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Soldaten unters Volk!

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Bundeswehrschau beim Hammelburger Weinfest. „Wir Hammelburger Soldaten!“ -

Von SABINE SCHIFFER und ROLAND HEURIG, 10. Juni 2011  -

„Beim freundlichen Desinteresse für die Bundeswehr darf es nicht bleiben!“ Mit diesen Worten drückte der ehemalige Bundespräsident Köhler 2008 auf dem Berliner Forum Sicherheitspolitik „Impulse 21“ bei seiner Ansprache sein Anliegen aus, dass  mehr getan werden müsse, um eine unterstützende Anteilnahme der Bevölkerung an den Auslandseinsätzen der Bundeswehr zu erzielen. (1)

Dieser Maxime folgend drängt die Bundeswehr nun mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit immer weiter in den zivilen Bereich vor. Im Juli 2010 wurde in dem unterfränkischen Garnisonsstädtchen Hammelburg ein traditionelles Weinfest von der Bundeswehr in ein militärisches Werbespektakel verwandelt.

Doch wo liegen die Grenzen zwischen einer legitimen Öffentlichkeitsarbeit einerseits und dem Versuch andererseits mit Hilfe propagandistischer Mittel eine Akzeptanz in der Bevölkerung für die unpopulären Kriegseinsätze der Bundeswehr zu erreichen?

Petrus als Pazifist

Ein heftiger Wolkenbruch begrüßt uns, als wir Samstag Vormittag in dem kleinen Garnisonsstädtchen Hammelburg eintreffen. Bundeswehrsoldaten in voller Montur stehen im vollen Regen und weisen uns zu dem auf einem Feld eingerichteten Parkplatz, der zum großen Teil leer bleiben wird. Unter unseren Schirmen waten wir durch das nasse Gras auf die Straße, die über eine Brücke in den Ort führt. Rechts und links von der Straße sind bereits Teile der Militärausstellung zu sehen – wobei ein Großteil der mit Bierbänken bestückten Plätze zwischen Panzern und anderem Gerät unbenutzt bleiben. Unter den Zelten finden diejenigen Platz, die dem Wetter trotzen und die Schau besichtigen wollen und sich erst einmal mit Bratwurst, Bier oder Kaffee stärken – es ist fast Mittagszeit.

Auf dem Marktplatz, dem zentralen Ort des hiesigen Weinfestes, wird nach dem heftigen Schauer begonnen, ein paar Bänke und Tische trocken zu machen, damit die wenigen Gäste und die vielen Soldaten sich niederlassen können. Mit den ersten Sonnenstrahlen und den marsch- und volksmusikalischen Klängen der Bläser der Bundeswehr kommen auch die ersten Omas und Opas aufs Fest. Man isst, trinkt und lauscht der Musik. Einer der Weinwirte meint auf die Frage, wie man die Durchmischung des Ortfestes mit der Bundeswehr denn so fände: „Dess sa mer gwöhnt.“ Und so berichtet er von der ständigen Präsenz der Hammelburger Soldaten, die in der Nähe ihr Ausbildungslager haben.

Konzert in Camouflage

Der von der Infanterieschule des Heeres gewählte Titel „Wir Hammelburger Soldaten“ für das neue Joint Venture zwischen Gemeinde und Bundeswehr ist also durchaus richtig gewählt. Das normalerweise in der „Ortskampfanlage“ Bonnland   einem ausgesiedelten Dorf innerhalb des Truppenübungsplatzes Hammelburg   stattfindende Militärfest wurde kurzerhand mit dem Hammelburger Weinfest zusammengelegt, da – so die offizielle Sprachregelung – „die Ausbildung für den Kampf in und um Ortschaften oberste Priorität genieße“ und „die militärische Lage in Afghanistan die Nutzung der Ausbildungsstätte für Festlichkeiten verhindern würde“. (2)

