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Mehr als eine einfache Grippe
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Von IGNACIO RAMONET, 11. Juni 2009 -
Am
texanischen Ufer im weitläufigen Tal des Rio Grande, einen Steinwurf von der
mexikanischen Grenze entfernt, befindet sich Harlingen. In diesem kleinen US-Städtchen
starb am vergangenen 5. Mai Judy Trunnell, eine junge Lehrerin. Die 33-Jährige
hatte unlängst erst per Kaiserschnitt ein fröhliches und gesundes Mädchen zur
Welt gebracht. „Sie war eine wunderbare, warmherzige Person. Sie hatte sich mit
vollem Einsatz der Bildung behinderter Kinder gewidmet“, sagten ihre
Familienangehörigen und Freunde, als sie sich im Haus der Verstorbenen
einfanden, um nach der Beisetzung gemeinsam um die Tote zu trauern.[1]
Das
Schicksal wollte, dass Judy das erste Todesopfer eines neuen Grippevirus in den
USA wurde, dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) inzwischen der Name
A(H1N1) gegeben wurde. Es ist ein steriler Name. Man verwendet ihn, um die
Bezeichnung „Mexikanische Grippe“ zu vermeiden, die in dem mittelamerikanischen
Land auf Kritik gestoßen war. Oder den Ausdruck „Schweinegrippe“, gegen den
sich die industriellen Produzenten von Schweinefleisch zur Wehr setzten.
Ohne
sich von dieser verwirrenden Terminologie ablenken zu lassen, reichte Judys
Witwer, Steven Trunnell, am 11. Mai Klage gegen den weltweit bedeutendsten
Produzenten von Schweinefleisch ein: Smithfields Foods Inc. Dieses
multinationale Unternehmen besitzt – über seine mexikanische Filiale Granjas
Carroll – einige gigantische Zuchtanlagen in unmittelbarer Nähe eines kleines
Städtchens mit gerade einmal 3000 Einwohnern: La Gloria im Verwaltungsbezirk
Perote im mexikanischen Bundesstaat Veracruz.
Der
Anwalt von Steve Tunnell, Marc Rosenthal, erklärte, dass der beklagte Konzern
in den 200 Ställen nahe La Gloria mehr als eine Million Schweine hält. Er informierte
auch darüber, dass sich die Anwohner von dem Gestank und den unerträglichen
Bedingungen in den Ställen massiv belästigt fühlen. Die Klage begründet er mit
„dem ungerechten Tod von Judy, den Smithfield Foods zu verantworten hat“. Er
werde deswegen „einige Milliarden US-Dollar“ einfordern. Marc Rosenthal spricht
von dem Horror der unhygienischen Industrie-Zuchtstationen für Schweine.[2] Vor
allem aber will er beweisen, dass das Grippevirus A(H1N1) seinen Ursprung in den
Verschlägen von La Gloria hat, von wo aus es sich über den ganzen Planeten
verbreitet.
Wenngleich
das Unternehmen Smithfields Foods jeglichen Zusammenhang zwischen seinen
Einrichtungen und dem Ausbruch einer neuen Grippe vor den Toren dieser Anlagen
leugnet[3],
scheint ein Bericht von GRAIN die These zu belegen.[4] Die
Experten dieser Nichtregierungsorganisation warnen davor, dass die massive
Zunahme von industriellen Stallanlagen perfekte Bedingungen für die Entstehung
und Verbreitung neuer und hochgradig pathogener Grippeformen geschaffen hat.
