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Schlachtplan: Wenn Israel den Iran zuerst angreift

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Das Washington Institute for Near East Policy trommelt für einen Luftkrieg Israels und der USA gegen den Iran, der Wochen bis Monate dauern könnte und in dem täglich Hunderte von Angriffen auf bis zu 10.000 Ziele geflogen werden sollen.

Von WOLFGANG JUNG, 23. Oktober 2009 –

Die Gefahr, dass Israel einen Luftkrieg mit dem Iran anzettelt, den die USA umgehend ausweiten, wird immer größer. Der bekannte investigative US-Journalist Seymour M. Hersh hat in seinem bereits Anfang April 2006 publizierten Artikel "Die Iran-Pläne" (1) Folgendes mitgeteilt:

“Auf einer Konferenz zur Sicherheit im Mittleren Osten im letzten Monat in Berlin verteilte Colonel (Oberst) Sam Gardiner, ein Militär-Analyst, der vor seinem Ausscheiden aus der Air Force im Jahr 1987 am „National War College“ (dem Nationalen Kriegskolleg in Washington) lehrte, ein Papier mit einer Schätzung, was nötig wäre, um das iranische Nuklear-Programm zu zerstören. An Hand von Satelliten-Fotos von den bekannten Einrichtungen schätzte Gardiner, dass mindestens vierhundert Ziele getroffen werden müssten. Er fügte hinzu: ‘Ich glaube nicht, dass die US-Militärplaner es dabei bewenden ließen. Der Iran hat möglicherweise zwei Fabriken für Chemiewaffen. Die wären zu treffen. Wir müssten auch die Mittelstreckenraketen ausschalten, die kürzlich näher an den Irak heran verlegt wurden. Es gibt vierzehn Flugplätze mit verbunkerten Flugzeugen. Diese Bedrohung müssten wir loswerden. Wir müssten die Waffensysteme treffen, von denen die Schifffahrt im Golf bedroht werden könnte. Wir müssten also die Abschuss-Einrichtungen für Lenkflugkörper und die iranischen Diesel-Unterseeboote treffen. Einige der Ziele sind auch mit tief in die Erde eindringenden Waffen nur schwer zu zerstören. Das US-Militär wird Spezialkräfte einsetzen müssen.’“

Der US-Journalist Dan Plesh schrieb im Februar 2007 in seinem Artikel "Bereit zum Angriff auf den Iran" (2) u. a.: “Jeder US-General, der einen Angriff auf den Iran plant, kann heute davon ausgehen, dass mindestens 10.000 Ziele bei einem einzigen Angriff getroffen werden können – von Flugzeugen, die in den USA oder auf der (Insel) Diego Garcia (im Indischen Ozean) gestartet sind. Im vergangenen Jahr wurden durch die unbegrenzte Finanzierung (neuer) Militärtechnologie die "Smart Bombs" (satellitengesteuerte Bomben) auf eine ganz neue Entwicklungsstufe gebracht.

Neue "bunkerbrechende" konventionelle Bomben wiegen nur noch 250 Pound (113,4 kg). Nach einer Mitteilung der (Herstellerfirma) Boeing vervierfacht die (neue) "GBU-39 Small-Diameter Bomb" (ferngesteuerte Bombe 39 mit geringem Durchmesser) die Zerstörungskraft der US-Kampfjets – bezogen auf die Bomben, die noch 2003 benutzt wurden. Ein einziger (B-2) Stealth-Bomber (der kaum durch Radar zu orten ist) oder ein B-52-Bomber kann jetzt 150 bis 300 verschiedene Ziele mit einer Abweichung von weniger als einem Meter angreifen, indem er das (besonders effiziente militärische) globale Navigationssystem benutzt. “

Charles Wald, der pensionierte General der US-Air Force, der auch bei der Konferenz des Washington Istitute als Scharfmacher aufgetreten ist, hat schon im August 2009 im Wall Street Journal verkündet: "Gegen den Iran gibt es auch eine militärische Option" (3 ). Er schrieb:

