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„Die Leute in Israel ahnen, dass es um mehr geht als um Wohnungs- oder Frischkäsepreise“

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MOSHE ZUCKERMANN im Interview mit Helge Buttkereit über die Proteste des Mittelstands in Israel, ihre Grenzen und die Bedingungen zu deren Überwindung –

15. August 2011 -

HINTERGRUND: Von außen, aber auch von innen, so scheint es, wird das zionistische Israel als monolithischer, homogener Block wahrgenommen, der sich vor allem über den Konflikt mit den Palästinensern definiert und der über die besondere Rolle der Armee als einigender Faktor zusammengehalten wird. Dass dies nur ein Teil der Wahrheit ist, zeigt sich jetzt mit den Protesten besonders deutlich, denn sie erscheinen als quasi typische Proteste gegen den Neoliberalismus. Inwieweit zeugen sie davon, dass Israel zunächst einmal eine Klassengesellschaft ist?

Moshe Zuckermann: Das sind zwei verschiedene Sachen, von denen Sie reden. Nach außen hin erscheint Israel in der Tat als homogener zionistischer Block. Das ist weiterhin auch wahr. Aber ich habe in den 1990er-Jahren schon von einer zutiefst zerrissenen Gesellschaft gesprochen. Israel war nach innen nie homogen. Israel hat ethnische Konflikte, die Konflikte zwischen religiösen und säkularen Kräften, Klassenkonflikte, die Konflikte zwischen Alteingesessenen und Neueinwanderern, die Konflikte vor allem zwischen Juden und Arabern innerhalb Israels. Die waren strukturell von Anbeginn da und existierten immer weiter. In der Auslandspresse wird der Nahostkonflikt prominent wahrgenommen, und in diesem stellt sich das zionistische Israel als homogen dar gegenüber Palästina oder gegenüber den arabischen Nachbarstaaten.
Was Sie aber sehr richtig angeführt haben, ist nicht nur die Frage der Klassengesellschaft. Was neu ist, ist die Neoliberalisierung Israels im letzten Jahrzehnt. Das wirkt sich nicht nur auf die unteren Schichten bzw. Klassen der Gesellschaft aus, die zum größten Teil von orientalischen Juden, von Arabern und von den Gastarbeitern in Israel gebildet werden. Sondern jetzt ist auf einmal auch der Mittelstand davon betroffen, und das ist natürlich in diesem Ausmaß etwas Neues. Wir haben es mit einem Aufstand der Mitte zu tun, was zugleich das Problem dieses Aufstandes ist.

HINTERGRUND: In der Tat wird ja immer von der Mittelschicht oder dem Mittelstand gesprochen. Kann man den noch ein bisschen klarer herausarbeiten? Was macht ihn aus, wer bildet ihn und wie ist er von den anderen Teilen der Gesellschaft abgegrenzt?

Moshe Zuckermann: Zunächst einmal setzt ihn natürlich der sozioökonomische Faktor nach unten hin ab. Die Tatsache, dass das in Israel auch weitgehend ethnisch überlagert ist, hat mit der zionistischen Geschichte zu tun. Die unteren Schichten sind nicht die zentralen Protagonisten der gegenwärtigen Protestbewegung. Es protestieren Leute in freien Berufen, die ein einigermaßen gutes Einkommen haben, zum Teil sind es auch Studenten. Aber die meisten derer, die beteiligt waren an der Demonstration der 300.000 Menschen, die am ersten Samstag im August stattgefunden hat, sind Leute, die wirklich ein Einkommen haben, das mehr oder weniger ausreichen müsste für eine vierköpfige Familie mit Hund, wenn ich das mal so sarkastisch sagen darf. Das reicht aber nicht, weil die Lebenshaltungskosten in Israel immens gestiegen sind. Und hier kommt das Neoliberale ins Spiel. Das hängt mit der massiven Privatisierung zusammen, die besonders unter Benjamin Netanjahu stattgefunden hat, der ja ein Anhänger Milton Friedmans ist. Es gab eine Zentralisierung der Wirtschaft im Sinne der Tycoons, der Multimilliardäre, die die Wirtschaft in ihrer Hand haben. Das sind mehr oder minder zehn Familien in ganz Israel.
Der Sozialstaat, der über Jahrzehnte ein Kennzeichen der israelischen Gesellschaft gewesen ist, ist in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren fast vollkommen abgebrochen. Kann man überhaupt eine Zivilgesellschaft haben, wenn man nicht einmal genug hat, um den Monat zu Ende zu bringen, wie es auf Hebräisch heißt? So haben wir diesen paradoxen Zustand, dass gerade diejenigen, die eigentlich nicht so schlecht verdienen, zugleich diejenigen sind, die nicht fähig sind, sich das zu leisten, was sie erwarten. Also beispielsweise Bildung, Gesundheitswesen, Wohnung, Infrastruktur, Lebensmittelkosten, Kosten für Kinderbetreuung, wenn zwei Personen arbeiten gehen, damit dieses Einkommensniveau erreicht wird. Die Leute kommen damit nicht aus, selbst wenn zwei Personen für eine vierköpfige Familie 20.000 Schekel (knapp 4.000 Euro) verdienen. Um diesen Mittelstand sammeln sich diejenigen, ohne das nun homogenisieren zu wollen, die weder zu den oberen Zehntausend gehören noch zu den ganz proletarisierten unteren Schichten.