Kritik an dem starken Aufkommen von Camouflage-Uniformen (Kampfuniformen) auf dem Marktplatz ist jedenfalls nicht zu hören. Wir befragen einen Soldaten warum denn all seine Kollegen, selbst die musizierenden, in dieser Montur auftreten und nicht in den grauen Anzugsjacken, also dem „Dienstanzug“ bzw. der „Ausgeh-Uniform“ (3), die man bei derlei Anlässen sonst kenne. Er erzählt uns, dass er seit ca. 2000 beim Bund sei und es damals schon üblich war, dass die „Ausgeh-Uniform“ diese hier sei. Die anderen seien für festliche Veranstaltungen wie Gelöbnis-Feiern reserviert. Ja, und man müsse eine Art Benimmprüfung ablegen, bevor man überhaupt diese Camouflage-Uniform (wie die anderen auch) in der Öffentlichkeit tragen dürfe – denn man solle da auf keinen Fall einen schlechten Eindruck hinterlassen.

Schwejk unter Schweden


Die Präsenz des Militärischen auf diesem traditionellen Weinfest mit Weinkönigin ist schon beeindruckend: In Paradeuniformen exerzieren das deutsche und schwedische Drillteam. Als Kulturprogramm spielt das Musikkorps der Bundeswehr, gefolgt von einem schwedischen Militärorchester – beide in Camouflage-Uniformen. Und neben den zahlreichen Soldaten in den eher martialisch anmutenden Kampfanzügen tauchen auch immer mehr historische Uniformen mit Köcher und Pickelhauben am Marktplatz auf, so dass man sich bald ein wenig an die Zeiten des braven Soldaten Schwejk (4) erinnert fühlt, eben an Zeiten als es Normalität war, dass das Militärische ein fester Bestandteil des Straßenbildes und der Gesellschaft war. Ob Ex-Bundespräsident Köhler das im Sinne hatte, als er 2008 der Bild am Sonntag anvertraute, dass er es begrüßen würde, wenn „neues Interesse an der Bundeswehr dazu führt, dass unsere Soldaten in der Öffentlichkeit wieder mehr Uniform tragen“? (5)

Gespräche mit der Bevölkerung zeigen, dass die Bundeswehr in Hammelburg in erster Linie in ihrer Rolle als Arbeitgeber und Wirtschaftsfaktor gesehen wird. Man hat sich an die Soldaten im Alltagsbild gewöhnt und der offensichtlichen Umfunktionierung des örtlichen Weinfestes in eine PR-Show der Bundeswehr stehen – gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise und möglicher Kasernen-Schließungen (6)   – die wenigsten kritisch gegenüber.

Faszination Technik


Wir verlassen die lautstark erklingende Marschmusik in Richtung Bundeswehrausstellung. Diese befindet sich am Ortsrand auf einem großen Platz, dem Bleichrasen, unweit dem Ufer der Fränkischen Saale.

Auf der geteerten Fläche mit den leeren Bierbänken präsentiert die Bundeswehr diverse Kriegsfahrzeuge, die bei Kindern und Jugendlichen großen Anklang finden. Engagierte Väter klettern mit ihren Sprösslingen auf die zum Einsteigen bereiten Kampf-, Späh- und Schützenpanzer, während die Mütter auf den wenigen Plätzchen unter dem Zeltdach Platz suchen. Hilfsbereite Soldaten erklären die technischen Details und geben gerne Auskunft zu den Eigenschaften des jeweiligen Kriegsgeräts.

Um uns dazu noch das nötige „Einsatz-Feeling“ zu vermitteln, findet kurze Zeit später auf einer Wiese am Fluss noch eine Vorführung mit großer Anziehungskraft statt. Ein über uns kreisender Transporthubschrauber landet auf der Grünfläche und setzt zwei leichte Luftlandepanzer vom Typ Wiesel ab, die nun, um wohl etwas Spannung zu erzeugen, ein wenig auf der Wiese querfeldein fahren und sich schließlich unter einer Brücke verschanzen. Nach einigen eher unspektakulären Minuten kehren die Zwergpanzer dann zum Transport-Helikopter zurück, um wieder eingeladen und verzurrt zu werden. Schneidig fliegt dann der wieder abhebende Hubschrauber noch eine Runde im Tiefflug über die versammelten Zuschauer, anstatt normal abzuheben.

