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Den Krieg in Libyen verstehen

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Von MICHEL COLLON, 3.  Juni 2011 -

Der belgische Schriftsteller, Journalist und Historiker Michel Collon betreibt eine höchst informative Website: Investig`Action. Er hat einen Artikel in drei Folgen mit dem Titel „Comprendre la guerre en Libye“ verfasst. Die zweite Folge ist besonders informativ, wenn man den Krieg gegen Libyen richtig einordnen und seine Gründe verstehen will. Diese Folge hat Bernd Duschner dankenswerter Weise für die Webseite des Forums solidarisches und friedliches Augsburg aus dem Französischen übersetzt. Das Original erschien am 8. April 2011 bei Michel Collon.

Was sind die wahren Ziele der USA?

An diesem Punkt unserer Überlegungen angelangt, können wir aufgrund mehrerer Tatsachen die These vom humanitären Krieg oder einer impulsiven Reaktion auf die Ereignisse als endgültig widerlegt betrachten. Wenn Washington und Paris jegliche Verhandlungen entschlossen abgelehnt haben, wenn sie bereits seit einiger Zeit am Aufbau der libyschen Opposition „gearbeitet“, detaillierte Konzepte für eine Intervention vorbereitet hatten und sich ihre Flugzeugträger bereits seit längerer Zeit für eine Intervention bereit hielten (wie es US-Admiral Gary Roughead, Chef der US-Seestreitkräfte bestätigt hat: „Unsere Streitkräfte waren bereits gegen Libyen positioniert“, Washington, 23. März), dann bedeutet das zwangsläufig: Dieser Krieg wurde nicht im letzten Augenblick als Reaktion auf überraschend eingetretene Ereignisse beschlossen. Er war im Gegenteil geplant. Mit ihm werden Ziele verfolgt, die über die Person Gaddafis weit hinausgehen. Welche Ziele sind das?

Die Ziele der USA gehen über das Öl weit hinaus

In diesem Krieg gegen Libyen verfolgen die USA gleichzeitig mehrere Ziele:

1. Kontrolle über das Erdöl. 2. Sicherheit für Israel. 3. Verhinderung der Befreiung der arabischen Welt. 4. Verhinderung der afrikanischen Einheit. 5. Installierung der NATO als Gendarm für Afrika.

Das sind viele Ziele? Jawohl, wie bei den vorhergehenden Kriegen gegen den Irak, Jugoslawien und Afghanistan. Ein Krieg dieser Art ist teuer und mit großen Risiken für das Ansehen der USA verbunden, vor allem, wenn sie ihn nicht gewinnen sollten. Wenn Obama einen solchen Krieg angezettelt hat, dann weil er sich davon große Vorteile verspricht.

Ziel 1: Kontrolle über das gesamte Erdöl


Manche sagen, es handle sich dieses Mal nicht um einen Krieg um Erdöl. Der Anteil des libyschen Erdöls an der Weltproduktion sei unbedeutend. Zudem habe Gaddafi bereits Öl an die Europäer verkauft. Sie haben das Wesen des „Weltkrieges um das Erdöl“ nicht verstanden. Mit der Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus wird die Auseinandersetzung zwischen den Wirtschaftsmächten immer verbissener geführt. Bei diesem Spiel geht es um hohe Einsätze: Um den eigenen Multis einen Platz am Spieltisch zu sichern, muss jede Großmacht an allen Fronten kämpfen: Märkte erobern, Regionen mit profitablen Arbeitskräften unter ihre Kontrolle bringen, sich große öffentliche und private Aufträge verschaffen, sich Handelsmonopole sichern, Staaten, die ihr Vorteile bieten können, unter ihre Kontrolle bringen. Vor allem aber muss sie sich die Kontrolle über die begehrten Rohstoffe sichern, allen voran über das Erdöl.

Im Jahr 2000 haben wir in unserem Buch „Monopoly“ die kommenden Kriege analysiert und geschrieben: „Wer die Welt beherrschen will, muss die Kontrolle über das Erdöl gewinnen und zwar über das gesamte Erdöl, wo immer es sich befindet.“ Wenn ihr eine Großmacht seid, kann es euch nicht genügen, nur die eigene Ölversorgung zu sichern. Ihr würdet mehr wollen, das Maximum. Nicht nur wegen der enormen Gewinne, sondern weil ihr mit einem Monopol in der Lage wäret, es euren stärksten Konkurrenten zu entziehen bzw. sie zu zwingen, eure Konditionen zu akzeptieren.

Ihr würdet über die stärkste Waffe verfügen. Erpressung? Jawohl! Seit 1945 haben die USA haben alles getan, um sich das Monopol über das Öl zu verschaffen. Ein Rivale wie Japan beispielsweise war für seine Energieversorgung zu 95 Prozent von den USA abhängig. Damit war sein Gehorsam gesichert. Aber die Kräfteverhältnisse ändern sich. Die Welt wird multipolar. Die USA sehen sich heute mit einem erstarkenden China, einem wiedererstarkenden Russland, dem Aufstieg Brasiliens und anderer Länder des Südens konfrontiert. Es wird zunehmend schwieriger, das Monopol aufrecht zu erhalten.

Das libysche Öl macht nur 1-2 Prozent der Weltproduktion aus? Einverstanden, aber es ist von bester Qualität, einfach zu gewinnen und folglich hoch rentabel. Zudem liegt das Land in unmittelbarer Nähe von Italien, Frankreich und Deutschland. Öl aus dem Vorderen Orient, Schwarzafrika oder Lateinamerika zu importieren, ist mit viel höheren Kosten verbunden. Wir haben es also ganz offenkundig mit einem Kampf um das schwarze Gold Libyens zu tun. Das gilt ganz besonders für Frankreich. Dieses Land hatte am stärksten auf die mittlerweile allzu riskant erscheinende Atomenergie gesetzt.

In diesem Zusammenhang ist es nötig, an zwei Tatsachen zu erinnern: 1. Gaddafi wollte den Anteil des libyschen Staates am Öl von 30 auf 51 Prozent erhöhen. 2. Am 2. März hatte Gaddafi darüber geklagt, dass die Ölproduktion seines Landes auf sein niedrigstes Niveau gefallen sei. Er hatte angedroht, die westlichen Firmen, die Libyen verlassen hatten, durch chinesische, russische und indische Gesellschaften zu ersetzen. Ist es ein Zufall? Immer dann, wenn ein afrikanisches Land anfängt, sich China zuzuwenden, bekommt es Probleme.

