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Medien, Macht, Manipulationen

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Von MARKUS JANSOHN, 23. September 2009 -

Sind Journalisten mehr als Anzeigenumfeldgestalter für definierte Zielgruppen?


Der Kunde ist König, lautet ein Werbeslogan, und viele Leser einer Zeitung oder Zeitschrift fühlen sich dabei fälschlicherweise angesprochen. Der wahre König ist die werbetreibende Wirtschaft. Die wiederum wird zum Teil durch Mediaeinkaufsagenturen vertreten. Nahezu alle auflagenstarken Zeitungen und Zeitschriften gehören zu Verlagskonzernen, die ein Ziel haben: Gewinne erwirtschaften. Und dazu gehört vor allem die Veröffentlichung von Anzeigen. Bild, DieWelt, HörZu, Hamburger Abendblatt und Berliner Morgenpost gehören zu Springer, Wirtschaftswoche, Handelsblatt, Die Zeit und Tagesspiegel zu Holtzbrinck, der Kölner Stadt-Anzeiger, die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung zu DuMont-Schauberg, Bravo, Das Neue Blatt und Kicker zu Bauer. Die Leser sind vor allem Werbe-Zielgruppe. Für eigene Recherchen gibt es kaum Raum. So wird das abgeschrieben, was Bürgermeister, Regierungssprecher, Polizei oder andere Medien von sich geben, vom Verleger gewünscht oder von den Nachrichtenagenturen kolportiert wird – kleinere Lokalzeitungen haben oft nur einen Zulieferer. Das führt ganz nebenbei dazu, dass sich die Journalisten nicht mit den staatstragenden Institutionen anlegen müssen, problemlos wieder zum nächsten Pressetermin eingeladen werden und vielleicht auch mal ein bisschen mehr zugespielt bekommen. Bei Fachmagazinen gibt es den Einfluss von PR-Agenturen noch gratis dazu.

medienmacht1 Fachzeitschriften profitieren besonders von der genauen Erfassung der von der werbetreibenden Wirtschaft vorgegebenen Zielgruppe. PR-Agenturen haben die Aufgabe, im Sinne ihrer Kunden sogenannte Informationen zur Verbreitung zu bringen. Früher waren das stümperhaft formulierte Texte per Fax. Heute sind es elektronisch übermittelte Videos, leicht kürzbare Textbausteine mit hochwertigem Bildmaterial, verbunden mit der Zusammenkunft in einem 5-Sterne Hotel nebst Abendessen und Bordell-Besuch. Nicht nur für schlecht besetzte Redaktionen eine „echte Arbeitserleichterung“.

Aber auch alle anderen Journalisten stehen im Fadenkreuz der Lobbyisten. Da wird schon mal vergessen, ein Testauto wieder abzuholen, ein neues Produkt wird nicht in Hamburg, sondern auf Hawaii vorgestellt – Flüge, Übernachtung und Hubschrauberrundflug für Journalisten inklusive. Jedenfalls für die Journalisten, die in den letzten Monaten ihre Arbeit ordentlich erledigt haben – aus der Sicht der Veranstalter, versteht sich. Für die Kontrolle der „ordentlichen Arbeit“ leisten Unternehmen wie Media-Control und Pressebeobachtungsdienste eine wertvolle Hilfe. PR-Abteilungen vontext Unternehmen, Agenturen und Lobbyvereinigungen lassen sich regelmäßig die Artikel und Fernsehbeiträge, nach Stichworten und Themen vorsortiert, ins Haus kommen. So wird für einen kritisch gewordenen Journalisten die jährliche Einladung in die Karibik schnell zu einem billigen Kugelschreiberetui für 2,95 EURO – sozusagen als nettes Signal. In der Politikberichterstattung reicht es oft schon, kritische Medien von exklusiven Informationen abzuschneiden. Wer zum Gespräch mit Herrn Schäuble im kleinen Kreis eingeladen wird oder Frau Merkel bei einem Afghanistan-Besuch begleiten darf, hängt vom Wohlverhalten in der Vergangenheit ab.

Um Streuverluste für die Werbewirtschaft zu vermeiden, hat die Redaktion die Aufgabe, die vordefinierte Zielgruppe möglichst genau zu erreichen. Dies betrifft Geschlecht, Alter, Konsumgewohnheiten, Neigungen, Einkommenssituation, Wohnort etc.