Die anschließend angekündigten Fallschirmspringer entfallen auf Grund der Wetterlage – so müssen wir uns mit dem Blick auf eine Präsentationspuppe vor dem Zelt fürs Fallschirmfalten begnügen.

Arbeitgeber Bundeswehr


Wir bemerken die Faszination, die die Technik bei vielen, aber gerade bei jungen Menschen auslöst und dass sie sich erfolgreich einsetzen lässt, um für das Militärische zu interessieren, ohne gleich durch problematische Themen wie Krieg und Töten abzuschrecken.

So etwa auch beim rollenden Karriere-Treff (7) des „Arbeitgebers Bundeswehr“, der vom Publikum gut angenommen zu werden scheint.

Ansprechend gestaltet und ebenso die Faszination von Klein und Groß für Technik nutzend, reist der umstrittene Werbe-Truck der Bundeswehr (8) quer durch die Republik um die Karrierechancen bei Heer, Marine oder Luftwaffe anzupreisen und den chronischen Mangel der Armee an gut qualifizierten bzw. qualifizierbaren Bewerbern zu lindern.

Die auf großen Flachbildschirmen und von emsigen Karriereberatern präsentierte Mischung aus sicherem Arbeitsplatz, modernem Image, Abenteuer und High-Tech soll Menschen in Zeiten sinkender Reallöhne und hoher Arbeitslosigkeit davon überzeugen eine Karriere „mit Zukunft“ anzustreben. Wie wir im Vorbeigehen der Unterhaltung einiger junger Besucher entnehmen können, wird das mit dem „sicheren“ Job eher kontrovers diskutiert, doch das Studium bei der Bundeswehr und der kostenlose Führerschein werden durchaus positiv gesehen. Und neben dem Einsatz bei der kämpfenden Truppe gibt es ja auch noch eher gefahrlose Posten, wie den eines IT-Administrationsfeldwebels.

Zusätzlich hilft der durchs Land vagabundierende Karriere-Truck aber auch das angeschlagene Ansehen der Bundeswehr zu verbessern und die unbeliebten Auslandseinsätze durch die gezielte „Aufklärung der Bevölkerung“ in einem besseren Licht erscheinen zu lassen.

Allerdings stellt sich im Laufe des Nachmittags immer mehr heraus, dass hauptsächlich wohl nur diejenigen eine solche Schau besuchen, die sich für militärische Spektakel interessieren und diesen bereits positiv gegenüber eingestellt sind.

Die Werbemethoden der Bundeswehr und das moderne Image, dass sie sich zu geben versucht, mögen nur noch wenig an die Anwerbung preußischer Landsknechte in alten Tagen erinnern. Doch scheint das Prinzip immer noch sehr ähnlich zu sein, wenn man einer jungen Zeitsoldatin glauben will. In einem Gespräch verriet sie uns:  „Bevor man zum Bund geht, sollte man sich schon genau informieren. Weil die Wehrdienstberater, die erzählen einem schon sehr viel. Aber, ob das dann alles so der Realität entsprechend ist, muss jeder selbst feststellen. Ich hab meine eigenen Erfahrungen gemacht. Ich empfehle nur jedem: Wenn man es vorhat, muss man erst mal sich genau informieren und sich nicht nur auf die Aussagen anderer verlassen.“

Checkpoint am Fluss


Ein Hauch von Unwohlsein überfällt uns, als wir auf dem Weg zur abenteuerlichen Flussüberquerung mittels Drahtseilen einer jungen Crew von Soldaten an einem provisorisch eingerichteten Checkpoint begegnen. Sie bieten uns an, uns einer professionellen Personenkontrolle zu unterziehen und bitten uns sogleich unsere Taschen zu entleeren. Etwas verdutzt rekapitulieren wir, dass dem Einsatz der Bundeswehr im Inneren noch unser Grundgesetz im Wege steht und so trauen wir uns doch noch dankend abzulehnen.