HINTERGRUND: Die Leute haben, wie sie das hier beschreiben, Angst, materiell nicht das zu erreichen, was sie sich vom Leben erhoffen. Sie haben Angst, in die proletarisierten Schichten abzurutschen.

Moshe Zuckermann: Das ist historisch immer das Problem des Mittelstands gewesen, wenn es bedrohlich wird. Das Problem besteht nur darin, dass diese Leute von sozialer Gerechtigkeit reden, ohne zu verstehen, dass sie, wenn sie es nicht von Grund auf infrage stellen, einem System reformerisch das Wort reden, das sie immer wieder einholen wird. Sie haben nicht das Bewusstsein davon, dass genau dieses kapitalistische System sie an den Klassenrand schiebt.
Der Hauptslogan der Bewegung ist: „Das Volk möchte soziale Gerechtigkeit.“ Das Problem besteht erstens darin, dass der Begriff des Volkes vollkommen unbestimmt ist. Und zweitens, was heißt denn soziale Gerechtigkeit? Gemeint ist eine Umverteilung. Und wenn die partikularen Ansprüche dieser Mittelschicht erfüllt werden, dann wäre es ihnen im Grunde genommen gleichgültig, ob die unteren Schichten davon etwas haben und ob die Tycoons die Möglichkeiten haben, die Gesellschaft weiter zu beherrschen. Das klassische Defizit der Proteste des Mittelstands.

HINTERGRUND: Es wäre die Aufgabe von einer proletarischen Bewegung, dies auf Grundlage von Klassenbewusstsein zu erkennen, zur Sprache zu bringen und die Initiative in die Hand zu nehmen.

Moshe Zuckermann: Das will die Bewegung nicht. Sie will nicht, dass das zu einem Problem von unten wird, obwohl man sich bei den Massenprotesten am zweiten August-Wochenende auf die „Peripherie“ verlagerte, also auf Städte wie Be'er Scheva, Haifa, Aschdod oder Modi’in. Vielmehr erhebt sie den Anspruch „Wir sind das Volk“, aber legt sich offiziell keine Rechenschaft darüber ab, dass es ein Volk mit einer Klassengesellschaft ist. Sie wollen ja genau diese linken Bestrebungen nicht. Sie wollen das nicht, wie sie es nennen, politisieren, ohne zu verstehen, dass sie schon längst politisch handeln. Das, was Sie genannt haben, wäre ein Erbteil einer linken Tradition, den Protest von unten aufzumischen. Nach dem Motto: Ihr wollt soziale Gerechtigkeit? Dann lasst uns einmal über die strukturelle Logik von sozialer Gerechtigkeit reden!

HINTERGRUND: Wie agieren sie stattdessen?

