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Keine Rede von einer politischen Lösung

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Der Syrien-Aufruf von Adopt a Revolution und Medico International in der Kritik -

Von REDAKTION, 18. Dezember 2012 -


Politiker von SPD, Grünen und der Linken, aber auch Friedensaktivisten unterstützen einen Aufruf, der von Propagandisten des blutigen Bürgerkriegs und einer militärischen Offensive des Westens gegen Assad mit getragen wird. Internationale antiimperialistische Linke distanzieren sich und bieten eine friedenspolitische Alternative zu bewaffneter Gewalt und Nichtstun an.

Die humanitäre Nothilfe in dem Bürgerkriegsland Syrien muss dringend verbessert werden.
Das zivilgesellschaftliche Engagement der unbewaffneten lokalen Basiskomitees in Syrien soll gefördert werden. Diesen Appell möge jeder mit seinem Namen und Unterschrift unterstützen, fordern die Initiatoren, die Kampagne Adopt a Revolution (AaR) und die Organisation Medico International, seit 10. Dezember in der deutschen Öffentlichkeit auf. (1) Welcher Mensch, der sich im Friedenslager verortet und seine humane Orientierung nicht verloren hat, könnte dieses Anliegen nicht unterstützen? Und so wurde die Erklärung von vielen Politikern, Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen unterschrieben. Darunter die Philosophen Wolfgang Fritz und Frigga Haug und – zunächst auch – der Musiker und Komponist Konstantin Wecker.

Die demokratischen Proteste gegen das Regime von Baschar al-Assad hätten sich in Aufstände öffentlicher Trauer und Empörung verwandelt, heißt es in ihrem Aufruf „zum zivilen Widerstand“, den AaR und Medico International unter dem Titel „Freiheit braucht Beistand“ verbreitet haben. „Nahezu jede Demonstration wurde ein Begräbnis und jedes Begräbnis eine Demonstration“, ist weiter darin zu lesen. „Die Shabbiha-Sondereinsatzgruppen des Regimes begingen gezielte Massaker, ausländische Kämpfer kamen ins Land. Es begannen Häuserkämpfe um ganze Stadtviertel und Ortschaften; blutige Anschläge und tägliche Luftangriffe des Regimes forderten ungezählte Tote. Die Armee schreckte nicht vor dem Einsatz von Streubomben in Wohngebieten zurück. Heute gleichen große Landstriche Syriens einem Alptraum im Wachzustand.“ Diese Schilderungen können von unzähligen Augenzeugenberichten, Reportagen von Medienvertretern, Handykamera-Fotos und Youtube-Videos bestätigt werden. Syrien verwandelt sich seit März 2011 mehr und mehr in ein Schlachthaus. Nach Schätzungen sind bisher 42.000 Menschen bei den extrem blutigen Kämpfen, Hinrichtungen, Folterungen und sonstigen Barbareien ums Leben gekommen.

Unbeirrt für den Umsturz


Medico und AaR haben aber eine recht einseitige Sicht der Dinge, die längst nicht von allen Beobachtern der Vorgänge in Syrien geteilt wird: „Das Regime von Baschar al-Assad setzte von Anbeginn auf unerbittliche Härte, verweigerte jeden ernsthaften Dialog, jede einvernehmliche politische Lösung“, machen sie die Regierung für die Eskalation verantwortlich. Sie sprechen von einer „Gewaltherrschaft“ und „Gegengewalt, deren Sieg nicht absehbar ist“. Ferner kritisieren sie eine „anhaltende Selbstblockade im UN-Sicherheitsrat“. Russland und China haben alle Entwürfe des Westens, inklusive Deutschlands, von UN-Resolutionen gegen Syrien im Sicherheitsrat abgelehnt. Nicht zuletzt, weil darin Wirtschaftssanktionen gefordert waren und weil bekannt ist, dass wie auch immer geartete Resolutionen häufig als Legitimationsgrundlage für Angriffskriege herangezogen werden. Medico und AaR halten die Vorstöße des Westens im UN-Sicherheitsrat offenbar für einen gangbaren Weg: „Im UN-Sicherheitsrat decken Russland und China de facto ein verbrecherisches Regime“, bezogen sie in der ersten Version ihres Appells, der im Umlauf war, noch klarer Position gegen die „,östliche Außenpolitik‘“ als in der Endfassung.