Somit „un-durchsucht“ lassen wir uns auf eher theoretischer Ebene über die Durchsuchungspraktiken des deutschen Heeres informieren. Man zeigt uns spezielle Spiegel, mit denen unter Fahrzeugen nach Bomben gesucht werden könne, und vollführt einige Übungen zur Personen- und Waffenkontrolle.

Auf Nachfrage stellt sich heraus, dass es sich bei den Akteuren hauptsächlich um junge Wehrdienstleistende sowie Kurzzeitsoldaten und -soldatinnen ohne Auslandserfahrung handelt.

Wie wir von einem Wehrpflichtigen erfahren, sei die Personenkontrolle am Checkpoint mittlerweile Pflichtprogramm in der Grundausbildung. „Mein Vater hat vor zwölf Jahren hier in Hammelburg die Grundausbildung gemacht und der hatte das noch nicht.“ fügt er hinzu. Das neue Aufgabengebiet der Bundeswehr – von Auslandseinsätzen bis zu dem möglicherweise kommenden Einsatz der Bundeswehr im Inneren – lassen diese neuen Ausbildungsinhalte schlüssig erscheinen.

Als wir wissen wollen, wie es denn mit der Neigung der Kameraden so stehe sich für einen Auslandseinsatz zu melden, erzählt man uns, dass das sehr gemischt sei: von großem Interesse bis zur totalen Ablehnung. Zu den Rückkehrern könne man aber nichts sagen, weil hier in Hammelburg nur die Ausbildung für die Auslandseinsätze stattfinde, man aber keinen Kontakt mehr zu den Rückkehrern habe.

Wenige Meter weiter am Fluss entlang treffen wir dann die womöglich zukünftigen Rekruten: Heiter wirkende Kinder mit Helm auf dem Kopf und Geschirr am Leib, die versuchen, sich zwischen zwei Seilen auf die andere Flussseite zu hangeln. Ein paar Fotos fürs Album – alle sind glücklich und zufrieden – das Abenteuer Bundeswehr hat gerade erst begonnen.

Mit Gottes Hilfe: Das Recht und die Freiheit tapfer verteidigen (9)

Im Zelt der Militärseelsorge gibt es fürsorglich und der Kälte angemessen heißen Kaffee und Kuchen. Nicht schlecht staunen wir über das breit gefächerte Angebot an gesponserten Freizeitaktivitäten und die zahlreichen Schriften und Bücher, die zum kostenlosen Mitnehmen bereitliegen. Etwas irritierend wirken auf uns drei große Plakate im Raum, die kein Impressum aufweisen und Soldaten im Einsatz zeigen. Untertitelt sind sie mit Slogans, wie „Erst wenn ich tot bin, wecke ich dein Interesse?“ oder „Demokratie heißt, alle tragen Verantwortung. Auch Du trägst“. Offensichtlich soll der Betrachter durch die Ambivalenz der Aussagen zum Nachdenken angeregt werden. Auf pazifistisch eingestellte Menschen dürften die Untertitel jedoch eher zynisch wirken.

Die Heimat am Hindukusch verteidigen

Besonders großen Aufwand betreibt die Bundeswehr am Informationsstand für Auslandseinsätze. Neben zahlreichen Schautafeln ist in einer Halle eine Video-Installation aufgebaut, die interessierten Besuchern die Herausforderung von Auslandseinsätzen näher bringen soll: In einer Übungssituation werden gewalttätig wirkende Demonstranten von „korrekt“ operierenden Bundeswehrsoldaten beschwichtigt, Bundeswehr-Blauhelme dokumentieren den Bruch eines Waffenstillstands.

