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Syrien: Schlachtfeld international agierender Dschihadisten

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Mal Freund, mal Feind auf Al-Qaeda verlassen sich die „Freunde Syriens“, um Präsident Assad zu stürzen –

Von SEBASTIAN RANGE, 13. August 2012 -

Die militärische Unterstützung der Freien Syrischen Armee (FSA) seitens des Westens und der Golfdiktaturen wird inzwischen offen eingestanden. Ebenso die wachsende Präsenz von Gruppen, die Al-Qaeda nahestehen. Auch wird der Mantel des Schweigens über die von den „Rebellen“ begangenen Verbrechen in letzter Zeit häufiger in den Medien gelüftet. Das hilft dabei, ein realistischeres Bild über die Vorgänge in Syrien zeichnen zu können. Trotzdem bleibt das von den Massenmedien vermittelte Bild verschwommen und verwischt. Ein genauerer Blick auf die Vorgänge kommt hinsichtlich der Beteiligung Al-Qaedas am syrischen Konflikt zu einer anderen Schlussfolgerung, als der gemeinhin in den Medien vermittelten: Al-Qaedas wachsender Einfluss ist entgegen der üblichen Darstellung nicht einfach eine schreckliche Nebenwirkung des Krieges, sondern Ergebnis der strategischen Vorgehensweise der USA und ihrer Verbündeter.

Wie Anfang August bekannt wurde, hat US-Präsident Barack Obama vor rund einem halben Jahr eine Direktive unterzeichnet, die die Unterstützung der „Rebellen“ in Syrien durch die US-Geheimdienste zum Inhalt hat. (1) Zudem sollen die Anstrengungen zur Förderung des Sturzes von Präsident Baschar al-Assad verstärkt werden. „Obamas Kriegsdirektive sieht den Angaben zufolge vor, dass die USA mit einer geheimen Kommandozentrale zusammenarbeiten, die von der Türkei und Verbündeten betrieben wird.“ (2)

Die Existenz jener Kommandozentrale war Tage zuvor bekannt geworden. Auf einem von Katar, Saudi-Arabien und der Türkei eingerichteten geheimen Stützpunkt in der südtürkischen Stadt Adana, nahe dem türkischen NATO-Luftwaffenstützpunkt Incirlik, dessen Hauptnutzer die US Air Force ist, werden „Rebellen“ ausgebildet und mit Waffen versorgt. Laut Aussagen von zwei ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern der US-Sicherheitsdienste spiele die Türkei „eine wachsende Rolle für die militärische Ausbildung der Aufständischen“. (3)

Aufgrund der günstigen Lage dürfte der Stützpunkt bei den Kämpfen um Aleppo eine Schlüsselfunktion spielen. Die strategisch wichtige Rolle der Wirtschaftsmetropole hob die Financial Times Deutschland hervor: „Kontrollieren die Rebellen die Stadt und das Hinterland bis hin zum verbündeten Nachbarn, wären Rückzugs-, Flucht- und Nachschubwege gesichert.“ (4)

Die USA treten dabei eher koordinierend in Erscheinung. Laut der New York Times operieren CIA-Agenten in der Südtürkei, um den Waffenschmuggel nach Syrien zu kontrollieren. „Die Waffen, darunter automatische Gewehre, Panzerabwehrraketen sowie Munition, werden zumeist über die türkische Grenze mittels eines Schattennetzwerkes von Mittelsmännern gebracht, zu dem auch die syrische Muslimbruderschaft gehört, und sie werden von der Türkei, Saudi-Arabien und Katar finanziert, so die Beamten.“ (5)

Und in der Washington Post heißt es: „Die syrischen Rebellen, die das Regime von Präsident Baschar al-Assad bekämpfen, erhielten in den letzten Wochen deutlich mehr und bessere Waffen. Laut Aktivisten der Opposition und Beamten des US-Außenministeriums wird diese Maßnahme von den USA koordiniert und von den Golfstaaten finanziert.“ (6)

Inzwischen soll die Türkei den Aufständischen auch schultergestützte Luft-Abwehr-Raketen überlassen haben. Ausländische Spezialkräfte helfen in Syrien direkt beim Sturz Assads mit. Wie die Daily Mail vergangene Woche berichtete, sind britische Teams in Syrien an Einsätzen beteiligt. „Die britische Regierung kann den Rebellen nicht praktisch Unterstützung leisten, ohne selbst in Syrien präsent zu sein“, erklärte Richard Kemp, ehemaliges Mitglied im Joint Intelligence Committee der britischen Regierung. (7)

Wie Hintergrund bereits anlässlich des Berliner Day-After-Projektes schrieb, spielt Deutschland bei der Planung und Gestaltung der Zeit nach dem Sturz Assads eine entscheidende Rolle. Auch die Projektleiter gehen, wie die „Freunde Syriens“, von einer „militärischen Lösung“ des Konflikts aus. (8) Ein politischer Übergang ist nicht mehr erwünscht – wobei einige der Beteiligten ihn ohnehin nie unterstützt haben.

Wie die Worte eines Rufers in der Wüste klingen da die Mahnungen des Erzbischofs von Aleppo, Jean-Clément Jeanbart, der in der vergangenen Woche sagte, der Westen dürfe „unter keinen Umständen“ die bewaffneten Gruppen unterstützen, „unter denen sich Fundamentalisten“ befänden. (9) Demokratie sei nicht durch die Lieferung von Waffen zu erreichen. „Um jeden Preis“ müsse ein Szenario wie in Homs verhindert werden. Dort waren „Rebellen“ in „bevölkerungsreiche Stadtviertel eingedrungen“ und nutzten die Zivilbevölkerung „als menschlichen Schutzschild“, so Jeanbart. Vorgänge, die nun auch in seiner Heimatstadt zu beobachten sind und die ohne die Unterstützung des Westens so nicht möglich wären.  

„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen“

Durch die massive Unterstützung der bewaffneten Opposition sind die „Freunde Syriens“ mitverantwortlich für die Verbrechen, die von den Anti-Assad-Kämpfern begangen werden.

Und die werden immer zahlreicher. Angehörige der Armee oder der Polizei müssen mit ihrer Hinrichtung rechnen, falls sie den „Rebellen“ in die Hände fallen.