Auch die Anwendung militärischer Gewalt ist in dem Aufruf nicht eindeutig ausgeschlossen. Zwar heißt es „Jede Waffenlieferung – ob aus Russland, den USA, dem Iran, Europa, der Türkei oder den Golfstaaten – wird die ohnehin bestehende humanitäre Katastrophe verschlimmern.“ Abgelehnt wird eine „offene militärische Intervention“, aber „unbeirrt halten die Revolutionspaten am Ziel eines Umsturzes fest“, wie der Friedensaktivist und Publizist Joachim Guilliard vom Heidelberger Forum gegen Militarismus und Krieg AaR und Medico in der Tageszeitung junge Welt kritisiert. (2) „Natürlich wird auch der verbreitete Mythos bemüht, die Freie Syrische Armee (FSA) sei aus ,desertierten Soldaten‘ entstanden, die sich ,weigerten, auf unbewaffnete Protestierende zu schießen‘“, beklagt Guilliard in dem Appell enthaltene Tendenzen, die westliche Kriegspropaganda zu perpetuieren. „Dabei ist es mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass die unter dem Label ,FSA‘ operierenden Gruppen von Anfang an vorwiegend aus gut trainierten islamistischen Kämpfern aus dem In- und Ausland bestanden.“ Aber die ausländische Kämpfer und ihre brutalen Anschläge würden in dem Medico- und AaR-Appell nur „nebenbei erwähnt“, nicht die Angreifer für die Zerstörungen, die Toten und die Flüchtlinge mit verantwortlich gemacht, sondern allein Assads Armee. Für schlichtweg falsch hält Guilliard auch, dass AaR und Medico unisono mit der Bundesregierung und den etablierten Medien der Assad-Regierung jeglichen Verhandlungs- und Reformwillen absprechen. „Der Westen hingegen wird nur milde getadelt.“

Adopt a Revolution – an der Seite von Islamisten und der Bundesregierung für militärische Gewalt

Eine genauere Betrachtung der Agenden führender Initiatoren lässt mindestens gravierende Zweifel aufkommen, dass es sich bei „Freiheit braucht Beistand“ um eine wahrhaft friedenspolitische Kampagne handelt. Zu den Partnern der Adopt a Revolution-Initiative, die Ende 2011 ins Leben gerufen wurde, gehören nicht nur Medico International, die Bewegungsstiftung, der Bund für Soziale Verteidigung, das Komitee für Grundrechte und Demokratie, sondern auch die islamistisch geprägte Syrian Revolution General Commission (SRGC): Ein Zusammenschluss von 44 oppositionellen Gruppen, der nach eigenen Angaben „alle Vorstellungen von allen Revolutionären, allen Koalitionen und Koordinatoren vertritt, die gemeinsam an erster Stelle das Ziel verfolgen, das repressive und schändliche Regime zu stürzen“ (3) und laut dem US-amerikanischen Magazin Foreign Policy „eine aggressive Plattform für die Beseitigung Assads ist und bewaffnete Rebellen mit Militärverwaltungen in den Provinzen aktiv unterstützt“. (4) Die SRGC will offenbar bis zum letzten Blutstropfen kämpfen, lehnt jegliche Verhandlungen mit der syrischen Regierung strikt ab und hat sich zum Ziel gesetzt, „das Regime bis auf die Grundmauern und mit allen seinen Symbolen zu stürzen“. (5) Alles andere betrachtet die SRGC als Verrat an dem, was sie unter „Revolution“ versteht. An die Arabische Liga richtete sie im August die unmissverständliche Warnung: „Wir wollen Euch daran erinnern, dass jegliche Initiative, die zu einem Dialog mit dem kriminellen, terroristischen Regime aufruft – das unterdrückerisch auf den Schultern des syrischen Volkes lastet und an dem dessen Blut klebt – und nicht ausdrücklich die Illegitimität des Regimes erkennt, darin versagt hat, die Ansprüche des syrischen Volkes zu befriedigen und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.“ (6)