Noch ein weiterer Hinweis: Ali Zeidan ist der Mann, der die Zahl von den 6.000 toten Zivilisten lanciert hat, die Opfer der Bombardierungen Gaddafis geworden seien. Er ist gleichzeitig der Sprecher der Übergangsregierung, also der oppositionellen Regierung, die von Frankreich anerkannt wurde. In dieser Funktion hat Ali Zeidan erklärt, „die unterzeichneten Verträge werden eingehalten“. Die zukünftige Regierung, „werde jedoch die Nationen berücksichtigen, die uns geholfen haben.“ Wir haben es also ganz offensichtlich mit einem weiteren Krieg um das Erdöl zu tun. Allerdings wird er nicht nur gegen Libyen geführt.

Woher kommt die Rivalität zwischen USA, Frankreich und Deutschland?

Wenn der Krieg gegen Libyen nur humanitären Charakter hätte, wären die Auseinandersetzungen zwischen den kriegführenden Staaten nicht nachzuvollziehen. Warum hat sich Sarkozy beeilt, als erster mit den Bombardements zu beginnen? Warum war er so verärgert, als die NATO  die Führung der Kriegsoperationen übernehmen wollte? Sein Argument, „die NATO sei in den arabischen Ländern nicht populär“, kann man nicht ernst nehmen. Als ob er, Sarkozy, der Israel und Ben Ali unterstützt hat, so populär wäre! Warum waren Deutschland und Italien so zurückhaltend bei diesem Krieg? Warum hatte der italienische Minister Frattini zunächst erklärt, man müsse „die Souveränität und Integrität Libyens verteidigen“ und „Europa dürfe nicht die Demokratie nach Libyen exportieren“?(1)

Nur unterschiedliche Ansichten, wie humanitäre Unterstützung effektiv gestaltet werden kann? Nein, auch hier werden ökonomische Interessen deutlich. Europa steckt in einer Krise. Die Rivalitäten werden zunehmend stärker. Noch vor einigen Monaten drängelte man sich nach Tripolis, um Gaddafi zu umarmen und große Verträge mit Libyen abzuschließen. Diejenigen, die dabei erfolgreich waren, hatten kein Interesse, die Verträge wieder in Frage zu stellen. Ganz im Gegensatz zu denen, die leer ausgegangen waren! Wer war der Hauptkunde für libysches Öl? Italien. Wer stand an zweiter Stelle? Deutschland. Schauen wir uns die Investitionen und Exporte der europäischen Mächte an.

Wer hatte die meisten Verträge in Libyen erhalten? Italien. Wer stand an zweiter Stelle? Deutschland. Das deutsche Unternehmen BASF war mit Investitionen von zwei Milliarden Euro der wichtigste Ölproduzent in Libyen geworden. Die deutsche Firma DEA, Tochter des Energiegiganten RWE, hatte mehr als 40.000 Quadratkilometer Erdöl- und Erdgaslagerstätten erhalten. Das deutsche Unternehmen Siemens hatte den Löwenanteil an den gewaltigen Investitionen für das gigantische Projekt „Great Man Made River“ bekommen: Es handelt sich dabei um das größte Bewässerungsprojekt der Welt, ein Netz von Pipelines, mit denen Wasser aus den wassertragenden Schichten Nubiens bis an die Saharawüste herangeführt wird. Zu ihm gehören über 1300 Brunnen, die oft mehr als 500 Metern tief sind. Nach Beendigung aller Arbeiten werden sie Tripolis, Bengazi, Syrte und andere Städte täglich mit mehr als 6,5 Millionen Kubikmeter Wasser beliefern.(2) 25 Milliarden Dollar haben Gierige angelockt. Zudem hatte Libyen mit seinen Öl-Milliarden ein äußerst ehrgeiziges Programm eingeleitet, um seine Infrastruktur zu erneuern, Schulen und Krankenhäuser zu bauen und das Land zu industrialisieren.

Dank seiner wirtschaftlichen Stärke hat sich Deutschland in Libyen, Saudi Arabien und den arabischen Golfstaaten eine Position privilegierter wirtschaftliche Zusammenarbeit sichern können. Keineswegs möchte es sein Ansehen in der arabischen Welt beschädigen. Was Italien betrifft, muss an die ungeheure Brutalität erinnert werden, mit der es Libyen einst kolonisiert hatte. Dabei stützte es sich auf die Stämme im Westen gegen die Stämme im Osten. Heute haben die italienischen Unternehmen dank Berlusconi einige schöne Verträge erhalten. Sie haben folglich viel zu verlieren.

Im Gegensatz zu ihnen, haben Frankreich und England nicht die besten Stücke vom Kuchen abbekommen. Sie sind vorne dabei, um eine Neuverteilung des Kuchens zu erreichen. Der Krieg in Libyen ist nur die Fortführung der ökonomischen Auseinandersetzung mit anderen Mitteln. Die kapitalistische Welt ist nicht wirklich schön. Der wirtschaftliche Kampf verlagert sich auf die militärische Ebene. In einem Europa, das in einer Krise steckt und von einem (vor allem dank seiner Politik der niedrigen Löhne) sehr leistungsstarken Deutschland dominiert wird, hat Frankreich sein Bündnis gebrochen. Es wendet sich jetzt Großbritannien zu, um ein verändertes Gleichgewicht zu erreichen. Paris und London haben mehr militärische Mittel als Berlin. Sie versuchen diese Karte auszuspielen, um ihre wirtschaftliche Schwäche auszugleichen.

Ziel 2: Israel sichern

Im Nahen Osten hängt alles miteinander zusammen. Noam Chomsky hat uns in einem Gespräch erklärt:(3) „Seit 1967 hat die US-Regierung Israel als eine strategische Investition betrachtet. Es war ein örtliches Polizeikommissariat und hatte die Aufgabe, die Diktaturen in den ölproduzierenden arabischen Ländern zu schützen.“ Israel ist der Polizist für den Mittleren Osten. Das neue Problem für Washington besteht darin, dass Israel wegen seiner zahlreichen Verbrechen (Angriffe auf Libanon, Gaza, Flotte mit humanitärer Hilfe) zunehmend isoliert ist. Die arabischen Völker fordern das Ende dieses Kolonialismus. Folglich braucht der Polizist Schutz. Israel kann nur solange überleben, wie es von arabischen Diktaturen umgeben ist, die den Wunsch ihrer Völker nach Solidarität mit den Palästinensern missachten. Das ist ein Grund, warum Washington Mubarak und Ben Ali unterstützt hat und die anderen Diktatoren weiter unterstützen wird. Die USA befürchten, in den kommenden Jahren Tunesien und Ägypten zu verlieren“. Dadurch würden sich die Kräfteverhältnisse in der Region verändern.