Auch Zivilisten, insbesondere Angehörige religiöser Minderheiten, werden zunehmend zur Zielscheibe – oder auch zu Schutzschilden – der Aufständischen. Ein Beleg für die Konfessionalisierung des Konflikts.

Vor zwei Wochen berichtete der Spiegel über das Schicksal, das Christen gegenwärtig in Syrien erleiden. In der 40.000 Einwohner zählenden Stadt Kusair lebten zu rund einem Viertel Christen, bis „vergangenen Sommer Salafisten, Ausländer“ in die Stadt kamen, und „die örtlichen Rebellen gegen uns aufgehetzt haben“, zitiert das Nachrichtenmagazin Mitglieder einer christlichen Familie, die aus der Stadt fliehen mussten. (10) Schon bald sei es zu einer regelrechten Kampagne gegen die Christen von Kusair gekommen. „Sie haben am Freitag in der Moschee gepredigt, dass es eine heilige Pflicht sei, uns zu vertreiben. Ständig wurden wir beschuldigt, für das Regime zu arbeiten. Immer wieder mussten Christen Schmiergelder an die Dschihadisten zahlen, um nicht an die Wand gestellt zu werden.“

Die örtliche Kirche wurde von der FSA als Einsatzzentrale okkupiert. (11) Wer sich weigerte, seine Kinder als Kämpfer in die FSA zu schicken, sei erschossen worden, schilderte der von vor Ort berichtende Welt-Reporter Alfred Hackensberger die Aussagen eines Einwohners. 27 Menschen seien deshalb ermordet worden. „Ich habe sie mit meinen eigenen Augen gesehen. Pakistaner, Libyer, Tunesier und auch Libanesen. Sie nennen Osama Bin Laden ihren Scheich“, so ein 63-jähriger Einwohner, der ebenfalls aus der Stadt fliehen musste. (12)

In der Region rund um die Stadt Homs, die seit Monaten von der FSA kontrolliert wird, höre man „an verschiedenen Orten unabhängig voneinander immer wieder Berichte über konfessionelle Säuberungen und systematische Grausamkeiten“ der Rebellentruppe, so Hackensberger Ende Juni. Der Welt-Reporter nennt einige Beispiele: „Ein Taxifahrer, der auch reguläre Soldaten von den Checkpoints nach Hause bringt, wird auf offener Straße als Kollaborateur erschossen. Ein Priester wird überfallen, und man ritzt ihm mit dem Messer ein Kreuz in die Kopfhaut. Ein christlicher Gemüsehändler bekommt einen fingierten Anruf, Obst abzuholen, und wird dann in seinem Auto auf offener Straße getötet. Es gibt eine lange Liste von Personen, die entführt wurden und bis heute spurlos verschwunden sind. Nachdem die FSA Homs erobert hatte, wurden dort Christen vertrieben und Kirchen verwüstet.“ (13)

Mitte Juni berichtete der deutsche Journalist auch aus Aleppo, damals noch der „Ruhepol im Auge des Sturms“. Ein Taxifahrer schilderte ihm die Angst der Einwohner, die Stadt mit dem Auto zu verlassen. „Die FSA habe, so heißt es, schon viele Fahrer mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihr Auto zur Verfügung zu stellen.“ (14)

Laut einem anderen Einwohner würden sich FSA-Mitglieder „wie Kriminelle“ verhalten. „Die Rebellen kommen und befehlen uns Unternehmern, am Freitag und Samstag zu schließen, damit es wie ein Streik aussieht.“ Wer den Anweisungen nicht folge, werde bestraft. „Die beiden Fabriken meiner Nachbarn wurden bereits von der FSA niedergebrannt.“ (15)

Welches Schicksal die Menschen in den von den „Rebellen“ „befreiten“ Gebieten zu erwarten haben, lässt ein Augenzeugenbericht erahnen, der auf dem regimekritischen Webportal syriacomment wiedergegeben wurde, das von Joshua Landis, dem Direktor des Center of Middle Eastern Studies, betrieben wird: „Mehr als vierzig junge Männer (darunter eine Anzahl von Ärzten) aus dem Wadi-Gebiet wurden von den bärtigen Männern getötet, die uns so eifrig die Demokratie bringen wollen. In einigen Fällen enthaupteten sie die Getöteten und trennten Körperteile ab.“ (16)

„Sunnitische Salafisten“, so der Anfang Juni aus dem arabischen Land zurückgekehrte französische Bischof Philip Tournyol Clos, „verüben kriminelle Übergriffe auf Zivilisten und zwingen einfache Bürger in ihren Reihen zu kämpfen. Fanatische Extremisten kämpfen einen heiligen Krieg gegen Alawiten. Alawiten haben dabei keine Überlebenschance“. Die „Rebellen“ seien von Katar und Saudi-Arabien mit schweren Waffen ausgerüstet worden. (17)

Ende März sprach die syrische Orthodoxe Kirche von einer „andauernden ethnischen Säuberung“, die vor allem von der al-Farouk-Brigade betrieben werde. (18)

Zur gleichen Zeit erschien im Spiegel ein Artikel, der sich mit den Machenschaften dieser Brigade auseinandersetzt. Gegenüber dem Hamburger Nachrichtenmagazin äußerte sich ein hochrangiges Mitglied zur Henker-Praxis seiner Organisation: „Seit vorigem Sommer haben wir nicht ganz 150 Mann hingerichtet, das sind etwa zwanzig Prozent unserer Gefangenen.“ Zusätzlich seien 200 bis 250 „Verräter der Revolution“ exekutiert worden. (19)

Die Brigade, „die von Saudi-Arabien mit Waffen und Geld unterstützt wird, hat sich ihren Hass gegen die Schiiten (...) auf die Stirn geschrieben“, schreibt die Neue Züricher Zeitung (NZZ). (20)

Vor allem in der Region zwischen Homs und Hula verbreitet sie Angst und Schrecken. So zündet sie Olivenplantagen an, die sich im Besitz von Alawiten befinden, um sie zur Flucht zu bewegen. „Mittlerweile sei ein Bestand von rund 35.000 Bäumen vernichtet worden“, so die NZZ vor einigen Tagen. (21)