Nicht einmal führende Köpfe von Adopt a Revolution sind an einer friedlichen Lösung interessiert. Zum AaR-Team gehört Aktham Abazid, Vorsitzender von Lien – Gemeinsam für ein Freies Syrien, der nach eigenen Angaben etwas gegen das „Regime unternehmen und die Revolution unterstützen“ möchte. Die Mitglieder seiner Organisation Lien hätten sich darauf einigen können, dass sie „,gemeinsam für ein freies Syrien’ sind, egal ob politisch rechts oder links gesinnt“, erklärte Abazid der Berliner Zeitung. (7) Weniger willkürlich, dafür eindeutig die Sprache von Amer al-Neser, Sprecher der Syrian Revolution General Commission, der AaR auf einer Pressekonferenz im Januar dieses Jahres promotet und gesagt hat: „Zum Schutz syrischer Menschenrechtsaktivisten braucht es dringend eine Flugverbotszone im Land – und schlagkräftigere Sanktionen gegen das Unrechtsregime.“ (8) Spätestens seit Libyen dürfte al-Neser klar sein, welche Folgen die Erfüllung seiner Forderung haben wird. „Innerhalb der Friedens- und Antikriegsbewegung (und nicht nur dort) ist es weitgehend unumstritten, dass die Durchsetzung einer Flugverbotszone eine kriegerische Handlung darstellt und damit als militärische Intervention abzulehnen ist“, kommentiert die Informationsstelle Militarisierung in einer ausführlichen Kritik an AaR vom April dieses Jahres. (9)

Keine Interpretationsspielräume lassen die Verlautbarungen von Ferhad Ahma aus dem AaR-Beirat, Koordinator der syrisch-kurdischen Jugend im Exil (ASKYA) und ehemaliges Mitglied im Syrischen Nationalrat, der ausdrücklich einen Angriffskrieg gegen Syrien forderte, mehr offen: „Ich glaube, um schnellstmöglich einen Sturz des Regimes herbeizuführen, brauchen die Rebellen nach wie vor effiziente und bessere Waffen. Ansonsten wird dieser Kampf sich noch in die Länge ziehen“, sagte Ferhad Ahma am 3. Dezember Deutschlandradio Kultur und verlangte ausdrücklich: „Um die Zeit zu verkürzen und das Leiden der Menschen zu verkürzen, muss den Rebellen geholfen werden, auch im Sinne von Ausstattung mit Waffen und anderer, besserer Technik.“ (10) Darüber hinaus appellierte Ahma an die EU, „aber auch die Amerikaner und andere große Mächte, schnellstmöglich“ die Nationale Koalition, die gerade in Kairo an einer Übergangsregierung für die Zeit nach Assad arbeitet und in der der Syrische Nationalrat aufgegangen ist, anzuerkennen und ihr „jegliche Unterstützung anzubieten“. Laut dem Nachrichtenmagazin Focus warb Ahma auch in seiner Funktion als Nationalrat-Mitglied „für die Schaffung einer Flugverbots- und Sicherheitszone“ an der Grenze zur Türkei. „Um diese Zone durchzusetzen, müsse sie mindestens mit einer Gewaltandrohung versehen werden“, paraphrasiert Focus Ahmas Erklärung. (11) Hinter der Kulisse eines angeblichen „zivilgesellschaftlichen Engagements“ arbeitet Ahma längst engstens mit der Bundesregierung zusammen an einem Konzept mit dem Namen „The Day After“ – einem Marshallplan für Syrien – für die Gestaltung der „Post-Assad-Ära“ nach den Vorstellungen des Westens. (12)