“Ein Angriff auf iranische Atomeinrichtungen würde größtenteils aus der Luft erfolgen und hauptsächlich von (den Bombern) der (US-)Air Force und (den Kampfjets, Raketenkreuzern und U-Booten) der (US-)Navy durchgeführt werden, die durch Operationen im Irak und in Afghanistan nicht besonders beansprucht wurden. Außerdem bietet die Anwesenheit von US-Truppen in Ländern, die an der Iran angrenzen, verschiedene Vorteile. Spezialkräfte und Geheimdienst-Trupps, die sich bereits in der Region aufhalten, könnten leicht (in den Iran) eindringen, um Schlüsselpositionen zu sichern oder geheime Operationen durchzuführen. Es wäre vernünftig, zusätzliche Luftabwehrraketen in der Region in Stellung zu bringen, vorhandene Verteidigungsmöglichkeiten und die Truppen der Verbündeten zu verstärken und strategische Partnerschaften mit Ländern wie Aserbaidschan und Georgien auszubauen, um den Iran von allen Richtungen unter Druck setzen zu können.”

Der Washington-Korrespondent Dan Raviv (4) von CBS NEWS fasste am 18. Oktober das Fazit der aktuellen Nahostkonferenz des Washington Institute for Near East unter dem Titel „Ein pensionierter General erklärt, ein israelischer Angriff zur Ausschaltung der Atomanlagen des Irans sei möglich, und die USA sollten sich ihm dann anschließen“ zusammen.

„Auf einer Konferenz von Nahostexperten ist etwas eingetreten, was nicht zu erwarten war. Mehrere hundert Teilnehmer verbrachten das Wochenende in einem Ferienhotel 30 Meilen nordwestlich von Washington D.C; kalter Regen, zwang sie dazu, sich ausschließlich auf den Iran und den dahin siechenden israelisch-palästinensischen Friedensprozess zu konzentrieren.

Bei der Jahresversammlung der Sponsoren des Washington Institute for Near East Policy, an der sich auch Diplomaten, Journalisten und Analysten beteiligten, hatten viele eine lebhafte Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern eines militärischen Angriffs auf die Atomanlagen des Irans erwartet. (5)

Stattdessen empfahlen die Experten den Teilnehmern die militärische Option als eine sehr realistische Möglichkeit, und ein pensionierter General der US-Air Force erklärte, Israel solle zuerst das Feuer eröffnen; von den Vereinigten Staaten wäre es klug, sich dann anzuschließen.

General Charles Wald, der frühere Chef für strategische Planung und (Militär-)Politik der Air Force, der auch stellvertretender Kommandeur des U.S. European Command (EUCOM in Stuttgart) war, sagte, ein Bombenkrieg sei zwar "widerwärtig", könne aber die atomaren Bemühungen des Irans um viele Jahre zurückwerfen.

‘Ich denke nicht, dass Israel das allein tun kann’, erklärte Wald. ‘Es hat zwar ein fantastisches Militär, das ist aber nicht stark genug, um einen Luftkrieg zu führen, der Wochen oder Monaten dauern kann und täglich Hunderte von Angriffen erfordert.’

Wald sagte, die Vereinigten Staaten würden zwar nicht direkt in Luftangriffe auf dem Iran hineingezogen, wenn ‘unser großartiger Verbündeter Israel’ aber entscheide, dass er die Aussicht auf eine iranischen Atombombe ‘nicht mehr hinnehmen könne’, dann werde ‘der Druck auf die Vereinigten Staaten wachsen, Israel beizustehen’.

Der General teilte mit, dass er nach dem Kommando über die einleitenden Luftschläge bei dem Überfall auf Afghanistan, der nach dem 11.09. erfolgte, sehr besorgt über das benachbarte Pakistan und die Möglichkeit nachgedacht habe, dass es eines Tages seine Atomwaffen einsetzen könnte. ‘Ich bat meinen Stab, einmal auszuloten, was bei einem atomaren Schlagabtausch zwischen Pakistan und Indien zu erwarten sei. Man kam zu dem Ergebnis, dass mit mindesten 20 bis 30 Millionen Toten, im Höchstfall sogar mit 300 Millionen Tote zu rechnen wäre.’