Diese Zuchtstationen seien wahre Zeitbomben, weil von ihnen jederzeit weltweite
Pandemien ausgehen könnten. „Das massenhafte Zusammenpferchen von Tieren auf
engstem Raum begünstigt die schnelle Übertragung und Verbreitung der Viren“,
hatten Experten des US-amerikanischen Nationalen Gesundheitsinstituts (NIH)
bereits im Jahr 2006 erklärt.[5]
Drei
Jahre zuvor schon, im März 2003, hatte die Zeitschrift Science davor gewarnt, dass sich die Schweinegrippe aufgrund der
immer größeren industriellen Zuchtstationen sowie des generellen Einsatzes von
Impfungen immer schneller entwickelt.[6]
Zugleich alarmierten die Experten vor allem Mexiko und die USA vor einem
drohenden Virencocktail. Sie bekräftigten: „Nach Jahren der Stabilität ist das
Schweinegrippevirus in Nordamerika offenbar in eine Phase rascher Evolution
eingetreten, wodurch es jedes Jahr neue Varianten hervorbringt.“[7]
Die
Autoren von Science führten die rasche
Mutation der Viren auf zwei Gründe zurück: Die Haltung von immer mehr Schweinen
in nicht artgerechten Zuchtstationen und die generelle Impfung von Zuchtsauen,
da nach diesen Impfungen nur neue Mutationen überleben. Diese beiden Faktoren,
so prognostizierten sie, „erhöhen die Wahrscheinlichkeit für ein neues Virus`,
das auch den Menschen befallen kann“. Dieses Virus könnte dann über die
Fäkalien, die Nahrung, das Wasser oder sogar über die Schuhe der Arbeiter aus
den Zuchtstationen herausgetragen werden, um sich unaufhaltsam zu verbreiten.
In dem
gleichen Artikel prognostiziert Christopher Olsen, ein Molekularvirologe an der
veterinärmedizinischen Fakultät der Universität von Wisconsin, sogar: „Wir
müssen nun in Mexiko das Gehöft ausfindig machen, in dem die kommende Pandemie
ausbricht.“[8]
Auch wenn
die WHO in ihren letzten Kommuniqués nicht bestätigt, dass der Erreger dort
seinen Ursprung hat, weist alles auf ein bestimmtes Unternehmen hin: Diese Hinweise
führen nach La Gloria, wo die aktuelle Epidemie offenbar entstanden ist. In
unmittelbarer Nähe der Zuchtstationen des Unternehmens Smithfield Foods also.
Bei
Smithfields Food Inc. handelt es sich um eines der größten
agrarwirtschaftlichen Lebensmittelkonzerne des Planeten und den weltweit
größten Produzenten von Schweinefleisch. Sein Sitz befindet sich in Smithfield
im US-Bundesstaat Virginia, er unterhält Filialen in neun Ländern. In Spanien
etwa kontrolliert Smithfield Foods 24 Prozent des Kapitals der Firma Campofrío,
dem nationalen Marktführer unter den Schweinefleischproduzenten. Im Juni 2008
schloss sich Campofrío mit der europäischen Filiale „Smithfield Holdings“[9] des
US-Konzerns zusammen. Mit der „Group Campofrío“ entstand ein neuer Megakonzern.[10]
Mit
einer Bilanz von fast zwölf Milliarden US-Dollar steht Smithfield Foods an
dritter Stelle der US-amerikanischen Nahrungsmittelkonzerne, direkt nach Archer
Daniels Midland und Tyson Foods. Nach Angaben der Zeitschrift Fortune belegte das Unternehmen im Jahr
2008 Platz 222 unter den 500 wichtigsten Konzernen der Welt.[11]
Zugleich sah sich die Firma, von der die Filialen von McDonald´s und Subway
beliefert werden, immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, Wasser, Boden und Luft
zu verunreinigen sowie die Rechte der Arbeiter zu missachten. In einem Bericht
mit dem Titel „Blut, Schweiß und Angst: Arbeitsrechte in den Fleisch- und
Geflügelfabriken der Vereinigten Staaten“ übte die
US-Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch scharfe Kritik an diesen Verstößen.[12] Im
Jahr 1997 musste Smithfield Foods wegen Missachtung des Trinkwassergesetzes
eine Strafe in Höhe von 12,3 Millionen US-Dollar bezahlen.[13]
Um
diesen Anklagen zu entgegen, hat Smithfield Foods einen Teil seiner Anlagen in
Staaten wie Mexiko, Rumänien oder Polen verlegt, in denen die Gesetze zum
Schutz der Umwelt nachlässiger sind oder in denen gar keine solchen
Bestimmungen existieren und in denen manche Politiker leichter zu korrumpieren
sind.[14]
Im Jahr
1994 ließ sich Smithfield Foods über seine Filiale Granjas Carroll in dem
abgelegenen ländlichen Gebiet nahe La Gloria nieder. Den Anreiz dazu bot unter
anderem das damals gerade in Kraft getretene Freihandelsabkommen zwischen
Kanada, den USA und Mexiko sowie der Umstand, dass die lokalen Behörden über
alle Verletzungen von Bestimmungen zum Umweltschutz hinwegsahen. Das
Unternehmen musste also keine Anklagen fürchten.