Nach dem Krieg gegen den Irak 2003, der auch als Warnung und zur Einschüchterung der anderen arabischen Führer dienen sollte, hatte Gaddafi die drohende Gefahr erkannt. Er hatte deshalb seine Zugeständnisse gegenüber den Westmächten und ihren neoliberalen Forderungen vergrößert. Dabei ging er manchmal zu weit. Das hat seinen sozialen Rückhalt geschwächt. Man kann Forderungen des IMF(4) nicht nachgeben, ohne seiner eigenen Bevölkerung Schaden zuzufügen. Aber sollten sich morgen Tunesien und Ägypten nach links wenden, wird Gaddafi zweifellos in der Lage sein, diese Zugeständnisse zurückzunehmen. Eine Achse des Widerstands aus Kairo, Tripolis und Tunis, die sich den USA nicht fügt und entschlossen ist, Israel zum Nachgeben zu zwingen, wäre ein Alptraum für Washington. Der Sturz Gaddafis soll dies noch rechtzeitig verhindern.

Ziel 3: Die Befreiung der arabischen Welt verhindern


Wer regiert heute über die gesamte arabische Welt, seine Wirtschaft, seine Ressourcen, sein Öl? Das sind bekanntlich nicht die arabischen Völker und auch nicht die örtlichen Diktatoren. Sie stehen vorne auf der Bühne. Die eigentlichen Machthaber aber sitzen hinter den Kulissen. Es sind dies die USA und die europäischen Multis. Sie bestimmen, was in diesen Ländern produziert oder nicht produziert wird, welche Löhne gezahlt werden, wem die Gewinne aus dem Öl zufließen und welche politischen Führer in diesen Ländern eingesetzt werden. Es sind die Multis, die ihre Aktionäre auf dem Rücken der arabischen Bevölkerung reich werden lassen.

Für die ganze arabische Welt haben die aufgezwungenen Diktaturen schwerwiegende Konsequenzen: das Öl und die anderen natürlichen Ressourcen dienen nur dem Profit der Multis. Sie werden nicht dazu verwandt, die dortige Wirtschaft zu diversifizieren und Arbeitsplätze zu schaffen. Zudem erzwingen die Multis im Tourismus, bei den Betrieben der kleinen Industrie und dem Dienstleistungssektor, die ihnen als Subunternehmen dienen, niedrige Löhne.

Als Folge bleiben diese Volkswirtschaften abhängig, weisen verzerrte Strukturen auf und sind nicht ausgerichtet auf die Bedürfnisse der Bevölkerung. In den kommenden Jahren wird sich die Arbeitslosigkeit noch verschärfen, sind doch 35 Prozent der Araber jünger als 35 Jahre. Die Diktatoren sind Handlanger der Multis. Ihre Aufgabe ist es, deren Profite zu sichern und Widerstand zu brechen. Sie haben soziale Gerechtigkeit zu verhindern.

Die 300 Millionen Araber sind auf 20 Länder aufgeteilt. Zu Recht betrachten sie sich als eine Nation. Sie stehen vor einer entscheidenden Wahl: die Aufrechterhaltung des Kolonialismus zu akzeptieren oder unabhängig zu werden. Dazu müssen sie einen neuen Weg einschlagen. Die ganze Welt um sie ist im Umbruch: China, Brasilien und andere Länder emanzipieren sich politisch. Das ermöglicht ihnen wirtschaftlichen Fortschritt. Wird die arabische Welt zurückbleiben? Wird sie eine Dependance der USA und Europa bleiben? Werden sie die arabische Welt weiter als Waffe für sich in den großen internationalen politischen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen gegen die anderen Nationen einsetzen können? Oder wird endlich die Stunde der Befreiung für die arabische Welt schlagen? Diese Vorstellung versetzt die Strategen in Washington in Schrecken. Wenn ihnen die arabische Welt und ihr Öl aus der Hand entgleiten, ist es zu Ende mit ihrer Herrschaft über den Planeten.

Die USA sind eine Macht, die sich in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht im Abstieg befindet. Bereits jetzt wird ihre Vorherrschaft zunehmend von Deutschland, Russland, Lateinamerika und China in Frage gestellt. Dazu kommt, dass viele Staaten im Süden ihre Beziehungen untereinander intensivieren möchten. Für sie sind diese Beziehungen viel vorteilhafter als die Abhängigkeit von den USA. Die USA haben es zunehmend schwerer, ihre Position als größte Weltmacht aufrecht zu erhalten. Diese Position ermöglicht es ihnen, ganze Nationen auszuplündern und den Krieg überall dort hinzutragen, wo sie es möchten.

Wiederholen wir es: wenn sich morgen die Arabische Welt vereint und befreit, wenn die USA das Öl als Waffe verlieren, werden sie in einer multipolaren Welt nur noch eine zweitrangige Macht sein. Für die Menschheit wird dies ein großer Fortschritt sein: die internationalen Beziehungen werden neue Wege gehen. Die Völker im Süden werden endlich selbst über ihr Schicksal entscheiden können und mit der Armut Schluss machen.

Für wen die Demokratie gefährlich ist


Die Kolonial- und Neokolonialmächte von gestern schwören uns, dass sie sich geändert haben. Nachdem sie Ben Ali, Mubarak und Co. finanziert, bewaffnet, beraten und beschützt haben, überschütten uns jetzt USA, Frankreich und die anderen mit Erklärungen, die auf uns Eindruck machen sollen. So beispielsweise Hillary Clinton: „Wir unterstützen das Streben der arabischen Völker nach Demokratie.“ Das ist total verlogen. Die USA und ihre Verbündeten wollen auf keinen Fall eine arabische Demokratie, sie möchten auf keinen Fall, dass die Araber über ihr Öl und ihre andere Reichtümer entscheiden können. Sie haben deshalb alles getan, um die Demokratisierung zu bremsen und die Verantwortlichen des alten Regimes an der Macht zu halten. Wenn das scheitert, tun sie alles, den Bevölkerungen an deren Stelle neue Führer aufzuzwingen, die für sie den Widerstand des Volkes aufzulösen haben. Die Machthaber in Ägypten ergreifen gerade die brutalsten Maßnahmen gegen Streiks.

Den Krieg gegen Libyen mit der Vorstellung erklären zu wollen, Washington und Paris seien nach der Erfahrung mit Tunesien und Ägypten „zur Einsicht gekommen“, wollten sich ein gutes Gewissen schaffen oder zumindest ihr Image aufpolieren, ist nichts anderes als ein großer Trugschluss. Tatsächlich ist die westliche Politik gegenüber der arabischen Welt als ein Ganzes zu sehen. Sie wird mit drei Maßnahmen umgesetzt: 1. Aufrechterhaltung der repressiven Diktaturen. 2. Mubarak und Ben Ali werden von Figuren ersetzt, die man unter Kontrolle hat. 3. Sturz der Regierungen in Tripolis, Damaskus und Teheran, um diese „verloren gegangenen“ Länder wieder zu kolonisieren.

