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Tinnef-Terrorismus und Terrorismus-Tinnef

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Von VOLKER BRÄUTIGAM, 27. Oktober 2011 -

„Und wir gehen nach Berlin“, flötet Marietta Slomka im ZDF-heute-journal. „Dort wurde ein Brandanschlag in der Nähe des Hauptbahnhofs versucht. Außerdem wurde auf der Zugstrecke Hamburg-Berlin ein Brand gelegt.“ -  Soweit, so gut, wenn man ignoriert, dass man Feuer „legt“ und in Brand „setzt“. Slomka ist aber in voller Fahrt: „Beim Stichwort ‚Anschlag’ denkt man heutzutage natürlich sofort an Islamisten.“ Ach ja? Slomka: „... die Gruppe, die die Brandsätze gelegt haben will, behauptet in ihrem Bekennerschreiben, sie habe keine Menschenleben gefährden wollen.“ Was, so wird hier insinuiert, völlig unglaubwürdig ist.

Slomka - heute journal
Die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten könnten sich problemlos professio-
nellen, sauberen Journalismus leisten, tun es aber nicht. Staatsfern waren sie
nie, systemkonform schon immer.
Die Massenmedien mögen sich als Vierte Macht im Staate begreifen, als korrigierende Kontrollinstanz der Gesellschaft versagen sie indessen kläglich. Längst werden schon wieder andere Säue durch ihr Dorf gejagt, über die vermeintlichen Terroranschläge auf Berliner Bahngeleise herrscht Schweigen. Es verstärkt den Eindruck, dass eine oberfaule Geschichte inszeniert worden war als Einladung für jede Menge journalistische Fehlleistungen.

Erinnern wir uns, die Vorgänge liegen nur ein paar Wochen zurück! Der Fundort des Brandsatzes befand sich am Ende eines Tunnels zum Bahnhof, weit außerhalb des Hauptgebäudes. Doch der Journaille reichte das, um an brennende Züge im Tunnel, an flammendes Inferno im Bahnhof denken zu lassen. Der haarsträubenden Katastrophenmalerei lag die unzutreffende Agentur-Formulierung zugrunde: „... Berliner Hauptbahnhof ... nur knapp einem Brandanschlag entgangen.“

Der Hauptbahnhof ist entgangen. Nur knapp. Was für ein Schmarren.

An diesem Tag war noch nicht einmal bekannt, welche „brennbare Flüssigkeit“ sich denn in den von der Polizei sichergestellten „Behältnissen“ befand, welcher Art diese waren und welche Wirkung eingetreten wäre, wenn sie denn gezündet hätten. War für die Fundorte nachweislich Schlimmeres zu erwarten als grober Unfug, den das einzige „Behältnis“ bewirkte, das tatsächlich „explodierte“ und mit der Gefährlichkeit eines besseren Lagerfeuerchens und für seine Umgebung gefahrlos abbrannte?

Die Polizei wusste Genaueres, gab ihr Wissen aber nicht preis. Alarmstimmung und Terroristenangst durften – sollten? – sich ungebremst verbreiten. Eine gewiss hochwillkommene Ablenkung von der skandalösen Berliner Bankenrettung oder der peinlicherweise aufgeflogenen, kriminellen Computerspionage („Bundestrojaner“), zu der die Politik die Polizeibehörden unter Bruch der Verfassung eingeladen hatte. Unsere Manipulationsmedien potenzierten bedenkenlos Hysterie: Die Polizei habe in Berlin einen Terroranschlag verhindert. „In letzter Sekunde“, wie manche journalistischen Schmierfinger dramatisierten.

Unsere Leitmedien übernahmen auch anstandslos die Behauptung der Polizei, die Anschläge seien „Linksextremisten“ zuzuschreiben. Wer könnte je vernünftig definieren, was Terroristen als Linksextreme ausweist? Unseren Schmieranten genügte, dass ein vorgebliches Bekennerschreiben auf dem kritischen – und deshalb als „links“ erachteten – Internet-Forum indymedia.org veröffentlicht wurde. Die Polizei schätzte den Brief als authentisch ein; ist er das damit auch? Das Schriftstück hat ein Postskriptum, das ein außerordentlich erhellendes Licht auf die möglichen Täter und ihre Überlegungen wirft. Die Massenmedien verschwiegen es:

„P.S.: Unsere Aktion zielt nicht darauf, Menschen zu gefährden. Das haben wir bestmöglich ausgeschlossen. Die Terrorismuskeule sollten die Politiker, Polizei und einige Medien also besser in der Tasche lassen. Denn terroristisch ist, wer Waffen baut, Geld daran verdient und beabsichtigt, Menschen damit umzubringen oder umbringen zu lassen.“

Eine präzise Beschreibung dessen, was wirkliche Terroristen tun. Folglich konnten Politiker und Polizei die Terrorismuskeule nicht in der Tasche lassen. Natürlich nicht.