Der Terror der Farouk-Brigade stößt aber auch auf Widerstand aus den Reihen der bewaffneten Opposition. „Bereits diesen März schlossen sich 24 Rebellengruppen in Homs zusammen, um dem monopolistischen Zugriff der Faruk-Brigade die Stirn zu bieten.“ Grund für die Maßnahme sei die „ungerechtfertigte Gewalt, die die Brigade gegen all ihre Widersacher ausübe“. (22)

Vor Tagen haben Unbekannte ein Blutbad in einem Kraftwerk in der Nähe von Homs angerichtet, bei dem 16 Zivilisten getötet worden waren – vor allem Alawiten und Christen zählten zu den Opfern. (23)

Die katholische Kirche schätzte die Lage in Syrien Ende Juli folgendermaßen ein: „Der Vatikan hat glaubwürdige Berichte erhalten, denen zufolge von Katar finanzierte sunnitische Rebellen Kirchen angreifen und Christen auffordern, ihre Häuser zu verlassen. Die Berichte, die von führenden katholischen Geistlichen stammen, sagen, dass die am stärksten bedrohten Menschen Christen in den von Rebellen kontrollierten Gebieten seien. Der Vatikan hat ermittelt, dass einige der sunnitischen Angreifer mit der Freien Syrischen Armee (FSA) verbunden sind, die ihren Sitz in der Türkei hat. Ein FSA-Kommandeur, der als Abdul Salam Harba identifiziert wurde, habe den Befehl gegeben, Christen aus Zentralsyrien zu vertreiben.“ (24)

„Die Grausamkeit und die Systematik, mit der sie (religiöse Minderheiten, Anm. Red.) verfolgt werden, weist auf einen starken islamistischen Einfluss bei den Rebellen hin“, so Hackensberger. „Ein sunnitischer Zeuge aus Homs will beobachtet haben, wie eine bewaffnete Gruppe von Maskierten einen Bus stoppte. „Die Insassen wurden nach Religion in zwei Gruppen geteilt. Auf die eine Seite Sunniten, auf die andere Seite Alawiten.“ Danach habe man den neun Alawiten den Kopf abgeschnitten. Ein Mordritual, das normalerweise nur extremistische Islamisten anwenden.“ (25)

Al-Qaeda übernimmt das Kommando

Und deren Einfluss wächst stetig. In den letzten Tagen und Wochen wurde Al-Qaedas zunehmende Beteiligung an den Kämpfen in Syrien auch von den Massenmedien thematisiert. Wobei „Al-Qaeda“ dort – und im folgenden hier – eher als ein Sammelbegriff für jene Gruppen fungiert, die die Ideologie und Praxis des Netzwerkes um Osama bin Ladens „Nachfolger“ Aiman al-Zawahiri teilen, das eigentlich mit „Al-Qaeda“ gemeint ist, ohne zwangsläufig direkt mit diesem verbunden zu sein.

Syrien sei zu einem „Magnet für sunnitische Extremisten“ geworden, „einschließlich jener, die unter dem Banner Al-Qaedas kämpfen“, schrieb die New York Times vor Kurzem. „Ein wichtiger Grenzübergang zur Türkei, Bab al-Hawa, der in die Hände der Rebellen fiel, wurde schnell zu einer Sammelstelle für Dschihadisten“. (26)

„Dutzende Al-Qaeda-Leute“ hätten sich dort versammelt, schrieb der Stern letzte Woche. „Die ausländischen Kämpfer kommen nach eigenen Angaben auch aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, Libyen, Tunesien oder gar aus Tschetschenien und Somalia.“ (27)

Auch der britische Guardian berichtete von „Dutzenden ausländischer Kämpfer“, die über die Türkei nach Syrien gelangten, um an den Kämpfen in der Wirtschaftsmetropole Aleppo teilzunehmen. (28)

Dort hätten Al-Qaeda-Kämpfer bereits den Widerstand gegen die Regierungstruppen übernommen, so der in Berlin lebende syrisch-kurdische Politologe Siamend Hajo, der enge Verbindungen zum oppositionellen Syrischen Nationalrat (SNC) unterhält

„Fünfzig, wenn nicht sogar bis sechzig Prozent der Leute“, die im Stadtbezirk Salaheddin, dem Zentrum des Widerstands in Aleppo, auf Seiten der Freien Syrischen Armee (FSA) kämpfen, sollen Al-Qaeda angehören. Sie seien „schlimmer als die Regime-Leute“ und würden „menschliche Schutzschilde“ einsetzen. (29)

Nach Angaben eines AFP-Korrespondenten kämpfen dort „Tschetschenen, Algerier, Schweden und Franzosen Seite an Seite mit den syrischen Rebellen. Sie nennen sich „Brigade der Einheit der Mudschaheddin“. (30)

Verschiedene Berichte westlicher Reporter vor Ort bezeugen den täglichen Zustrom ausländischer Kämpfer in das arabische Land. So wehe die Flagge Al-Qaedas ganz offen in einigen Gebieten der Provinz von Idlib und Aleppo, nahe der irakischen beziehungsweise der türkischen Grenze, berichtet der Telegraph. Die britische Zeitung gibt den Bericht eines Kämpfers der FSA wieder: „Eine Al-Qaeda-Gruppe, geführt von einem Mann namens Abu Saddiq, übernahm die Kontrolle in Der Tezzeh. ‚Ich war Mitglied des Revolutionsrates. Plötzlich gab es eine neue Ausrichtung. Abu Saddiq wurde als ‚Emir’ oder ‚Prinz’ installiert. (...) Ich wurde angewiesen, meine Hand auf den Koran zu legen und ihm die Treue zu schwören’.“ (31)

Die Zeitung berichtete von einem ähnlichen Vorgang aus Idlib, einer Hochburg der Aufständischen. Die dortige Präsenz Al-Qaedas sei ein „offenes Geheimnis“.