Im
Inneren der aufgebauten Baracken mit unzulänglicher Belüftung und konstanter Beleuchtung
(um das Wachstum der Tiere zu beschleunigen) sind die Schweine in engen Käfigen
zusammengepfercht, die jede unnötige Bewegung verhindern sollen. Es sind fette
Tiere, die bis zu 120 Kilogramm auf die Waage bringen. Bei den Zuchtstationen
handelt es sich um wahre Schweinestädte, inmitten eines Meeres aus Exkrementen
und Matsch.
Die
Umweltverschmutzung und die Auswirkung auf die Gesundheit der Anwohner sowie
die Gruben, in denen die Fäkalien der Tiere gesammelt werden, haben in Mexiko seit
dem Jahr 2004 zu einer Protest- und Umweltschutzbewegung geführt. Granjas
Carroll antwortete auf diese Entwicklung mit Repression.
Viele
der Bewohner von La Gloria und rund einem Dutzend umliegender Gemeinden, die
seit Jahren mit dem Gestank leben sowie Tag und Nacht die Gase einatmen müssen,
schlossen sich im Protest gegen die Expansion des transnationalen Unternehmens
zusammen. Sie organisierten Versammlungen und Demonstrationen. Der Konzern klagte
sie daraufhin wegen Diffamierung an. Mehrere Aktivisten wurden bestraft und vor
Gericht gestellt. Andere wurden festgenommen und mussten eine Kaution bezahlen,
um dem Gefängnis zu entkommen.
Ein
Korrespondent der mexikanischen Tageszeitung La Jornada, Andrés Timoteo,
berichtete aus La Gloria über die Umstände, unter denen die Einwohner leben.[15]
„Mückenschwärme strömen aus den Fäkaliengruben, in denen das Unternehmen
Granjas Carroll die Exkremente aus den Schweineställen sammelt“, schrieb er.
Die Verunreinigung der Luft habe zahlreiche Atemwegserkrankungen zur Folge. Die
Mückenschwärme aus den Schweineställen und den Fäkaliengruben übertragen
Krankheiten. Die Bewohner der Region machen für die Zunahme verschiedener Infektionen
auch die Verschmutzung und die Vergiftung des Wassers sowie der Luft
verantwortlich.
Ein
anderer Reporter, Jorge Morales Vázquez, berichtete in der Zeitung Milenio wie die Anwohner von La Gloria
seit Jahren gegen die unkontrollierte Ausdehnung des Schweinezuchtunternehmens
protestieren.[16] Er beschrieb auch, wie
die Polizei sie deswegen verfolgt und bedroht. Nach seinem Besuch in La Gloria
berichtete der Journalist von „dem üblen Gestank aus den Schweineställen, den
man in diesem kleinen 3000-Seelen-Ort den ganzen Tag lang in der Nase hat“ und
von den „Mückenschwärmen, die in die umliegenden Häuser einfallen“. Auch
Morales Vázquez beschrieb die Jauchegruben, in denen die Fäkalien unter freiem Himmel
verrotten. Dabei entstehen Sumpfgase, die für einen ekelhaften Geruch
verantwortlich sind, der einen in diesem Gebiet auf Schritt und Tritt verfolgt.