Es ist noch nicht einmal geklärt, ob die Brandsatzbauer die Dinger nicht sogar absichtlich so konstruierten, dass sie gar nicht zünden konnten. Doch einen Tag später alarmierten unsere medialen Hysteriker schon wieder: „... Die Serie der versuchten Brandanschläge in Berlin und Umgebung reißt nicht ab ... auf dem Bahngelände (??) verdächtige Gegenstände (??) ... In den Flaschen sei die gleiche Flüssigkeit (??) gewesen wie in den Behältern, die am Montag an Gleisen in der Nähe des Hauptbahnhofs sichergestellt wurden ...“ (MoPo, Focus u.a.).

Angeblich zufällige Funde von einigen Flaschen Benzin, Spiritus oder dergleichen genügten der Journaille für Brüller-Schlagzeilen wie diese: „Brandanschlag auf Deutsche Bahn – 17.000 Minuten Verspätung bei 300 Zügen“. Die Internet-Suchmaschine google.de – vollständiger als mit ihr kann man eine Quellenlage in den tagesaktuellen Medien kaum erfassen – vermerkte zum Thema am Tag nach den ersten Brandsatz-Funden „736 weitere Artikel“. Inzwischen geht die Zahl in die Tausende.

Mir reichte es längst. Versuchsweise gab ich das oben zitierte Postskriptum komplett bei google.de ein. Welcher TV- bzw. Radiosender und welche Printmedien hatten sich verpflichtet gesehen, diese für eine fundierte Urteilsbildung so wesentlichen Sätze zu veröffentlichen? Das ernüchternde Ergebnis: google.de listete ganze fünf Fundstellen auf. Darunter keine Rundfunkanstalt, kein TV-Sender. Nur eine einzige Tageszeitung: die junge Welt. Die vier anderen von Anbeginn um Objektivität Bemühten waren Internet-Portale.

Mögen die Slomkas, Miosgas, Burows und Klebers unserer Tage auch geradezu zwanghaft auf „Linksterroristen“ als Verteiler der Brandsätze verweisen: Ihr Geseiere zählt auf Leute ohne Gedächtnis. Wer erinnert sich wohl noch ans Celler Loch? Das wurde vor 34 Jahren in die Außenmauer der niedersächsischen Strafvollzugsanstalt gesprengt, ein vorgetäuschter Versuch der gewaltsamen Befreiung eines RAF-Terroristen. Erst zwölf Jahre später wurde bekannt, dass nicht Linksterroristen für den Anschlag verantwortlich waren, sondern der Verfassungsschutz und die GSG 9 der Bundesgrenzpolizei. Involviert waren CDU-Ministerpräsident Albrechts Landesregierung sowie weitere Landes- und Bundesbehörden. Woher nimmt die Journaille ihre Gewissheit, dass hinter der aktuellen Serie pipi-terroristischer Anschläge in und um Berlin nicht wieder mal ein großangelegter staatlicher Betrugsversuch steckt? Reales Elend, von dem fleißig abzulenken wäre, gibt es wahrlich genug.

Kritischer, akribischer Journalismus? Eigene Recherche, Faktenüberprüfung, Gegenkontrollen? Fehlanzeige. Stattdessen werden kommerzielle Agenturprodukte als Informationen durchgereicht, Verlautbarungen aus Politik und Wirtschaft ungeprüft als Nachrichten verkauft, es wird abgekupfert und nachgeplappert was das Zeug hält. Dass die Konzernmedien das Spiel des Kapitals betreiben versteht sich von selbst. Die Öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hingegen könnten sich problemlos professionellen, sauberen Journalismus leisten, tun es aber nicht. Staatsfern waren sie nie, systemkonform schon immer.

Heutzutage übernimmt der deutsche Mainstream sogar den miesesten Washingtoner Regierungspropaganda-Murks, den die Medien in den USA verbreiten, was dort davon ablenkt, dass Hunderttausende in bereits mehr als 1.300 Städten des Landes gegen die verbrecherische Finanzwirtschaft demonstrieren:

"Die USA haben laut Angaben ihres Justizministers ein geplantes Attentat auf den saudi-arabischen Botschafter in Washington vereitelt. Auch die israelische Botschaft sollte angeblich Ziel eines Bombenanschlages sein. Die Amerikaner vermuten ein Komplott der iranischen Regierung." (Spiegel online).

Hemmungslose, unüberprüfbare, beweislose Agitprop, primitive Kriegshetze zur medialen Einstimmung auf einen US-Überfall auf den Iran. Desinformation und Täuschung aus dem Arsenal der Geheimdienste, angeboten von den kommerziellen Agenturen dpa, AFP und Reuters – und verbreitet in einer Welt versauter Medien.

Volker  Bräutigam schreibt regelmäßig für die Politik-Zeitschrift Ossietzky.
 

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