Die Themen und Artikelinhalte sind vor allem diesen Vorgaben untergeordnet. Eine Selbstverständlichkeit ist, dass nichts grundsätzlich Kritisches über den Kapitalismus geschrieben wird.

Konforme Berichterstattung

medienmacht Insgesamt wird vorausgesetzt, dass eine den Eliten angenehme Stimmung erzeugt wird, Debatten und Kritik müssen sich in einem informell vorgezeichneten Kreis bewegen, dürfen sich niemals außerhalb dieses Zirkels bewegen.

Die aufgehende Schere zwischen Arm und Reich muss hingenommen werden, Hunger ist schlimm, aber unvermeidlich, Kapitalismus ist das beste Wirtschaftssystem, Polizei ist immer gut, Deutschland wird vom „islamistischen“ Terrorismus bedroht, die USA ist unser wichtigster Partner, die offizielle Version des 11. September hat gefälligst zu stimmen, der Lissabon-Vertrag ist gut für Europa, die Hisbollah ist nur mit dem Zusatz „radikalislamistisch“ zu nennen, die Hamas nur in Verbindung mit Iran, Chavez ist als Populist zu bezeichnen, Staaten wie Iran, Nordkorea, Venezuela und Myanmar sollten möglichst in negativen Zusammenhängen dargestellt werden, bei China und Russland kann davon abgewichen werden, wenn es sich um eine für den Westen profitable wirtschaftliche Zusammenarbeit handelt, oder im Fall Kuba, wenn es um Strände und Musik geht. Dies sind nur ein paar Beispiele für informelle Vorgaben, an die sich Journalisten zu halten haben, wenn sie bei großen westlichen Medien arbeiten wollen.

Talkshows


Besonders deutlich wird die Diskussion innerhalb des Zirkels in den TV-Talkshows, wo immer die gleichen Fragen an einen sich ständig wiederholenden Personenkreis gerichtet werden. Die Zusammenstellung dieser Gesprächsrunden orientiert sich an den bisherigen Verlautbarungen, Einstellungen und Sichtweisen der potenziell einzuladenden Politiker, sogenannten Experten, Künstlern, Journalisten etc. „Eingekauft“ werden „Karteikartensprüche“, die dann in der Sendung nach einem festgesetzten Schema des Fragens abgerufen werden. Die „Diskussionsrunden“ werden so zusammengestellt, dass sich die „gebuchten“ Wortbeiträge der Teilnehmer etwas voneinander unterscheiden, ohne dass eine bestimmte Grenze überschritten wird. Inszeniert mit Tempo in der Fragestellung, hitzigem Wortwechsel und gegenseitigem Ins-Wort-Fallen wird dem Zuschauer der Eindruck einer ernsthaften, kontroversen, spannenden Diskussion vermittelt, auch wenn die Fragen der Moderatorin und die Antworten noch so banal sind.

Nachrichtensendungen


Auch die Hauptnachrichtensendungen, für viele die Nr.1 bei der täglichen Informationsbeschaffung, arbeiten immer nach dem gleichen Schema. Wer kennt sie nicht, die hin- und herfahrenden Autos vor dem Kanzleramt, wenn wieder einmal Bildmaterial fehlt. Einige erinnern sich auch noch an die desolate Berichterstattung während des Zweiten Golfkriegs, an die Auftritte von schlecht informierten Auslandskorrespondenten auf irgendwelchen Hotelbalkons. Zusammenhanglose Kurzmeldungen sollen den Eindruck vermitteln, umfassend über das Weltgeschehen des Tages informiert worden zu sein. Ein Beispiel aus der Tagesschau vom 1. Juni 2009: Außenminister Steinmeier kam gleich in drei Beiträgen zu Wort, jeweils vom gleichen Interviewstandort aus. Zum Flugzeugunglück Air France erklärte er, dass er auch nicht wisse, wie viele Deutsche an Bord der Passagiermaschine waren. Seine Wortbeiträge in den gleich darauf folgenden Berichten zu Opel/GM und „Deutschland sagt Danke“ waren auf gleichem Niveau. Oder es werden sogenannte Experten mit einer Krawatte drapiert und als „Analysten“ bezeichnet, um, in der Privatwohnung aufgezeichnet, irgendetwas belanglos zu kommentieren.

