Rumsfeld die Maßnahmen aktivierten, an deren Planung sie über 20 Jahre lang gearbeitet hatten.

HINTERGRUND: Sie schließen also von der bloßen Abwesenheit der drei wichtigsten Personen der Regierung gleich darauf, was sie taten?

Peter Dale Scott: Jedenfalls hat die Frage, wo Cheney eigentlich gewesen ist, eine enorm große Bedeutung. Denn seine erste Äußerung zu dieser Frage steht im Widerspruch zu einer späteren. Wir wissen also nicht, wo er wirklich war. Ich denke, er hatte beim ersten Mal die Wahrheit gesagt. Seine erste Äußerung lautet, dass er im Bunker unter dem Weißen Haus angekommen sei, bevor das Pentagon getroffen wurde. Das muss dann ungefähr vor 9:37 Uhr gewesen sein. Dann hat er allerdings ein zweites Interview gegeben, indem er gesagt hat, er wäre erst um 9:58 Uhr im Bunker angekommen. Nun die Eintragungen sagen, er sei tatsächlich erst um 9:58 Uhr im Bunker angekommen. Aber ich denke, selbst wenn der 9/11 Commission Report, der sich auf diese Eintragung stützt, recht hat, so hat Cheney dennoch eine lange Zeit im Tunnel verbracht, der vom Weißen Haus zum Bunker führt. Und der Grund, warum er dies möglicherweise getan hat, ist wahrscheinlich der, dass er wusste, dass es dort sichere Telefone gab. Er wollte Dinge diskutieren, die selbst das Personal im Bunker nicht berechtigt war zu hören. Dies könnten die „Continuity of Government“ Pläne gewesen sein, die über ein ganz eigenes System von Zugangsberechtigungen verfügen.

HINTERGRUND: Das ist aber zunächst nichts anderes als ein Mutmaßung. Ein Beweis sieht anders aus.

Peter Dale Scott: Ja, eine Mutmaßung. Allerdings eine begründete Mutmaßung. Denn der Vorsitzende der 9/11 Commission war nicht in der Lage die Unterlagen zu finden, auf denen der Abschussbefehl für Flugzeuge am 11.9.2001 dokumentiert ist. Und sie sagten damals, vielleicht waren die Telefonleitungen in dieser Hinsicht mangelhaft. Ich denke, dieser Befehl ist möglicherweise deshalb nicht dokumentiert worden, weil er über eine andere Telefonleitung erteilt wurde. Und die beste Möglichkeit, dies herauszufinden, wäre, alle Aufnahmen der Kommunikationsbehörde des Weißen Hauses bezüglich aller existierenden Telefonleitungen auszuwerten. In meinem jüngsten Buch habe ich eine ganze Liste solcher Fragen, die ein neuer Kongress der Regierung stellen sollte. Und deshalb sollten diese Fragen Gegenstand einer neuen unabhängigen Untersuchung des 11. September werden.

HINTERGRUND: Nun könnte jemand einwenden, dass es wegen dieser offenen Fragen nicht extra einer neuen Untersuchung bedürfe. Warum halten Sie eine neue, unabhängige Untersuchung für so wichtig?

Peter Dale Scott: Weil sich unser politisches System seit diesem 11. September 2001 so sehr verändert hat. Lassen Sie mich ein Beispiel anführen. Diese Veränderung wurde sehr greifbar, als im Herbst 2007 der Vorsitzende des Kongresses, Peter DeFazio, danach fragte, den geheimen Anhang zu Präsident Bushs NSPD 51, (einer Verordnung im Zusammenhang zu den „Continuity of Government“ Plänen) einsehen zu dürfen. Und man sagte ihm, er könne sie nicht sehen, denn ihm fehle die Genehmigung für die betreffende Geheimhaltungsstufe. Und daraufhin wurde dem gesamten Komitee in einem Anschreiben mitgeteilt, sie könnten ebenfalls nicht den Anhang zu diesem Gesetzestext einsehen, denn auch sie hätten die betreffende Berechtigung nicht. Dies ist für mich ein deutliches Zeichen, dass der „Deep State“ bis zu einem neuen Level expandiert ist. Hier sind Pläne, die unter dem Verdacht stehen, das Außerkraftsetzen der Verfassung zu beinhalten. Aber faktisch setzen sie die Rolle des Kongresses bereits jetzt außer Kraft, indem sie sagen: „Du Kongress möchtest die Anhänge zu diesen Verordnungen sehen? Wir aber sagen Dir, dass Du dies nicht kannst, denn Dir fehlt die Berechtigung.“ Dies sollte eine Verfassungskrise auslösen. Der Kongress reagiert aber überhaupt nicht und das ist der Grund, warum ich denke, dass wir bereits in die neue Ära eingetreten sind. Eine Ära, in der eine einzige dominante Mentalität nicht nur beide politische Parteien kontrolliert, sondern auch die Exekutive.

HINTERGRUND: Das bedeutet de facto das Ende der Demokratie. Aber führt das nicht zumindest in der Außenwirkung zu einer immer stärkeren Ablehnung der US-Politik? Kann sich diese Politik nicht sogar als strategischer Fehler erweisen, weil sie möglicherweise die Beziehungen zu Ländern der übrigen Welt erschwert?