Moshe Zuckermann: Die Demonstranten machen das ihrem System gemäß recht klug: Sie haben eine Liste von Forderungen aufgestellt, von denen man freilich von vornherein weiß, dass sie nicht alle erfüllt werden können. Sie zeichnen sich aber allesamt darin aus, dass in keinem Punkt das System als System infrage gestellt wird. Das ist ein Defizit der Bewegung. Die Regierung, die übrigens in die Sommerpause gegangen ist, hat ein von Ministern durchsetztes Spezialistenkomitee zusammengestellt, das mit den Demonstranten verhandeln soll.
Das zweite Defizit erweist sich darin, dass man über die besetzten Gebiete nicht reden darf. Es ist natürlich die Frage, ob man überhaupt über soziale Gerechtigkeit reden kann, wenn man genau diese Dimension nicht betrachtet. Denn die Okkupation ist nicht nur ein völkerrechtliches, sondern auch ein ökonomisches Problem. Milliarden und Abermilliarden Dollar sind ja in die besetzten Gebiete bzw. ins Siedlungswerk hinein gesteckt worden – von allen israelischen Regierungen der letzten 20 bis 25 Jahre. Es ist nicht genügend Geld für Gesundheits- oder Erziehungswesen oder auch für andere Dinge da, die der Sozialstaat liefern müsste, weil das Geld in das Militär oder die Infrastruktur der besetzten Gebiete geht. Wenn man sich darüber keine Rechenschaft ablegt, dann kann man noch so viel von sozialer Gerechtigkeit reden und die Sache nicht politisieren wollen. Dann wird aber die Sache mehr oder weniger darauf hinauslaufen, dass bei der sogenannten Reform das perpetuiert wird, was ohnehin schon ist.
Und es gibt noch ein drittes Moment. Ich darf jetzt mal marxistisch reden. Sozialer Wandel, vor allem wenn es um einen rebellierenden oder revolutionären sozialen Wandel geht, darf nicht in der Theorie stehen bleiben. Sondern er muss auch praktisch werden. Wir haben jetzt die Protestbewegung gesehen, die auf die Straße geht und auch vielversprechende Programme für den sozialen Wandel schreiben kann. Was passiert nun, wenn die Regierung, die Knesset, die politische Klasse darauf nicht positiv reagiert? Im Moment hat die politische Klasse, wenn auch naserümpfend, aber immerhin positiv darauf reagiert, indem sie aus Machterwägungen dieses Komitee aufgestellt hat, und jetzt kommt es zu Verhandlungen. Wenn es nun aber dazu kommen sollte, dass die Regierung eben nicht auf das eingeht, was die Protestierenden in ihrer Substanz erreichen wollen, stellt sich für mich die Frage, ob die Leute zu Tabubrüchen fähig wären? Wären sie fähig, den Konsens infrage zu stellen? Würden sie dann, wenn es beispielsweise dazu kommen sollte, dass die Regierung die Sicherheitsfrage manipulativ als eine Priorität darstellt, den Reservedienst verweigern? Ich rede jetzt nicht von der Wehrdienstverweigerung allgemein, sondern vom Reservedienst. Davon, dass nicht zehn, zwanzig oder sechzig Leute, sondern 7.000 Leute sagen: Nein, wir machen diesmal nicht mit. Genau da, an dieser Stelle, wird es sich, fürchte ich, beweisen, dass diese Grenzen nicht überschritten werden. Der nationale Konsens wird letztendlich an der Stelle siegen, wo es darauf ankäme, die Grenzen zu überschreiten, die die Leute gängigerweise stets in die Ordnung zurückgepeitscht haben.

HINTERGRUND: Sie haben davon gesprochen, dass die Bewegung sich unpolitisch gebiert und dass letztlich alle politischen Lager zumindest des Zionismus dort zusammenfinden können. Inwieweit gibt es Bestrebungen aus der Linken zu intervenieren, oder wird darauf Rücksicht genommen, wie Uri Avnery das in einem Text dargestellt hat, man müsse vorsichtig sein und das akzeptieren?