Radio


Große Teile der Bevölkerung haben seit Langem das Gefühl, von den Mainstream-Medien nicht ausreichend und objektiv informiert zu werden. Immer mehr Menschen sind nicht mehr bereit, für drittklassige Berichterstattung Geld auszugeben. Gerade das führt zu vermehrter Internetnutzung und sinkenden Auflagen. Den Medienkonzernen ist es egal, ob das Geld über die Printausgaben oder den Internet-Auftritt hereinkommt. Sie sind mittlerweile auch an unzähligen Privatradio-Stationen beteiligt, die ihr Geld ausschließlich aus der Werbung beziehen. Mit aus der Lokalzeitung abgelesenen Meldungen, Anruf-spielen und Musik aus vergangenen Jahrzehnten, die weniger GEMA-Gebühren kosten, wird ein billiger Unterhaltungsbrei über die Zuhörer gegossen. Hunderttausenden wird jeden Tag vorgegaukelt, „5 Minuten früher“ informiert zu werden, was auch immer das für einen Vorteil haben soll. Zehntausende werden überschüttet mit Staumeldungen aus dem ganzen Bundesgebiet und dem Flitzer-Blitzer, Informationen über angeblich aufgestellte Blitzanlagen für Schnellfahrer, obwohl sie gar kein Auto haben. Unterbrochen wird das Ganze durch „20 Prozent auf alles – außer Tiernahrung“. Da sind dann auch die bezahlten Meldungen der PR-Agenturen für die „Redakteure“ ein gefundenes Fressen.

Die großen Parteien in Deutschland förderten in den 1980er-Jahren vehement die Privatisierung des Fernsehens und des Radios, weil sie sich eine konforme und unkritischere Berichterstattung erhofften. Damals ging es noch um die möglichst schnelle Verkabelung der Bundesrepublik, die von der CDU und dem damaligen Postminister Schwarz-Schilling vorangetrieben wurde. Die Hoffnungen haben sich mehr medienmachtals erfüllt. Aber die Öffentlich-Rechtlichen holen auf. Sie gaben im Fernsehen Qualitätsjournalismus und kritische Sendungen weitgehend auf und beteiligen sich an der uniformierten Berichterstattung. Es verbleiben wenige Oasen. Aber reicht das aus, wenn der Großteil des Programms aus Polka, Soap und Rosamunde Pilcher besteht?

Zeitungen


Es gibt nur noch ganz wenige Regionen in Deutschland, in denen es mehr als eine Lokalzeitung gibt oder die beiden verbliebenen Lokalzeitungen nicht aus ein und demselben Verlag kommen. Die Redaktion kann dann Hofberichterstattung betreiben, ohne dass der Bevölkerung dies durch eine Gegenposition auffällt. Die überregionalen Nachrichten basieren auf Agenturmeldungen.

AP, dpa, Reuters und AFP gaukeln mit wenigen Auslandskorrespondenten und einem löchrigen Netz von freien Mitarbeitern eine umfassende Auslandsberichterstattung vor. Noch eklatanter ist die Situation der internationalen Berichterstattung bei den Fernsehsendern. Ob von einem aktuellen spontanen Ereignis aus erster Hand berichtet werden kann, hängt vom Zufall ab.

In der Bundespressekonferenz soll die Öffentlichkeit über die Regierungspolitik informiert werden. Dazu versammeln sich die Sprecher aller Ministerien dreimal pro Woche, um den „Berlin-Journalisten“ Rede und Antwort zu stehen, und das in einem neutralen Rahmen, denn die Bundespressekonferenz ist ein Verein – das Gebäude gehört allerdings dem Allianz-Konzern. Eigentlich eine gute Sache, wären da nicht die seichten Fragen der akkreditierten Journalisten und die ausweichenden Antworten der Regierungs- und Ministeriensprecher à la „Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir hierzu im Moment keine weiter gehenden Aussagen treffen können“. Bei näherer Betrachtung kann man allerdings feststellen, dass viele der beteiligten Journalisten durchaus zufrieden sind, mit den Verlautbarungen, die dafür vorgesehen sind, unbedingt „transportiert“ zu werden.

Gestandene Lokaljournalisten verlieren sich in ihrer täglichen Arbeit zwischen den Interessen der Werbegemeinschaft Innenstadt, dem Schäferhundzuchtverein und den Ämtern der Stadt.