Peter Dale Scott: Im Moment bestimmen wirklich einige sehr dumme Menschen unsere Außenpolitik. Theoretisch könnten wir ein Goldenes Zeitalter haben, in dem die klugen und zivilisierten Amerikaner Verhandlungen aufnähmen mit den klugen und zivilisierten Chinesen und den klugen und zivilisierten Russen, aber wir haben zurzeit keine klugen Amerikaner. Natürlich gibt es einsichtsvolle Amerikaner in diesem Land, aber sie sind nicht an der Macht. Ich würde sagen, die Menschen an der Macht haben auf erschreckende Weise ihre Dummheit unter Beweis gestellt, als sie sich entschlossen haben, eine Invasion im Irak zu beginnen. Jeder, der halbwegs sachkundig war, wusste damals, was passieren würde. Ich denke, die Idee, dass man drei Jahrhunderte des römischen Friedens unter US-amerikanischer Herrschaft haben könnte, versäumte zu berücksichtigen, dass es noch andere Mächte in der Welt gibt. Und entweder leben wir mit ihnen auf rationale und friedliche Weise zusammen oder aber wir fahren einfach damit fort, unsere militärische Macht zu demonstrieren. Sie kennen sicherlich den Theoretiker Samuel Huntington. Ich glaube, dass er in periodisch wiederkehrenden Zyklen einen äußerst schädlichen Einfluss auf die US-amerikanische Politik genommen hat. Sein jüngster Beitrag war seine Theorie vom Zusammenstoß der Zivilisationen. Seine Ideen haben immer noch einige Unterstützer in Washington. Meine Position zu dieser These ist, dass Zivilisationen nicht zusammenstoßen. Was zusammenstößt, sind in Wirklichkeit Barbarisationen. Wenn wir eine zivilisierte Regierung in Washington hätten, so würde sie mit Sicherheit nicht diesen Krieg gegen den Terror führen. Stattdessen würden sie sich mit sozialen Problemen im Nahen Osten befassen, die gewissermaßen den Nährboden für die populäre Unterstützung Al-Qaidas darstellen. Aber wir werden eine solche Regierung nicht bekommen, bevor wir nicht eine neue politische Mentalität ausgebildet haben, die sich von der vorherrschenden autoritären Denkweise unterscheidet. Die jetzt vorherrschende Denkweise ist extrem aggressiv und leichtsinnig und dient dazu, die globale Vorherrschaft für die USA dauerhaft zu etablieren. Sie übt Gewalt aus, die wiederum Gewalt hervorruft. Diese Denkweise reicht zurück bis zu den Tragödien des Aischylos. Wenn wir wirklich eine auf Gewalt begründete Vorherrschaft in der Welt einführen, so werden wir gewalttätigen Widerstand hervorrufen. Und dieser Widerstand wird Unterstützung von anderen Staaten bekommen. Und dies wiederum kann zu einem wirklich bösartigen Ende führen. Ich möchte betonen, dass ich kein Pessimist bin. Ich sage nicht, dass dies passieren wird. Aber was ich sage, ist, dass die Konsequenzen einer Fortsetzung der gegenwärtigen Politik sehr klar und eindeutig sind.

HINTERGRUND: Ich habe eine Frage zu Zbigniew Brzezinski, den ehemaligen Sicherheitsberater Jimmy Carters. In seinem Hauptwerk „The Grand Chessboard“ (auf Deutsch: Die einzige Weltmacht) aus dem Jahre 1997 trat er noch in eine ideologische Nähe zu den Neokonservativen und entwarf einen Plan, der letztlich darauf hinauslief, die gesamte Welt zu erobern. Umso erstaunlicher ist es, dass er vor ungefähr einem Jahr – erst während einer Anhörung vor dem Senat und dann in mehreren Artikeln in der Washington Post – sehr stark gegen die neokonservative Politik des Kulturkampfes und des Kriegs gegen den Terror opponiert hat. Natürlich ist dieser Kritik mit Misstrauen zu begegnen. Denn Brzezinski hat vielfältig unter Beweis gestellt, dass seinem Denken eine Logik der Macht und nicht eine Logik der Zivilisation zugrunde liegt. Meine Frage lautet daher, wie Sie seine derzeitige Rolle einschätzen?