Stelldichein zum Dschihad

Zu den wichtigsten Gruppen, die Syrien in einen Schauplatz des internationalen Dschihad verwandelt haben, zählen dem Guardian zufolge Jibhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, „die eingestehen, dass sie Aspekte von Al-Qaedas Weltsicht teilen“. Beide beteiligen sich an „gemeinsamen Operationen mit FSA-Einheiten“. (32)

Ahrar al-Sham gab ihre Existenz vor sechs Monaten öffentlich bekannt, hat aber laut der Aussage eines ihrer Kämpfer „schon lange vor dem 15. März 2011“, als Proteste in der Stadt Dara'a den Arabischen Frühling nach Syrien brachten, damit begonnen, „Brigaden aufzustellen“. (33) Finanziert wird sie laut der Aussage eines Aktivisten der Opposition aus Kuwait und Saudi-Arabien. Innerhalb dreier Monate seien über 10 Millionen US-Dollar an sie geflossen. (34)

„Ich war bei Al-Qaeda und ich liebe Al-Qaeda. Jetzt bin ich in der Ahrar al-Sham-Gruppe, da sie in Syrien stärker ist“, zitiert der britische Telegraph ein Mitglied der Gruppe. „Die FSA ist zur Zeit unser Bruder. Wir haben dasselbe Ziel, Assad zu stürzen, daher nehmen wir gemeinsam an Operationen teil. Aber wir haben verschiedene Ansichten, was die Zukunft betrifft“, so der Dschihadist. (35)

Die gegenwärtig größte in Syrien kämpfende Gruppe aus dem Al-Qaeda-Spektrum ist Jabhat Al Nusra, auch als Al-Nusra-Front bezeichnet. „Die Stärke der Gruppe und ihre Akzeptanz bei der FSA wird durch ihre zunehmenden Aktivitäten vor Ort unter Beweis gestellt“, schreibt Ed Husain, Senior Fellow for Middle Eastern Studies bei dem einflussreichen US-Think Tank Council on Foreign Relations. (36) So habe Jabhat Al Nusra allein im Juni sechsundsechzig „Operationen“ durchgeführt.

Besonders habe sich die Gruppe dabei hervorgetan, den Krieg in die beiden größten Städte Damaskus und Aleppo zu tragen, wo sie mehrere schwere Anschläge durchführte. „Tatsächlich könnte Al-Qaeda die effektivste kämpfende Kraft (der Opposition, Anm. Red.) in Syrien werden, wenn die Übertritte von der FSA zur Jabhat al-Nusra anhalten und deren Reihen weiter durch ausländische Kämpfer anschwellen“, analysiert Husain die aktuelle Lage.

Kürzlich bekannte sich Al-Nusra zum Mord an dem prominenten Fernsehmoderator Mohammed Al-Saeed. Den Vertretern der staatlichen Medien haben die Dschihadisten den Krieg erklärt. Ende Juni überfielen sie den Fernsehsender Al-Ikhbariya und ermordeten sieben Mitarbeiter. (37) Die Al-Nusra-Terroristen agieren dabei offensichtlich im Rahmen einer größeren, mit ihren Finanziers koordinierten Kampagne.

Während die beiden großen arabischen Satellitensender Al Jazeera (Katar) und Al Arabiya (Saudi-Arabien) „mit Sondersendungen rund um die Uhr wie Staatssender der Freien Syrischen Armee und des Syrischen Nationalrats“ fungieren, wird die syrische Berichterstattung „derweil zum Schweigen gebracht“, beschreibt Karin Leukefeld, die seit Monaten aus Syrien berichtet, die Situation. (38) „Die Ausstrahlung syrischer Sender auf den Satelliten Nilesat und Arabsat wurde von der Arabischen Liga gestoppt. Die EU setzte syrische Medien auf die Sanktionsliste. Mitarbeiter syrischer Sender werden von bewaffneten Aufständischen bedroht, entführt und erschossen“, so die deutsche Journalistin.

„Wenn Sie mich fragen, wer die sind, dann würde ich sagen Al-Qaeda“, äußert sich Norman Benotman gegenüber dem Toronto Star bezüglich der Al-Nusra-Front. (39) Benotman ist der „ehemalige Anführer der Libyan Islamic Fighting Group (LIFG), die in den 1990er Jahren gegen das Gaddafi-Regime kämpfte und einst Osama Bin Laden und der Elite Al-Qaedas nahestand“. (40)

Dementsprechend ist die LIFG auf der Liste ausländischer Terrororganisationen des US-Außenministeriums verzeichnet. Laut Berichten des Combating Terrorism Center (CTC) in West Point war sie in Kämpfe gegen die westlichen Truppen in Afghanistan und dem Irak involviert. (41) Außerdem war sie eine treibende Kraft beim Sturz Muammar al-Gaddafis und der „Befreiung“ der libyschen Hauptstadt Tripolis – mit der Unterstützung der Anti-Gaddafi-Koalition.

Ihr ehemaliger Anführer Abdulhakim Belhadj wurde zum Chef des Militärrates von Tripolis, der die faktische Macht über die Stadt ausübt. Das war ein furioser Aufstieg für den ehemaligen Guantánamo-Gefangenen, der unter anderem der Beteiligung an den Anschlägen in Madrid 2004 verdächtigt wurde. (42)

Nun waren er und seine Mitstreiter mit Hilfe der NATO Herrscher über eine Millionenmetropole. Doch damit begnügten sie sich nicht. Belhadj traf sich schon bald mit Führungsleuten der FSA in Istanbul, um die Unterstützung der Libyer für die „syrische Revolution“ zu erörtern, wie der Telegraph im November 2011 öffentlich machte. (43) Berichten zufolge waren zum damaligen Zeitpunkt 600 Kämpfer der LIFG nach Syrien gegangen – nicht wenige der mitgebrachten Waffen dürften aus Arsenalen der NATO beziehungsweise Katars und Saudi-Arabiens stammen. Gegenwärtig kommen täglich weitere libysche Kämpfer nach Syrien, die dort auch eigene Einheiten stellen.