Der Journalist berichtete zudem von vermeintlichen Verunreinigungen des
Grundwassers. Und er wurde Zeuge, wie durch Krankheit und nach Kämpfen in den
Ställen verendete Tiere verrotten.
Die in
Erdkuhlen verwesenden Kadaver, so schreibt er, seien eine weitere Ursache der
Verschmutzung: „In diesen Mulden vermehren sich Fliegen in der Größe von
Bienen. Diese so genannten Muerteras werden von dem Wind in Schwärmen nach La
Gloria getrieben und fallen dort in die Wohnhäuser ein.“ Viele der Familien
beklagten sich über Kopfschmerzen, Halsinfektionen, Husten,
Atemwegserkrankungen, gastrointestinale Infekte, Durchfall, Erbrechen und
Fieber.
An
diesem Ort ist das Virus A(H1N1) zwischen November 2008 und Januar 2009
wahrscheinlich von einem Schwein zu einem menschlichen Wirt übergesprungen. Vom
März an könnte er begonnen haben, größere Gruppen von Menschen zu befallen.[17]
Die
mexikanischen Behörden machten diese Information zunächst nicht publik. Wenig
später dann war die Zahl der Erkrankten aber derart hoch, dass mehrere
internationale Organisationen auf die beunruhigende Entwicklung in La Gloria
aufmerksam wurden.
Am 6.
April – 18 Tage, bevor die mexikanischen Behörden der WHO ein neues
Humangrippevirus meldeten – berichtete das Internetportal Biosurveillance von
„außergewöhnlichen Atemwegserkrankungen in La Gloria mit Fieber und schwerem
Husten, die einer entzündlichen Bronchitis gleichen“. Das Internetportal
untersteht Veratect, einem von der US-Regierung finanzierten Zentrum zur Information
über Epidemien. Rund 60 Prozent der lokalen Bevölkerung „leidet unter einer
neuartigen und atypischen Krankheit“, hieß es in dem Bericht.[18]
Mutmaßlich
hatten die mexikanischen Behörden schon früh von dem Infektionsherd einer
unbekannten Grippeform in dem Tal von Perote Kenntnis. Sie wussten wohl auch, dass
diese Infektion sich rasend schnell im Land verbreitete, ohne dass
konventionelle Methoden dies verhindern konnten. Doch niemand schlug Alarm, noch
wurden die Programme der Gesundheitsbehörden aktiviert oder deren
Wissenschaftler informiert. Mexikos Behörden informierten zu diesem Zeitpunkt
auch nicht die WHO über die Schwere der Lage und den Umstand, dass die
Situation außer Kontrolle zu geraten drohte.
Weshalb
verhielt sich die mexikanische Regierung so? Nach Meinung einiger lokaler
Analytiker lag diese „Diskretion“ darin begründet, dass die Karwoche
unmittelbar bevorstand, als die ersten Infektionsfälle aktenkundig wurden. In
dieser Zeit hat die mexikanische Tourismusindustrie gewöhnlich hohe Umsätze zu
verzeichnen.
Wahrscheinlicher
noch ist, dass das Schweigen der Regierung diplomatische Gründe hatte. Es
sollte mit allen Mitteln verhindert werden, dass der anstehende Besuch des
frisch gewählten US-Präsidenten Barack Obama aus Sicherheitsgründen verschoben
wird. Dieser Besuch des US-Staatschefs war für den 16. und 17. April geplant
und es sollte die zweite Auslandsreise nach einer ersten Visite in Kanada im
Februar werden. Für Mexikos Präsidenten Felipe Calderón, dessen Wahl im Juli
2006 höchst umstritten war, stellte der bevorstehende Besuch seines
US-Amtskollegen die höchste Weihe dar.[19]
Nichts, noch nicht einmal die Bedrohung durch ein neues, verheerendes Virus,
sollte den Besuch verhindern.