Peter Dale Scott: Wo Sie seinen Namen gerade erwähnen, ich sollte in meinem nächsten Buch schreiben, dass beide, sowohl Brzezinski als auch Kissinger letztlich Nachfolger gewesen sind. Die Regierungen waren zwar unterschiedlich, Nixon war Republikaner und Carter war Demokrat. Aber beide hatten einen Nationalen Sicherheitsberater, der von den Rockefellers ernannt wurde, nämlich Kissinger und Brzezinski. Und ich habe in „The Road to 9/11“ gesagt, dass beide ihre Positionen und ihren Einfluss nutzten, um eine desaströse Rockefeller-Politik gegen Chile - im Falle Kissingers - und gegen den Iran – im Falle Brzezinskis – zu implementieren. Es ist ein sehr bedrückend stimmendes Zeichen in Bezug auf die Präsidentschaftswahlen 2008, dass Kissinger nun ein Berater von Hillary Clintons ist, während Brzezinski das Amt eines außenpolitischen Beraters Barack Obamas innehat. Möglicherweise ist Brzezinski inzwischen etwas reifer geworden, als er sonst zu sein pflegte, was ich jedoch letztlich nicht weiß. Ich kenne Zbigniew Brzezinski persönlich. Wir waren beide zusammen an der Universität McGill und haben ein kleines Seminar mit vier Leuten besucht. Ich kenne ihn also vergleichsweise gut. Das ist auch der Grund, warum ich fürchte, dass seine gegenwärtige Opposition gegen weitere Risikoaktionen in Zentralasien letztlich darin begründet sein könnte, dass für ihn der Hauptfeind Amerikas immer Russland gewesen ist. Und ich denke, er ist sehr besorgt, dass ein US-amerikanischer Angriffskrieg gegen den Iran möglicherweise gegen die Vereinigten Staaten gerichtete Bündnisbeziehungen zwischen China, Russland und Iran zur Folge haben könnte. Ich habe einmal ein Buch über die geopolitische Strategie der USA gelesen und bereits in den einleitenden Seiten wurde gesagt, dass ein solches asiatisches Bündnis der größte Albtraum der amerikanischen Geopolitik ist. Um auf Ihre Frage zurückzukommen, ich kann zurzeit nicht sagen, welche Rolle Brzezinski gegenwärtig spielt oder anstrebt zu spielen. Ob er wirklich reifer geworden ist oder stattdessen nur zu seiner einstigen Schachspielermentalität im großen Spiel mit der Sowjetunion zurückgefunden hat.

HINTERGRUND: Dann formuliere ich meine Frage noch einmal etwas anders. Gibt es Fraktionen innerhalb der US-amerikanischen Elite, die sich für eine friedliche Lösung der aktuellen geopolitischen Krise einsetzen? Eine Lösung, die beispielsweise jener entspricht, die einst Michail Gorbatschow für den Übergang der Sowjetunion angestrebt hat, nämlich mit friedenspolitischen Maßnahmen eine geopolitische Krise zu bewältigen.

Peter Dale Scott: Ich möchte gleich kommentieren, dass eines der Dinge, die mich wirklich am meisten in Erstaunen versetzt haben, war, wie Amerika versagt hat, als es darum ging, Gorbatschows Initiative für den Weltfrieden in einer positiven Art und Weise zu beantworten. Selbst als Reagan persönlich begann, Vertrauen zu Gorbatschow zu schöpfen und als Maggie Thatcher Vertrauen zu ihm fasste, selbst zu diesem Zeitpunkt hat die CIA ihren Kampf gegen die UdSSR fortgesetzt. Und zwar indem sie den Ölpreis auf ein Rekordtief fallen ließ. Auf diese Weise bekämpfte der CIA Gorbatschows Wirtschaftspolitik. Der künstlich gedrückt Ölpreis stellte sicher, dass Gorbatschow sich nicht an der Macht halten konnte und letztendlich aufgeben musste.

HINTERGRUND: Es war tatsächlich eine große historische Chance nach dem Fall der Berliner Mauer, die ungenutzt geblieben ist. Aber ich möchte konkret fragen: Könnte ein künftiger Präsident Barack Obama eine ähnliche Rolle einnehmen wie Gorbatschow und sich dazu entschließen, ein überdehntes Imperium abzuwickeln?

Peter Dale Scott: Manche hoffen, dass Obama eine so großzügige Vision entwickeln könnte. Aber ein wichtiges Merkmal des politischen Systems in der Sowjetunion war, dass der Parteisekretär sehr viel Macht innehatte. Kein Individuum in Amerika wird jemals diese Art von Macht besitzen, die Gorbatschow besaß. Und kein Individuum in Amerika ist in der Lage, und schon gar nicht durch Wahlverhalten, die herrschende Mentalität zu Fall zu bringen, die – wie ich ja bereits erwähnte – der eigentliche Souverän ist.

HINTERGRUND: Was Sie sagen, erweckt fast den Anschein, als ob die Machtstruktur in Moskau transparenter war, als sie es heute in den USA ist?

Peter Dale Scott: Die Machtstruktur in den Vereinigten Staaten ist sehr stark von oben nach unten ausgerichtet und das ist eine Ähnlichkeit zur Sowjetunion. Aber das Machtzentrum ist darüber hinaus auch sehr chaotisch. Es ist ein bisschen so, wie es der deutsche Politikwissenschaftler Franz Neumann in den vierziger Jahren in seiner bahnbrechenden Analyse des nationalsozialistischen Machtapparates beschrieben hat. Sein Buch trug den Titel „Behemoth“[1], was bedeuten sollte, dass der nationalsozialistische Staat zwar sehr autoritär organisiert, aber deshalb noch lange nicht einheitlich verfasst war. Neumann wies nach, dass letztlich das genaue Gegenteil der Fall war. Im Zentrum des NS – Staates herrschte sehr viel Chaos. Chaos zwischen der SS und Teilen der deutschen Industrie, was wiederum dazu führte, dass Politik nur sehr unflexibel ausgeübt werden konnte.