Zum Al-Qaeda-Spektrum gehört auch eine Gruppe namens Ghuraba'a, benannt nach einem „berühmten Dschihad-Gedicht, das Osama Bin Ladens Zeit in den afghanischen Bergen“ glorifiziert. Die Gruppe arbeite eng mit dem Militärrat der FSA zusammen. „Wir treffen uns fast täglich“, erfuhr der Telegraph von einem Mitglied der Gruppe. „Wir haben klare Anweisungen von unserer Al-Qaeda-Führung, der FSA im Bedarfsfall Hilfe zu leisten. Wir helfen ihnen mit selbstgebauten Sprengfallen und Autobomben.“ (44)

Am Aufstand beteiligt ist auch die bereits 2009 gegründete und der Al-Qaeda nahestehende Brigade Abdallah Azzam. „Der Theologe Azzam (1941–1989) war nicht nur ein Mentor Osama bin Ladens und einer der Mitbegründer der Hamas, sondern auch einer der ersten Araber, die in den Dschihad nach Afghanistan zogen. Die nach ihm benannte Brigade wird des Selbstmordattentats beschuldigt, bei dem im Dezember in Damaskus vierzig Personen umkamen“, schreibt die Neue Züricher Zeitung über die Terrortruppe. (45)

„So gut wie jede Rebellenbrigade hat einen religiösen sunnitischen Namen für sich gewählt, der den Dschihad und den Märtyrertod verherrlicht“, berichtet der Guardian. (46) Darunter beispielsweise die Brigade Adnan al-Arur, benannt nach einem Hassprediger, der regelmäßig im saudischen Fernsehsender Al Arabiya hetzen darf. „Bereits im Juni 2011 rief er dazu auf, die Alawiten, die sich der syrischen Revolte entgegenstellen, zu zerhacken und an die Hunde zu verfüttern“, heißt es in der NZZ. „Dass sich ein Bataillon, das mit der syrischen Muslimbruderschaft koaliert, nach diesem Salafisten benennt, beweist, dass in Syrien ein Nährboden für den von Saudi-Arabien exportierten Wahhabismus existiert.“ (47)

Die israelische Zeitung Haaretz spricht von „mehreren tausend“ ausländischen Kämpfern aus dem internationalen Dschihad-Spektrum, „einschließlich Al-Qaeda“. „Manche kooperieren vollständig mit den Rebellen der Freien Syrischen Armee.“ (48)

Beinahe glorifizierend beschrieb der Spiegel vor zwei Wochen die Situation: „Außerdem gewinnen in der Oppositionsbewegung religiös motivierte Gruppen immer mehr Einfluss. Zwar sind dschihadistische Gruppierungen offenbar noch eine Minderheit, jedoch eine effektive. Im Kampf gegen das Regime scheinen sie zu allem bereit, auch zu Selbstmordattentaten.“ (49)

Al-Qaeda – Der unverzichtbare Verbündete

Aus den Berichten kristallisiert sich heraus, dass Al-Qaeda in manchen Regionen des Aufstandes mittlerweile eine führende Rolle spielt. Diese dominante Position hätte das Netzwerk nicht ohne die Unterstützung ausländischer Regierungen und Geheimdienste erreichen können.

Ein Beweis dafür ist die Tatsache, dass sich eine große Anzahl bewaffneter Al-Qaeda-Kämpfer seit Monaten in dem militärisch stark gesicherten Grenzgebiet der Türkei frei bewegen kann, zudem koordinieren CIA-Agenten von dort aus den Waffenschmuggel. Wenn die „Rebellen“ Grenzposten erobern und halten können, über die Al-Qaeda-Kämpfer nach Syrien strömen, dann nicht ohne Duldung der NATO. Wie bereits erwähnt, wehen in der „befreiten“ Zone zwischen Aleppo und der nur vierzig Kilometer entfernten türkischen Grenze an den von den „Rebellen“ errichteten Checkpoints die Fahnen Al-Qaedas. Die US-Regierung überlegt gegenwärtig, durch die Errichtung einer „No-Fly-Zone“ Al-Qaedas Herrschaft in diesem Gebiet nachhaltig zu sichern. (50)

Zudem ist es unstrittig, dass die zum Al-Qaeda-Spektrum gehörenden Gruppen mit der Freien Syrischen Armee kooperieren oder in sie eingegliedert sind. Die systematisch begangenen Kriegsverbrechen in den von der FSA kontrollierten Gebieten, die oftmals die Handschrift sunnitisch-islamistischer Glaubenskrieger tragen, zeugen davon, dass in der Praxis kaum noch zwischen Al-Qaeda und FSA unterschieden werden kann – trotz aller Distanzierungen des FSA-Führungspersonals gegenüber der salafistisch-wahhabitischen Ideologie, wie sie von den Al-Qaeda-Anhängern vertreten wird.

Al-Qaedas wachsender Einfluss in Syrien ist entsprechend der Faktenlage keine unschöne Nebenwirkung des Krieges, die keiner erahnt oder gewollt hat, sondern eine gezielte Destabilisierungsstrategie Washingtons und seiner Verbündeten.

Die FSA spiele offiziell „die Anzahl der salafistischen Dschihadisten sowie das ganze Problem konsequent herunter. Es seien nur einige hundert, die sich zudem in Syrien nicht auskennten und also keine große Rolle spielten, erklärt sie – und wirkt dabei ausgesprochen hilflos“, bringt die NZZ das Dilemma der FSA auf den Punkt. (51)

Auch der mit der FSA verbundene Syrische Nationalrat (SNC) hat seine Mühen, die Realität zu verleugnen. „Hin und wieder hören wir von Al-Qaeda in Syrien, aber bislang gibt es keine maßgeblichen Beweise dafür, dass sie hier sind“, zitiert die New York Times Samir Nachar, führendes Mitglied des SNC. „Das Regime redet darüber, (…) aber es gibt vor Ort keine Informationen über die Präsenz ausländischer Kämpfer.“ (52)

In den Machtetagen der USA ist man schon weiter, was das Eingeständnis der Rolle Al-Qaedas im Aufstand in Syrien anbelangt. Dort wird die Flucht nach vorne angetreten. Der bereits erwähnte Ed Husain vom Council on Foreign Relations schreibt diesbezüglich: „Die syrischen Rebellen wären heute ohne Al-Qaeda in ihren Reihen unermesslich schwächer. Die Einheiten der Freien Syrischen Armee sind weitgehend erschöpft, zerstritten, chaotisch und ineffektiv. (…) Al-Qaedas Kämpfer können jedoch helfen, die Moral zu steigern. Der Zustrom der Dschihadisten bringt Disziplin, religiöse Leidenschaft, Kampferfahrung aus dem Irak, Finanzmittel von sunnitischen Sympathisanten aus den Golfstaaten, und am wichtigsten, tödliche Resultate, mit sich. Kurz gesagt, die FSA braucht Al-Qaeda.“ (53)

Das unausgesprochene Kalkül der Entscheidungsträger in Washington sei es, „zuerst Assad los zu werden – und damit Irans Position in der Region zu schwächen – und sich später um Al-Qaeda zu kümmern“.