Moshe Zuckermann: Wenn Uri Avnery das sagt, dann ist das taktisch bedingt. Damit das nicht auseinanderfällt, kann man das im Moment so beibehalten, wie es ist, ohne dass die anderen Dinge, die ich gerade genannt habe, bedacht werden. Aber wie lange will man denn das so machen, dass man sagt, wir betreiben jetzt nicht die politische Auffächerung in links und rechts, was den Frieden und die besetzten Gebiete angeht? Ich habe den Zusammenhang zwischen Besatzung und Ökonomie angedeutet. Wenn Avnery jetzt sagt, lass uns das erst einmal konsolidieren, dann redet er taktisch. Ich bin im Gespräch mit Ihnen darüber hinaus gegangen.
An dieser Stelle und über das zeitweise Taktische hinaus stellt man sich die Frage, was wollen denn die Leute eigentlich? Geht es nur um ihre Partikularinteressen? Bekommen die Ärzte das ihre und die Mütter das ihre und so weiter und so fort? Da entsteht ein Mosaik, in dem nur ein bisschen umverteilt wurde, das aber ansonsten so bleibt, wie es ist. Das Aufbegehren war im performativen Sinne beeindruckend. Es waren 300.000 Menschen auf der Straße. Aber wenn es nur dabei bleiben sollte, dass diese Menschen auf die Straße gegangen sind, um ein bisschen die Mosaiksteinchen umzustellen, dann haben wir letztlich nichts Wesentliches erreicht. Jetzt sagen aber viele, daraus könnte eine Bewegung entstehen, die auch das Wesentliche anvisiert. Ich sehe sie im Moment noch nicht. Ich sehe im Moment, dass die Leute darauf aus sind, sich mehr oder weniger dahin gehend zu konsolidieren, dass sie der Regierung Paroli bieten können, aber im Grunde genommen mit ihr übereinkommen wollen.
Aber wir haben es mit einer ganz bestimmten Regierung zu tun, der rechtslastigsten Regierung, die wir je in unserer Parlamentsgeschichte gehabt haben. Wir haben es mit einer Regierung zu tun, deren Premierminister ein Anhänger von Milton Friedman ist. Denkt man allen Ernstes, dass solch ein Mann sich auf eine Art neuer Sozialdemokratie einlassen wird? Was würde passieren, wenn jetzt Neuwahlen anstünden? Wenn die sozialen Unruhen dazu führen, dass die Regierung bzw. die Koalition regierungsunfähig würde? Würde eine neue Sozialdemokratie in Israel entstehen? Das ist für meine Begriffe gar nicht ausgemacht. Ich könnte mir schon vorstellen, dass die Arbeitspartei mehr Stimmen bekommt als unter Ehud Barak, aber sie stellt noch immer keine Alternative dar. Ich glaube, dass Netanjahu und Avigdor Lieberman wieder gewählt werden, und das ist ja das eigentliche Problem, mit dem wir es zu tun haben. Keine Partei stellt eine Alternative zum System und zur Regierungskoalition dar.

HINTERGRUND: An dieser Stelle zeigt sich in Israel jetzt besonders die Schwäche der Linken, oder?

Moshe Zuckermann: Ja, und zwar hat das damit zu tun, dass sich die soziale Linke mehr oder weniger schon in den 1990er-Jahren selbst abgeschrieben hat. Ich habe seinerzeit behauptet, dass der Untergang der Arbeitspartei nicht zuletzt damit zusammenhing, dass sie den sozialen Auftrag aufgegeben hat. Übrigens ähnlich wie in Deutschland die SPD mit Hartz IV oder in Großbritannien Labour, das zu New Labour geworden ist. Das hat natürlich auch mit der geopolitischen Situation zu tun. In dem Moment, wo der Kommunismus zusammengebrochen war, hat die Sozialdemokratie ihre historische Funktion als kapitalistische Bastion gegenüber dem Kommunismus erfüllt und sich selbst demontiert. Die soziale Linke hat sich hier schon seit den 1990er-Jahren selbst abgeschrieben.
Das andere Problem besteht darin, dass die politische Linke Israels sich mit dem Zusammenbruch des Osloprozesses im Jahre 2000 und der daraus resultierenden zweiten Intifada auch von dem Friedensauftrag befreit sah. Die zionistische Linke sagte: Wenn die Palästinenser uns jetzt mit Gewalt kommen, wollen wir auch mit dem Frieden nichts mehr zu tun haben. Es gibt ja weder eine vom Frieden getriebene Linke noch eine soziale Linke in Israel. Die 4.000 bis 5.000, die sich seit Jahren auf denselben Demonstrationen treffen, und Leute wie ich, die Vorträge zur sozialen Struktur Israels halten, was haben wir in Israel schon zu bestellen? Rein gar nichts.

HINTERGRUND: Sie haben eine realistische Einschätzung gegeben, die vielleicht etwas pessimistisch wirkt. Könnte nicht doch aus diesem Protest zumindest eine positive Dynamik in Israel entstehen, die die Fixierung auf den Nahost-Konflikt positiv wendet in der Hinsicht, dass wirklich die soziale Frage und die Friedensfrage wieder zusammen gedacht werden?