Dabei
gab es zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche Belege für das fortgeschrittene
Ausmaß der Epidemie. Im unmittelbaren Umfeld von Präsident Calderón gab es
Infektionsfälle. Der Archäologe Felipe Solís, der den Präsidenten der
Vereinigten Staaten zusammen mit Felipe Calderón im Nationalen
Anthropologiemuseum empfangen sollte, war bereits infiziert und starb sechs
Tage nach dem Besuch Obamas. Ein Berater des US-amerikanischen Energieministers
Steven Chu, der zuvor nach Mexiko gereist war, um den Besuch des Präsidenten
vorzubereiten, war ebenfalls von dem neuen Krankheitserreger befallen worden.
Der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, gestand später ein, dass die
Ehefrau des Regierungsfunktionärs, sein Sohn und sogar ein Neffe Symptome der
neuartigen Krankheit aufwiesen.[20]
Angesichts
der Schwere der Epidemie entschieden sich die mexikanischen Gesundheitsbehörden
schließlich, medizinische Proben von Infizierten aus dem Umkreis von La Gloria
an Laboratorien in den USA und Kanada zu schicken. Im Nationalen Labor für
Mikrobiologie der Behörde für das Öffentliche Gesundheitswesen Kanadas in
Winnipeg wurde am 23. April schließlich entdeckt, dass das neue Virus Elemente
des Vogelgrippe-, des Schweinegrippe- und des humanen Grippevirus enthielt. Die
analysierte Probe stammte von einem fünfjährigen Jungen, der im März erkrankt
war.
Dieses
inzwischen genesene Kind wurde als erster von der Schweinegrippe infizierter
Mensch bekannt, als „Patient Nummer Null“. Die Geschichte von Édgar Hernández
wurde daraufhin in der US-amerikanischen Tageszeitung New York Times wiedergegeben, was ihm zu internationaler
Berühmtheit verhalf.[21]
Gegenüber den Journalisten der New York
Times hatte der kleine Èdgar die Symptome geschildert, unter denen er nach
Ausbruch der Krankheit am 9. März litt: brennende Kopfschmerzen, Husten, Magen-
und Halsschmerzen und fehlender Appetit.[22]
Nach
Angaben der Zeitschrift Science vom
11. März gehen Experten davon aus, dass in Mexiko womöglich bereits bis zu
32.000 Menschen von dem neuen Virus infiziert waren, als die Behörden dieses
Landes die Epidemie am 24. April bekannt gaben. Viel mehr also, als die Labors
bestätigten.[23]
Es gibt
keinen Beleg dafür, dass dieser Ausbruch der Grippe des Typs A(H1N1)
gefährlicher ist, als die üblichen Infektionen, die jedes Jahr zwischen 250.000
und 500.000 Personen weltweit das Leben kosten. Dennoch scheint das Virus
A(H1N1) nach Einschätzung der Zeitschrift Science
weitaus ansteckender zu sein, als andere Erreger dieser Krankheit. Beunruhigend
ist auch: Es befällt mehr gesunde Jugendliche als üblich. In La Gloria etwa
waren doppelt so viele Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren von dem Virus
befallen wie Erwachsene. Nach Daten des renommierten New England Journal of Medicine waren 40 Prozent der Infizierten
zwischen zehn und 18 Jahren alt, nur fünf Prozent waren älter als 50.[24]
Die
Weltgesundheitsorganisation warnte indes davor, dass das Virus weiter mutieren
und dadurch noch pathogener werden könnte. Es wäre schließlich imstande, mehrfache
Pandemiewellen zu verursachen. Laut WHO geht „die Schwere dieser Grippe mit dem
Umstand einher, dass jede Pandemie mindestens zwei oder drei Mal um den Globus
läuft“.
In
diesen Wochen beginnt auf der südlichen Halbkugel die jährliche Grippewelle.