Knapp elf Jahre nach dem 11. September ist Al-Qaeda nun also unverzichtbar im vermeintlichen Kampf um Demokratie, Freiheit und Menschenrechte in Syrien. Eine beachtliche Kehrtwende im „War on Terror“, die für so manche Irritation sorgt. „Ich verstehe nicht, wie die USA die bewaffnete Opposition unterstützen kann. Denn dies sind dieselben Leute, die amerikanische Soldaten in Afghanistan und im Irak in die Luft sprengen. In Afghanistan gelten sie als Feinde der USA, während sie in Syrien als Verbündete betrachtet werden“, erklärte der russische Analyst Aleksey Pushkov sein Unverständnis. (54)

Auch der US-Fernsehsender Fox19 fragte in einem „Realitätscheck“, „Ist Al-Qaeda ein Feind oder nicht?“, und stellte dabei fest, dass die US-Regierung in Syrien dieselben Leute unterstützt, die sie andernorts unter Aufwendung gewaltiger Summen und vieler amerikanischer Menschenleben bekämpft. Der Beitrag weist darauf hin, dass Präsident Obama Ende letzten Jahres den National Defense Authorization Act unterzeichnete, der es ihm erlaubt, Unterstützer von Al-Qaeda oder der mit ihr verbundenen Gruppen ohne Gerichtsverfahren unbefristet inhaftieren zu lassen. „Was in diesem Fall auf den Präsidenten selbst zutrifft“, so der US-Sender. (55)

Die Amerikaner seien in Syrien zu „Verbündeten einer Terrororganisation geworden“, kommentierte Peter Scholl-Latour bereits vor Wochen. (56)

Offenbar macht die militärische Schlagkraft der ausländischen Söldner diese zu einer fast schon unverzichtbaren Kraft im Kampf gegen die Assad-Regierung. Ihre Anwesenheit führt darüber hinaus zu einer wachsende Radikalisierung einheimischer Kämpfer, vor allem der Muslimbrüder, die vormals eher dem moderat-islamistischen Spektrum zugeordnet waren.

Für diese Entwicklung legten die USA schon vor Jahren den Grundstein. 2007 schrieb der renommierte Journalist Seymour Hersh: „Um den Iran zu schwächen, der überwiegend schiitisch ist, hat die Bush-Regierung entschieden, ihre Prioritäten im Nahen Osten neu zu bestimmen.“ So führte die USA verdeckte Operationen durch, „die gegen den Iran und dessen Verbündeten Syrien gerichtet waren. Ein Nebenprodukt dieser Aktivitäten war die Stärkung extremistischer, sunnitischer Gruppen, die eine militante Vision des Islam verfechten und Amerika feindlich gesinnt sind, während sie Sympathien für Al-Qaeda hegen.“ (57)

Hersh beschrieb auch, wie „die saudische Regierung, mit Washingtons Genehmigung, finanzielle und logistische Hilfe bereitstellt, um die Regierung von Präsident Baschar al-Assad zu schwächen“. Sein Artikel warnte vor den Konsequenzen konfessioneller Gewalt, die mit der Bewaffnung dieser Gruppen verbunden sei: „Robert Baer, ein ehemaliger CIA-Agent, der lange Zeit im Libanon tätig war, hat stets heftige Kritik an der Hisbollah geübt und vor deren Verbindungen zum durch den Iran finanzierten Terrorismus gewarnt. Aber jetzt sagte er mir, ‚wir haben sunnitische Araber, die sich auf einen katastrophalen Konflikt vorbereiten, und wir werden jemanden brauchen, der die Christen im Libanon schützt. Für gewöhnlich taten das Frankreich und die Vereinigten Staaten, aber jetzt sind es (der Hisbollah-Führer, Anm. Red.) Nasrallah und die Schiiten’.“

In Syrien ist es nach Ansicht vieler Angehöriger religiöser Minderheiten Präsident Assad, der sie vor dem Terror der Dschihadisten schützen kann. Im Falle von Abdallah Azzam und Ahrar al-Sham wird deutlich, dass sie bereits vor Beginn des Aufstands in Syrien aktiv waren und sich nicht als Reaktion auf die Niederschlagung des „Arabischen Frühlings“ gegründet haben.

Geostrategisch doppelt nützlich

Die USA und ihre Verbündeten verfolgen mit der Unterstützung Al-Qaedas eine doppelte Strategie. Die islamistischen Kämpfer dienen einerseits als eine Art Schattenarmee, die gegen feindliche Regierungen und Mächte eingesetzt werden kann. Das erspart andererseits eine direkte militärische Intervention, gewährleistet aber gleichzeitig die Durchsetzung eigener politischer und geostrategischer Pläne.

Bereits in Afghanistan, in Bosnien, in Tschetschenien und im Kosovo diente die Dschihad-Internationale vor dem 11. September 2001 als Vorkämpfer westlicher, vornehmlich US-amerikanischer Interessen. (58) Erstmals nach 9/11 kam es im vergangenen Jahr in Libyen wieder zu einer offenen Zusammenarbeit westlicher Mächte mit „Al-Qaeda“. Noch offensichtlicher und umfassender ist die Kooperation gegenwärtig in Syrien.

Al-Qaeda dient dabei nicht nur als Schattenarmee, sondern auch als Vorwand für eine militärische Intervention. So wurde der Krieg in Afghanistan mit der dortigen Präsenz Al-Qaedas begründet – tatsächlich war die Invasion schon vor 9/11 beschlossene Sache.