Die drei Maßnahmen haben ein gemeinsames Ziel: die arabische Welt unter der eigenen Herrschaft zu halten, um sie weiter ausplündern zu können. Demokratie ist gefährlich, wenn man nur die Interessen einer sehr kleinen gesellschaftlichen Minderheit repräsentiert. Es macht den USA Angst, dass die soziale Unzufriedenheit in fast allen arabischen Diktaturen ausgebrochen ist:

Im Irak (unsere Medien haben darüber nichts berichtet) haben zahlreiche Streiks die Öl- und Textilindustrie, die Energieversorgung und anderen Sektoren erfasst. In Kut haben die US-Truppen eine Textilfabrik, die sich im Streik befand, umzingelt. In 16 der 18 Provinzen wurde unter Beteiligung aller Volksgruppen gegen die korrupte Regierung demonstriert, die das Volk in seinem Elend im Stich lässt.

In Bahrain war der König unter dem Druck der Straße gezwungen, jeder Familie eine Sonderzahlung von 2.650 Dollar zu versprechen. In Oman hat der Sultan Qaboos bin Said die Hälfte seiner Regierung ausgewechselt, das Mindestgehalt um 40 Prozent erhöht und Anweisung gegeben, 50.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Selbst König Fahd von Saudi Arabien musste 36 Milliarden Dollar frei machen, um damit Familien mit mittleren und niedrigen Einkommen zu helfen!

Bei allen einfachen Menschen warf dies unvermeidlich die Frage auf: wenn sie alles dieses Geld hatten, warum haben sie es in ihren Tresoren verschlossen gehalten? Die nächste Frage lautete: Wie viele weitere Milliarden haben sie mit Unterstützung der USA ihren Völkern geraubt? Und die letzte Frage heißt: Wie kann dieser Raub beendet werden?

„Revolution Facebook“ – großes Komplott der USA oder wirkliche Revolution?

Über das Internet hat sich eine falsche Vorstellung verbreitet: die arabischen Revolutionen seien von den USA in Gang gesetzt und gesteuert gewesen. Die USA hätten die Fäden gezogen, um gut kontrollierte Veränderungen zu bewerkstelligen und Libyen, Syrien und den Iran angreifen zu können. Alles sei „fabriziert“ gewesen.

Das Argument für diese These: mehr oder weniger offizielle Organe hätten arabische Internetaktivisten in die USA eingeladen und ausgebildet. Diese hätten bei der Verbreitung von Informationen eine entscheidende Rolle gespielt. Sie würden eine neue Form der Revolution symbolisieren, die „Revolution Facebook“. Diese Vorstellung von einem großen Komplott lässt sich nicht aufrechterhalten.

In Wirklichkeit haben die USA alles getan, um Mubarak, der für sie ein nützlicher Diktator war, möglichst lang an der Macht zu halten. Die USA taten dies obwohl sie wussten, dass er gesundheitlich geschwächt und „erledigt war“. In einer solchen Situation bereiten sie selbstverständlich einen Plan B und einen Plan C vor. Der Plan B sah vor, Mubarak durch einen seiner Mitarbeiter zu ersetzen. Angesichts der aufgestauten Wut des ägyptischen Volkes hatte der Plan wenig Aussicht auf Erfolg. Folglich hatten sie auch einen Plan C, d.h. mehrere Pläne C.

So praktizieren sie es übrigens in fast allen Ländern, die sie unter Kontrolle halten möchten. Worin besteht dieser Plan? Sie kaufen sich im Voraus einige Oppositionelle und Intellektuelle. Dabei spielt es keine Rolle, ob diese sich darüber im Klaren sind und „investieren“ in deren Zukunft. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, rücken sie diese Leute auf der Bühne in den Vordergrund. Wie lange das in einer Situation funktioniert, in der die Bevölkerung wach geworden ist, und das Regime trotz neuer Fassade ihre Forderungen nicht einlösen kann, ist eine andere Frage.

Schließlich ist es seine Aufgabe, die Ausbeutung der Menschen aufrechtzuerhalten. Von einer „Facebook“-Revolution zu sprechen, ist jedoch ein Mythos, der den Interessen der USA dient. So sehr wir seit langer Zeit auf die entscheidende Bedeutung der neuen Formen der Information und Mobilisierung über das Internet hingewiesen haben, ist es doch eine absurde Vorstellung, Facebook würde die sozialen Kämpfe und Revolutionen ersetzen. Diese Vorstellung kommt den Großkapitalisten (deren Repräsentant Mubarak war) gelegen. Was sie vor allem fürchten, ist der Widerstand der Arbeiter, weil durch ihn die Quelle ihrer Profite unmittelbar bedroht wird.

Die Rolle der Arbeiter

Facebook ist ein Instrument in der Auseinandersetzung, es ist aber nicht die Grundlage der Revolution. Obige Darstellung zielt darauf ab, die Rolle der Arbeiterklasse (im weitesten Sinn) zu verdecken, die angeblich durch das Internet ersetzt werde. In Wirklichkeit ist die Revolution ein Kampf, bei dem die unten denen oben die Macht nehmen. Sie ist mit tiefgehenden Veränderungen verbunden, nicht nur in der politischen Führungsschicht, sondern vor allem in den gesellschaftlichen Beziehungen, die heute die Ausbeutung ermöglichen. Hört man auf unsere großen offiziellen Ideologen, dann dürften wir schon seit längerer Zeit den Begriff „Klassenkampf“ nicht mehr benutzen. Er wäre überholt, ja peinlich. Pech für sie, dass sich der zweitreichste Mann der Welt, der Bankier Warren Buffet, bereits vor einiger Zeit an diese Vorgabe nicht gehalten hat. Er erklärte: „Einverstanden. Es gibt Klassenkampf in Amerika. Aber meine Klasse führt ihn, die Klasse der Reichen, und wir gewinnen ihn...“(5) Mister Buffet, man sollte nie so sicher vor dem Ende des Spiels sein! Gut lacht, wer zuletzt lacht.

Die Entwicklungen in Tunesien und Ägypten bestätigen in Übereinstimmung mit Mister Buffet die Realität des Klassenkampfes. Wann hat Ben Ali seine Koffer gepackt? Am 14. Januar, als sich die tunesischen Arbeiter im Generalstreik befanden. Wann hat Mubarak seinen Thron verlassen? Als ein mächtiger Streik der ägyptischen Arbeiter die Textilindustrie, das Postwesen und selbst die offiziellen Medien zum Stillstand brachte.