Das heutige Amerika weist hier Ähnlichkeiten auf. Es ist eine Art von Behemoth, auch wenn die Situation noch nicht ganz so weit fortgeschritten ist, wie einst in Nazideutschland. Und wie ich in meinem Buch „The Road to 9/11“  geschrieben habe, werden wir die Situation nicht wirklich ändern, ehe wir nicht eine sehr viel kohärentere Zivilgesellschaft aufgebaut haben, die solche Veränderungen verlangt. Einer der Vorteile der gegenwärtigen Krise ist, dass es die Leute kritisch und aufmerksam macht. Aber solange nicht eine Vielzahl von Menschen aufwachen und auf neue Art und Weise beginnenden, über Politik nachzudenken, solange werden wir sicherlich keine Veränderungen in der Politik erleben.

HINTERGRUND: Ihr Kollege Prof. David Ray Griffin hat des Öfteren gesagt, dass der politische Umschwung aus Europa kommen müsse. Das nur die Zivilgesellschaft Europas und vielleicht Japans eine andere Weltpolitik fordern könnten, da die US-amerikanische Bevölkerung in zu großem Umfang durch die Medien manipuliert ist.

Peter Dale Scott: Ich bin in dieser Hinsicht nicht so pessimistisch. Ich denke, eine der großen Möglichkeiten, die wir heute haben, ist das Internet. Es bietet eine Möglichkeit, die zuvor nie existierte: Nämlich dass Millionen Amerikaner nun wirklich leicht lesen können, was zum Beispiel im Guardian gesagt wird, in der India Times oder zum Beispiel in der Asia Times. Die Asia Times ist mittlerweile auf dem Vormarsch in Amerika allein aufgrund des Internets. Eine der positiven Konsequenzen der Globalisierung ist, dass sich langsam aber stetig eine globale politische Meinung herausbildet. Diese wird zunehmend stärker. Sie übt Druck aus, z.B. auf die Regierung Myanmar, die Leute mit Hilfsgütern in das Land zu lassen. Ich sage voraus, dass solange das Internet offen bleibt, solange werden wir eine stärkere und zunehmend stärkere globale öffentliche Meinung haben. Der Zugang zum Internet könnte beschränkt werden. Aber solange wir ein offenes Internet haben, solange können wir uns theoretisch in Richtung einer besseren Welt bewegen. Betrachtet man allerdings die USA alleine, dann sind die Chancen wiederum nicht so gut.

HINTERGRUND: Zu Beginn unseres Gesprächs sprachen wir über Hegel und die Geschichtsphilosophie. Der hegelianische Begriff des „Weltgeistes“ beschreibt gewissermaßen den Zug oder Trend einer Zeit, der zwar gebremst, aber nie auf Dauer unterdrückt werden kann. Wenn wir nun die aktuelle politische Lage anschauen: Auf welcher Seite manifestiert sich für Sie heute der Weltgeist oder anders ausgedrückt, der unumstößliche Zug der Zeit. Sind es die neuen über das Internet organisierten politischen Bewegungen? Oder sind es die Geheimdienste mit ihrer auf die Sicherung von Staatsinteressen ausgerichteten Mentalität? In welche Richtung bewegen wir uns? In Richtung eines immer mächtigeren Staates oder in Richtung einer immer mächtigeren Zivilgesellschaft?

Peter Dale Scott: Nun, ich will versuchen hegelianisch zu denken. Hegel war ja wirklich ein Genie, wenn es darum ging, die vergangene Geschichte zu denken. Ich bin allerdings der Ansicht, dass er nicht annähernd so brillant war, wenn es darum ging, seine eigene Zeit zu verstehen. Insbesondere sein Begriff des Staates war unzureichend. Um Ihre Frage zu beantworten, muss ich sagen, dass ich selbst unentschieden bin. Ich denke, was sich in Zukunft abzeichnet, ist, dass es eine kontinuierlich wachsende Zahl an mehr und mehr entwickelten Individuen geben wird. Wir werden es in immer größerem Umfang mit Menschen zu tun haben, die nicht einfach schlafend glauben, was die Medien ihnen erzählen. Diese Entwicklung vollzieht sich im Angesicht von ebenfalls immer effizienter organisierten und zunehmend repressiver agierenden Staaten, die sehr gewissenlos handeln, die Opposition innerhalb ihrer Grenzen zersetzen oder eindämmen. Ich mache keine Vorhersage hinsichtlich der Frage, welche dieser beiden Kräfte die Vorherrschaft erlangen wird. Ich sage nur, dass beide Seiten in Zukunft mehr Kraft und Einflussmöglichkeiten besitzen werden, als in der Vergangenheit.

HINTERGRUND: Gehört es nicht zu den Paradoxien unserer Zeit, dass ausgerechnet in dem Land, das weltweit als eines der Geburtsländer der Demokratie angesehen wird, heute ein Macht- und Sicherheitsapparat entstanden ist, der die Demokratie bedroht. Wie schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass die politische Tradition der USA, die sich ja auf der amerikanischen Revolution begründet, erneuert werden könnte. Besteht die Möglichkeit, dass die Bevölkerung erneut ihrer vergessenen Macht inne wird? 