Auch in Syrien könnte Al-Qaeda als Kriegsgrund herhalten. Insbesondere dann, wenn ihre militärische Schlagkraft nicht groß genug ist, um den Sieg gegen das Assad-Regime erringen zu können und dieser nur noch durch eine militärische Intervention der „Freunde Syriens“ erzwungen werden kann. Es ist daher wohl kaum ein Zufall, dass erst jetzt, nachdem die „Vulkan“-Offensive der „Rebellen“, bei der die Millionenmetropolen Damaskus und Aleppo in Kriegsschauplätze verwandelt wurden, nicht das gewünschte Ergebnis brachte, die Präsenz Al-Qaedas zunehmend problematisiert wird.  

Für die Umsetzung dieser Doppelstrategie – Al-Qaeda einerseits als militärische Stellvertreter-Kraft einzusetzen, und diese andererseits als Begründung für eine Intervention der eigenen militärischen Kräfte zu instrumentalisieren – machte sich das Wall Street Journal vor kurzem stark: „Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten sollten die Eröffnung einer zweiten Front in dem syrischen Krieg in Erwägung ziehen. Zusätzlich zu der geleisteten Hilfe zur Beendigung der Herrschaft Baschar al-Assads gibt es ein wachsendes Bedürfnis, eine verdeckte Operation gegen Al-Qaeda und andere extremistische Gruppen durchzuführen, deren Präsenz im Land zunimmt.“ (59)

„Wir sind Augenzeugen der beabsichtigten, angekündigten und offen von westlichen Staaten unterstützten Zerstörung des letzten säkularen Staates in der arabischen Welt“, zitiert die junge Welt einen ausländischen Politik- und Wirtschaftsexperten, der seit Jahren in Syrien lebt und einen „Blick hinter die Kulissen der Macht“ erlaube – „und dessen Namen nicht genannt werden soll“. (60)

Bereits im Herbst 2011 hätten Gespräche mit westlichen Botschaftern „erschreckend deutlich gezeigt“, dass an einer politischen Übergangslösung keine Interesse bestand. Stattdessen sei ein anderer Plan verfolgt worden. Eben der, sich islamistischer Söldnertruppen zu bedienen. Russland stehe hinter Syrien „nicht wegen einem Hafen am Mittelmeer oder wegen seiner Waffengeschäfte, sondern weil diese Gotteskrieger nach einer Zerstörung Syriens gen Moskau marschieren“ würden. Der Experte verweist auf die Unterstützung der tschetschenischen Gotteskrieger durch die Golfmonarchien. „Die Söldnermafia – deren Hintermänner sich als Hilfsorganisationen tarnen – schleust die Kämpfer quer durch die Region.“ Syrien solle zerstört werden, „weil es sich den westlichen Interessen nicht beugen will, weil es eigene nationale Interessen verfolgt, weil es die 1978 geknüpfte Allianz mit dem Iran nicht aufgibt.“ Die USA und Europa würden „die Zerstörung von Land und Gesellschaft“ billigend in Kauf nehmen, um Assad durch ein genehmes Regime zu ersetzen. (61)

Die Unterstützung Al-Qaedas beweist, dass es den „Freunden Syriens“ nicht um Demokratie und Menschenrechte geht. Was die USA, Großbritannien, Israel, die Türkei, Katar und Saudi-Arabien eint, ist die Absicht, dem Iran den letzten Verbündeten unter den arabischen Staaten zu nehmen und zukünftig eine anti-iranisch ausgerichtete Regierung zu installieren. Mit ihrem Hass auf Schiiten erscheinen sunnitische Extremisten und Fanatiker in dieser Frage als verlässliche Bündnispartner.

„Es gab keinen Weg, um einen Regimewechsel in Teheran durchzuführen“, fasst Kamran Bokhari, Nahost-Experte des privaten US-Nachrichtendienstes Stratfor, zusammen. „Der einzige Weg, den wachsenden Einfluss des Iran zu schwächen, war es, ein Loch hineinzuschlagen – und dieses Loch war Syrien.“ (62)

In den vergangenen Jahren berichtete Hintergrund wiederholt über die äußerst nützliche Rolle, die „Al-Qaeda“ für die USA bei der Umsetzung der eigenen geostrategischen Pläne spielt. Und auch darüber, wie der saudi-arabische Geheimdienst die mutmaßlichen 9/11-Attentäter unterstützt hat. Ebenso wurde die Rolle des damaligen saudischen US-Botschafters Prinz Bandar bin Sultan thematisiert, der Hintermänner der 9/11-Terroristen finanziell versorgte und so eng mit der Familie des US-Präsidenten verbunden war, dass er in Washington scherzhaft „Bandar Bush“ genannt wurde. (63) Und wie eben jener Präsident George W. Bush alle Ermittlungen in Richtung Saudi-Arabien unterdrückte, obwohl es laut dem ehemaligen Co-Vorsitzenden der 9/11-Untersuchungskommission des Kongresses, Senator Bob Graham, „unwiderlegbare Beweise“ für eine Unterstützung der 9/11-Hijacker durch saudische Stellen gab.

Mitte Juli 2012 ist „Bandar Bush“ aus der jahrelangen Versenkung wieder aufgetaucht. Er wurde zum Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes ernannt. (64) „Al-Qaeda“ hat offenbar noch Großes vor.



Anmerkungen


(1) http://security.blogs.cnn.com/2012/08/01/obama-authorized-covert-support-for-syrian-rebels-sources-say/

(2) http://www.jungewelt.de/2012/08-03/055.php

(3) http://www.handelsblatt.com/politik/international/syrien-rebellen-werden-heimlich-mit-waffen-versorgt/6931820.html

(4) http://www.ftd.de/politik/international/:syrien-entscheidungsschlacht-um-aleppo-nimmt-kein-ende/70074829.html

(5) http://www.nytimes.com/2012/06/21/world/middleeast/cia-said-to-aid-in-steering-arms-to-syrian-rebels.html?pagewanted=all

(6) http://www.washingtonpost.com/world/national-security/syrian-rebels-get-influx-of-arms-with-gulf-neighbors-money-us-coordination/2012/05/15/gIQAds2TSU_story.html

(7) http://www.dailymail.co.uk/news/article-2183869/Britain-secretly-equipping-Syrian-rebels-latest-satellite-phones-help-topple-Assad.html

(8) http://www.hintergrund.de/201207282180/politik/welt/auf-dem-pfad-der-eskalation.html

(9) http://kipa-apic.ch/index.php?pw=&na=0,0,0,0,d&ki=234177

(10) http://www.spiegel.de/politik/ausland/aufstand-in-syrien-christen-fliehen-vor-radikalisierten-rebellen-a-845962.html

(11) http://www.fides.org/aree/news/newsdet.php?idnews=31739&lan=eng

(12) http://www.welt.de/politik/ausland/article107245065/Das-Grauen-von-Hula-und-seine-Zeugen.html

(13) ebd.