Wald fuhr fort, dass ihn die Reaktion der pakistanischen Führung auf diese Analyse erstaunt habe: Sie hätte nicht mit so vielen Toten gerechnet. Wald ging davon aus, dass der Iran, Israel und andere Staaten im Mittleren Osten, die auch nach Atombomben strebten, es versäumen könnten, die möglichen Folgen in Betracht zu ziehen.

‘2003 haben General Jim Jones, der jetzt der Nationale Sicherheitsberater des Präsidenten Obama ist, und ich uns mit unserer strategischen Beratungsgruppe für Europa zusammengesetzt. Ich konnte niemand dafür gewinnen, über den Iran zu sprechen. Thema war immer nur der Irak. Und jetzt verbraucht Afghanistan den ganzen Sauerstoff im Raum.’ Wald fügte hinzu, dass für die arabischen Regierungen entlang des Persischen Golfs seit Jahren aber der Iran das Hauptproblem gewesen sei.

Der in der Nähe Walds sitzende ehemalige Chef des israelischen Militärgeheimdienstes, der pensionierte General Aharon Farkash, stimmte zu, dass die US-Air Force das iranische Atomprogramm viel wirksamer zerschlagen könne als die Luftwaffe Israels. ‘Die Vereinigten Staaten könnten die Atomanlagen zerstören, und der Krieg würde nicht lange dauern’, sagte Farkash; er warnte aber gleichzeitig, den westlichen Geheimdiensten könnten nicht alle Atomanlagen des Irans bekannt sein.

Wie andere Israelis betonte Farkash, wie wichtig es sei, den Iran davon zu überzeugen, dass er die Drohungen der Vereinigten Staaten und Israels ernst nehmen müsse. Auch harte Sanktionen könnten den Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad und dem höchsten religiösen Führer Ayatollah Khamenei veranlassen, die Urananreicherung aufzugeben.

‘Das Teheraner Regime wird keinen Selbstmord begehen wollen’, sagte ein Israeli, der eine neue Hightech-Sicherheitsfirma betreibt. ‘Wenn sie begreifen, dass wir es diesmal ernst meinen, werden sie ihr Regime nicht verlieren wollen.’

David Makovsky, ein führender Analyst am Washington Institute, der mit Dennis Ross, einem Mitarbeiter der Obama-Regierung, ein Buch über die Nahostpolitik verfasst hat, unterstrich, dass die Generäle zwei verschiedene Angriffsphilosophien vertreten hätten: ‘Die Vereinigten Staaten wollen einen umfassenden Großangriff, während Israel nur das tun will, was es kann, denn nichts zu tun, wäre viel schlimmer.’

Makovsky fragte General Wald auch nach dem Vorschlag Zbigniew Brzezinskis, der Jimmy Carters Nationaler Sicherheitsberaters war; dieser hatte in einem Interview mit (der US-Internet-Zeitung) THE DAILY BEAST im letzten Monat empfohlen, die Vereinigten Staaten sollten israelische Kampfflugzeuge abschießen, wenn sie den Irak überfliegen, um den Iran anzugreifen. (6)

‘Die Chance dazu ist gleich null’, antwortete Wald, ‘nein, sogar weniger als null’.

Bereits am Samstag sprach vor dem gleichen Publikum Ata'ollah Mohajerani (7), ein ehemaliger Vizepräsident der Islamischen Republik Iran; er betonte, bei einem Angriff auf sein Land werde auch dessen für die Demokratie eintretende "Grüne Bewegung" ausgelöscht; er lebt in London, soll aber dem (iranischen) Oppositionskandidaten Mehdi Karroubi nahe stehen (8). Mohajerani erklärte, dass er die Reformbewegung unterstütze und Ahmadinedschads Wiederwahl als illegal betrachte, betonte aber auch, dass ein Militärschlag oder harte Sanktionen nur der Stärkung des Regimes dienten.