Peter Dale Scott: Nun, natürlich mag ich die Idee, die politische Tradition der USA zu erneuern. Ich weiß jedoch nicht, ob es möglich sein wird, eine revolutionäre Alternative aufzugreifen, die über 200 Jahre in die Vergangenheit zurückreicht. Ich glaube nicht, dass dies funktionieren wird. Eine wirklich realistische Veränderung muss in kleineren Schritten von statten gehen. Zunächst geht es darum, das bestehende politische System dazu zu bringen, bessere Resultate zu erzielen. In einem zweiten Schritt geht es darum, Reformen einzuleiten. Wir wollen keinen Kandidaten, der den Irakkrieg einfach fortsetzt wie bisher. Das bedeutet, dass die kommenden Wahlen wichtig sein werden. Wissen Sie, eine Eigenschaft der US-amerikanischen Gesellschaft – sie ist zugleich gut und schlecht – ist, dass die Zivilgesellschaft auf so vielen verschiedenen Ebenen existiert. Sie haben die Ideale der amerikanischen Revolution im Kontrast zum derzeitigen Sicherheitsapparat erwähnt. Aber dies sind nur zwei extreme Pole. Es gibt so viel Platz dazwischen, die kommunale Ebene, die Bundesstaaten, etc.

HINTERGRUND: Und diese lokalen Ebenen wären der Ort, an dem das Bemühen um politische Veränderungen ansetzen müsste?

Peter Dale Scott: Um politische Veränderungen zu erreichen, muss man auf all diese Ebenen und Instanzen einwirken. Wir haben in den USA eine starke Zivilgesellschaft. Auf lokaler Ebene verfügt sie über eine außerordentliche Stärke. Ja, so gesehen müsste man hier ansetzen. Zugleich gibt es aber ein Defizit der US-amerikanischen Zivilgesellschaft in Bezug auf die Außen- und Sicherheitspolitik des Landes. Wenn die Menschen anfangen, zu verstehen, inwiefern die Probleme auf lokaler Ebene in einem Verhältnis zur großen Politik in Washington stehen, könnte dies eine große Kraft entfalten. Wir stehen allerdings vor dem Problem, dass wir niemals eine vereinigte US-amerikanische Bevölkerung gehabt haben. Es gab 11 Staaten, die der Abschaffung der Sklaverei gewalttätig Widerstand leisteten. Und diese Gewalt in der Gesellschaft ist bis heute nicht verschwunden. Diese Dinge führen weiterhin zu Spaltungen. Weniger zu Spaltungen der Parteien, als der verschiedenen Bevölkerungsschichten. Wenn Sie ein so fundamentales Thema wie die Sklaverei hatten, das schließlich einen Bürgerkrieg auslöste, dann schlägt das Wunden, die lange Zeit brauchen, um zu heilen. Letztlich können sie durchaus heilen, aber es dauert. Eines der positivsten Dinge über Amerika ist, dass die  Unterdrückung der Afro-Amerikaner zwar immer noch existiert, dass man aber – verglichen mit der Lynchjustiz, die in diesem Land nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand – doch sagen muss, dass es hier einen enormen Fortschritt gegeben hat. Und dieser Fortschritt setzt sich immer noch fort. Und wenn wir tatsächlich einen Präsidenten afrikanischer Abstammung bekommen sollten, so wird dies ein Zeichen sein, dass wir uns bewegt haben. Meine Empfehlung, um politische Veränderungen durchzusetzen, lautet daher, dass man sich all diesen verschiedenen Bewegungen zuwenden muss, dass man mit ihnen allen reden sollte. Dass man ihnen allen zuzuhören sollte, um auf diese Weise zu versuchen, mit ihnen zusammen etwas aufzubauen. Was dagegen nicht funktionieren wird, ist, am Reißbrett einen Plan zu entwerfen. Dies ist jedenfalls das, was ich als ein Kanadier, der mit Leuten in Deutschland spricht, sagen kann.

HINTERGRUND: Sie erwähnten vorhin auch die Möglichkeiten des Internets, eine weltweite Öffentlichkeit zu schaffen. Könnten Sie uns ein Beispiel nennen, das dies veranschaulicht? 

Peter Dale Scott: Ein sehr gutes Beispiel ist der Kongressabgeordnete Peter DeFazio aus Oregon, dessen Fall ich vorhin schon kurz geschildert habe. Der Fall ist wirklich ein Beispiel, wie das Internet die Dinge verändert hat. Wir haben nämlich gegenwärtig in den USA ein 9/11 Truth Movement. Und als die präsidiale Verordnung 51 zur nationalen Sicherheit herauskam und es hieß, sie habe bestimmte Anhänge, die sich auf die „Continuity of Government“ Planungen beziehen, da war es das 9/11 Truth Movement, das sehr viel Druck auf den Abgeordneten DeFazio ausgeübt hat, die Anhänge zu sehen. Und er machte seinen Job. Er versuchte sein Bestes. Er wurde jedoch abgewiesen. Daraufhin ersuchte er das Komitee schriftlich darum, die Anhänge einsehen zu können. Das Komitee lehnte dies wiederum in einer schriftlichen Antwort ab.

HINTERGRUND: Die sich zunehmend über das Internet organisierende Zivilgesellschaft hat zwar Peter DeFazio dazu bewegen können, Fragen und Forderungen zu stellen, aber der Kongress hat insgesamt nicht reagiert.