Auf den Schautafeln finden sich die aktuellen Auslandseinsatz-Projekte der Bundeswehr, die von Afghanistan (ISAF, UNAMA), über den Libanon (UNIFIL), das Horn von Afrika bzw. Somalia (EUTM SOM, ATALANTA), die arabische Halbinsel (ISAF, OEF), den Kongo (EUSEC) und Sudan (UNMIS, UNAMID) bis zum Kosovo (KFOR) und Bosnien-Herzegowina (EUFOR) reichen. (10) Dabei werden die Einsatzgebiete der über 6.000 Bundeswehrsoldaten als Krisengebiete beschrieben, in denen die Bundeswehr nur positive Aufgaben, wie die der Friedensstiftung oder -sicherung erfüllen soll. Etwaige geostrategische Verwicklungen, kontrovers diskutierbare Hintergründe der Einsätze bleiben bedauerlicherweise unerwähnt.

Reservisten:  Die alten Herren blicken durch

Ein Mitglied des Reservistenverbandes sieht die Auslandseinsätze jedoch deutlich kritischer. Während wir am Stand des Reservistenverbandes das Werbematerial sichten – Infomaterial, Bleistifte und Streichholzdosen im Camouflagedesign, Luftballons und Gummibärchen, ebenfalls in camouflierten Plastiktütchen – verweist der erfahrene Soldat darauf, dass der Einsatz in Afghanistan „auf einer Lüge Bushs“ basieren würde. Und dass er den Einsatz deshalb nicht gutgeheißen könne, ja dass er befürchte, dass die Soldaten dort verheizt würden.

Zwar finde er nicht alle Einsätze prinzipiell schlecht, wie etwa humanitäre Blauhelmeinsätze. Doch er macht deutlich, dass man ehrlicher über die wirklichen Ziele und Strategien sprechen müsse – da ja offensichtlich sei, dass „wer Panzer schickt, nicht will, dass diese da nur spazieren fahren“.

Auf unsere Nachfrage gibt er dann auch zu, dass das Thema Afghanistan unter Soldaten in der Bundeswehr deutlich kritischer diskutiert und formuliert würde, als etwa in den für die Öffentlichkeit bestimmten Sprachregelungen der Bundesregierung. Sowohl die geostrategischen Hintergründe der Intervention, als auch die realen Einsatzbedingungen würden unter Kameraden direkt angesprochen, anstatt den Einsatz nur zu beschönigen.

Mit Burka und Sprengstoffgürtel


Doch zurück zum Informationsstand für die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Das neue Feindbild der NATO, der den Ostblock-Kommunismus ablösende, extremistische, gewaltbereite Islam wird uns als ausgesprochener Hingucker verbildlicht, in Form zweier lebensecht wirkenden, menschlichen Puppen präsentiert: einem zentralasiatisch bekleideten Selbstmord-Attentäter mit Sprengstoff-Gürtel unter dem langen Kamiz (11) und einer tief schwarz gekleideten, burka-verschleierten Frau.

Sinnierend über die Wirkung dieser fragwürdigen Illustration auf die Zuschauer, komme ich bei einer Zigarette mit einem Besucher, Mitte 40, ins Gespräch. Wie es ihm denn mit der Darstellung des Selbstmord-Attentäters so ginge, will ich wissen. „Ja, als Araber oder Muslim würde ich mich auch nicht darüber freuen. Aber schließlich sind ja fast alle Selbstmordattentäter Muslime oder Araber“ antwortet er mir. Wir diskutieren ein wenig über die Wirkung von Bildern, die uns immer wieder im Zusammenhang mit bestimmten Inhalten präsentiert werden und die möglichen unbewussten Schlüsse, die unser Gehirn daraus zieht. (12)

Als ich ihn frage, wie er zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr stehe, werde ich neugierig, als er mir erzählt, dass sein zwanzigjähriger Sohn in zwei Wochen nach Afghanistan ausrückt. Ich merke, dass ihn dieses Thema sehr beschäftigt. Er ist sich durchaus bewusst, mit welchem Risiko dieser Einsatz für einen jungen Menschen verbunden ist. Und dass sein Sohn auch in einer Kiste, als Invalide oder als psychischer Krüppel wieder zurückkehren könnte. Aber, so gesteht er mir zu meiner Überraschung, er habe ihm zugeraten nach Afghanistan zu gehen. Schließlich ginge es um eine gute Sache: Vom Absichern der Aufbau- und Entwicklungshilfeprojekte, der Unterstützung der jungen Demokratie und, natürlich, den Schutz der Frauen vor den Taliban und deren Folgen.