Noch schlimmer ist es bei den kostenlosen Anzeigen-Blättern, die wöchentlich in die Briefkästen gestopft werden und oft aus dem gleichen Verlag wie die Lokalzeitung kommen. Die schreibende Zunft dieser Postillen muss selbst die Befindlichkeiten des Tapetengeschäftes berücksichtigen oder die des ortsansässigen Ford-Händlers, sind diese doch über die Anzeigen letztlich die Leute, die das Blatt finanzieren. Fast jeder Bundesbürger erhält solche „Zeitungen“, wenn er sich dagegen nicht vehement zur Wehr setzt, und wird so mit der kleinkarierten Ortsberichterstattung zumindest einmal pro Woche konfrontiert. Das wäre nicht gar so schlimm, wenn nicht diese Anzeigen-Journalisten auch noch über Themen wie Atomkraft und Irak-Krieg schreiben würden, eingebettet in lokale Suppenrezepte und die Termine der nächsten Karnevalssitzungen.

Nirgendwo ist der hohe Anteil befristeter Arbeitsverhältnisse auffälliger als bei Medien und Universitäten. Gerade diese Institutionen, die sich selbst oft als unabhängig bezeichnen, sorgen durch die ständige Unsicherheit dieser Mitarbeiter bezüglich der jährlichen Vertragsverlängerung für ein jederzeit höriges Verhalten.

Verlage sorgen dafür, dass ihre Volontäre nicht mehr bei unabhängigen Weiterbildungseinrichtungen geschult und dort zum Beispiel im Fach „Recherche“ unterrichtet werden. Sie haben es lieber, wenn ihre Schützlinge in eigenen Ausbildungs-Schmieden auf „flotte Schreibe“ getrimmt werden. Und sie finden auch immer häufiger junge Berufseinsteiger, die sich bereitwillig in das Meinungskorsett pressen lassen – unter dem Motto „Hauptsache ich arbeite bei den Medien“.

Medien und Macht


Eine Grenze zwischen denen, die kontrollieren und berichten sollen, und denen, die kontrolliert werden und über die berichtet wird, besteht nicht. Stattdessen gibt es ein Konglomerat aus Geben und Nehmen, wie nicht nur auf den alljährlich stattfindenden Sommerfesten der Medienkonzerne zu sehen ist. Nicht von ungefähr laufen führende Politiker zunächst zur Bild am Sonntag, um ihre neuesten Verlautbarungen anzudienen.medienmacht

Gegen diese Medienmacht ist keine Wahl zu gewinnen. Dies sollte auch mit Blick auf Volksbefragungen und andere, an sich sinnvolle, Formen der direkten Demokratie berücksichtigt werden. Die Eliten achten peinlich genau darauf, dass niemand außerhalb eines festgelegten konformen Personen- und Konzernkreises eine bedeutende Rezipienten-Reichweite gewinnt. In einer immer wieder so genannten und beteuerten Demokratie sollte es nicht selbstverständlich sein, dass der Informationsfluss zwischen zumindest theoretisch demokratisch organisierten Ebenen wie Bundesregierung und Parlament auf der einen Seite und der Bevölkerung auf der anderen Seite von undemokratisch organisierten Medien gelenkt wird.

Gewalt in Film und Spiel

Gewaltverherrlichung durch Spielfilme, Computerspiele und Sport ist ein weiteres wichtiges Medienthema. Wer schlägt sich nicht gern auf die Seite des Guten, wenn diese Seite zum Beispiel James Bond heißt und im Namen der Majestät arbeitet, auch wenn er 15 bis 60 Menschen pro Film umbringt. Manchmal ist es auch nicht das Gute, sondern einfach der Sieger, der die Zuschauer auf seine Seite zieht, oder der „von uns“.

text Das kann ein Schalker oder einfach ein Mitglied der Nationalmannschaft sein. Im Fernsehen wird regelmäßig hautnah und dann noch einmal in Zeitlupe gezeigt, dass Gewalt auf dem Fußballfeld dazugehört. Um ein Tor zu verhindern, darf auch jemand kraftvoll getreten werden. Als Strafe gibt es gelbe Kärtchen und ein Lächeln der Fans. Gerade für Kinder eine bemerkenswerte Lektion, denn am nächsten Tag auf dem Schulhof versuchen Lehrer den Kindern genau das Gegenteil beizubringen.


Der Artikel erschien zuerst in Hintrgrund-Das Nachrichtenmagazin Heft 3/2009
 

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