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„Die Amerikaner sind der Feind der Frauen von Afghanistan“

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Nachdem US-Spezialkräfte das Haus einer Parlamentarierin gestürmt und ihren Bruder erschossen haben, forderten Demonstranten den Abzug der Besatzungstruppen -

Von THOMAS WAGNER, 30. April 2010 -


Die von den USA und ihren Verbündeten forcierte Aufstandsbekämpfung in Afghanistan fordert  täglich so viele neue Opfer unter der Zivilbevölkerung, dass die internationalen Medien fast nur noch in besonders außergewöhnlichen Fällen darüber berichten. In der Nacht vom Mittwoch zum Donnerstag war es nicht die Zahl der Getöteten, die eine Razzia in der ostafghanischen Provinz Nangarhar zum Medienereignis machte, sondern die persönliche Betroffenheit der afghanischen Parlamentarierin Safia Siddiqi.

Safia Siddiqi
Ein Plakat der Kandidatin Safia Siddiqi für die afghanischen Parlamentswahlen. Siddiqi kandidierte bereits 2005 in Jalalabad.
Nach ihren eigenen Angaben umstellten mehr als 100 US-Soldaten auf der Suche nach einem Aufständischen zunächst ihr Haus, drangen dann in dasselbe ein, demolierten ihr sämtliches Mobiliar und töteten im Verlauf dieser Kommandoaktion ihren Schwager. „Sie schossen sechsmal auf ihn: in sein Herz, in sein Gesicht, in seinen Kopf. Beide Beine wurden gebrochen“, sagte die Politikerin, (1) die sich zum Zeitpunkt des Überfalls selbst nicht in dem Ort aufhielt. Entsetzt gab sie am Donnerstag der Presse zu Protokoll: „Ich fürchtete die Taliban und nun kann ich sagen, die Amerikaner sind der Feind der Frauen von Afghanistan.“ (2)

Der Getötete war ein Automechaniker aus Kabul auf Familienbesuch. Als er mitten in der Nacht außerhalb des Hauses verdächtige Geräusche hörte, griff er zu einem Jagdgewehr. Als er aus der Tür trat, wurde er nach Berichten von Zeugen sofort  erschossen. Die NATO dagegen gab an, der Mann habe die von einem Dolmetscher übersetzte Aufforderung ignoriert, seine Waffe niederzulegen. Dass es sich bei dem Toten um ein Familienmitglied Sidiquis handelte, wollte die NATO zunächst auch nicht bestätigen. Der Vorfall werde aber untersucht. (3)

Ein jüngerer Bruder der Abgeordneten, Shah Fasial Siddiqi, wurde Zeuge des nächtlichen Überfalls. Der im kanadischen Toronto lebende Mitarbeiter eines Lebensmittelgeschäfts war vor wenigen Tagen erst nach Afghanistan gereist, um seine Familie zu besuchen. Seiner Aussage zufolge nahmen die US-Soldaten 15 Männer, Frauen und Kinder fest und verbanden ihnen die Augen. Auf seine Mitteilung, dass sie gerade dabei seien, das Heim einer Parlamentarierin einzunehmen, hätten diese nur gesagt: „Wir wissen das.“ (4) Aussagen des US-Militärs, dass afghanische Soldaten an der Aktion beteiligt waren, wies Shah Fasial Siddiqi zurück. Er habe keine afghanischen Kräfte gesehen. (5) Die Parlamentarierin Safia Siddiqi nannte die Tötung ihres Bruders am Donnerstag eine „barbarische Tat“. Nach Angaben der Familie hatte der Tote keine Verbindungen zu den Taliban. Nach der Militäroperation demonstrierten mehrere Hundert aufgebrachte Afghanen im Distrikt Schurkh Rod, verbrannten Reifen und blockierten die Straße nach Kabul für Stunden.. Ein Anwohner sagte, die Demonstranten hätten die NATO-Truppen aufgefordert, aus Afghanistan abzuziehen. Sie skandierten „Tod für Amerika“. (6)

(1) http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/04/29/AR2010042905040.html
(2) http://seattletimes.nwsource.com/html/nationworld/2011739580_afghan30.html
(3) http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692079,00.html
(4) http://seattletimes.nwsource.com/html/nationworld/2011739580_afghan30.html
(5) http://seattletimes.nwsource.com/html/nationworld/2011739580_afghan30.html
(6) http://www.washingtonpost.com/wp-dyn/content/article/2010/04/29/AR2010042905040.html, http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,692079,00.html
 

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