Moshe Zuckermann: Ich habe das nicht negativ, sondern konditional dargestellt. Meiner Meinung nach wird diese Bewegung wirklich erst dann zu einer relevanten politischen Bewegung, wenn sie die drei Koordinaten, die ich aufgezählt habe, mit zum Thema machen wird. Dass sie sich also erstens die Frage stellt, ob sie nur eine kleine Reform anstrebt oder das System insgesamt zur Disposition stellen will? Es muss und kann ja nicht gleich in den Sozialismus oder Kommunismus übergehen. Aber eine viel harschere Kapitalismuskritik, als wir sie bislang gehabt haben, die müsste es geben, und das ist im Moment noch nicht der Fall. Die zweite Koordinate betrifft die Frage, ob die Leute ihr ökonomisches Anliegen mit der Besatzung in Verbindung bringen, also dem Umstand, dass eine ganze Menge ökonomische Ressourcen in die Besatzung gehen, für die dann der Mittelstand den Preis zahlt. Sicher nicht nur er, aber er ist es mehr oder weniger, der jetzt den Aufstand probt. Die dritte Koordinate betrifft die Frage, dass wenn es praktisch zu einer Konfrontation zwischen Staatsgewalt und Demonstrierenden kommt, ob diese dann eine Volksbewegung bilden, die die Konsensgrenzen überschreitet und besagte Tabus bricht. Das sind die Konditionen dafür, dass die Bewegung zu etwas anderem wird, als sie gegenwärtig noch ist.

HINTERGRUND: Zusammengefasst: Es ist also noch offen, aber gleichwohl ist es fragwürdig, ob es passiert.

Moshe Zuckermann: Etwas rumort hier in diesem Land. 300.000 Menschen gehen auf die Straße, das haben wir so noch nie gehabt. Die Leute ahnen auch irgendwie im Vorbewusstsein, dass es um mehr geht als um Wohnungs- oder Frischkäsepreise. Aber sie sind noch nicht fähig, sich darüber klar zu werden und das vor sich selbst und der Öffentlichkeit zu artikulieren. Daher wären das für mich die Grundkoordinaten, an denen ich festmachen würde, ob diese Bewegung mehr ist, als „nur“ eine Bewegung, die diese oder jene Partikularinteressen durchgesetzt haben will.
Netanjahu hat jetzt 1.600 Wohnungen in Ostjerusalem ratifiziert. Die Leute müssen sich doch fragen, warum werden diese Wohnungen in Ostjerusalem gebaut? Das ist doch Okkupation, das ist doch gegen den Frieden. Für wen werden sie gebaut? Diese Leute, die auf der Rothschildallee in Tel Aviv ihre Zelte aufgeschlagen haben, die wollen nicht nach Ostjerusalem ziehen. Also für wen werden diese 1.600 Wohnungen gebaut? Wenn man diese Frage nicht grundsätzlich stellt, was es heißt, gerade jetzt wieder Wohnungen in den besetzten Gebieten zu bauen; wenn diese Fragen nicht als prinzipiell gestellt werden, dann muss man davon ausgehen, dass die Leute selbst nicht begriffen haben, worum es im Wesen der Sache geht. Und das ist genau das, was ich meinte.

HINTERGRUND: Wir haben bereits generell über die Entwicklung der Bewegung gesprochen, aber schaut man genauer hin, kann man die Frage vor diesem Hintergrund vielleicht noch mal stellen: Wird das von den Protestierenden schon diskutiert, oder wird das weiterhin außen vorgehalten?

Moshe Zuckermann: Innerhalb der Masse der Protestierenden gibt es endlos viele Gruppen, und da gibt es eben auch Runden innerhalb der Gruppen, die so etwas diskutieren, beispielsweise die Kommunisten, die auch die Zelte aufgestellt haben. Aber die gesamte Bewegung hat ja ihre Vertreter, die in Verhandlung mit der Regierung treten werden. Und da wird es ganz gewiss nicht diskutiert. Da wird die Frage der besetzten Gebiete aus einem ganz einfachen Grund nicht diskutiert. Sie wollen Netanjahu keine Handhabe geben zu sagen: Ich wusste, es handelt sich hier nur um Friedenslinke, die meine Regierung stürzen wollen. Um ihm nicht diese Handhabe zu geben, wird das, worum es eigentlich gehen müsste, ausgespart. Aber die Tatsache, dass sie taktisch so vorgehen, kann ja letztlich nichts daran ändern, dass diese Dimension des Gesamtproblems zur Sprache kommen muss. Dass man im Kapitalismus keine soziale Gerechtigkeit haben kann. Man kann den sozialen Zustand ein wenig reformieren, aber der Kapitalismus wird immer wieder Wege finden, die Reform einzuholen.

HINTERGRUND: Man könnte das auch so formulieren, dass es nur im Kapitalismus die Frage nach der sozialen Gerechtigkeit gibt und sie gleichwohl innerhalb des Systems nie erreicht werden kann.