Rot-rot-grüne Eintracht gegen Assad


Kein Wunder, dass so ein Syrien-Beistandsaufruf von einer beachtlichen Zahl von Politikern der SPD und Grünen, Andrea Nahles, Sascha Vogt, Claudia Roth, Tom Koenigs, Frieder Otto Wolf, unterstützt wird – zwei Parteien, die seit Ende der 1990er Jahre NATO-Angriffskriege und Militärinterventionen verschiedener Art mit zu verantworten haben. Aber auch die Friedenspartei Die Linke ist mit von der Partie, sogar mit ihrer Chefin Katja Kipping, die offenbar nicht nur im Vorwahlkampf zur Bundestagswahl, sondern auch gegen Assad nach rot-rot-grüner Eintracht strebt. 2011 hatte Kipping die gewaltfreien Aktionen der „Free-Gaza!“-Kampagne gegen die israelische Blockadepolitik mit scharfen Worten angeprangert. Ihre damalige Begründung: „Free Gaza!“ sei von „islamistischen Kräften“ dominiert und die 2010 entsendete Flotte bei ihrem Versuch, Hilfsgüter zu den eingeschlossenen Palästinensern zu transportieren, von „antisemitischen Gesängen“ angefeuert worden (bevor neun Passagiere von einem Spezialkommando der israelischen Marine getötet und mindestens 48 weitere angeschossen wurden) – beide Behauptungen sind bis heute nicht nur nicht belegt, sondern höchst umstritten. Dennoch attackierte Kipping die Unterstützer der Gaza-Flotte, darunter ihre Parteigenossen Norman Paech, Annette Groth und Inge Höger: „Wer sich nun in Bündnisse mit Kräften begibt, die Gewalt aktiv betreiben, die auf Raketen und Bomben setzen, gefährdet die Glaubwürdigkeit der LINKEN“. (13) Wenn es allerdings darum geht, die syrische Regierung aus dem Weg zu räumen, scheint Kipping weder Berührungsängste gegenüber islamistischen und anderen „Kräften“ zu haben, die ausschließlich „auf Raketen und Bomben“ setzen, noch zu zögern, „die Glaubwürdigkeit der LINKEN“ zu „gefährden“. Gleiches gilt für ihren Parteigenossen und stellvertretenden -vorsitzenden Jan van Aken, der den AaR-Appell ebenfalls unterzeichnet hat.

Die umstrittene Kampagne wird von Grünen- und SPD-nahen Medien mit großer Sympathie beworben. „Wir brauchen eure Solidarität – jetzt!“, titelte die taz (14), die die AaR-Aktivitäten mit emphatischer Berichterstattung und ausführlichen Interviews begleitet. Viel Lob auch aus dem sozialdemokratischen Lager: „Freiheit – das ist doch nicht zuviel verlangt!“, meint der Vorwärts und lässt das AaR-Teammitglied Elias Perabo die rhetorische Frage aufwerfen: „Warum gibt es für die Revolution in Syrien keine Solibewegung wie einst für Lateinamerika?“ (15)

An Syrien scheiden sich die Geister im Friedenslager


Zumindest Konstantin Wecker scheint den Unterschied zwischen revolutionären Befreiungsbewegungen und bürgerlichen „Bürgerkriegspaten“, wie AaR von Kritikern aus der Friedensbewegung genannt wird, zu kennen und begriffen zu haben, dass jene objektiv als Türöffner für imperiale Expansionsbestrebungen des Westens im Nahen Osten fungieren. Die Verlautbarungen aus den Reihen von AaR haben Wecker vergangenen Donnerstag dazu bewogen, seine Unterschrift unter dem Beistandsappell zurückzuziehen: „Dieser Aufruf darf nicht zum Einfallstor werden zu einer militärischen Option. Wir brauchen eine Logik des Friedens und nicht des Krieges“, heißt es in seiner Begründung. (16)

Der Politikwissenschaftler Ekkehart Krippendorff hat eine andere Sicht der Dinge: „Der Aufrufen zur allgemeinen oder auch spezifischen politischen Positionierung – vor allem bei internationalen Konflikten – wohnt immer ein Element der Erpressung inne, weil sie notwendig nicht ohne Entdifferenzierungen auskommen und damit ungewollt den Unterstützungsverweigerungen oder den erzwungenen Rückziehern unterstellen, ,objektiv‘ der einen oder der anderen Seite zu dienen bzw. gedient zu haben“, erklärte er auf eine Anfrage von Hintergrund. (17) „Im hier gegebenen Falle trifft das auf die im Aufruf apodiktisch formulierte bedingungslose Gewaltfreiheit zu.“ Auch andere Linke, die sich zum friedenspolitischen Lager zählen, zeigen sich von der Kritik unbeeindruckt. Wolfgang Fritz und Frigga Haug, ebenso der Soziologe Alex Demirović unterstützen AaR weiter.