Hellhörig wird er, als ich ihm von der jungen afghanischen Parlamentsabgeordneten Malalai Joya erzähle, die als laizistische Afghanin genau diese Ziele in ihrem Buch „Raising my voice“ („Ich erhebe meine Stimme“) als Propaganda entlarvt und einen raschen Abzug der fremden Truppen fordert. (13) Auch die geostrategischen Hintergründe, vom Pipeline-Bau (14), der Planung des Afghanistan-Krieges bereits vor den Anschlägen 2001(15), das spezielle US-amerikanische Interesse am eurasischen Balkan (bereits 1997 vom ehemaligen Ex-Sicherheitsberater Brzezinski veröffentlicht (16) scheinen ihm so noch nicht bekannt gewesen zu sein. Freundlich verabschiede ich mich von meinem jetzt sichtlich nachdenklicher wirkenden Gesprächspartner. Erst im Gehen bemerke ich, dass er ein Ostermarsch-Abzeichen trägt.


Anmerkungen / Quellen:


(1) „www.bundespraesident.de: Der Bundespräsident / Deutsche Sicherheitspolitik - Stärken, Schwächen, Aufgaben - Ansprache von Bundespräsident Horst Köhler Ansprache beim Berliner Forum Sicherheitspolitik „Impulse 21“.” http://www.bundespraesident.de/-,2.650971/Deutsche-Sicherheitspolitik-St.htm.
(2) http://www.mainpost.de/lokales/bad-kissingen/Bonnland-kein-Festort-mehr;art770,5586108
(3) „bundeswehr.de: Uniformen und Dienstgradabzeichen.”
http://www.bundeswehr.de/fileserving/PortalFiles/C1256EF40036B05B/N264JEZ8237MMISDE/BMVg_93_A5%20Brosch_INTERNET_neu.pdf
(4) Der „brave Soldat Schwejk“ ist eine literarische Figur des tschechischen Schriftstellers Jaroslav Hasek in seinem antimilitaristischen, satirischen Roman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“, der zur Zeit des Ersten Weltkriegs in der K.u.K-Armee Österreich-Ungarns spielt.
„Der brave Soldat Schwejk – Wikipedia.” http://de.wikipedia.org/wiki/Der_brave_Soldat_Schwejk.
(5) „Horst Köhler: Mehr Uniformen in der Öffentlichkeit - Deutschland - FOCUS Online.” http://www.focus.de/politik/deutschland/horst-koehler-mehr-uniformen-in-der-oeffentlichkeit_aid_358444.html?drucken=1.
(6) „Bundeswehr: Verteidigungsminister Guttenberg will kleine Kasernen schließen FOCUS Online.” http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/bundeswehr-verteidigungsminister-guttenberg-will-kleine-kasernen-schliessen_aid_512618.html.
(7) „Karriere-Treff der Bundeswehr. Auf der Website findet sich auch ein Werbevideo
http://mil.bundeswehr-karriere.de/portal/a/milkarriere/kcxml/04_Sj9SPykssy0xPLMnMz0vM0Y_QjzKLN7KM93UOA8lB2E4--pFw0aCUVH1fj_zcVH1v_QD9gtyIckdHRUUANLe_aQ!!/delta/base64xml/L3dJdyEvd0ZNQUFzQUMvNElVRS82XzI5X01DOA!!
(8) http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Schule/truck.html
(9) „DAS RECHT UND DIE FREIHEIT TAPFER VERTEIDIGEN. SOLDATSEIN, EIN BERUF WIE JEDER ANDERE?“ ist der Titel des 8. Seminars der GKS-Akademie Oberst Helmut Korn zum Selbstverständnis katholischer Soldaten vom 29.10 bis 02.11.2001 in Fulda.
aus dem Band:
Als Soldat und Christ dem Frieden verpflichtet. Beiträge zur Ethik des soldatischen Dienstes. Gemeinschaft Katholischer Soldaten (GKS), 2009.
(10) Bundeswehr im Einsatz (Grafik)
http://www.einsatz.bundeswehr.de/fileserving/PortalFiles/C1256F200023713E/W2875DWX941INFODE/karte_einsaetze.jpg
(11) Süd- bzw. zentralasiatische Bekleidung für Männer und Frauen, bestehend aus langem Hemd und Hosen
http://en.wikipedia.org/wiki/Salwar_kameez
(12) Sinn-Induktion bzw. Induktionseffekte: Mit diesem Mechanismus werden ohne explizite Bezüge oder argumentative Rechtfertigung Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Sachverhalten hergestellt. Bei zwei nebeneinander bzw. zusammen präsentierten Bildern und/oder Texten wird ein Sinnzusammenhang zwischen diesen hergestellt bzw. induziert. Das eine Bild bzw. der eine Text nimmt Einfluss auf die Wahrnehmung des jeweils anderen und bildet den Kontext desselben, wodurch bestimmte Merkmale in den Vordergrund, andere in den Hintergrund treten.
http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/Bildethik_Muenchen0206_Druck.pdf
http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20100430_IMV-Wagner_Vortragsmanuskript-Vlotho.pdf
(13) Malalai Joya ist eine junge Parlamentsabgeordnete aus der Provinz Farah und wohl die bekannteste Politikerin Afghanistans. Sie kritisiert die Präsenz der US-geführten Truppen genauso wie die Taliban oder die Warlords. Wegen ihrer deutlichen Kritik an der Regierung und der Präsenz von Kriegsverbrechern im Parlament wurde sie im Mai 2007 mit dem Entzug des Mandats bestraft.
siehe hierzu:
Malalai Joya. Ich erhebe meine Stimme: Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan. Piper Verlag, 2009.