Moshe Zuckermann: Und er wird auch immer wieder die Wege finden, um so zu erscheinen, als würde er das Problem lösen wollen. Er wird immer in die eigenen Strukturgesetze seines Systems zurückfallen müssen. Es geht dem Kapitalismus immer um die Frage des Profits und die Frage der privaten Aneignung von gesellschaftlicher Arbeit. Solange das unter den Bedingungen des neoliberalen Spätkapitalismus weiter der Fall ist, kann man sich überhaupt nicht vorstellen, dass etwas Grundsätzliches passiert. Wenn die Leute sagen, die Tycoons sollten zu mehr Steuern gezwungen werden, dann ist das eine sehr schöne Aussage. Man vergisst dabei nur, dass die ganze Struktur der israelischen Wirtschaft gegenwärtig so aufgebaut ist, dass, wenn die Tycoons Kapitalflucht begehen, es aus ganz anderen Gründen eine Erosion der Wirtschaft geben wird. Das heißt ja letztlich, dass man sich mit ihnen verbandelt hat. Sie sind ein integraler Bestandteil des Systems geworden.

HINTERGRUND: Eine letzte Frage, die man sich aufgrund der vielen Proteste in der Welt stellen kann: Inwieweit sind die Proteste des Mittelstands in Israel vergleichbar mit dem, was in Griechenland oder Spanien passiert? Auf der anderen Seite wird ja bei allen nationalen Unterschieden gerne der Vergleich mit den Protesten im arabischen Raum gezogen.

Moshe Zuckermann: Es gibt viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede. Beispielsweise, wenn man einen Vergleich mit Spanien oder Griechenland zieht, dann steht Israel ja nicht vor dem Bankrott. Israel hat ja makroökonomisch eine sehr schöne Bilanz aufzuweisen. Das Problem ist nur, dass die Bürger nichts davon haben. Aber die Tatsache, dass eine Volksbewegung mit allen öffentlichen Formen performativen Handelns aufkommt, das ist durchaus vergleichbar, und ich glaube auch davon inspiriert – nicht zuletzt von den Bewegungen in den arabischen Staaten. Das kann man auch daran sehen, dass die Slogans der israelischen Protestbewegung beispielsweise mit den Rhythmen der Sloganrufe auf dem Tahrir-Platz in Ägypten korrespondieren. Aber obwohl die Gründe der Rebellion in Ägypten auch sozioökonomisch waren, auf die man als Marxist immer zuerst schaut und versucht, alles Weitere daraus zu extrapolieren, handelte es sich dort letztendlich nicht um den Aufstand der 80 Millionen Ägypter, von denen 70 bis 80 Prozent unter der Armutsgrenze leben, die jetzt ökonomisch etwas verbessern wollen. Es war vor allem eine politische Agitation, die dazu geführt hat, dass die Herrscher gestürzt wurden. Mubarak wurde gestürzt. Darum geht es hier in Israel nicht. Es geht auch nicht um Netanjahu. Es geht um das System Netanjahu. Das ist beispielsweise in Ägypten nicht klar geworden, das es im Grunde nicht nur um Mubarak persönlich geht.
Sie können die Bewegung in Israel auch nicht mit dem vergleichen, was sich in Tunesien ereignet hat oder mit dem, was in Libyen oder Syrien stattfindet. Hier gibt es keinen Bürgerkrieg. Und wenn ich sage, dass es hier keinen Bürgerkrieg gibt, dann hängt das auch damit zusammen, dass das Militär noch immer von der Protestbewegung unberührt ist. Wir sind Galaxien davon entfernt, dass das Militär Israels infrage gestellt wird. Das Militär könnte umdenken, wenn es dazu käme, dass die besetzten Gebiete geräumt werden müssen. Dann, glaube ich, würde es zu Spaltungen kommen. Dann bin ich mir nicht sicher, ob das Militär noch staatsloyal bleibt. In der gegenwärtigen Situation in Israel ist das Militär unberührt von den Fragen, die die Protestierenden umtreiben. Das ist auch wiederum typisch für den Mittelstand.
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Moshe Zuckermann ist Soziologe, Professor für Geschichte und Philosophie am Cohn Institute for the History and Philosophy of Science and Ideas in Tel Aviv und wissenschaftlicher Leiter der Sigmund Freud Privatstiftung in Wien. Seine jüngsten Buchveröffentlichungen auf Deutsch: "Antisemit!" Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument (2010, Promedia); Sechzig Jahre Israel – Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus (2009, Pahl-Rugenstein).
 

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