Es gibt aber auch renommierte Wissenschaftler, die vor AaR warnen und gegen die Haltung ihrer Kollegen protestieren. Der Friedens- und Konfliktforscher Mohssen Massarrat hält den Syrien-Appell für „inakzeptabel“ und rät eindringlich, ihn nicht zu unterzeichnen. Die „ganze politische Stoßrichtung des Aufrufs zielt ausschließlich auf die Gräueltaten des Assad-Regimes und lässt damit einen regime change suggestiv als alternativlos erscheinen. Dies wird zusätzlich mit der Behauptung untermauert, das Assad-Regime hätte sämtliche Dialogmöglichkeiten mit der Opposition ignoriert“, schreibt Massarrat in einer Erklärung, die Hintergrund vorliegt. „Immerhin gab es den russischen Vorschlag der Schaffung einer Übergangsregierung unter Mitwirkung des Assad-Lagers, der jedoch an der Ablehnung durch die syrischen Oppositionsgruppen und der sie unterstützenden Staaten (Saudi-Arabien und USA) gescheitert ist.“ Das „Allerwichtigste“ an dem AaR-Vorstoß sei, so Massarrat weiter, dass „mit keinem Wort“ die „offensichtlichen Bestrebungen einer koordinierten Intervention von außen erwähnt werden, die ja zurzeit zwischen den arabischen Ölstaaten (Saudi-Arabien und Katar) einerseits und der NATO durch die Aufstellung von Patriot-Raketen in der Türkei andererseits im Gange sind“.

Verstimmt hat Massarrat offenbar vor allem, dass gestandene Linke, die sich seit Jahrzehnten friedenspolitisch engagieren, ihre Namen für diese mehr als fragwürdige Intervention hergeben. Einige, deren Unterschrift er unter dem Aufruf fand, hat er zur Rede gestellt und ihre Reaktionen dokumentiert. Der Physiker und Träger des Alternativen Nobelpreises Hans-Peter Dürr, einer der prominentesten Unterzeichner, habe sich gewundert, berichtet Massarrat, wie sein Name unter den AaR-Aufruf gelangt ist. „Elmar Altvater warb um Verständnis für seine Unterschrift, er hätte mangels Alternativen und weil er der Auffassung sei, dass man etwas gegen das schlimme Blutvergießen tun müsse, den Aufruf trotz Bedenken unterschrieben.“

Ohne Waffengewalt und Umsturzpläne – International Peace Initiative for Syria

Gibt es wirklich keine Alternativen? Bereits am 3. Dezember, eine Woche bevor AaR und Medico den „Freiheit braucht Beistand“-Aufruf veröffentlichten, starteten antiimperialistische Linke mit dem Slogan „Yes to Democracy. No to Foreign Intervention“ eine International Peace Initiative for Syria. (18) Die Kampagne – die u.a. von der irischen Friedensnobelpreisträgerin Mairead Maguire, dem Dichter Ernesto Cardenal, dem Soziologen Immanuel Wallerstein, dem Schauspieler Rolf Becker, dem Völkerrechtler Norman Paech und dem ehemaligen UN-Diplomaten Hans von Sponeck unterstützt wird –, fordert in ihrer Deklaration eine „Delegationsreise hochrangiger Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich nach Syrien begeben sollen, um mit den wichtigsten politischen Akteuren zu sprechen“. Damit soll geholfen werden, „den Weg für eine politische Lösung des bewaffneten Konflikts zu ebnen, der den Weltfrieden ernsthaft gefährdet und die Existenz Syriens als unabhängiger und souveräner Staat bedroht“, heißt es in ihrer Begründung. Die Organisatoren wollen nicht wie AaR einen Umsturz forcieren, sondern fordern „Verhandlungen“, die zu einem „Waffenstillstand“, „Deeskalation“ und einer „Entmilitarisierung“ des Landes führen sollen. Im Gegensatz zu AaR setzt die Peace Initiative darauf, das Selbstbestimmungsrecht der Syrer und ein Friedensabkommen durchzusetzen, das Basis für einen Demokratisierungsprozess im Land sein soll. Und da „jede Lösung auf dem souveränen Willen des syrischen Volkes aufbauen muss, weisen wir jede Form ausländischer militärischer Intervention kategorisch zurück, von welcher Seite sie auch kommen möge“.