Joel Beinin, Professor an der Universität von Stanford und früherer Direktor an der amerikanischen Universität in Kairo erklärte dazu: „In diesen letzten zehn Jahren hat es eine enorme Welle sozialer Proteste gegeben. Mehr als 2 Millionen Arbeiter haben an über 3000 Streiks, Sit-ins und anderen Protestformen teilgenommen. Das war der Hintergrund der revolutionären Erhebung der letzten Wochen. In den letzten Tagen jedoch konnte man Zehntausende Arbeiter sehen, die ihre ökonomischen Forderungen mit der Forderung nach Abschaffung des Mubarak-Regimes verbunden hatten.“(6)

Die arabische Revolution hat erst begonnen. Nach den ersten Erfolgen des Volkes versucht die herrschende Klasse, die nach wie vor an der Macht ist, es mit einigen kleinen Zugeständnissen zu beruhigen. Obama wollte, dass sich die Straßen möglichst schnell beruhigen und alles wie zuvor bleibt. Das kann für einige Zeit funktionieren, aber die arabische Revolution ist auf dem Marsch. Sie kann Jahre brauchen, aber es wird schwierig sein, sie zu stoppen.

Ziel 4: Die afrikanische Einheit verhindern


Afrika ist der reichste Kontinent der Erde mit gewaltigen natürlichen Ressourcen. Gleichzeitig ist Afrika auch der ärmste Kontinent. 57 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der Armutsgrenze, das heißt, von weniger als 1,25 Dollar pro Tag.

Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Der Grund ist, die Multis bezahlen diese Rohstoffe nicht. Sie stehlen sie. Sie plündern die Ressourcen Afrikas, erzwingen niedrige Löhne, Handelsabkommen, die für Afrika mit Nachteilen verbunden sind, Privatisierungen, die Afrika schädigen. Sie üben jede Form von Druck und Erpressung auf die schwachen Staaten aus, erwürgen sie mit einer Schuldenlast, für die es keine Rechtfertigung gibt, installieren willfährige Diktatoren, provozieren Bürgerkriege in den Regionen, die sie am meisten begehren.

Afrika hat für die Multis eine strategische Bedeutung. Ihr Reichtum basiert auf der Plünderung dieser Ressourcen. Würden angemessene Preise für Gold, Kupfer, Platin, Coltan, Phosphat, Diamanten und die landwirtschaftlichen Produkte bezahlt, wären die Multis viel weniger reich und die lokale Bevölkerung könnte ihre Armut überwinden. Für die Multis in den USA und Europa ist es deshalb entscheidend, zu verhindern, dass sich Afrika vereint und emanzipiert. Afrika soll abhängig bleiben.

Ein Beispiel hat der afrikanische Autor Jean Paul Pougala schön dargelegt:

„Es begann 1992, als 45 afrikanische Staaten die RASCOM (Regional African Satellite Communication Organization) gründeten. Afrika sollte seinen eigenen Satelliten bekommen und dadurch die Kommunikationskosten auf dem Kontinent deutlich gesenkt werden. Damals waren Telefonate nach oder aus Afrika die teuersten auf der Welt. Das lag an den jährlichen Gebühren von 500 Millionen Dollar, die Europa für die Nutzung seiner Satelliten wie Intelsat selbst für Inlandsgespräche verlangte. Ein eigener afrikanischer Satellit hätte nur 400 Millionen Dollar gekostet und dem Kontinent die jährlichen Gebühren von 500 Millionen erspart. Welcher Banker würde ein solches Projekt nicht finanzieren? Aber das größte Problem war: Wie soll sich ein Sklave von der Ausbeutung durch seinen Herrn befreien können, wenn er dazu eben diesen Herrn um Unterstützung bitten muss?

In der Tat hielten Weltbank, Internationale Währungsfonds, die USA und Europa die Afrikaner über 14 Jahre hinweg mit vagen Versprechungen hin. Gaddafi hat 2006 dieses sinnlose Betteln bei den westlichen »Wohltätern« mit ihren exorbitanten Zinssätzen beendet. Der libysche Staatsführer legte 300 Millionen Dollar auf den Tisch. Die Afrikanische Entwicklungsbank steuerte weitere 50 Millionen bei. Die Westafrikanische Entwicklungsbank beteiligte sich mit 27 Millionen. So bekam Afrika am 26. Dezember 2007 seinen ersten Kommunikationssatelliten. Anschließend stellten China und Russland ihre Technologie zur Verfügung und halfen beim Start von Satelliten für Südafrika, Nigeria, Angola, Algerien. Ein zweiter Satellit für ganz Afrika wurde im Juli 2010 ins All geschossen. Der erste Satellit, dessen Technologie zu 100 Prozent aus Afrika kommt und in Afrika, vor allem in Algerien, hergestellt wird, ist für 2020 geplant. Man erwartet, dass dieser Satelliten mit den Besten in der Welt konkurrieren kann und nur ein Zehntel kostet.
Eine echte Herausforderung!

Eine symbolische Geste von lediglich 300 Millionen Dollar hat so das Leben für einen ganzen Kontinent verändert. Durch Gaddafis Libyen hat der Westen nicht nur die 500 Millionen Dollar pro Jahr verloren, sondern auch die Milliarden an Schulden und Zinszahlungen, die für den ursprünglichen Kredit in alle Ewigkeit in exponentieller Weise zu zahlen gewesen wären. Sie hätten dazu beigetragen, das verdeckte System der Ausbeutung des Kontinents aufrecht zu erhalten.

Es war das Libyen Gaddafis, das ganz Afrika seine erste wirkliche Revolution in der modernen Zeit ermöglichte: die Erschließung des ganzen Kontinents für Telefon, Fernsehen, Radio und viele andere Anwendungsbereiche, wie Telemedizin und Fernstudium. Zum ersten Mal gibt es dank des WiMax-Systems(7) kostengünstige Internetverbindungen über den ganzen Kontinent bis in die ländlichen Zonen.“(8)

Das ist eine Information, die man uns über den bösen Gaddafi nicht erzählt hat! Dass er den Afrikaner half, sich von der erstickenden Bevormundung durch den Westen zu befreien. Gibt es noch andere Informationen dieser Art, die man verschwiegen hat?

Gaddafi hat den IWF herausgefordert und Obama macht auf Taschendieb


Jawohl! Gaddafi hat die Entwicklung des „Afrikanischen Währungsfonds“ (AWF) unterstützt. Er hat somit das Verbrechen begangen, den „Internationalen Währungsfonds“ (IWF) herauszufordern. Es ist bekannt, dass der IWF die Entwicklungsländer voll erpresst. USA und Europa kontrollieren und Dominique Strauss-Kahn leitet ihn. Der IWF verleiht nur Geld an Entwicklungsländer, wenn sie bereit sind, ihre Unternehmen zum Profit der Multis zu verkaufen, Aufträge vergeben, die ihnen selbst keinen Nutzen bringen und ihre Gesundheits- und Bildungsausgaben senken. Kurz, den IWF als Bankier zu haben, bringt erheblichen Schaden.