(14) http://www.welt.de/politik/ausland/article106632751/Die-Rebellen-verhalten-sich-wie-Kriminelle.html

(15) ebd.

(16) http://www.joshualandis.com/blog/?p=14878&cp=all

(17) http://www.fides.org/aree/news/newsdet.php?idnews=30360&lan=deu

(18) http://www.christianpost.com/news/islamists-nearly-wipe-out-christians-in-syrian-city-72025/

(19) http://www.spiegel.de/politik/ausland/syriens-rebellen-lassen-gefangene-soldaten-in-bab-amr-hinrichten-a-823382.html

(20) http://www.nzz.ch/aktuell/international/namen-der-milizen-verraten-ihren-konfessionellen-charakter-1.17451374

(21) ebd.

(22) ebd.

(23) http://www.focus.de/politik/ausland/krise-in-der-arabischen-welt/syrien/un-sicherheitsrat-plant-sondersitzung-16-tote-bei-angriff-auf-kraftwerker-in-syrien_aid_795507.html

(24) http://www.aina.org/news/2012072912019.htm

(25) http://www.welt.de/politik/ausland/article107245065/Das-Grauen-von-Hula-und-seine-Zeugen.html

(26) http://www.nytimes.com/2012/07/25/world/middleeast/al-qaeda-insinuating-its-way-into-syrias-conflict.html?_r=3&pagewanted=all

(27) http://www.stern.de/news2/aktuell/auslaendische-dschihadisten-bekaempfen-assad-1871474.html

(28) http://www.guardian.co.uk/world/2012/jul/30/syria-foreign-jihadists-aleppo-al-qaida

(29) http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1829434/

(30) http://www.stern.de/news2/aktuell/auslaendische-dschihadisten-bekaempfen-assad-1871474.html

(31) http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/syria/9396256/Al-Qaeda-tries-to-carve-out-a-war-for-itself-in-Syria.html

(32) http://www.guardian.co.uk/world/2012/jul/30/syria-foreign-jihadists-aleppo-al-qaida

(33) http://world.time.com/2012/07/26/time-exclusive-meet-the-islamist-militants-fighting-alongside-syrias-rebels/

(34) http://uk.news.yahoo.com/insight-syria-rebels-see-future-fight-foreign-radicals-010734154.html

(35) http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/syria/9396256/Al-Qaeda-tries-to-carve-out-a-war-for-itself-in-Syria.html

(36) http://www.cfr.org/syria/al-qaedas-specter-syria/p28782

(37) http://www.jungewelt.de/2012/08-07/049.php

(38) ebd.

(39) http://www.thestar.com/news/world/article/1233067--al-qaeda-is-seeking-to-manipulate-tensions-in-the-middle-east-to-its-own-advantage-warn-experts

(40) ebd.

(41) http://tarpley.net/docs/CTCForeignFighter.19.Dec07.pdf
http://www.state.gov/j/ct/rls/other/des/123085.htm

(42) http://www.cnbc.com/id/45600052

(43) http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/africaandindianocean/libya/8919057/Leading-Libyan-Islamist-met-Free-Syrian-Army-opposition-group.html

(44) http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/middleeast/syria/9396256/Al-Qaeda-tries-to-carve-out-a-war-for-itself-in-Syria.html

(45) http://www.nzz.ch/aktuell/international/namen-der-milizen-verraten-ihren-konfessionellen-charakter-1.17451374

(46) http://www.guardian.co.uk/world/2012/jul/30/al-qaida-rebels-battle-syria

(47) http://www.nzz.ch/aktuell/international/namen-der-milizen-verraten-ihren-konfessionellen-charakter-1.17451374

(48) http://www.haaretz.com/misc/article-print-page/as-al-qaida-s-power-in-syria-rises-israeli-officials-ready-for-possible-attack.premium-1.455938?trailingPath=2.169%2C2.216%2C2.217%2C

(49) http://www.spiegel.de/politik/ausland/aleppo-syrische-rebellen-trotzen-assads-luftwaffe-a-847169.html

(50) http://www.nytimes.com/reuters/2012/08/08/world/middleeast/08reuters-syria-usa.html?_r=2

(51) http://www.nzz.ch/aktuell/international/namen-der-milizen-verraten-ihren-konfessionellen-charakter-1.17451374

(52) http://www.nytimes.com/2012/07/25/world/middleeast/Al-Qaeda-insinuating-its-way-into-syrias-conflict.html?_r=2&pagewanted=all

(53) http://www.cfr.org/syria/al-qaedas-specter-syria/p28782

(54) http://www.rt.com/news/america-friends-enemies-islamists-812/

(55) http://www.fox19.com/story/19184768/reality-check-is-al-qaeda-an-enemy-or-not

(56) http://www.merkur-online.de/nachrichten/politik/assad-droht-gaddafis-schicksal-2425918.html

(57) http://www.newyorker.com/reporting/2007/03/05/070305fa_fact_hersh?currentPage=all

(58) http://online.wsj.com/article/SB10000872396390443343704577551281530782466.html?mod=googlenews_wsj

(59) http://www.hintergrund.de/20080806229/politik/welt/der-inszenierte-terrorrismus-die-cia-und-al-qaida.html

(60)  http://www.jungewelt.de/2012/08-08/026.php

(61) ebd.

(62) http://www.thestar.com/news/world/article/1233067--al-qaeda-is-seeking-to-manipulate-tensions-in-the-middle-east-to-its-own-advantage-warn-experts

(63) http://www.hintergrund.de/201201031849/politik/welt/us-gerichtsurteil-gegen-iran-weichenstellung-fuer-den-krieg.html

(64) http://online.wsj.com/article/SB10000872396390444097904577537311469944198.html?mod=googlenews_wsj
 

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