Peter Dale Scott: Ja, das ist leider richtig. Die Vorgehensweise, die durch das Handeln DeFazios sichtbar geworden ist, hätte im Grunde genommen einen Aufschrei im Kongress hervorrufen müssen. Der Kongress hätte Stellung beziehen und dem Komitee sagen müssen: „So, Sie versuchen unsere Verantwortung für die Aufrechterhaltung der in der Verfassung vorgesehenen Gewaltenteilung zu behindern! Wir werden Sie dafür zur Verantwortung ziehen!“ Doch wir sprechen hier über ein Ereignis, das sich im Herbst 2007 ereignete und nun haben wir Sommer 2008 und es wird zunehmend unwahrscheinlicher, dass es Anhörungen des Kongresses zu diesem Fall geben wird.

HINTERGRUND: In Ihrem auch auf Deutsch erschienen Buch „Die Drogen, das Öl und der Krieg“ haben Sie am Beispiel des Vietnamkrieges beschrieben, dass staatliche Machtstrukturen selten aus dem Scheitern einer Strategie lernen. Versagt eine favorisierte Strategie, so wird diese meistens nicht geändert, sondern stattdessen versucht, sie sogar noch zu intensivieren. Was bedeutet diese Einsicht, wenn man sie auf den so genannten „Krieg gegen den Terror“ und die Expansion des geheimdienstlichen Sicherheitsapparates anwendet? 

Peter Dale Scott: Es sollte uns gar nicht wundern, dass man diesen Gedanken von der Intensivierung vorhandener politischer Strategien auch im 9/11 Commission Report findet. Die 9/11 Commission hat nämlich nach den Anschlägen gesagt, dass die Geheimdienste versagt hätten und man daher deren Rolle neu überdenken müssen. Sie forderten daraufhin, eine noch sorgfältig ausgearbeitetere Hierarchie in den Diensten aufzubauen. Und sie schufen auf diese Weise einen neuen Level in den Geheimdiensten, der diese noch unabhängiger gegenüber öffentlicher Kontrolle machte und auf diese Weise die Kluft zwischen dem öffentlichen Staat und dem Tiefenstaat noch weiter ausdehnte. In diesem Zusammenhang ist übrigens interessant, dass der Warren Report, der damals die Ermordung John F. Kennedys untersuchen sollte, genau dasselbe tat, was heute die 9/11 Commission tut. Auch der Warren Report sagte damals, Oswald habe es ganz alleine getan und daraus schlossen sie, dass ein Ausbau der Überwachung und eine Ausweitung professionell organisierter Sonderabteilungen notwendig seien. Dieselbe Forderung wird auch heute wieder erhoben. Und sie wird nicht etwa im Geheimen gestellt. Nein, sie wird sogar öffentlich erhoben. Und sie können sich dennoch und trotz ihrer offenkundigen Fadenscheinigkeit durchsetzen. Und das liegt letztlich daran, dass die gegenwärtige dominante Mentalität und politische Geisteslage gar nicht erkennt, wie problematisch und gefährlich diese Prozesse letztlich sind.

HINTERGRUND: Welche Forderung müsste erhoben werden, um dem entgegen zu wirken?

Peter Dale Scott: Was wirklich falsch ist, ist die Idee, dass der beste Nachrichtendienst ein geheimer Nachrichtendienst ist. Wenn man einen guten Nachrichtendienst haben will, dann sollte dieser offene Verfahrensweisen haben und allen Menschen erlauben, teilzunehmen. Sehen Sie sich zum Beispiel das Internet an und dort das Lexikon Wikipedia. Und konfrontieren Sie diese öffentlich zugängliche Datenbank mit dem, was dagegen in den täglichen Lagebesprechungen des Präsidenten gesagt wird. Jeder kann teilnehmen an Wikipedia. Das ist ein Prozess, der Kreativität freisetzt und zu ständig zunehmenden Erkenntnissen führt. Und was man dagegen in den täglichen Lagebesprechungen des Präsidenten hört, das ist doch letztlich erschreckend begrenzt. Ich sage das als jemand, der einmal in einer Regierung gearbeitet hat. Ich habe damals auch einige geheime Lagebesprechungen der damaligen Zeit miterlebt. Jeder weiß, dass die Zeitungen nicht perfekt sind. Doch sie sind letztlich besser als die klassifizierten Dokumente der Nachrichtendienste oder die geheimen Lagebesprechungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Denn die Menschen, die in diese geschlossenen Hierarchien der Geheimdienste hineingeraten, werden ihre Arbeitsweise der Öffentlichkeit nicht mitteilen. Natürlich gibt es einige Bereiche in der Arbeit von Nachrichtendiensten, die auch weiterhin geheim bleiben sollten. Und ich sage auch nicht, dass jegliche Geheimhaltung von Nachrichtendiensten abgeschafft werden sollte. Aber die wichtigsten Quellen staatlicher Nachrichtendienste sollten öffentlich sein.

