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„Intellektueller Notstand“ – Berliner Polizisten führen regierungskritische Israelis ab

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Wie eine Berliner Podiumsdiskussion zum Umgang deutscher Medien mit Erinnerungskultur, Israelkritik und Antisemitismus zum Desaster wurde -

Von REDAKTION, 28. April 2010 -

Angekündigt war eine Debatte, stattdessen fand ein Tumult statt. Die von der Jüdischen Gemeinde zu Berlin organisierte Podiumsdiskussion „Pilgerfahrt nach Auschwitz“ im gänzlich überfüllten Centrum Judaicum brachte nur eine Erkenntnis: Eine sachbezogene und faire Debatte zum Umgang deutscher Medien mit dem Themenkomplex Israelkritik, Antizionismus und Antisemitismus scheint derzeit kaum möglich zu sein.

Anlass für die Veranstaltung am vergangenen Dienstag war ein Meinungsartikel von Iris Hefets, die sich in der Taz kritisch damit auseinander gesetzt hatte, wie das notwendige Gedenken an die Verbrechen des Holocaust heute dazu missbraucht wird, jede Kritik an der Politik der israelischen Regierung als antisemitisch zu diffamieren. (1)

Auf dem Podium saßen mit Ines Pohl (Taz), Thomas Schmid (Die Welt) und Stephan-Andreas Casdorff (Der Tagesspiegel) die Vertreter von drei wichtigen Tageszeitungen. Als Moderator war der von seiner Aufgabe anscheinend völlig überforderte Thierry Chervel (Perlentaucher) eingesetzt.

Da insbesondere Die Welt und der Perlentaucher für ihre prozionistische und zum Teil militant antiislamische Tendenz weithin bekannt sind, hatten Skeptiker  mit einer ausgeglichenen, Argumente wägenden Diskussion von Anfang an nicht gerechnet. Dass es zum Austausch von kontroversen Argumenten aber gar nicht erst kommen sollte, war in dieser Form allerdings nicht zu erwarten gewesen.

Die  Medienwissenschaftlerin Sabine Schiffer bezeichnete den Verlauf der Veranstaltung als ein „Desaster“. Gegenüber Hintergrund schildert sie ihre Eindrücke des Abends. Für sie war bald ganz offensichtlich, dass die Vertreterin der Taz quasi in einem Tribunal saß und sich vor den anderen Journalisten auf dem Podium für den Abdruck des Artikels von Iris Hefets in ihrer Zeitung rechtfertigen sollte.
hefets demo
"Wir sind alle Iris Hefets" stand auf den Schildern der jungen Israelis ...
polizei hefets
... die kurz nach ihrem Protest von der Polizei aus dem Saal geleitet wurden
Gleich nachdem Lala Süsskind in ihrer Funktion als Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde ihr Grußwort gesprochen hatte, seien einige junge Israelis aufgestanden und hätten dagegen protestiert, dass israelische Kritiker der Politik der israelischen Regierung auf dem Podium nicht zu Wort kommen sollten. „Sie haben Iris Hefets unterstützt, die auch Israelin ist und nicht auf das Podium eingeladen worden war“, so Schiffer. „Dabei gab es den ersten Tumult. Diese Leute sind dann von der Polizei abgeführt worden.“

In dem Tumult ist Ines Pohl, die Chefredakteurin der taz, dann ans Mikrophon gegangen und hat vorgeschlagen, dass man Iris Hefets aufs Podium einlädt. Das wurde sofort von einer Männerstimme aus dem Publikum gekontert: „Wenn hier in einer jüdischen Veranstaltung ein Antisemit spricht, dann gehe ich sofort.“ Der Vorschlag von Frau Pohl sei dann von den Veranstaltern abgelehnt worden. Darauf erklärte sie, wenn es so undemokratisch zuginge, dann bleibe sie auch nicht - und ging. Erst flogen die regierungskritischen Israelis raus, dann durfte Hefets nicht sprechen und schließlich ging auch die Vertreterin der Taz.  

Im Publikum und auf dem Podium, so Schiffer, habe dann erst einmal betretenes Schweigen geherrscht. Da mit Pohl die Hauptperson gegangen war, war das Thema im Grunde genommen schon beendet. „"Die anderen Podiumsteilnehmer scheinen sich auf ein reines Taz- und Pohl-Bashing eingestellt zu haben und hatten anscheinend zum Thema ansonsten nichts zu sagen. Von den Publikumsmeldungen haben sie nicht eine aus dem Publikum überhaupt angenommen. Moderator Charvel war nicht in der Lage, diese Beiträge zu bündeln und die Diskussion in eine Richtung zu lenken. Es war intellektueller Notstand, man kann das nicht anders nennen.“ Schiffers Resümee des Abends ist bitter: „Die Leute kommen da als Lager rein und gehen als Lager wieder raus. Da verschiebt sich nichts, da ändert sich nichts. Da gibt es kaum Bereitschaft über die Position der anderen Seite nachzudenken. Ich habe Leute im Publikum beobachtet, bei denen hatte ich den Eindruck, dass sie schon nach zwei Worten entschieden hatten, ob sie jemandem noch zuhören oder nicht.“ Für die Medienwissenschaftlerin steht fest: „ Wir brauchen eine andere Debatte, eine andere Diskussionskultur.“

(1) http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/pilgerfahrt-nach-auschwitz/

Nachtrag: vgl. den Bericht von Sabine Schiffer
http://www.hintergrund.de/20100430860/hintergrund/medien/alles-antisemiten.html

vgl. Erklärung der Israelis gegen die Besatzung - Berlin
http://www.hintergrund.de/20100501864/kurzmeldungen/aktuell/israelkritik-es-ist-zeit-tacheles-zu-reden.html
 

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