Bei dem Einsatz von Virostatika (Tamiflu) wird sich das Virus „abhärten“. Neue
Mutationen entstehen, die dann ab Oktober die nördliche Halbkugel heimsuchen.
Es wäre dann womöglich ein noch aggressiveres Virus, das mit der „Spanischen
Grippe“ aus dem Jahr 1918 vergleichbar wäre. Derzeit gibt es zwar keine
Hinweise auf eine derartige Gefahr. Experten gehen allerdings davon aus, dass
das Virus so tödlich sein könnte wie die „Asiatische Grippe“ von 1957, an der
mehr als zwei Millionen Menschen verstarben. Ein weiteres Risiko besteht darin,
dass das aktuelle Virus sich mit dem der so genannten Vogelgrippe (H5N1)
vereint, das in mehreren Ländern der Erde grassiert, und einen Mutanten mit
massenmörderischer Wirkung entstehen lässt.
Um ihre
Bürger zu schützen, legen Regierungen weltweit derzeit große Bestände des
Virostatikums Tamiflu (Wirkstoff: Oseltamivir) an, eines der wenigen effektiven
Medikamente. Das Mittel wird oral eingenommen und sogar von der WHO zur
Bekämpfung des Virusmutanten H1N1 empfohlen.
Die
Geschichte von Tamiflu ist vor diesem Hintergrund äußerst spannend. Das Mittel
wurde von der Pharmafirma Gilead Sciences Inc. mit Sitz in Foster City,
Kalifornien, entdeckt. Gilead überließ Weiterentwicklung und Vertrieb dem Schweizer
Pharmakonzern Roche. Inzwischen gehen rund 22 Prozent des Jahresumsatzes von
Roche auf Tamiflu zurück.
Es ist
auch interessant zu erwähnen, dass Donald Rumsfeld, der ehemalige
Verteidigungsminister der US-Regierung unter Präsident George W. Bush und einer
der Hauptverantwortlichen für die illegale Invasion in Irak, von Dezember 1997
bis zu seinem Amtsantritt im Pentagon 2001 dem Konzern Gilead Sciences Inc.
vorstand und einer seiner bedeutendsten Aktionäre ist.[25]
Eine
der ersten Amtshandlungen von Rumsfeld nach seinem Amtsantritt bestand darin,
den US-Streitkräften den Gebrauch von Tamiflu vorzuschreiben.[26] Die
Gewinne von Roche, Gilead (und daher auch die von Donald Rumsfeld) schossen in
die Höhe. Die Aktien des Unternehmens erlebten an der Börse einen weiteren
Höhenflug, als ab 2003 in Asien zunächst das Schwere Akute Atemwegssyndrom (SARS)
und später das Vogelgrippevirus H5N1 auftraten.
Von
Verschwörungstheorien geleitet verstiegen sich einige Kommentatoren zu der
Behauptung, dass der bei ihnen wenig beliebte Rumsfeld selbst auf die eine oder
andere Weise mit der Ausbreitung der Pandemien, vor allem des mutierten Virus A(H1N1),
in Verbindung stehe.
Das ist
wenig wahrscheinlich. Die hauptsächliche Verantwortung dieser schweren
Bedrohung für die öffentliche Gesundheit besteht in der ungehemmten
Industrialisierung der viehwirtschaftlichen Produktion. Das erbarmungslose
System der Intensivzucht hat diesen Wirtschaftssektor massiv verändert. Heute
ähnelt er mehr der Erdölbranche als der Bauernhofidylle, die in Schulbüchern
beschrieben wird.[27] 1965 gab es in den USA
zum Beispiel noch 53 Millionen Schweine auf mehr als einer Million Gehöften.
Heute sind es mehr als 65 Millionen Zuchttiere in weniger als 65.000 Betrieben.