HINTERGRUND: Es wird in der Regel nicht wahrgenommen, dass Nachrichtendienste einen Informationsvorsprung vor jeder gewählten Regierung besitzen und deshalb nur sehr schwer von dieser kontrolliert werden können. Das wird auch daran deutlich, dass die Namen der bekannten Geheimdienste, wie zum Beispiel CIA, MI 6, BND, möglicherweise nicht unbedingt die wichtigsten Dienste sind. In den USA gibt es zum Beispiel noch die Militärgeheimdienste, deren Namen kaum jemand kennt. Kann man sagen, dass die Rolle der CIA oft überschätzt und umgekehrt die der Militärgeheimdienste unterschätzt wird?

Peter Dale Scott: Ich konzentriere mich in meinem Buch „Deep Politics – and the Death of JFK“ sehr stark auf die Rolle, die die verschiedenen Militärgeheimdienste an jenem 22.11.1963 in Dallas gespielt haben. Ja, die Bedeutung der Militärgeheimdienste wird oft unterschätzt und umgekehrt die Rolle der CIA überschätzt. Ich möchte Ihnen am Beispiel Kennedys die innerstaatlichen Machtkonflikte kurz skizzieren. Eine der problematischen Entscheidungen, die Kennedy getroffen hat, war, dass er den DIA (Defense Intelligence Agency – Verteidigungsnachrichtendienst) gegründet hat. Es war ursprünglich eine Idee von Kennedys Verteidigungsminister McNamara. Kennedy griff sie auf, weil er hoffte, auf diese Weise einen Nachrichtendienst schaffen zu können, der weniger durch die Geheimdienststrukturen vorbelasteten und damit staatlichen Kontrollen zugänglicher wäre. Doch dabei realisierte er nicht, dass das, was er schuf, dabei war, wiederum eine neue gefährliche Kraft zu werden. Ich glaube, er hatte immer angenommen, das Maxwell Taylor ein loyaler General sei, auf den er sich verlassen könnte, um mit den weniger loyalen, wie zum Beispiel LeMay und Admiral Anderson und so weiter, umzugehen. Ich persönlich denke jedoch, dass Taylor gegenüber Kennedy nicht loyal war, wenn es um Vietnam ging und möglicherweise auch nicht loyal, wenn es um andere Dinge ging. In diesem Zusammenhang sind die ganzen Northwoods Pläne etwas, das man sich sehr genau anschauen sollte.

HINTERGRUND: Der Name „Operation Northwoods“ steht für eine Geheimdienstoperation, die 1962 während der Amtszeit Kennedys insbesondere von führenden Vertretern des Militärs geplant worden war. Operation Northwoods beinhaltete inszenierte und vorgetäuschte Scheinangriffe Kubas auf die USA zu See und im Luftraum. Außerdem sollte es in Miami und Washington zu Attentaten kommen. Die Operation sollte den USA einen Kriegsgrund zur Invasion Kubas liefern. Dabei wurden bewusst Todesopfer unter der US-amerikanischen Zivilbevölkerung in Kauf genommen. Erst 1997/98 sind diese Pläne durch die Freigabe ehemals geheimer Dokumente bekannt geworden. Operation Northwoods ist nie ausgeführt worden, da Kennedy damals die Umsetzung dieser Pläne verweigerte.

Peter Dale Scott:  Ja, und der Urheber dieser Northwoods Dokumente war wiederum Lansdale. Auf ihn hatte Kennedy sich verlassen und ich denke, dass er sich auf ihn nicht hätte verlassen sollen. Ja, ich stimme Ihnen darin zu, dass wir zu wenig über die Geschichte der Militärgeheimdienste wissen, viel zu wenig. Ein Beispiel, an dem dies deutlich wird, ist, dass nach dem Mord an Kennedy die verschiedenen Dienste ihre Dokumente über Lee Harvey Oswald vorlegen sollten. Sie waren dazu per Gesetz verpflichtet. Die CIA legte das meiste offen und hat wenig zurückgehalten. Der Armeegeheimdienst und der Marinegeheimdienst hingegen haben überhaupt nichts veröffentlicht. Also, das weckt in mir die Vermutung, dass es hier noch eine Menge zu untersuchen gibt.

HINTERGRUND: Die Möglichkeit, solche Sachverhalte wie die eben genannten aufzuklären, ist nicht zuletzt davon abhängig, dass wir uns immer noch in einer Kulturepoche befinden, die sich insgesamt in einem Prozess der Aufklärung befindet. Doch die politischen Ereignisse unserer Gegenwart lassen einen immer wieder daran zweifeln, in welchem Umfang Aufklärung heute überhaupt noch möglich ist. Die Vermutung steht im Raum, dass die wachsende Kluft zwischen Tiefenstaat und öffentlichem Staat anzeigt, dass wir möglicherweise aus dem Zeitalter der Aufklärung heraustreten?