Nun gut. Genauso wie die Südamerikaner ihre eigene Bank, die Banco del Sur, gegründet haben, um den anmaßenden Erpressungen des IWF die Stirn bieten zu können und selbst zu entscheiden, welche Projekte für sie nützlich sind und sie finanzieren wollen, so würde der Afrikanische Währungsfonds (AWF) den Afrikanern mehr Unabhängigkeit bringen. Wer aber finanziert den AWF? Algerien hat 16 Milliarden beigesteuert, Libyen 10 Milliarden, zusammen sind das 62 Prozent seines Kapitals.

Unter größtem Stillschweigen der Medien hat Obama dem libyschen Volk einfach 30 Milliarden gestohlen. Wie ist das abgelaufen? Am 1. März (also vor der UN-Resolution), gab er dem US-Schatzministerium die Anweisung, die Guthaben Libyens in den USA einzufrieren. Am 17. März hat man dafür gesorgt, dass ein kleiner Satz in die Resolution 1973 aufgenommen wurde. Er gibt die Ermächtigung, die Vermögen der libyschen Zentralbank und zusätzlich der staatlichen libyschen Erdölgesellschaft einzufrieren.

Man weiß, dass Gaddafi ein Vermögen aus den Öleinkünften gebildet hat. Diese Gelder haben es ihm ermöglicht, in große europäische Gesellschaften und in bedeutende afrikanische Entwicklungsprojekte zu investieren (vielleicht auch in bestimmte Wahlkämpfe in Europa, aber das scheint keine wirksame Lebensversicherung zu sein). Kurz, Libyen ist ein äußerst reiches Land (mit Währungsreserven in Höhe von 200 Milliarden Dollar).

Das hat die Begehrlichkeit einer hochverschuldeten Macht geweckt, der USA. Um einige Dutzend Milliarden Dollar der libyschen Nationalbank für sich abzuzweigen, kurz, sie dem libyschem Volk zu stehlen, hat Obama diesem Geld einfach die Bezeichnung „mögliche Quelle für die Finanzierung des Regime Gaddafi“ gegeben und die Sache war erledigt. Ein waschechter Dieb.

Trotz aller seiner Bemühungen, den Westen mit zahlreiche Zugeständnissen gegenüber dem Neoliberalismus zu besänftigen, war Gaddafi für die Herrschenden in den USA schon immer ein Grund zur Sorge. Ein Telegramm der US-Botschaft in Tripolis vom November 2007 beklagt sich über diesen Widerstand: „Die Leute, die über die politische und wirtschaftliche Orientierung Libyens entscheiden, verfolgen im Energiesektor eine zunehmend nationalistische Politik.“ Die generelle Verweigerung von Privatisierungen, berechtigt dies zu Bombardierungen? Der Krieg ist ganz offensichtlich die Fortführung wirtschaftlicher Auseinandersetzungen mit anderen Mitteln.

Ziel 5: Die NATO als Gendarm in Afrika installieren

Am Anfang sollte die NATO Europa vor der „sowjetischen militärischen Bedrohung“ schützen“. Folglich hätte die NATO nach dem Ende der Sowjetunion ebenfalls verschwinden müssen. Aber das Gegenteil trat ein. Nach der Bombardierung in Bosnien 1995 erklärte Javier Solana, Generalsekretär der NATO: „Die in Bosnien gewonnenen Erfahrungen werden uns als Model für zukünftige Operationen dienen können.“

In dieser Zeit hatte ich geschrieben: „Die NATO fordert klar gesagt, überall tätig werden zu können. Jugoslawien war ein Experimentierfeld, um die nächsten Kriege vorzubereiten. Wo werden diese stattfinden?“(9) Folgende Antwort schlug ich vor: „Bereich 1: Osteuropa. Bereich 2: Mittelmeer und Naher Osten. Bereich 3: Die dritte Welt generell.“ Heute sind wir dort angelangt. Dieses Programm wird heute durchgeführt. Bereits 1999 bombardierte die NATO Jugoslawien. Dieser Krieg hatte das Ziel, das Land dem Neoliberalismus zu unterwerfen. So wie wir es vorausgesehen hatten.

Als ich die Analysen von US-Strategen studierte, unterstrich ich folgenden Satz von Stephen Blank. Er gehört zu diesen Strategen: „Die Missionen der NATO werden immer mehr außerhalb ihres eigenen Bereiches stattfinden. Ihre Hauptaufgabe wird es sein, als Instrument für die Einvernahme von immer mehr Regionen in die westliche Gemeinschaft zu dienen, in den Bereich ihrer Ökonomie, Politik, Kultur und ihren Sicherheitsbereich.“(10) D.h., immer mehr Regionen für den Westen zu unterwerfen! Damals schrieb ich: „Die NATO ist eine Armee im Dienste der Globalisierung, eine Armee der multinationalen Konzerne. Schritt für Schritt verwandelt sich die NATO effektiv zum Gendarmen für die ganze Welt.“(11)

Als die nächsten wahrscheinlichen Ziele der NATO nannte ich: Afghanistan, den Kaukasus, die Rückkehr in den Irak, als den Einstieg. Heute, wo alles das tatsächlich passiert ist, fragen mich manche: „Liest du aus einer Kristallkugel?“ Man braucht dazu keine Kristallkugel. Es genügt, die Dokumente des Pentagon und der großen amerikanischen Büros für Strategiefragen zu lesen und ihre Logik zu erfassen. Diese Papiere sind nicht geheim.

Die Logik dieses Empire ist in der Tat sehr einfach: 1. Die Welt ist eine Quelle für Profite. 2. Um Wirtschaftskriege zu gewinnen, muss man die beherrschende Supermacht sein. 3. Dafür ist die Kontrolle über die strategischen Rohstoffe, Regionen und Routen erforderlich. 4. Jeder Widerstand gegen diese Kontrolle muss gebrochen werden, sei es durch Korruption, Erpressung oder Krieg. Welche Mittel dazu angewandt werden, spielt keine Rolle. 5. Um weiterhin die dominante Supermacht zu bleiben, ist es absolut notwendig, zu verhindern, dass sich die Rivalen gegen den Herren verbünden.

Die NATO hat sich bereits über drei Kontinente ausgebreitet!