In Spanien gibt es derzeit 25 Millionen Schweine bei knapp 47 Millionen
Einwohnern. 92 Prozent dieser Tiere werden in Betrieben der intensiven,
industriellen Tierzucht gehalten, die der Zuchtstation von Granjas Carroll im
mexikanischen La Gloria gleichen. In nur wenigen Jahren wurden die kleinen
Familienbetriebe von infernalischen Massenzuchtbetrieben verdrängt, in denen in
erstickender Hitze und Gestank zehntausende Tiere gehalten werden. Viren können
sich in diesem Ambiente rasend schnell verbreiten.
Diese
Art der erbarmungslosen, intensiven und auf Profit orientierten Landwirtschaft
nimmt dem Tier seinen Charakter, entfremdet es. Das Tier wird ein weiteres
Industrieprodukt. Fleischmaterial, das zum Profit der Investoren gezüchtet
wird. Diese Entwicklung ist der Grund für die aktuelle Pandemie.[28] Es
ist nur eine Frage der Zeit, bis durch die leichtfertigen Exzesse einiger
Unternehmer eine neue, noch gefährlichere Seuche entsteht. Sie könnte uns dann
alle betreffen.
Übersetzung für HINTERGRUND: Harald Neuber
Über den Autor:
Ignacio Ramonet ist spanischer Journalist und war von 1991 bis März
2008 Direktor der in Paris erscheinenden Monatszeitung für
internationale Politik „Le Monde diplomatique“. Seit seinem Ausscheiden
bei der französischen Mutterausgabe leitet er die spanische Edition.
Seine Leitartikel der spanischen Ausgabe von Le Monde diplomatique
erscheinen seit November 2008 monatlich in deutscher Übersetzung bei www.hintergrund.de. Ignacio Ramonet ist Ehrenpräsident von Attac und Mitorganisator des Weltsozialforums.
Anmerkungen und Quellen:
[1] Nachrichtenagentur AP vom
6. Mai 2009
[2] Austin American Statesman,
13. Mai 2009
[6] Bernice Wuethrich,
“Infectious Disease: Chasing the Fickle Swine Flu”. In: Science, März 2003, Vol. 299, Nr. 5612
[7] Die
Weltgesundheitsorganisation hatte schon im Jahr 1999 von dem möglichen Ausbruch
einer Schweinegrippe in Mexiko gewarnt und empfahl damals, Laboratorien zu schaffen,
um die Behandlungsmöglichkeiten zu erforschen und die Bereitstellung von
Impfstoffen zu gewährleisten. Trotz dieser Empfehlungen ist in Mexiko nach wie
nicht die notwendige Infrastruktur vorhanden, um Impfstoffe gegen das
Schweinegrippevirus zu produzieren. Schlimmer noch: Die mexikanische Regierung
löste zwei Spezialinstitute auf.
[9] Diese Firma ist in
Frankreich, Portugal, Belgien, in den Niederlanden und in Deutschland tätig.
[10] Die Hauptaktionäre sind:
Smithfield Foods (37 Prozent), Oaktree Capital (24 Prozent), Pedro und Fernando
Ballvé (zwölf Prozent), die Familie Díaz (fünf Prozent), Caja Burgos (vier
Prozent), QMC (zwei Prozent und die Gruppe Fuertes (zwei Prozent).
[14] Hernández Navarro, Luis: Las ciudades de cerdos
de Smithfield. In: La Jornada,
Mexiko-Stadt, 12. Mai.2009.
[15] La Jornada, Mexiko-Stadt, 5. April 2009.
[17] Pandemic Potential of a Strain of Influenza
A(H1N1): Early Findings. In: Science,
11. Mai 2009.
[19] Ramonet, Ignacio: México fracturado. In: Le Monde
diplomatique, spanische Ausgabe. August 2006.
[21] The New York
Times, 29. April 2009
[25] Ramonet, Ignacio: Irak, Historia de un desastre.
In: Debate. Madrid, 2005.
[28] Martínez, Carlos: Una
multinacional americana es denunciada como culpable del brote de la gripe porcina,
rebelion.org
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