Peter Dale Scott: Dies ist eine Frage, mit der ich mich in vielfältiger Weise in meiner Dichtung auseinander gesetzt habe. Wenn man die Aufklärung seit dem 18. Jahrhundert lediglich als eine historisch begrenzte Ära begreift, dann würde ich sagen: Ja wir erreichen das Ende dieser spezifischen Ära der Aufklärung. Anders verhält es sich jedoch, wenn man ein umfassenderes Verständnis des Begriffs hat. Für mich ist Aufklärung der Prozess der Zivilisation als solches und nicht gleichzusetzen mit dem Begriff der Aufklärung des 18. Jahrhunderts. Schon sehr früh in der Zivilisationsgeschichte wurde Aufklärung als ein Ziel angesehen und das wird natürlich weitergehen. Wenn ich mich an meinen Hegel richtig erinnere, dann bezog sich seine große dialektische Vision von der Geschichte u.a. auf den Buddhismus, die katholische Kirche, und den modernen Staat. Ich glaube, er dachte voraussetzen zu können, dass der Buddhismus für das frühe Stadium der dialektischen Entwicklung des Geistes von Bedeutung war. Doch ich bin mir da nicht so sicher. Ich habe eineinhalb Jahre in Asien verbracht und dort sehr viel gelernt. Und zwar einfach dadurch, dass ich dort zusammen mit wilden Stämmen gelebt habe. Neben Thailand habe ich auch Laos bereist und es war wirklich erstaunlich für mich, zu sehen, wie ausgeglichen das einfache Leben dieser einfachen Menschen war. Ich denke, dass innere Aufklärung und naturwissenschaftliche Aufklärung sich sehr gut ergänzen, wenn sie sich gegenseitig respektieren. Doch sobald beide voneinander getrennt und isoliert werden, ohne die andere Seite als Gegenkraft zu besitzen, drohen sie extreme Entwicklungen hervorzurufen. Gegenwärtig werden wir immer sensibler für die Grenzen der Wissenschaft. Ich möchte hervorheben, dass ich kein Feind der Wissenschaften bin. Dennoch zeigt sich immer mehr, dass der spezifische Zugriff auf die Welt, die sie uns ermöglichen, auch begrenzt ist. Der Buddhismus und überhaupt die Kultur Südostasiens bieten uns hier eine Möglichkeit an, um den europäischen Aufklärungsbegriff des 18. Jahrhunderts, der uns bis heute bestimmt, zu erweitern.

HINTERGRUND: Nach diesem langen Gespräch über Politik, möchte ich Ihnen zum Abschluss eine Frage stellen, die sich auf Ihr dichterisches Werk bezieht. In Ihrer Biographie sind Dichtung und Politik auf das engste miteinander verbunden. Welchen Zusammenhang sehen Sie allgemein zwischen beiden Bereichen? Ich frage Sie dies auch deshalb, da Sie soeben sagten, dass Sie die Frage nach den Grenzen des Aufklärungsbegriffs des 18. Jahrhunderts gerade in Ihrer Dichtung vielfältig beschäftigt hat.

Peter Dale Scott: Ich war immer der Ansicht, dass Poesie und Politik in der westlichen Zivilisation stets interagiert haben. Ich denke hier z.B. an die Wirkung von Vergil, der nicht nur das römische Imperium beeinflusste, sondern auch das Christentum nach ihm. Oder denken Sie an Dantes Visionen der Welt, die die Renaissance inspirierten. Und um auf Deutschland zurückzukommen: Mich hat immer interessiert, wie Goethe, Schiller und Hölderlin eine kritische Perspektive auf den französischen Aufklärungsbegriff des 18. Jahrhunderts eröffnet haben. Ich denke, dass das alles von hoher Bedeutung ist. Wir haben im 20. Jahrhundert sehr dramatische Veränderungen erfahren. Und T. S. Eliot – über den ich meine Doktorarbeit geschrieben habe – war ein Poet, der versuchte, mit seiner Dichtung auf diese Veränderungen zu reagieren und er war dabei nicht der einzige. Im Englischen haben wir William Butler Yeats und Ezra Pound, die ebenfalls bedeutende Dichter waren. Aber letztlich waren sie alle in ihren Visionen auf ihre Weise unvollkommen. Und wir müssen uns heute eingestehen, dass wir bisher nicht wirklich eine Poesie gefunden haben, die mit der Krise der Modernität umgehen kann. Ich selbst habe eine Trilogie geschrieben, deren letzter Teil ich „Minding the Darkness“ genannt habe. Ich habe darin explizit versucht, auf die Mängel des säkularen Aufklärungsbegriffs des 18. Jahrhunderts zu reagieren. Ich glaube nämlich, dass die Welt, in der wir heute leben, in weiten Teilen ein Resultat des Aufklärungsbegriffs des 18. Jahrhunderts ist. Wie ich es eben auch schon am Beispiel meiner Erfahrungen in Thailand und Laos angesprochen habe, sehe ich als eine der wichtigsten Aufgaben unserer heutigen westlichen Kultur die Notwendigkeit an, eine Art geistige innere Aufklärung mit der säkularen wissenschaftlichen Aufklärung zu versöhnen. Und diese Form der inneren Aufklärung kann durch Literatur vielleicht eher geleistet werden, als durch Wissenschaft. Literatur ist ein Medium, in dem dieses Problem anders transportiert werden kann als durch wissenschaftliche oder politische Analysen. In dem ich mich mit diesen Fragestellungen beschäftige, bin ich auf eine leidenschaftliche Art damit vertraut, poetisch über Politik nachzudenken.

[1] Franz L. Neumann, Behemoth – Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933 – 1944, Franfurt a. M. 1984

 

Das Gespräch führten Hauke Ritz und Clifford Jones.

Übersetzung aus dem Englischen: HINTERGRUND

Teil 1 Über Hegel, Geheimdienste und Drogenhandel

 

 

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