Um ihre wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen und der Gendarm der Welt zu werden, verbreiten die Führer der NATO Panik: „Unsere hochentwickelte, industrialisierte und komplexe Welt sei von vielfältigen tödlichen Gefahren bedroht, die Klimawechsel, Dürre, Hunger, die Sicherheit für die Computernetze, die Energiefrage betreffen.“(12) So werden nicht-militärische, soziale und Umweltprobleme als Vorwand benützt, um die Rüstung zu erhöhen und und noch mehr Interventionskriege zu führen.

Das eigentliche Ziel der NATO ist es, die UNO zu ersetzen. Diese Militarisierung der Welt bedroht unsere Zukunft immer stärker und ist mit gewaltigen Kosten verbunden: Die USA haben für 2011 einen Rekord-Militärhaushalt von 704 Milliarden geplant. Das sind 2.320 Dollar pro Einwohner! Zwei Mal mehr als zu Beginn von Bush.

Dazu übt der US-Verteidigungsminister Robert Gates ständig Druck aus auf die Europäer, mehr auszugeben: „Die Demilitarisierung von Europa stellt ein Hindernis für die Sicherheit und einen dauerhaften Frieden im 21. Jahrhundert dar.“(13) Die europäischen Staaten haben sich bereits gegenüber den USA verpflichten müssen, ihre Militärausgaben nicht zu reduzieren. Alles zum Profit der Rüstungsfirmen.

Die weltweite Ausdehnung der NATO hat nichts zu tun mit Gaddafi, Saddam Hussein oder Milosevic. Es handelt sich vielmehr um einen weltweit angelegten Plan mit dem Ziel, die Herrschaft über den Planeten und seine Reichtümer sowie die Privilegien für die Multis aufrechtzuerhalten. Die Völker sollen gehindert werden, ihren eigenen Weg zu wählen. Die NATO hat Ben Ali, Mubarak und die Tyrannen in Saudi Arabien beschützt. Die NATO wird auch ihre Nachfolger beschützen und nur gegen die gewaltsam vorgehen, die dem Empire Widerstand leisten.

Um Gendarm für die ganze Welt zu werden, geht die NATO Schritt für Schritt vor. Ein Krieg in Europa gegen Jugoslawien, ein Krieg in Asien gegen Afghanistan und jetzt in Afrika ein Krieg gegen Libyen. Das sind schon drei Kontinente! Die NATO war scharf darauf, auch in Lateinamerika zu intervenieren und hat dazu vor zwei Jahren Manöver gegen Venezuela inszeniert. Aber dort waren die Risiken zu groß, weil sich Lateinamerika zunehmend zusammenschließt und die „Gendarmen“ der USA ablehnt.

Warum besteht Washington so sehr darauf, die NATO als Gendarm für Afrika zu installieren? Auf Grund der neuen Kräfteverhältnisse, wie oben dargelegt: Die USA befinden sich im Abstieg. Ihre Position wird von Deutschland, von Russland, von Lateinamerika und China, ja selbst von den kleinen und mittleren Ländern der Dritten Welt, in Frage gestellt.

Warum spricht man nicht über Africom?


Am meisten beunruhigt Washington die wachsende Stärke Chinas. China bietet den asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern fairere Beziehungen, kauft ihre Rohstoffe zu höheren Preisen und ohne Erpressung, bietet Kredite zu besseren Bedingungen, übernimmt Infrastrukturarbeiten, die für ihre Entwicklung hilfreich sind. China bietet ihnen eine Alternative zur Abhängigkeit von Washington, London oder Paris. Also, was tun, um China entgegenzuwirken?

Das Problem: eine Macht im wirtschaftlichen Niedergang hat auch gegenüber den afrikanischen Ländern weniger finanzielle Druckmittel zur Verfügung. Die USA haben deshalb beschlossen, ihre stärkste Karte auszuspielen: die militärische Karte. Man muss wissen, dass ihre Militärausgaben höher sind, als die aller anderen Länder des Globus zusammengenommen. Seit einigen Jahren schieben sie ihre Figuren auf dem Schachbrett des afrikanischen Kontinents immer weiter voran. Am 1. Oktober 2008 haben sie „Africom“ (Kommando für Afrika) geschaffen.

Der ganze afrikanische Kontinent (mit Ausnahme von Ägypten) wurde unter ein einheitliches US-Kommando gestellt, dem US-Armee, Marine, Luftwaffe, Marinetruppen und Spezialeinheiten (für Landungen, Staatsstreiche, verdeckte Operationen) unterstehen. Um die US-Truppen unterstützen zu können, soll das Gleiche bei der NATO passieren. Washington, das überall Terroristen sieht, hat solche auch in Afrika gefunden, zufälligerweise in den Gegenden, wo es das nigerianische Erdöl und andere begehrte Rohstoffe gibt. Wer wissen will, wo die nächsten Etappen ihres berühmten „Krieg gegen den Terror“ stattfinden werden, muss nur auf der Karte nach den Lagerstätten von Öl, Uran und Coltan suchen. Der Islam hat sich in zahlreichen Ländern, darunter Nigeria, verbreitet. Damit steht das nächste Szenario schon fest.

Das eigentliche Ziel von Africom ist es, die Abhängigkeit Afrikas aufrecht zu erhalten, zu verhindern, das sich Afrika emanzipiert und eine eigenständige Kraft wird, die sich mit China und Lateinamerika verbünden könnte. Africom bildet eine unverzichtbare Waffe in den Plänen der Vereinigten Staaten für die Beherrschung der Welt. Sie möchten sich bei der großen Auseinandersetzung, die um die Herrschaft über Asien und seine Seewege begonnen hat, auf Afrika und ihre exklusive Kontrolle seiner Rohstoffe stützen können. In der Tat ist Asien der Kontinent, wo bereits jetzt der entscheidende Wirtschaftskrieg des 21. Jahrhunderts stattfindet. Angesichts der Stärke Chinas und einer Reihe aufsteigender Volkswirtschaften, deren Interesse es ist, einen gemeinsamen Block zu bilden, ist das eine große Herausforderung.

Washington möchte deshalb Afrika vollständig kontrollieren und den Chinesen die Türe versperren. Der Krieg gegen Libyen ist folglich die erste Etappe, um Africom dem ganzen Kontinent aufzuzwingen. Sie eröffnet keine Phase der Befriedung für die Welt, sondern von neuen Kriegen, in Afrika, im Mittleren Osten, aber auch im Indischen Ozean zwischen Afrika und China. Warum der indische Ozean? Weil, er, wie ein Blick auf die Karte zeigt, die Türe nach China und zum ganzen asiatischen Kontinent bildet. Um diesen Ozean zu kontrollieren, versucht Washington mehrere strategische Zonen in den Griff zu bekommen: 1. Den Mittleren Osten und den persischen Golf. Daher seine Nervosität bei Länder wie Saudi-Arabien, Jemen, Bahrain und Iran. 2. Das Horn von Afrika, daher seine Aggressivität gegenüber Somalia und Eritrea. Wir werden auf diese Geostrategien in unserem Buch „Die Moslemische Welt verstehen. Gespräch mit Mohamed Hassan.“ zurückkommen, das wir in nächster Zeit veröffentlichen werden.