Auch die International Peace Initiative for Syria kritisiert Adopt a Revolution: „Das Problem des Aufrufs ist nicht so sehr, was er sagt, sondern was er nicht sagt. Wenn man sich vor Augen führt, dass eine Lösung nur im Lande selbst herbeigeführt werden kann, muss man auch klar benennen, welche ausländischen Interessen im Spiel sind“, erklärte Kampagnen-Sprecher Wilhelm Langthaler gegenüber Hintergrund. „Hier von einer ,anhaltenden Selbstblockade im UN-Sicherheitsrat‘ im Zusammenhang mit der UN-Mission zu sprechen, wie es im Aufruf heißt, bedeutet die Verantwortung des Westens und seiner arabischen Partner wie Saudi-Arabien, Katar u.a. für das Scheitern nicht nennen zu wollen. Und damit wird auch der Kern des Problems sichtbar: Von einer politischen Lösung ist im Aufruf keine Rede.“



(1) https://www.adoptrevolution.org/aufruf/
(2) http://www.jungewelt.de/2012/12-12/044.php
(3) http://www.lhrtimes.com/2011/08/20/syrian-opposition-to-launch-national-council/
(4) http://www.foreignpolicy.com/articles/2012/06/29/disorganized_like_a_fox
(5) http://www.uruknet.info/?new=82960
(6) http://www.tumblr.com/tagged/syrian-revolution-general-commission
(7) http://www.berliner-zeitung.de/berlin/interview-mit-aktham-abazid--es-fehlt-eigentlich-an-allem-,10809148,16868006.html
(8) http://www.taz.de/!84970/
(9) http://www.imi-online.de/2012/04/05/burgerkriegspatenschaft/
(10) http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1938441/
(11) http://www.focus.de/politik/weitere-meldungen/proteste-in-syrien-syrische-opposition-wirbt-um-deutsche-unterstuetzung_aid_699369.html
(12) http://www.youtube.com/watch?v=ycyOt2YxTPU
(13) http://www.katja-kipping.de/article/469.keine-buendnisse-mit-kriegstreibern.html
(14) http://www.taz.de/!84477/
(15) http://www.vorwaerts.de/Politik/Ausland/77392/adopt_a_revolution.html
(16) http://www.hintergrund.de/201212142387/feuilleton/zeitfragen/syrien-debatte-konstantin-wecker-entzieht-adopt-a-revolution-seine-unterstuetzung.html
(17) Ekkehart von Krippendorffs Erklärung vom 17. Dezember im vollen Wortlaut:
1. Aufrufen zur allgemeinen oder auch spezifischen politischen Positionierung – vor allem bei internationalen Konflikten – wohnt immer ein Element der Erpressung inne, weil sie notwendig nicht ohne Entdifferenzierungen auskommen und damit ungewollt den Unterstützungsverweigerungen oder den erzwungenen Rückziehern unterstellen, „objektiv“ der einen oder der anderen Seite zu dienen bzw. gedient zu haben. Im hier gegebenen Falle trifft das auf die im Aufruf apodiktisch formulierte bedingungslose Gewaltfreiheit zu.
2. Wir Aufrufenden oder Unterschreibenden sollten uns jeweils ernsthaft fragen,  wer sind „wir“? Einige Dutzend gutmeinende Intellektuelle hinter Schreibtischen in den sicheren Zitadellen europäischer Großstädte sitzend und „Forderungen“ stellend – „an wen?“ Auf den Prozess des diplomatisch-militärisch-ökonomisch-ideologisch-machterhaltungsstrategischen Ausgangs der Schlächtereien beider Seiten haben „wir“, haben unsere Meinungen 0,00001 Prozent Einfluss.
3. Worauf wir Einfluss haben und diesen systematisch organisieren können – ist beispielsweise unser deutscher profitabler Rüstungsexport, der die arabischen Kriege und Bürgerkriege kräftig alimentiert. Diesen zu thematisieren und wenn möglich praktisch zu verhindern (auf der Straße, jawohl: auf der Straße – da haben wir doch mit Gorleben oder Stuttgart 21 Erfahrungen einzubringen:  Peter Grottians Initiative gegen das Panzer-Export-Geschäft). Damit täten wir mehr und vor allem Konkretes, als mit rechthaberischen akademischen Analysen uns realpolitisch lächerlich zu machen – Hic Rhodus, hic salta – hier haben wir die Kriegsbetreiber im eigenen Haus, hier können wir aufstehen, unsere Standfestigkeit sichtbar und vielleicht sogar wirksam werden lassen.                                                                                                               
(18) http://www.peaceinsyria.org
 

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