Malalai Joya in deutschen Medien:  http://www.malalaijoya.com/de/

Video ihrer bemerkenswerten Rede im afghanischen Parlament, der Loya Jirga 2003
http://www.youtube.com/watch?v=iLC1KBrwbck

Interview von Thomas Mitsch mit Malalai Joya
http://www.thomas-mitsch.de/files/buchtipps/Interview_mit_Malalai_Joya.pdf

Mona Sarkis. „Die Welt ist bereit, uns zu vergessen..” Telepolis, Februar 27, 2006. http://www.heise.de/tp/r4/artikel/22/22078/1.html.
(14) „Afghanistan, the Taliban and the Bush Oil Team,” Globalresearch.ca (2002) http://www.globalresearch.ca/articles/MAD201A.html.
„TP: Verborgene Ziele.” http://www.heise.de/tp/r4/artikel/9/9788/1.html.
http://de.wikipedia.org/wiki/Turkmenistan-Afghanistan-Pakistan-Pipeline
„Krieg um Öl.” http://www.steinbergrecherche.com/askaratschi.htm.
(15) Die Planung des Afghanistan-Krieges erfolgte bereits vor den Anschlägen vom 11. September 2001, die als Kriegsgrund von der US-Administration vorgeschoben wurden. Siehe hierzu u.a.:
„Analysis: Attack and counter-attack | World news | The Guardian.” http://www.guardian.co.uk/world/2001/sep/26/afghanistan.terrorism4.
„Bush team 'agreed plan to attack the Taliban the day before September 11' | World news | The Guardian.” http://www.guardian.co.uk/world/2004/mar/24/september11.usa2.
US 'planned attack on Taleban'.” http://news.bbc.co.uk/2/hi/south_asia/1550366.stm.
„US planned war in Afghanistan long before September 11.” http://www.wsws.org/articles/2001/nov2001/afgh-n20.shtml.
(16) Zbigniew Brzezinski: The Grand Chessboard. American Primacy and its Geostrategic Imperatives, 1997,
Basic Books
http://www.scribd.com/doc/2624700/Brzezinski-The-Grand-Chessboard-American-Primacy-and-Its-Geostrategic-Imperatives-1997
 

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