Das große Verbrechen von Gaddafi

Kommen wir zurück zu Libyen. Beim Kampf um die Kontrolle über den Schwarzen Kontinent, ist Nordafrika ein wichtiges Ziel. Wenn Washington ein Dutzend Militärbasen in Tunesien, Marokko, Algerien sowie in anderen Afrikanischen Nationen einrichten kann, würde es sich den Weg frei machen, den ganzen Kontinent mit einem kompletten Netz von Militärbasen zu überziehen.

Das Projekt Africom ist jedoch auf den ernstzunehmenden Widerstand der afrikanischen Länder gestoßen. Es sagt sehr viel aus, dass keines von ihnen bereit war, den Hauptsitz von Africom auf seinem Gebiet zu akzeptieren. Washington war gezwungen, den Sitz in Stuttgart in Deutschland zu belassen, eine starke Demütigung. Unter diesem Blickwinkel betrachtet, ist der Krieg zum Sturz Gaddafis im Grunde eine sehr klare Warnung an die afrikanischen Staatschefs.

Sie sollen nicht der Versuchung erliegen, einen allzu unabhängigen Weg zu wählen. Das aber ist das große Verbrechen, das Gaddafi begangen hat: Libyen hat keine Vereinbarung mit Africom und NATO akzeptiert. In der Vergangenheit hatten die USA eine wichtige Militärbasis in Libyen. Gaddafi hat sie 1969 geschlossen. Es liegt auf der Hand: der aktuelle Krieg hat vor allem das Ziel, Libyen wieder zurückzugewinnen. Es wäre ein strategischer Vorposten, der es ermöglicht, militärisch in Ägypten zu intervenieren, sollte sich dieses Land der Kontrolle der USA entziehen.

Was sind die nächsten Ziele in Afrika?

Die nächste Frage wird sein: wer ist nach Libyen an der Reihe? Welche anderen afrikanischen Länder könnten von den USA angegriffen werden? Die Frage ist leicht zu beantworten. Wenn man weiß, dass Jugoslawien auch deshalb angegriffen wurde, weil es sich weigerte, der NATO beizutreten, muss man sich nur die Liste der Länder anzusehen, die nicht bereit waren, sich an Africom unter der militärischen Führung der USA zu beteiligen. Es sind 5 Staaten: Libyen, Sudan, Elfenbeinküste, Zimbabwe, Eritrea. Das sind die nächsten Ziele.

Der Sudan wurde geteilt. Mit internationalen Sanktionen wird auf ihn Druck ausgeübt. Zimbabwe steht ebenso unter Sanktionen. Die Elfenbeinküste wurde in einen Bürgerkrieg gestürzt, den der Westen geschürt hat. Eritrea wurde von Äthiopien, dem Polizisten für die USA in der Region, ein furchtbarer Krieg aufgezwungen. Es steht ebenfalls unter Sanktionen. Alle diese Länder waren oder werden noch Opfer von Propaganda- und Desinformationskampagnen werden. Ob sie von anständigen und demokratischen Führen gelenkt werden oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Eritrea versucht, eine wirtschaftlich und sozial selbstständige Entwicklung zu gehen. Es weist die „Hilfen“ zurück, die ihm die von Washington kontrollierte Weltbank und IMF aufzwingen wollen. Dieses kleine Land verzeichnet erste Erfolge in seiner Entwicklung, wird aber international bedroht. Auch andere Länder sind genauso in der Schusslinie der USA, falls sie einen falschen Schritt gehen. Das gilt besonders für Algerien.

In der Tat zahlt es sich nicht aus, seinen eigenen Weg zu gehen. Allen denen, die immer noch glauben sollten, dass dies eine „Verschwörungstheorie“ sei, und die USA keine Kriege planten, sondern von Fall zu Fall nur auf aktuelle Entwicklungen reagierten, erinnern wir daran, was 2007 der ehemalige General Wesley Clark (Oberkommandierender der Streitkräfte der NATO in Europa von 1997 bis 2001. Er leitete die Bombardierungen Jugoslawiens) erklärte: „2001 hat mir ein General im Pentagon gesagt:“ Ich habe soeben ein vertrauliches Memo des Verteidigungsministers erhalten: wir werden uns in den nächsten fünf Jahren sieben Länder vornehmen: wir beginnen mit dem Irak, dann folgen Syrien, Libanon, Somalia, Sudan und zum Schluss der Iran.“(14) Wunschvorstellungen und Realität weichen von einander ab. Aber die Pläne liegen vor. Nur ihre Umsetzung hat sich verzögert.



Übersetzung aus dem Französischen von Bernd Duschner, 22.5.2011

Die Übersetzung steht – mit Quellenangabe www.forumaugsburg.de – zur freien Verfügung und Weiterverbreitung.

Original: http://www.michelcollon.info/Comprendre-la-guerre-en-Libye-2-3.html?lang=fr

Anmerkungen und Quellen:


(1)     Marianna Lepore, The war in Libya and Italian interests, inaltreparole.net, 22 février.
(2)     Ron Fraser, Libya accelerates German-Arabian peninsula alliance, Trumpet.com, 21 mars
(3)     Michel Collon, Israël, parlons-en!, Bruxelles 2010, p. 172.
(4)     Die Abkürzung IMF steht für: Internationaler Währungsfonds (englisch: International Monetary Fund), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen [Anmerkung der Red.]
(5)     New York Times Magazine, novembre 2006.
(6)     Interview radio Democracy now, 10 février.
(7)     WiMax ist ein modernes Funkübertragungssystem für schnelles Internet, s. z.B. http://www.telcowatch.de/wimax.htm [Anmerkung der Red.]
(8)     J-P Pougala, Les mensonges de la guerre contre la Libye, palestine-solidarite.org, 31 mars
(9)     Michel Collon, Poker menteur, Bruxelles, 1998, p. 160-168.
(10)     Nato after enlargement, US-Army War College, 1998, p. 97.
(11)     Michel Collon, Monopoly – L’Otan à la conquête du monde, Bruxelles 2000, pp. 90 et 102.
(12)     Assemblée commune Otan – Lloyd’s à Londres, 1er octobre 2009.
(13)     Nato Strategic Concept seminar, Washington, 23 février 2010.
(14)     Interview radio Democracy Now, 2 mars 2007
 

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