In seiner unerwartet lange Rede berief sich der iranische Politiker auch auf Bücher Dostojewskis, Kafkas, Walt Whitmans und Elie Wiesels; er zitierte sogar Großbritanniens Oberrabbiner Jonathan Sacks. Mohajerani behauptete, jeder gute Moslem lehne Kernwaffen ab, und legte Wert auf die Feststellung, dass die meisten Staaten, die den Iran jetzt unter Druck setzen, eigene Atomwaffenarsenale hätten; er wies auch darauf hin, dass die Vereinigten Staaten und Israel dem Iran Atombomben zubilligten, als der inzwischen verstorbene Schah noch an der Macht war.

Als Mohajerani Fragen von Konferenzteilnehmern beantwortete, die Israel unterstützen, weigerte er sich, von den Iranern geförderte Terroristen zu verurteilen, und lehnte es ab, sich zum Existenzrecht Israels zu äußern. Viele der Konferenzteilnehmer, die glaubten, Mohajerani habe bei seinem seltenen Aufttritt in der Nähe Washingtons Geld und Unterstützung für die Grüne Bewegung im Iran eintreiben wollen, sagten, sie seien sehr enttäuscht worden. Sie befürchteten, ein von der Grünen Bewegung geführter Iran werde sich nicht sehr von Ahmadinedschads Regime unterscheiden. “ (9)

Fazit

Die begonnenen Verhandlungen mit dem Iran werden mit Sicherheit scheitern, weil die Islamische Republik nicht bereit sein wird, auf ihre legale Urananreicherung zu verzichten. Da sich die 5+1 Verhandlungspartner nicht auf harte Sanktionen verständigen können, wird Israel umgehend gegen den Iran losschlagen, in der Gewissheit, dass ihm die USA sofort zur Hilfe kommen. Die nach der Wahl im Iran vom Westen angeheizte "Grüne Bewegung" wird zwar auch in den Luftangriffen untergehen. Aber das wird hingenommen, weil sie ohnehin nicht in allen Punkten nach der AIPAC-Pfeife tanzt. Es wird höchste Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, im so genannten "Iran-Konflikt" sei eine Verhandlungslösung möglich. Die konventionellen Superbomben und die taktischen Atomwaffen für besonders befestigte iranische Ziele liegen schon bereit. Nur die Zahl der Opfer steht noch nicht fest, und die katastrophalen Folgen für uns alle sind nicht abzuschätzen.


Die Text-Anmerkungen in den kursiven Klammern wurden vom Autor eingefügt.

Anmerkungen:

(1) s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_06/LP03906_080406.pdf
(2) s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_07/LP04607_240207.pdf
(3) s. http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_09/LP17609_170809.pdf
(4) Dan Raviv sitzt als CBS-Nachrichtenkorrespondent in Washington und moderiert die Zu-sammenfassung von CBS-Radionachrichten zum Wochenende; er ist Mitverfasser des Buches "Every Spy a Prince: The Complete History of Israeli Intelligence" (Jeder Spion ein Prinz: Die komplette Geschichte des israelischen Geheimdienstes).
(5) Informationen zu dem Washington Institute for Near East Policy / WINEP, das dem American Israel Public Affairs Committee / AIPAC nahe steht, sind aufzurufen unter s. http://www.washingtoninstitute.org/templateI01.php und http://de.wikipedia.org/wiki/Washington_Institute_for_Near_East_Policy
(6) s. dazu auch http://www.luftpost-kl.de/luftpost-archiv/LP_09/LP20509_230909.pdf
(7) s. http://en.wikipedia.org/wiki/Ata%27ollah_Mohajerani
(8) s. http://de.wikipedia.org/wiki/Mehdi_Karroubi
(9) http://www.cbsnews.com/stories/2009/10/18/notebook/main5394593.shtml
 

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